- -
Posts mit dem Label Sanetsch werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Sanetsch werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 7. August 2023

Sanetsch - Damned (7a)

Im Bericht zum Teil 1 unserer Sommerferien 2023 im Wallis hatte ich ja die MSL-Tour am Sanetsch bereits angetönt - ähnlich wie ich in früheren Berichten (1,2) über die Klettereien dort oben geschwärmt hatte und von meiner persönlichen Begeisterung und Bedeutung dieser Gegend für mich geschrieben hatte. Nun sollte es also für Hannah die MSL-Premiere geben, zusätzlich war als Abwechslung und Erholung vom Sportklettern ein chilliger MSL-Tag gefragt. Dafür ist das Gebiet mit seiner zwar langen Anfahrt, dem dafür aber kurzen Zustieg sehr geeignet. Noch dazu sollte die Novizin ja nicht irgendwo durchs Gemüse klettern, sondern die MSL-Vibes von luftigem Ambiente, einer schönen Berglandschaft und göttlichem Gestein der Note extrascharf gleich richtig vermittelt erhalten.

Sicht auf die Paroi de Dam am Sanetsch mit dem Verlauf der Route Damned (7a).

Unsere Wahl fiel schliesslich auf die Route Damned an der Paroi de Dam, einem Subsektor an welchem ich bisher noch nie geklettert war. Dieser befindet sich quasi direkt oberhalb vom Parkplatz und ist in 15 Minuten zügig erreicht. Die gut erkennbare, rot markierte Wegspur führt zuerst direkt hinauf zum Sektor Orphée, von dessen Einstiegen quert man dann horizontal und weglos nach Norden zum Einstieg, welcher mit Farbe angeschrieben ist. Eingerichtet wurden die Touren hier schon in der "Sturm und Drang"-Phase der 80er-Jahre. Vor rund 5-10 Jahren wurden die Routen dann mit zusätzlichen BH saniert, die Verläufe korrigiert bzw. die Touren neu zusammengestellt und anders benannt - mit meinem ersten Führer dieser Gegend (Schweiz Extrem Kalk von 1994) würde man sich überhaupt nicht mehr zurechtfinden. Um 12.15 Uhr startete ich in die Route - wir operierten als 4er-Seilschaft im 1-2-1-Modus.

L1, 40m, 6c: Der optische Eindruck vom Start ist noch nicht restlos überzeugend, es folgen tatsächlich erst ein paar Meter in durchzogenem Gelände. Bald aber bieten zwei erste Verschneidungen lässige und steile Turnerei, die noch gut von der Hand geht. Oben zieht's dann an, erst erfordert eine steile Wandpartie kräftige Züge, bevor der Ausstieg auf die verschneidungsähnliche Rampe gutes Positioning und Vertrauen in die Haftreibung verlangt - trotz prima Absicherung ziemlich obligatorisch, alles in allem ein perfektes Aufwärmprogramm.

Nach ein paar kräftigen Zügen in steilem Gelände ist der Exit auf die Rampe am Ende von L1 (6c) knifflig-cruxig.

L2, 30m, 5c: Grosse Traverse nach rechts mit einem etwas gesuchten Routenverlauf durch die schönsten Felspartien. Schon der Auftakt direkt über die Haken geklettert ist wohl eher im Bereich 6a+ als 5c, auch nachher ist es nicht immer restlos trivial (war uns aber natürlich recht so). Gerade in den Querungen ist die Absicherung sehr dicht und man läuft kaum Gefahr, sich zu verirren - möglich ist es aber, weil eine alte Variante hier gerade hinaufführt.

Auch ein sehr eindrückliches Erlebnis: mit dem Bartgeier auf Tuchfühlung. Mehrmals flog dieser Riesenvogel nur wenige Meter an uns vorbei 😲 Das Foto zeigt ihn etwas weiter weg und ist nicht so top, denn natürlich waren wir vorerst einmal mit Schauen beschäftigt.

L3, 35m, 7a: Hier geht's nun so richtig zur Sache, mit leicht überhängender Wandkletterei an super fetzig scharfem, orangefarbenem Tropflochfels. Nach einem kurzen Boulderauftakt findet man über weite Strecken stets gute Griffe, bis sich die Sache am Ende zuspitzt. In einer kniffligen Traverse nach rechts will die richtige Linie erkannt werden, ein paar Moves verlangen dann auch eine gewisse Entschlossenheit, sowohl im feinen Antreten wie im Bedienen von ein paar sloprigen Strukturen.

Kurze Kontemplation (und Fotogelegenheit), bevor es in L3 (7a) mit der Crux zur Sache geht.

L4, 35m, 6b+: Die Felsfarbe wechselt von orange zurück zu (vorwiegend) grau und ein bisschen gelb. Ebenso warten hier nicht mehr die extrascharfen Tropflöcher, sondern meist so richtig kernige Henkel. Einigermassen mithalten mit diesem absolut genialen Gestein mögen da vielleicht die Ausstiegslängen vom Elefantenohr an den Wendenstöcken oder der letzte Teil von Millenium oberhalb der Dächer. Und das will etwas heissen: wir vergleich hier gegen das Beste vom Allerbesten! Auf jeden Fall ein Riesengenuss, leicht überhängende Wandkletterei, die stets perfekt griffig ist.

Der absolut geniale, ja göttliche Fels in L4 (6b+) kommt auf dem Foto leider nicht zur Geltung.

L5, 25m, 6b: Ein absolut geniales Abschlussbouquet, der Fels ist auch hier von erlesener Güte! Die Kletterei hier nun auf der günstigen Seite der Senkrechten, sprich eher steilplattiger Charakter. Aber die Struktur des Gesteins, mit unerwarteten Taschen und Löchern, wirklich ein Wunderwerk der Natur!

Hier sieht man es schon eher - wasserzerfressener Kalk von höchster Güte bis zum Ausstieg (L5, 6b).

Um 15.45 Uhr und damit nach rund 3:30h der Kletterei (in 4er-Seilschaft) hatten wir das Top mit einer 75%-Erfolgsquote was den stilreinen Durchstieg anbetrifft erreicht - und nein, die MSL-Novizin war es nicht, die macht in einer 7a keine Kinkerlitzchen 😎. Vom Top wäre es gut möglich, zu Fuss durch das Couloir zwischen Paroi des Montons und Orphée abzusteigen, doch dafür müsste man die Schuhe mitnehmen. Das hatten wir nicht so gemacht, somit glitten wir am Seil in die Tiefe, was ebenfalls sehr zügig vonstatten geht: 1) ca. 20m direkt hinunter zu Stand einer Nachbartour, 2) volle 60m in überhängendem Gelände mit leichtem Pendeln zu Stand 2 und 3) nochmals volle 60m teils freihängend auf den Boden, wo man mit ein wenig Fussabstieg retour beim Einstieg ist. Bei diesen beiden letzten Strecken gibt es Zwischenstände die man nutzen kann, wenn man nur über kürzere Seile verfügt. Bald waren wir zurück an der Strasse und gondelten mit einer genialen Sanetsch-Route im Palmares zurück ins Tal. Il reste tant à faire la haut - on retounera!

Facts

Sanetsch / Paroi de Dam - Damned 7a (6b obl.) - 5 SL, 165m - C. & Y. Remy 1986/2017 - ****;xxxx
Material: 1x oder 2x50m-Seile (zum Abseilen 2x60m praktisch, 14 Express, Cams/Keile nicht nötig

Eher kurze, aber tolle MSL-Sportklettertour, welche in den oberen 3 Seillängen absolut geniales Gestein bietet, wie man es nicht vielerorts findet. Die ersten beiden Abschnitte sind dagegen von der Sorte "nettes Aufwärmprogramm". Die Absicherung ist seit dem Restyling der Route (zuletzt im 2017) prima auf Stufe xxxx, ein gewisser Anspruch an die vorsteigende Person ist aber dennoch vorhanden. Wie bei den Brüdern üblich steckt ein wilder Mix von altem Material, verzinkter Ware und sonstigen Basteleien. In dieser wenig korrosiven Umgebung passt das aber (aktuell und auf die nächsten Jahre hinaus) schon. Wem die 5 SL zu kurz sind, findet gleich nebenan weitere Möglichkeiten sowie am Wandfuss ein paar Baseclimbs. Die beste Übersicht über alle Möglichkeiten findet man im Führer der Gebrüder Remy.

Dienstag, 14. September 2021

Sanetsch - Axis (7a)

Auf dem Sanetsch war ich das erste Mal vor fast 30 Jahren, noch ganz am Anfang meines Kletterdaseins. Sehr eindrücklich fand ich die Routen dort oben und wunderbar das Leben an diesem abgeschiedenen Ort. Im Lauf der Jahre kehrte ich dann das eine oder andere Mal zurück. Nur relativ selten eben, liegt der Pass halt eben weit abseits, egal woher man kommt und sich gerade befindet. So hatte ich auch noch nie eine "richtig schwierige" Route geklettert, nur gerade für die die steilste Wandpartie flankierenden 'Douce Violence' und 'Ivan' hatte es gereicht. Somit war das eine Lücke, die schon lange einmal gefüllt werden wollte. Dass es nun dazu kam, ist in erster Linie der Verdienst von Tobias und der Tatsache, dass die Axis (7 SL, 7a) im Sammelband Moderne Zeiten gelistet ist. Er als Sammler wollte da unbedingt hin, ich als Aficionado von steilem, bestem Fels liess mich noch so gerne überzeugen. Und ich kann sagen, es hat sich mehr als gelohnt! Fünf Sterne, keinen weniger verdient die Axis, die mit bester Felsqualität und so richtig geiler Kletterei vom ersten bis zum letzten Meter überzeugt.

Die Paroi des Montons am Sanetsch mit dem Verlauf des Remy-Klassikers 'Axis' (7a, 1984).

Nun ja, die nicht eben kurze Anreise zum Sanetsch war ja schon im vorigen Abschnitt erwähnt. Um die Fahrerei noch ein wenig zu limitieren, setzten wir auf den Zugang von Norden, von wo im Talschluss bei Gsteig eine kleine Seilbahn zum Staudamm hinaufführt. Deren Betriebszeiten von 8.30-17.00 Uhr reichen gut als Zeitfenster für so gut wie alle Routen da oben, mit 22 CHF (18 CHF mit Halbtax) auch zu einem fairen Preis. Von der Bergstation sind es knapp 2km der Strasse entlang bis zum Abzweig des Zustiegspfads. Die sind in 20 Minuten gut zu laufen, die Mitnahme eines Bikes (7 CHF pro Weg mit der Bahn) schien uns nicht gerechtfertigt. Um noch ein wenig Zeit zu sparen, setzten wir schliesslich auf die Kickboards unserer Kinder. Die kann man viel einfacher und kostenfrei mitnehmen und ~10 Minuten pro Weg lassen sich damit einsparen. Zudem war's natürlich ein Novum, denn auf ein solches Gefährt im Zusammenhang mit einer MSL-Tour hatte ich noch nie gesetzt.

Das ist ja ein Stausee und somit keine echte Naturlandschaft, trotzdem schööön hier oben!

Zustieg per Tretroller, das ist mal etwas Originelles :-)

Der Zustiegspfad ist gut ausgetreten und mit roten Punkten markiert, es sind rund ~250hm. Vom Wandfuss geht's über steile Schrofen das Diagonalband empor, zuletzt mit leichter Kletterei links auf eine Kanzel unter der steilsten Wandpartie (T5), wir brauchten rund 40 Minuten von der Bergstation. Die Routen sind alle mit Farbe angeschrieben, wobei diese doch schon deutlich abblättert. Trotzdem konnten wir den Start der Axis zweifelsfrei identifizieren. Da schon auf den ersten 10m die Crux der Route wartet, machten wir noch einige Aufwärmübungen, spähten ausgiebig nach den Grifflein an diesem Überhang und legten dann in der Gegend von 9.50 Uhr los. 

Ready to rumble! In L1 (7a) geht's praktisch ab dem ersten Meter gleich volle Kanne los.

L1, 35m, 7a: Nach kurzem Geplänkel geht's wie erwähnt zur Sache - konkret heisst's kleine, scharfe Crimps ohne Rücksicht auf Verluste zuzuballern und die Füsse über den Überhang zu bringen. Aufgrund der Vielzahl von ähnlich guten bzw. eben schlechten Strukturen mag es dazu unzählige Ansätze zu geben und es ist alles andere als einfach, auf die (persönlich) richtige Beta zu setzen. Kommt noch hinzu, dass das Einhängen des dritten BH heikel ist, weil es da einfach keinen komfortablen Klippgriff gibt. Aber nicht falsch verstehen, die Bolts stecken eng da (A0 gut möglich), aber man ist noch nahe am Boden und wenig in Schwung, so muss es auch gleich mit der Psyche passen. Der Leser mag's ob diesen ausführlichen Worten erahnen, ich konnte diese Stelle leider nicht im Onsight passieren, schade! So ging's von BH #4 nach dem Zimmern einer Sequenz retour auf den Boden, um die Stelle im zweiten Angriff sauber zu passieren. Ohne Pause ging's gleich los und es klappte - aber nur am Limit, das ja sonst eigentlich >7a liegt. Der Grip fühlte sich irgendwie mässig an, die Power ebenso, sicher war die Beta nicht perfekt optimiert und so musste wohl oder übel die Brechstange zum Einsatz kommen. Ich vermag nun nicht zu sagen, ob's wirklich so schwierig ist oder ob es an mir lag. Nach diesem kräftigen Auftakt geht's dann von BH #4 wo man leidlich schütteln kann noch anhaltende 25m super schön in steil-griffig-wasserzerfressenem Gelände im Bereich 6b+ hinauf zum Stand - am Ende von der letzten Zwischensicherung auf dem schräg geneigten Band einige Meter nach links, da wäre er dann.  

Nach dem harten Auftakt folgt in L1 (7a) noch sehr genussreiche Kletterei im Bereich 6b+.

L2 & L3, 35m, 6b: Die Route wählt hier eine originelle Linie mit einem grossen Quergang nach rechts auf den Pfeiler hinaus, wobei sie dem schönsten Fels und dem Weg des geringsten Widerstands folgt. In den älteren Topos ist dieser Abschnitt als zwei Seillängen mit Stand in der Mitte aufgeführt. Dieser existiert allerdings nicht (mehr?) und man kann das wirklich problemlos in einer Länge klettern. Der Auftakt dem diagonalen Riss entlang - erst gängig, aber dann doch mit einem kräftigen Zug hinauf zur Nische, wo die 'Amusement Sauvage' kreuzt. Richtung 2 Uhr geht's weiter, der grosse Quergang in der kompakten Wand klettert sich überraschend einfach, weil sich genau an der richtigen Stelle jeweils gescheite Griff- und/oder Trittleisten offerieren - genial. Kurz vor Ende mündet noch die Piola-Route 'Equinoxe' ein, der Stand dann an der Kante drüben, gemeinsam mit der 'Starions', mit welcher man sich auch die folgende Seillänge teilt.

Tobias im grossen Quergang von L2 & L3 (6b), der Stand kommt rechts an der Kante draussen.

Ja, der Luis Trenker hätte an diesem fantastischen Quergang sicher auch helle Freude gehabt!

L4, 25m, 6c: Eine absolut fantastische Seillänge! Nach links hinüber zum Pfeiler, der gleich zum Auftakt mit einer zähen, bouldrigen Stelle aufweist. Der Fels hier vorübergehend ganz speziell, quasi "Dual Texture" - sprich weitflächig glatt mit vereinzelten Tropfloch-Rauigkeiten, echt genial. Dann in sehr stark strukturiertem Gestein griffig-athletisch aufwärts, die Formationen erinnern beinahe an Kalymnos (kein Wunder, haben sich die Remys später dort so daheim gefühlt ;-)). Am Ende der Seillänge dann kurze Verwirrung. Die älteren Topos zeigen den Stand hier links aussen. Dort befindet sich auch einer, der gehört aber zur 'Equinoxe'. Richtig ist es hingegen, den BH folgend nach rechts zu steigen, am Ende nochmals mit einer kniffligen Querung.

Die 'Dual Texture'-Stelle mit der Crux zu Beginn von L4 (6c).

Das Bild erzählt die Geschichte: die Wand ist enorm steil und der Fels einfach vorzüglich (L4, 6c).

L5, 40m, 6c: Hier muss man sich zuerst bewusst sein, dass die 'Starions' vom Stand nach rechts wegzieht. Die 'Axis' nimmt den logischeren Weg Richtung 11 Uhr, wo man gut griffig in einem wenig ausgeprägten Winkel an Höhe gewinnt. Danach wird das Terrain sogar noch gängiger und trumpft mit grossen Sanduhren auf. Selbst hier wurde im Zuge der Sanierung ein BH gesetzt, fast ein wenig schade da man problemlos selber fädeln könnte und die Strukturen bombensolide sind. Dann zieht's aber an, es wird steil und bald auch ziemlich knifflig. Hier ist eine Stelle im 6b+/6c-Bereich obligatorisch zu meistern und es folgt danach in einfacher werdendem Gelände ein ziemlicher Runout - nachdem man einige Meter über den letzten BH hochgestiegen ist eher links halten, es folgt dann schon wieder ein Bolt. Zum Ende der Seillänge dann deutlich linkshaltend in fantastischem Fels mit Löchern. Trotz der Querung ist der Verlauf logisch und gut sichtbar, die Gefahr sich in die hier nochmals kreuzende 'Equinoxe' zu verkoffern klein.

Tütato, Runauto! Ab der Position des Kletterers folgt in L5 (6c) eine der zwingendsten Kletterstellen der Route. Auch wenn bei der Sanierung vor dem ursprünglichen Bolt etwas tiefer ein zusätzlicher gesetzt wurde, muss man sich hier immer noch ziemlich engagieren. Die Route führt später übrigens in L6 und L7 über die beiden Höcker an der Kante, links vom Kopf des Kletterers. 

Der Fels einfach mega, die Kletterei genial - auch hier am Ende von L5 (6c).

L6, 40m, 7a: Traumlänge in Hammerfels mit kniffligem Ende! Am Anfang in gelb-rauem Fels griffig hinauf, um in einer noch griffigeren Linksquerung den steilen Wulst/Überhang nach links zu überqueren. Das gibt ordentlich Luft unter den Hintern und wird mit genialer Kletterei in perfektem, grauem, wasserzerfressenem Fels belohnt - moderat schwierig und einfach genial. Hier steckten früher wohl nicht viele Haken, seit der Sanierung ist es aber gut gesichert, nur zur finalen Querung hin muss man kurz und problemlos mal ein wenig 'wegrennen'. Und diese Querung dann: es sind zwar nur etwa 5m und damit ein Bruchteil der Länge, aber sie verdient in der Beschreibung mehr Platz. Plötzlich und für die Route atypisch ist der Fels glatt und erfordert katzenhafte Schleicherei. Von unmittelbar davor betrachtet, scheinen die Reibungstritte gar nicht mal so schlecht, einmal in der Passage drin ist's aber unangenehm abdrängend, man kann die Füsse nicht wie gewünscht belasten und für die Hände gibt es so gut wie nichts. Balance und Vertrauen sind gefragt, zum Ende der Passage hin dann auch die Intuition, um die nötigen Mikrogrifflein zu erspüren. Schliesslich rückt der 'strategisch positionierte' und deswegen unbequeme Stand in Reichweite. Man kann ihn klippen, bevor die schwierige Kletterei vorbei ist - um die Passage wirklich komplett zu klettern, muss man noch weiter bis zu den Henkeln beim ersten BH der folgenden Länge und sich dann wieder ablassen... Zu erwähnen ist noch, dass die 'Amusement Sauvage' gerade hinauf an denselben Stand führt.

Ausblick auf die glatt-abschüssige Balancecrux und den unbequemen Stand am Ende von L6 (7a).

Vor dieser Querung wartet in L6 (7a) jedoch auch super strukturierter, kletterfreundlicher Hammerfels.

L7, 30m, 6c: Hier wartet die Route mit einem weiteren Special Effect auf - in Form einer henklig-fotogenen Dachquerung, die man fast imperativ zu ein paar Stunts nutzen muss :-) Einmal drüben, ist aber wieder Seriosität gefragt, denn es wartet nochmals eine zupfige Steilplattenstelle in bestem, silbrig-grauem Fels. Der zweite Teil der Länge bietet dann einfacheres Gelände. Hier war mir der Verlauf vor Ort nicht ganz klar und auch im Nachhinein vermag ich nicht sicher zu sagen, was genau hier die Intention ist. Die BH leiten einen nach links, im Nachhinein habe ich aber von oben einen einsamen Kronenbohrhaken rechts unten gesehen, so dass der Originalparcours nach der schwierigen Stelle wohl gerade hinauf ging?!? Das bedeutet aber, etwas unlogisch und ohne erkennbare Sicherungsmöglichkeiten kühn zu steigen. Man erreicht schliesslich eine Art Band, wo sich horizontal um wenige Meter versetzt gleich mehrere Standplätze befinden. Man wähle jenen, der einem am meisten zusagt... welcher der richtige für die Axis ist, vermag ich nicht garantiert zu sagen.

Time to play in L7 (6c), wenn schon die Schwerkraft gerade mal Pause macht :-)

L8, 25m, 5b oder 6a: Die älteren Topos zeigen hier eine Fünferlänge entlang einer kleinen Verschneidung bzw. einer Art Rampe. Die gibt's und sie ist unschwierig zu klettern. Links davon befinden sich auch Bohrhaken in der grau-steilen Wand - das ist wohl der neue Parcours, der im Rahmen der Sanierung gelegt wurde und die eigentliche Schlusslänge der Axis definiert - spielt aber natürlich im Gesamtkontext keine grosse Rolle, da beides im Vergleich zum Rest unschwierig ist. Die letzten 10m klettert man schliesslich in stark quarzhaltigem Sedimentgestein mit runden Formen - eine geniale Abwechslung zum Ende. Auch wenn's so aussieht und manche davon schreiben, Granit ist das meiner Meinung nach nicht - wer geologisch bewandert ist möge mich korrigieren, sollte ich damit falsch liegen. Der Stand dann auf einem bequemen Band gut sichtbar.

Die letzte Länge (L8, 5b oder 6a) ist ziemlich easy und im Rückblick wenig fotogen.

Um 14.25 Uhr und damit nach gut 4:30 Stunden Kletterei hatten wir das Top nach absolut hammermässig genialer Kletterei erreicht. Nachdem ich gleich zu Beginn nochmals auf den Boden (der Realität ;-)) zurückgeholt wurde, konnte ich den Start der Route im zweiten Go punkten und ab dem vierten BH den Rest der Route onsight klettern. Vom Routenende heisst es Abseilen, so zeigen es alle Topos ausser jenes aus Moderne Zeiten, welches von 100m im 3./.4. Grad zum Gipfel spricht. In mir steckt noch genügend alpinistischer Geist, als dass ich das sehr gerne verifiziert hätte. Die Vernunft spricht aber dagegen - wer weiss, wie genau diese Angabe stimmt; wir haben nur minimalst Gear dabei und fixe Sicherung gibt's wohl keine mehr und vor allem müssten wir dann in den Kletterfinken zu Fuss absteigen und mit substanziellem Umweg nochmals zum Einstieg hinauf um die deponierten Sachen aufzulesen. Also werfen wir die Seile aus. Es geht zuerst 50m zu einem Stand auf der Rampe, ca. 5m direkt oberhalb von jenem von L6 der Axis. Dann 30m der Rampe entlang zu einem Stand an der Kante und von dort in 3 weiteren Etappen auf's Grasband am Einstieg. Tranquillo packen wir unsere Sachen, laufen zur Strasse runter und trottinettlen zurück zur Bahn, wo wir um 15.40 Uhr eintreffen und gleich zu Tale fahren können.

Sanetsch Vibes: paradiesische Gegend dort oben, und erst die Kletterrouten...

...wir aber müssen heim, back down to earth, sozusagen. Aber wir kommen wieder!

Facts

Sanetsch - Axis 7a (6b+ obl.) - 8 SL, 230m - C. & Y. Remy 1984 - *****;xxxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, Cams/Keile nicht nötig

Die erste extreme MSL-Route in der Westschweiz, Trademark Remy im 1984 - das ist eine Ansage! Man kriegt hier aber nicht nur Geschichte geboten, sondern vor allem absolut geniale Kletterei in erstklassigem Fels. Kurzum und vor allem bezüglich des Gesteins etwas vom Besten, was ich je klettern konnte! Die Tour ist die 5* auf jeden Fall wert - nur auf sehr grosse Länge, eine markante Linie à la Blaue Lagune oder ein richtiges Gipfelerlebnis muss man verzichten. Die Route wurde im 2002 von den Erstbegehern "saniert". Das bedeutet konkret, dass alle Stellen, wo früher mit Keilen oder an Sanduhren gesichert wurde, mit Bohrhaken ausgerüstet wurden, sowie der eine oder andere längere Abstand in einfacherem Gelände entschärft wurde. Wie üblich wurde dazu entweder rein verzinktes Material oder Zink/Inox-Mischung verwendet. Die schwierigen Stellen blieben bei dieser "Sanierung" alle unangetastet. D.h., man klettert diese nach wie vor mit originalen Hakenabständen und an den Kronenbohrhaken von 1984. Diese sehen aber optisch noch gut aus und die Stellen >=6b waren schon damals gut gesichert. Insgesamt ist die Route bis auf zwei, drei Reminiszenz-Runouts in einfacherem Gelände sehr gut eingebohrt (Niveau xxxx). Sehr verwunderlicherweise ist das Topgebiet Sanetsch in den neueren Ausgaben (ab 1994) des Extrem West nicht mehr aufgeführt. Die vollständigste, aber auch nicht mehr ganz aktuelle und mässig präzise Beschreibung gibt's im Führerwerk der Erstbegeher von 2010, "Escalades Jura, Vaud, Chablais, Bas-Valais, Sanetsch". Das beste und präziseste Topo zur Route ist wie so oft jenes von Thomas Behm. Es ist noch vor der Sanierung entstanden, wir haben ein Update auf die aktuelle Situation gemacht.

Das hervorragende Topo von Thomas Behm, geupdated auf die Situation seit der "Sanierung" 2002.


Donnerstag, 15. August 2019

Sanetsch - Chratz Bürschtä (6b+)

Auf dem Sanetsch war ich 1995 das erste Mal. Mit einem Kollegen wurde oben biwakiert und wir kletterten einige für uns damals anspruchsvolle und eindrückliche Touren wie die 'Follomi' (6b+) oder 'Les zeros sont fatigués' (6a+). Noch nicht einmal in meinen kühnsten Träumen hatte ich mir damals ausgemalt, dass ich 24 Jahre später mit meiner Tochter zum Klettern hierher käme. Aber times-they-are-a-changing und jetzt war es soweit! Ich hatte mir ausgedacht, dass wir auf dem "Heimweg" von Chamonix vielleicht noch 2-3 Tage hier oben verbringen könnten. Denn am Sanetsch ist's einfach super, nur kommt man viel zu selten da rauf - aus dem Züri Oberland ist's einfach viel zu abgelegen. Nun denn, mit einem mehrtägigen Aufenthalt wurde es nichts, aber eine gute Tagestour liessen wir uns nicht entgehen!

Paroi des Montons - immer wieder schön, hier oben auf dem Sanetsch zu sein. Unsere Route eher im rechten Teil der Wand!
Die Kurverei aus dem Rhonetal hinauf zur Passhöhe ist ja nicht eben kurz. Besonders witzig ist aber, dass man dabei das Dorf Erde passiert. Oben sieht's ja schliesslich ein wenig wie auf dem Mond aus, passt also. Als wir dann endlich da sind, lockt wie eh und je die Paroi des Montons. Durch das Blockchaos geht's hinauf. Ich kann mich noch ganz genau erinnern, wo wir damals das Zelt platziert hatten, gewisse Dinge sind offenbar fix auf der Festplatte eingebrannt. Unbedingt speichern sollte man auch, dass man für die Touren im rechten Teil der Wand beim grossen Block mit den eingerichteten Routen (unscheinbar!) rechts abzweigen soll und nicht dem markierten Pfad hinauf zum Hauptsektor zu folgen hat. Dies dauert erheblich länger, die Querung unter der Wand ist unerquicklich!

Im Zustieg, gerade etwa beim Einstieg der 'Follomi'. Der Pfad der Wand entlang ist nicht überall so bequem.
Wir hatten indes noch die Routenwahl zu treffen. Beim einen oder anderen Besuch im Lauf der Jahre waren mir bereits etliche der leichteren Klassiker bis und mit der 'Douce Violence' (satt 6c) geglückt. Hingegen fehlen im Palmares die richtigen Sanetsch-Knaller mit klingenden Namen à la 'Axis' (7a) oder 'Chemin des Extremes' (7b). Wiewohl, auch für den heutigen Tag wäre dies ein zu gewagtes Unterfangen gewesen. Wir entschieden uns schliesslich für die 'Chratz Bürschtä' (6b+) mit dem Grund, dass sie im Plaisir Selection gelistet ist und der Tatsache, dass die 'Elite des ménages' (6b+) im selben Wandteil bei meinem ersten Besuch ein echter Meilenstein für mich gewesen war. Um 13.30 Uhr standen wir bereit unter der Wand, es konnte losgehen. Noch frappant: von weitem sieht die Paroi des Montons so unnahbar, kompakt und genial aus. Von direkt darunter ist der Anblick aber dann eher etwas enttäuschend. Davon sollte man sich aber nicht abhalten lassen, die Kletterei ist dann nämlich doch formidabel.

Kein sonderlich gutes Foto, aber man erkennt hier doch +/- die Wand und den Verlauf der Route. Der orange Teil figuriert noch als Zustieg, bzw. ist unsere L0. Danach sind 3 Seillängen ziemlich gut nachvollziehbar, die vierte noch so halb und die letzten beiden, sich wieder zurückliegenden Seillängen nur noch rudimentär.
L0, 40m, T5+, 2a: Mit entsprechend Erfahrung läuft dieser Abschnitt noch unter Zustieg und einen erfahrenen Wendenkletterer wird es mässig beeindrucken. Die Kraxelei ist aber recht steil und bald einmal gehörig exponiert, runterfallen liegt da nicht drin. Keine Frage, hier haben wir also schon gesichert.

L1, 30m, 5c: Aus der Nische raus geht's gleich exponiert los, um oberhalb von dieser nach rechts zu queren. Nachher dann gerade hinauf, wo man schon richtig auf die Füsse stehen muss. Die Reibung und der Fels sind aber exzellent. Für den Grad aber eine richtig fordernde Sache. Der Stand ist zum Schluss links im Couloir zu finden.

L2, 30m, 6a: Coole Steilplattenkletterei à la Wenden oder Rätikon. Die Absicherung bemisst sich ebenfalls eher an diesen Vorbildern wie an einer Plaisirroute, sehr ehrlich angeklettert sein wollen die Haken dazu auch noch. Da muss sich der Vorsteiger seiner Sache schon richtig sicher sein, ansonsten kann man sich hier auch gröber wehtun. Kein Gelände jedenfalls, wo ich zurzeit meine Tochter vorgehen liesse.

Sehr schöne, aber taffe Steilplatte in L2 (6a) - von unterwegs im Rückblick fotografiert.
L3, 35m, 6b+: Beim Start gleich direkt über den Überhang, mit genügend Körpergrösse ist das kein Problem (sonst schon, rechtsrum geht's auch einfacher). Dann kurz hinauf und links um die Ecke. Hier geht's originell entlang von einem Hangelriss in athletischem Gelände überhängend aufwärts, die Haken stecken deutlich näher. Für den Grad auch nicht geschenkt!

Ein Blick auf L3 (6b+) im Grossen: nach dem Startüberhang über die Platte zum athletischen Teil.

Die hängt nicht etwa im Seil, sondern hat hier im Überhang tatsächlich einen Drop-Knee-Toehook No-Hand-Rest gefunden, echt sehr bemerkenswert. Tja, genügend Weltcups live und Adam Ondra Videos geschaut um zu merken, wie man sich das Klettern möglichst einfach macht. Seitdem werden an allen möglichen und unmöglichen Positionen solche Positionen gesucht. Klettern ist halt eben auch Spielen!
L4, 35m, 6b+: Zum Auftakt gleich powerige, athletische Kletterei an Seitgriffen. Ausspreizen und mit Gegendruck Haftung auf die Füsse bringen heisst die Devise. Notfalls geht's wohl dank der Haken auch A0. Den Preis für die Komfortabsicherung zahlt man dann aber danach. Im steilplattigen Gelände geht's fordernd und mit weiten Abständen voran. 6a+ obligatorisch ja, aber auch 3m über dem Haken ohne gescheite Griffe in der Hand!

Im Vordergrund die fordernde und ziemlich weit abgesicherte Steilplatte am Ende von L4 (6b+).
L5, 35m, 5c: Zum Auftakt gleich bouldrig-powerig über den Überhang, nach üblichem Plaisir-Massstab der in Chamonix gekletterten Routen sicher eher 6b als 5c. Danach einfacher zur Kalksandsteinzone, wo auf einmal im sehr runden Fels an Slopern operiert werden muss, auch nicht trivial aber sehr speziell!

L6, 30m, 5c: Auf dem Band 5m nach links (der dortige Stand wurde abmontiert) und an guten Griffen über den Überhang hinauf (Felsqualität nicht restlos überzeugend). Man erreicht ein exponiertes Band, auf welchem man nach rechts zurückkehrt und dann erneut athletisch über einen Riegel die Ausstiegswiese erreicht. Achtung, lange Schlingen verwenden, damit man sich nicht ausbremst.

Nochmals einen No-Hand-Rest gefunden. Hier in der Quarzsandsteinzone am Ende von L5 (5c).
Um 16.45 Uhr und damit nach 3:15h Kletterei waren wir am Top. Die Kletterei war doch ein ganzes Stück fordernder ausgefallen, wie ich mir das gedacht hatte. Einerseits bezüglich der Absicherung, andererseits bezüglich der Bewertungen und die athletische Zone in den Längen 3 und 4 hatte ich so auch nicht auf dem Radar. Standesgemäss gelang mir eine lupenreine Begehung, Larina reichte es zu Beginn von L4 leider nicht ganz, was ja aber auch keinen Beinbruch darstellt. Bereits im Schatten und bei zugiger Luft war das Top kein gemütlicher Ort, so dass wir umgehend die Schuhe wechselten und uns auf den Fussabstieg begaben. Erst über die Wiese zum Sattel links (östlich) der Wand, dort dann den roten Punkten entlang steil nach Süden runter. Die Passage ist doch ziemlich exponiert und mit etwa einer T4+ zu bewerten, halt so ein bisschen wie 'Wendenstöcke light'. Nach rund einer Stunde Abstieg sind wir retour beim Auto, kurven zufrieden mit einer weiteren schönen Sanetsch-Route im Palmares vom Mond runter Richtung Erde und verbringen eine weitere Nacht auf dem Camping in Vallorcine.

Für Boulderer gibt's am Sanetsch auch etwas zu tun!

Facts

Sanetsch - Chratz Bürschtä 6b+ (6a+ obl.) - 7 SL, 225m - Schoch/Adam/Rüesch 1990 - ***;xxx
Material: 1x50m-Seil, 10 Express, Keile/Friends kaum einsetzbar

Sehr schöne Kletterei in oft sehr gutem Fels mit idealer Reibung im rechten Teil der Paroi des Montons. Leider ist die Route mit 6 SL eher kurz und die letzten 2 Seillängen sind nicht mehr ganz gleich gut wie die ersten 4, somit begnüge ich trotz einigen hervorragenden Passagen mit drei Sternen. Obwohl die Route in diversen Plaisirführern enthalten ist, würde ich sie eher als moderat schwierige, alpine Sportklettertour sehen. Wer das unbeschwerte Klettervergnügen sucht, könnte hier auch graue Haare kriegen. Erstens sind die Bewertungen gemessen am modernen Plaisirstandard hart und orientieren sich eher daran, was man an Wenden und Rätikon als Währung verwendet. Die Absicherung kann man gerade noch als gut bezeichnen. Die athletischen Schlüsselstellen sind zwar +/- klettergartenmässig eingerichtet, aber die Steilplatten sind eher in der Art gebohrt, dass man nicht stürzen sollte. Somit ist m.E. etwas Erfahrung in solchem Terrain notwendig. Für die in der Literatur empfohlenen mobilen Sicherungsmittel konnte ich keine sinnvollen Einsatzmöglichkeiten erkennen. D.h. das mitgeführte Camset verblieb ungenutzt am Gurt, ich würde das nächste Mal nichts mehr mitnehmen. Hinweis: die Route ist nicht zum Abseilen eingerichtet bzw. geeignet, ein Rückzug ist im Notfall bei Nutzung von Standplätzen in Nachbarrouten aber sicher möglich.