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Sonntag, 16. August 2020

Ailefroide / Paroi de la Draye - Vade Retro Cambonas (6b)

Nach den ersten 2 Ferientagen mit Sportklettern bis die Pfoten ihren Dienst quittieren hiess es für diesen Tag der vorteilhafteren Seite der Vertikalen den Vorzug zu geben. Leider war das Wetter nicht ganz stabil angesagt, gewittrige Schauer sollten früher oder später kommen. Mit den Kindern wollten wir uns da nicht auf Experimente an grossen Bergen einlassen, schliesslich sollen MSL Spass machen und nicht ein Stressfaktor sein. Somit war wieder einmal Ailefroide das Ziel der Wahl. Da wir einigermassen früh unterwegs waren, bot sich die linke Talseite  mit der Paroi de la Draye an. Kurzer Zustieg, Routenvielfalt und Schatten bis ca. 13.00 Uhr sind da die wesentlichen Parameter.

Die Paroi de la Draye - sieht nicht berauschend aus, die Kletterei lohnt aber!
Der Zustieg ist kurz und spielt sich von den zahlreichen Parkplätzen unterhalb im Minutenbereich ab. Die Routenwahl hatten wir bewusst bis zuletzt offen gelassen und wollten dort einsteigen, wo nicht gerade Stau herrschte. Die Wahl von Larina und mir fiel schliesslich auf die Vade Retro Cambonas, während sich unser zweites Team in der etwas einfacheren Chaud Biz (8 SL, 5c+) engagieren wollte. Wir konnten auf freie Bahn zählen, um 10.30 Uhr hatten wir alles parat und konnten bei angenehmen äusseren Bedingungen, sprich kurz behost im Schatten, einsteigen.

L1, 6b: Um die Sache noch ein wenig zu würzen, wählten wir die schwierigere linke Einstiegslänge, laut Topo 6b. Nach schon nicht ganz trivialem Beginn kommt mittig die bestimmte Crux: kompromisslos antreten und einen miesen Knubbel kneifen lautet die Devise - ruff stuff, deutlich schwieriger wie 6b! Auch nachher heisst's bei nicht ganz kurzen Hakenabständen noch etwas dranbleiben, bis man den bequemen Stand erreicht. Die rechte Variante sei scheinbar etwas leichter verdaulich, die dortige mittige Stelle für 6a/+ jedoch auch nicht geschenkt.

Die 'böse' Stelle in L1 (6b) ist geschafft - auf dem Bild ist sie nicht sichtbar.
L2, 6a: Nun wird es deutlich gemütlicher, die Kletterei geneigter und gutmütiger, aber sehr schön im strukturierten Ailefroide-Granit mit seinen vielen Leisten. Die Absicherung auch hier nicht eben sehr kurz gehalten, passt aber schon!

L3, 6a+: Sehr schöne, anhaltende und anspruchsvolle Kletterei. Gleich zu Beginn fordert ein erstes Dächli, nachher folgen viele tolle Moves an Leisten und Strukturen und zuletzt eine diagonale Rechtsquerung. Auch hier sind die Hakenabstände noch eher auf der luftigen Seite, bevor auf den letzten Seillängen die Bolts dann fast in halbierten Abständen stecken.

Prima Wandkletterei mit anhaltenden Schwierigkeiten an Leisten wartet in L3 (6a+).
L4, 6b: Nominell die schwierigste Seillänge, wir haben das aber  nicht unbedingt so empfunden. Zu Beginn in die Verschneidung hinein, diese aber gleich griffig an einer Schuppe nach rechts verlassen, um sich nicht in die 7b+ gerade hinauf zu verkoffern. Nach einer kurzen Boulderstelle quert man deutlich nach rechts, wo ein Zwischenstand eingerichtet ist. Wer auf dieser Seillänge nicht mit 60er-Exen oder Auslassen bzw. Wiederaushängen einiger der eng steckenden, zahlreichen Bolts operieren kann, nutzt ihn besser. Ich zog gleich weiter, der zweite Teil dern Länge bietet athletische Kletterei an Schuppen und Henkeln, gutmütig für den Grad.

Griffig, gut abgesichert und soft bewertet lautet der Charakter von L4 (6b).
L5, 6a: Hier hatte uns um 12.30 Uhr bereits die Sonne erwischt, im Streiflicht waren die Temperaturen aber sehr gut auszuhalten. Erst führt diese Seillänge links hinauf über eine steile, mit Leisten gespickte Platte. Zum Abschluss wartet dann ein Wulst, der in freier Kletterei für den Grad 6a wiederum eher fordernd ausfällt - ist da etwa der Griff zum Haken als Standardmethode bereits in die Bewertung inkludiert?!?

Ein schöne Platte mit abschliessendem Wulst erwartet einen in L5 (6a).
L6, 3a: Über schrofiges Gelände könnte man direkt hinauf sicherlich bereits den Abstiegsweg erreichen, allerdings hat hier die Route noch eine absolut lohnende Zugabe auf Lager. Über einfachen Fels diagonal links hinauf, auf einem Band horizontal queren und später absteigen. Unbedingt die (nicht so offensichtlichen) Bolts klippen, sonst expo für den Nachsteiger! Vom tiefsten Punkt (Stand an Baum möglich) geht's noch einige Meter empor zum bequemeren BH-Stand.

L7, 5c: Der Umweg in L6 hat sich wirklich sehr gelohnt, hier folgt nochmals eine steil-griffige Abschlusslänge der ersten Güteklasse, erst noch angenehm im Schatten. Immer elegante und nie langweilige Turnerei und dies ohne schwierig zu sein - auch der Ausstieg über den Turm auf die bequeme Terrasse am Routenende  ist cool!

Die letzten Meter in L7 (5c), unten der Parkplatz, in der Bildecke das Zentrum von Ailefroide.
Um 13.30 Uhr hatten wir es nach rund 3:00 Stunden Kletterei geschafft und konnten gemütlich auf der bequemen Kanzel rasten, Ausschau halten, unsere Vorräte plündern und uns an einer an beiden Seilenden perfekten Onsight/Flash-Begehung erfreuen. Das zweite Familienteam hatte nicht jederzeit freie Fahrt und war noch mit der Kletterei beschäftigt. Als sie sich augenscheinlich dem Ausstieg näherten, schnürten wir die Senkel und liefen und den Sentier de Draye zu ihrem Ausstieg hinunter. Gemeinsam stiegen wir über diesen ab - das stark abkürzende Couloir war aus unerfindlichen Gründen gesperrt, dem leisteten wir Folge. Trotzdem gelangten wir zügig auf den Talboden, natürlich durfte die traditionelle Einkehr im Engilberge nicht fehlen, bevor es zum Abkühlen und Relaxen retour zu Camping und See ging.

Mmmhh, das feine Griffig-Wasser ;-)

Facts

Ailefroide - Vade Retro Cambonas 6b (TD+, 6a obl.) - 7 SL, 200m - Fiaschi/Giraud/Faure 1997 - ***;xxxx
Material: 1x50m-Seil, 10-14 Express (je nach Nutzung des Zwischenstands in L4), Cams/Keile nicht nötig

Lässige Kletterei auf der morgens schattigen Talseite in Ailefroide. Wie immer sieht's von weitem nicht so überzeugend aus, der Granit ist aber auch hier sehr gut, von optimaler Reibung und mit viel Struktur ausgestattet. Es wartet eine Mischung von steilplattigen Passagen und auch gutgriffigen Aufschwüngen, ein richtiger Genuss. Die Absicherung ist auf den ersten 3 Seillängen gut (aber auch nicht mehr, mit ein paar zwingenden Passagen im 6a-Bereich), nachher stecken die Bolts dann deutlich üppiger nach Standard "Plaisir super", so dass eigentlich jeder schwierige Move per Hakenhilfe erschwindelt werden kann. Ein Topo gibt's im Cambon-Führer "Oisans Nouveau, Oisans Sauvage", im Briançon-Climbs der Rolland-Familie oder auch im lokalen Ailefroide-Büchlein.

Montag, 10. August 2020

Gross Bielenhorn - Nolens Volens (6c)

Am Gross Bielenhorn oberhalb der Sidelenhütte am Furkapass findet man mitunter den besten Klettergranit der Schweiz. In früheren Jahren war ich schon in der Niedermann (6a) und der Fandango (6c+) zu Gange, der letzte Besuch lag aber doch schon wieder Jahre zurück. Kein Wunder, den um hier oben mit Genuss zu klettern, muss einiges zusammen passen: warme, wettersichere Tage ohne Wind und Quellbewölkung, sonst macht es keinen Spass. Erst kurz vor Mittag kommt die Sonne an die Wand. Nicht unbedingt ein Spot also für Frühaufsteher, dafür klettert man dann bis am Abend an der wärmenden Sonne. Um sich einen weiteren Punkt auf dem "Moderne Zeiten"-Konto gutschreiben lassen zu können, wählten wir den Remy-Klassiker Nolens Volens (10 SL, 6c) von 1987. Das ist allerdings fast ein wenig despektierlich ausgedrückt, denn diese famose Tour verdient einen Besuch unbesehen von jeglichen Punkten und Listen!

Unterwegs ins Sidelengebiet. Hinter der Kletterin der Hanibalturm und der Galenstock, rechts das Gross Bielenhorn.
Den Zustieg wählten wir vom Refuge Furka (2428m), wo wir um ca. 10.20 Uhr losgingen und nach einer knappen Stunde bei der Sidelenhütte eintrafen, wo wir uns erst einmal mit einem kühlen Getränk auf der Terrasse erfrischten. Wer die Höhenmeter effizient frisst und einen der eher raren Parkplätze ergattert, erreicht die Hütte möglicherweise schneller vom Sidelenbach (P.2279, +150hm, weniger Distanz). Von der Hütte dann etwas absteigend in Richtung der Kamele und Wegspuren folgend in einer Rechtsschleife zur Südecke vom Gross Bielenhorn. Die verlockenden Direktwege durchs Gletschervorfeld zahlen sich eher nicht aus. Nun über Schneefelder bzw. den östlichen Teil vom Sidelengletscher unter der Wand traversieren und zum Schluss steil zu dieser hinauf. An sich ist das Gelände unschwierig, zuletzt aber doch gegen 45 Grad steil. Bergschuhe und Pickel sind wohl fast immer nötig, Steigeisen ein Sicherheitsplus. Auch ich hatte sie an diesem Tag gerne eingesetzt. Spannend ist dann immer die Frage, wie gut sich die Randkluft vom Gletscherhang gegen den Fels hin überwinden lässt. Für uns ging es ganz ordentlich, etwas alpiner Sachverstand und das Bewusstsein um allfällige Gefahren war jedoch durchaus nützlich. Um 12.20 Uhr und damit ziemlich genau 2:00 Stunden nach Aufbruch erreichten wir einen Einzelbolt auf einem etwas abschüssigen Band, wo wir von der Alpin- auf die Kletterausrüstung umsatteln konnten. Eine Viertelstunde später ging es schliesslich mit der Kletterei los.

Ich bin auch eine Alpinistin... Passage der Randkluft.
L1, 10-30m, 5c: Je nach Schneehöhe kürzerer oder längerer Abschnitt entlang von Rissen über Stufen hinweg. Die Orientierung gar nicht so einfach hier, weil man üblicherweise nicht so richtig weiss, auf welcher Höhe man denn nun startet. Wer mit einem 50m-Seil den Stand nach L2 erreichen möchte, muss bei der Markierung (roter Farbpunkt, roter Einzel-BH etwas oberhalb) Halt machen.

L2, 45m, 6a+: Coole Kletterei, die vom roten BH nach links führt. Nach heiklem Auftakt-Move geht's an einigen Piazverschneidungen und breiten Rissen vorwärts, nur relativ spärlich mit BH abgesichert. Hier und da bringt man auch kleines Gear unter, gerade am Ende müssen aber für optimale Absicherung sicher der 3er- wenn nicht sogar der 4er-Cam mit. Wer über der Schwierigkeit steht, kommt ohne aus - die Kletterei dort ist moderat schwierig und der auch neben den Rissen super strukturierte Fels erlaubt kontrolliertes Steigen.

Breite Risse charakterisieren die Kletterei im oberen Teil von L2 (6a+).
L3, 45m, 6c: Die schwierigste, aber auch die beste und abwechslungsreichste Seillänge der Route. An ein paar griffigen Rissen geht's los, über ein erstes Dächli hinweg noch relativ gutmütig zu einem genialen, schräg nach oben ziehenden Riss, den man für die Füsse als Rampe benutzen kann. Dann ist fertig, eine erste Reibungsstelle am Limit bringt einen zu einem Ruhepunkt, bevor es nochmals Vollgas auf Reibung geht. Es ist aber keine reine Schleicherei, die steile Wand ist mit Noppen und Crimps garniert, super! Im unteren Teil gibt's hier durchaus etwas Luft zwischen den Haken, der erste Reibungstest ist ebenfalls noch recht zwingend, nur ganz am Ende stecken die Bolts dann eng.

Erst super Risse, dann fordernde Steilplattenkletterei wartet in der Crux (L2, 6c).
L4, 35m, 5b: Nun soll es deutlich einfacher werden, zuerst merkt man gar nicht mal allzu viel davon. Erstaunlich knifflig geht's hinauf und an einem schönen Quarzband nach links. Eine rissige Verschneidung und später ein paar Stufen bringen einen weiter voran zu einem ersten Grasband (BH). Der Stand liegt aber noch eine Etage höher auf dem nächsten Band.

L5, 35m, 6a: Sieht von unten nicht so überzeugend aus, entpuppt sich aber als Klasse-Länge! Obwohl es linksrum vielleicht einfacher ginge, geht's an Bolts und einer Rissspur in prima strukturiertem Fels gerade hinauf. Man gelangt schliesslich zu einer Rissverschneidung, wo man mobil absichern muss, an dieser Stelle geht's für einmal nicht ganz perfekt und es ist etwas das Auge nötig. Mit einem nochmals kniffligen Schritt gelangt man zum Stand.

Super Kletterei mit einer griffigen Struktur stets in der Nähe wartet in L5 (6a).
L6, 35m, 6b+: Steil und spektakulär! An griffigen Rissen und Schuppen überwindet man eine erste Steilzone mit einem Beinahe-Dach. Auf einem kleinen Band kann man sich schliesslich eine Verschnaupause gönnen und den Weiterweg überlegen. Dieser führt nicht gerade obsig in den cleanen Riss, sondern kurz rechts absteigend den eng steckenden Bolts entlang durch die Wand. Während man erst ob dem Cruising-Gelände frohlockt, kommt dann plötzlich doch noch ein kniffliger Schritt. Zuletzt nochmals piazend an Rissen und Kanten athletisch um die Ecke zu gemeinsamem Stand mit der Niedermann.

Man sieht's am Schlaghaken, am Ende der steil-spektakulären  L6 (6b+) trifft man mit der Niedermann zusammen.
L7, 30m, 6a+: Die Bohrhaken leiten einen hier quasi automatisch auf die richtige Fährte. Es geht nach rechts durch die Wand, welche super strukturiert daherkommt. Auch um die Ecke geht's gut und griffig voran. Zum Schluss gilt es dann, noch eine Art Couloir zu überqueren. Entweder habe ich das saublöd erwischt, oder es ist nicht gänzlich nichttrivial.

L8, 40m, 6a+: Eine anhaltende Super-Seillänge! Gleich vom Stand weg mal parat sein und auf ein paar kleinen Leisten antreten. Nun geht's etwas im Zickzack hinauf, wobei immer mal wieder ein gut sichtbarer Bolt bei der Orientierung hilft. Neben dieser Grundabsicherung wollen aber auch immer mal wieder Cams platziert werden. Das Finish dann nochmals steil und speziell genial mittels Brotlaib-Pinching.

Ich glaube, sie hatte sowas gesagt wie "eigentlich ist die ganze Route ein No-Hand-Rest". Im Vordergrund sieht man sehr schön die Felsstrukturen, welche am Ende von L8 (6a+) sehr schön zum sogenannten Brotlaib-Pinching verwendet werden müssen.
L9, 25m, 5c+: Hier dünkte mich der Verlauf durchaus etwas unlogisch. Vermeintlich könnte man (leichter?!?) direkt oberhalb vom Stand durch die rissige Verschneidung klettern. Aber nein, die Bolts indizieren den Routenverlauf linksherum mit ein paar kräftigen, piazartigen Zügen. Schliesslich wechselt man dann doch gutgriffig in die ursprüngliche Verschneidung zurück und erklettert diese zum bald schon folgenden Stand.

Fantastischer Ausblick auf die letzten beiden Seillängen (L9/L10). Die Route verläuft hier allerdings etwas unlogisch nicht direkt hinauf durch die Verschneidung zu den Kletterern, sondern schlägt eine eine in die linke, untere Bildecke. Wir folgten dieser und den dortigen BH gehorsam, so wundert es mich nun umso mehr, wie schwierig es direkt hoch wohl wäre.
L10, 35m, 6a+: Nochmals ein prima Gerät zum Abschluss: steil, anhaltend, griffig an tollen Rissen! Eine Grundabsicherung mit BH ist vorhanden, mobil Sichern geht fast nach Belieben. Zuletzt dann nochmals extrasteil und henklig auf die bequeme Plattform bei der markanten Felsnadel, welche nicht ganz den Gipfel des Gross Bielenhorn darstellt.

Fantastische, steile und griffige Kletterei bis zuletzt in L10 (6a+).
Um 17.30 Uhr und damit nach rund 5 Stunden absolut genialer Kletterei hatten wir das Top erreicht und konnten an beiden Seilenden eine perfekte Onsight/Flash-Begehung verbuchen. Rein von Wetter und Stimmung her hätten wir nun durchaus eine längere Zeit hier oben chillen können. Allerdings waren neben uns noch 2 weitere Seilschaften zugegen und es stellte sich die Frage, in welcher Reihenfolge das Abseilen angegangen würde. Uns wurde der Vortritt angeboten, somit beschränkten wir unseren Gipfelaufenthalt und fädelten die Seile. Um zügig vom Acker zu kommen und weil ja gleich jemand nachfolgte, "riskierten" wir es, die ersten beiden Teilstrecken (L9/L10) zu kombinieren. Aber wie es im Plaisir steht, der Seilverhänger ist quasi garantiert... ich habe mein Bestes versucht, konnte ihn aber nicht vermeiden. Nun denn, das Malheur war durch die Nachfolger subito korrigiert (Dankeschön!). Mit unserem dritten Abseiler ging's direkt hinunter auf das Grasband zu Stand der Niedermann (Achtung, 50m-Seile knapp!). In 4 weiteren Manövern waren wir zurück bei den Schuhen, von wo wir noch über die Randkluft und den obersten, steilen Schneehang abseilten. Bequem im Schnee absteigend waren wir bald (19.00 Uhr) retour bei der Sidelenhütte, wo wir nochmals eins tranken, bevor wir in 35 Minuten zügig zum Furkapass liefen.

(K)eine Remy-Route ohne Bohrhakenkontroverse?!?

Die Route wurde 1987 von den Remy-Brüdern erschlossen und nach der Jahrtausendwende in mehreren Etappen mit rostfreiem Material saniert. Soweit ich das vor Ort wahrgenommen habe, wurden bei dieser Sanierung die Sicherungspunkte grundsätzlich 1:1 ausgetauscht, wobei die Positionierung manchmal optimiert wurde. Bei unserer Begehung im Juli 2020 war es dann aber so, dass im oberen Routenteil an zahlreichen (ca. ein Dutzend?) sanierten Haken die Laschen fehlten. Das war nicht ganz so tragisch, denn die Kronenbohrhaken der Erstbegehung sind an den jeweiligen Stellen auch noch vorhanden und nutzbar. Überdies kann man an diesen Stellen in unmittelbarer Nähe meist auch gut mobil absichern. So gesehen sind die Bolts "sowieso unnötig". Somit werde ich den Verdacht nicht los, dass die fehlenden Laschen vielleicht doch nicht einfach der Schwerkraft zum Opfer gefallen sind, sondern mutwillig entfernt wurden.

Quarz, Kamele, Schildkröte und der versteinerte Nixen - eine fantastische Gegend!
Ob nun Bolts neben mobil abzusichernden Rissen oder solche Guerilla-Aktionen (wenn es denn eine war...) sinnvoller sind, dürfte Anlass zu manchem Klettertalk sein. Ich würde einfach vorschlagen, dass hier ein klarer Entscheid gefällt wird. Entweder werden die fehlenden Laschen ersetzt (ca. 10-15 Stück, rostfrei inklusive Mutter M10 nötig) und gleichzeitig die alten Bolts entfernt (Hammer, Inbus in allerlei Grössen und/oder Akkuflex nötig). Oder dann entscheidet man sich, überall dort wo mobil gesichert werden kann, die Bolts komplett zu entfernen. Aber wenn, dann bitte in sauberer Arbeit und mit einer offiziellen Kommunikation, so dass man auch weiss, was einen erwartet... aber ich gehe jetzt einmal davon aus, dass bis auf Weiteres alles so bleibt, wie es im Moment ist.

Nachtrag vom 13.8.2020 (mit Update vom 27.8.2025)

In verdankenswerterweise haben Tobias und Joachim am 9.8.2020 auf meine Anregung hin die fehlenden Laschen ersetzt. 9 Stück waren es insgesamt, somit kann die Tour nun wieder an perfekt saniertem Inoxmaterial begangen werden. Einzig die alten Kronenbohrhaken sind immer noch vor Ort, die könnte/sollte man einmal noch mit entsprechendem Gerät entfernen. Nachfolgend einige Bilder, die mir Tobias zugesandt hat. Update vom 27.8.2025: anscheinend wurden in den oberen Seillängen ab der Kreuzung mit der Niedermann im Sommer 2025 neuerlich einige Bohrhaken (oder zumindest deren Laschen) entfernt. 






Facts

Gross Bielenhorn - Nolens Volens 6c (6b obl.) - 10 SL, 350m - C. & Y. Remy 1987 - *****;xxx
Material: 2x50m-Seile, 12-14 Express, Cams 0.2-3 plus evtl. 4, evtl. Keile

Fantastische Kletterei durch Gestein, das mitunter zum besten Granit in der Schweiz gehört und definitiv in die gleiche Güteklasse wie jenes im hochgelobten Chamonix gehört. Die Route bietet meist Kletterei an angenehmen und wenig beschwerlichen Rissen, Verschneidungen und griffigen Schuppen. Die Crux spielt sich hingegen an einer recht fordernden Steilplatte ab - mit etwas Einsatz kommt man hier auch ohne absolute Beherrschung der Schwierigkeiten mit A0 wohl noch mehr oder weniger durch. Trotzdem, der in der Literatur verzeichnete obligatorische Grad von 6a+ dünkt mich zu knapp. Generell ist eine gute Grundabsicherung mit BH vorhanden. Wer die Schwierigkeiten gut drauf hat, muss nur punktuell mal einen Cam legen und kommt mit einem abgespeckten Set von 0.3-2 aus. Es wäre aber zumeist durchaus möglich, mit mobilem Material auf eine sportklettermässige Absicherung (xxxx) zu kommen, dafür muss man dann jedoch genügend (auch grosse) Cams und allenfalls Keile mitführen. Ein Topo findet man z.B. im Plaisir West 2019 oder auch (nicht mehr ganz aktuell) im SAC-Führer Urner Alpen 2 oder im Topoguide Band I. Die Bewertungen in meinem Bericht habe ich aus dem Plaisir übernommen, sie sind grösstenteils etwas höher als jene in den älteren Führern, schienen mir aber stimmiger.

Mittwoch, 5. August 2020

Engelhörner - Öxli und Ox (6a)

Der wilde Kessel des Ochsentals in den Engelhörnern ist ein eindrücklicher Ort, welcher mir schon manch tolles Klettererlebnis beschert hat. Trumpfkönig, Silberfinger, Gagelfänger, der klingenden Namen gibt es viele. Mit der im 2017 erschlossenen Route 'Öxli und Ox' am wenig markanten Ochsenspitz gab es nun endlich auch eine gute Gelegenheit, um einmal mit der ganzen Familie diesen magischen Ort zu besuchen. Schliesslich ergab sich ein so tolles Erlebnis wie erhofft - Gegend und Kletterei sagten allen zu und nach über 500 Klettermetern inklusive Zu- und Abstieg hatten wir uns ausgiebig bewegt.

Hinein ins Reich der Engelhörner. Hinter der Hütte geht's in den magischen Felsenkessel vom Ochsental.
Nachdem sich die Familie nach Trainingslagern und Kletterausflügen hierhin und dahin erst gerade wieder vereint hatte, war ein früher Aufbruch am nächsten Morgen utopisch. Nachdem aber sicheres Wetter angesagt war und die Sonne die nach Westen ausgerichtete Flanke des Ochsental-Kessels erst gegen Mittag bescheint, war keine Eile geboten. Mit  letzten Tropfen Sprit (aufgrund der wieder einmal optimistischen Interpretation der Tankanzeige...) erreichten wir die Alp Gross Rychenbach (P.1574, Taxe 15 CHF bei der Alphütte zu bezahlen) und starteten den Zustieg um 12.15 Uhr. Die Engelhornhütte passierten wir 45 Minuten später, flugs gingen wir weiter Richtung Einstieg, wo wir nach total 1:10 Stunden Gehzeit eintrafen. Er befindet sich tatsächlich dort, wo die Felsen am weitesten herabreichen und kann aus dem Boden des Ochsentals praktisch auf ebenem Fuss erreicht werden. Mit den Vorbereitungen hielten wir uns nicht mehr lange auf und bildeten zwei Seilschaften, die nach Möglichkeit gleich parallel steigen würden. Nachdem die Kletterei geneigt-gutmütig aussah und Bolts mit nicht allzu weiten Abständen sichtbar waren, wollten die Kinder den Vorstieg anpacken.

Im Ochsental auf den letzten Metern zum Einstieg.
Die ersten 4 Seillängen bieten unschwierige Kletterei im 3./4. Schwierigkeitsgrad. Sie verlaufen grösstenteils über soliden und ausgewaschenen Fels in bzw. neben einer wenig ausgeprägten Rinne, welche den Kessel unter der Gertrudspitze entwässert. Nachdem alles trocken war, nirgendwo mehr Schnee lag und oberhalb keine Kletterer aktiv waren, schien mir dieser Ort nicht überaus gefährdet. Global befindet man sich da aber schon an einem Platz, wo unter ungünstigen Voraussetzungen Steinschlaggefahr herrschen kann. Zu erwähnen ist auch, dass alle Seillängen nahezu 50m lang sind. Auf den ersten beiden Teilstrecken stecken je 7 BH, was ja doch auch schon Hakenabstände von 6-7m ergibt. In Seillänge 3 sind es dann nur noch 5 Stück und am Ende von L4 gibt es auch einen längeren Runout von ca. 10-15m in zwar einfachem, aber doch etwas schuttig-brüchigem Gelände. Sprich, die Absicherung ist für solches Gelände sicherlich "gut", sauber gehen und sicher stehen muss man aber trotzdem. 

Off he goes... das müsste L4 (4a) sein.
In L5 (5b) erklettert man gar nicht mal so einfach gleich nach dem Stand eine Rippe in abwärts geschichtetem Fels, bevor es dann bald wieder einfacher voran geht. Mit L6 (4a) wartet nochmals ein etwas flaches, grasig-schuttiges Überführungsstück, bevor es im zweiten Routenteil dann steiler zur Sache geht. Man befindet sich an dieser Stelle unmittelbar unterhalb der Fixseil-Traverse, welche ich damals auf dem Weg zur Queen of Desert begangen hatte. Mit L7 (6a) folgt nun die Crux: erst noch flach, klettert man später auf einer Art Rampe in schöner 3d-Manier griffig aufwärts. In der Männerseilschaft übernahm ich ab dieser Stelle die Führung, während Larina sich noch tapfer im Vorstieg weiterkämpfte. Gerade hier ist "Kampf" eine nicht völlig abwegige Bezeichnung, denn aufgrund der Topografie der Seillänge mit dem flachen Start verursachte das Seilgewicht bei ihr trotz strategisch geschickt platzierten Verlängerungen prozentual doch einen erheblichen Aufschlag auf das Körpergewicht.

Da sind die beiden am Ende von L5 (5b), hinten die westliche Engelhornkette. Der Verlauf von L7 (6a) direkt ob den Kids.
L8 (5b) führt nun wieder direkt auf einer Rippe vorerst eng mit BH abgesichert in die Höhe, bevor zum Stand hin wieder einmal ein längerer Runout in schuttig-einfachem Gelände wartet. Vom Stand spähten wir nach Haken, gerade hinauf waren einfach keine auszumachen. Ein Blick ins Topo klärte dann auf, dass die Bolts rechts aussen nicht etwa zu einer anderen Route gehörten, sondern "unsere" L9 (5b) markierten. Es gilt hier wirklich zuerst 10m ohne BH nach rechts zu queren. Die erste Sicherung steckt dann seilzugtechnisch etwas gar weit unten. Nun geht's auf der Rippe aufwärts, es ist die Seillänge mit der schlechtesten Felsqualität. Man bedient meist etwas mürbe Seitgriffe auf Gegendruck - für mich natürlich kein Problem, aber für unsere zweite Vorsteigerin war das eine fordernde und auch etwas nervenaufreibende Sache. Aber ja, auch das Klettern in unsicherem Fels ist ein Skill, den es zu trainieren und zu fördern gilt - das ging hier bestens, dank den regelmässig steckenden BH auch safely. Weiter geht's mit L10 (5c+), wo nochmals kompakte Plattenkletterei in schönem Fels bei eng gehaltener BH-Absicherung wartet, prima! In der für einmal etwas kürzeren L11 (5b) warten auf der etwas gesuchten Linie nicht mehr die grossen Schwierigkeiten.

Die Cruxlänge (L7, 6a): unten flach, oben steil. Gut abgesichert, aber dennoch mit etwas  Luft zum Steigen.
Um 18.40 Uhr und somit nach rund 5:00 Stunden Kletterei waren wir alle am Top of Ochsenspitz. Leider bietet dieser bzw. das Routenende nicht ein richtiges Gipfelerlebnis, das ist doch ein wenig schade und wäre schon das Tüpfelchen auf dem i gewesen. Aber die gut 500 Klettermeter hatten allen echt Spass gemacht, v.a. hatten die Kinder hier einen wesentlichen Teil der Führungsarbeit übernehmen können, bravo! Schon bald galt es, an den Heimweg zu denken, v.a. für den Teil der Familie, welcher am Montag wieder in den Einsatz musste und nicht einfach auf die nächste MSL-Tour gehen konnte ;-) Zum Abseilen wäre die Route eingerichtet, aber die 11 manchmal etwas schräg verlaufenden Manöver in wenig steilem, bisweilen auch etwas schuttigen Gelände erschienen jetzt nicht gerade verlockend. Somit wollten wir wie empfohlen über die RendOx abseilen. Auch wenn das Gelände hier ein wenig steiler und die Linie etwas direkter ist, so erfordert das doch auch 10 Manöver, welche nicht das grosse Vergnügen darstellen - ist doch das Gelände oft geneigt, teils schrofig und meist mit seilfressenden, scharfkantigen Steinen durchsetzt.

Hoch der Berg, tief das Tal... unterwegs auf der schönen Rippe von L8 (5b).
Anyway, wir taten was zu tun ist, um etwa 20.10 Uhr setzten wir unseren Fuss wieder auf den sicheren Boden. Der Benefit von dieser Abseillinie war definitiv auch, den nicht unbedingt offensichtlichen Startpunkt der Route Rendez-vous nun schon identifiziert zu haben. Denn für diesen Gesamtdurchstieg auf den Ulrichspitz werde ich bestimmt zurückkehren - die Kletterei sieht bis zum Ochsenspitz zwar bisweilen etwas gesucht aus und ist bestimmt nicht in jeder Seillänge top, aber das Terrain verspricht doch manch tollen Klettermove. Und oberhalb vom Ochsenspitz locken dann definitiv die steilen Wände. Nun denn, das ist Zukunftsmusik, für uns hiess es nun die sieben Sachen packen und Abmarsch ins Tal. Noch rechtzeitig vor Ladenschluss konnten wir uns am Bahnhof in Meiringen mit einer kühlen Erfrischung eindecken, bevor die einen nach Hause und die anderen in Richtung des nächsten Kletterabenteuers fuhren.

Geschafft!

Facts

Ochsenspitz - Öxli und Ox 6a (5b obl.) - 11 SL, 500m - Anker/Romang 2017 - **;xxxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express

Hübsche Route auf einen kleinen Gipfel im Kreis der grossen Engelhörner, die ein eindrückliches Ambiente bieten. Der Fels auf der Route ist meist gut, solide und kletterfreundlich, stellenweise liegt in leichteren Abschnitten Schutt herum. Die Route ist üppig mit neustem Inoxmaterial abgesichert, an den schwierigen Kletterstellen auf Stufe "Plaisir gut+" oder sogar "Plaisir super". Im einfacheren und oft auch etwas alpinen Gelände stecken auch regelmässig Bolts, aber am dümmsten Ort einen Griff auszureissen und zu stürzen könnte dann doch schmerzhaft enden. Insgesamt ist es sicher ein Unternehmen, das sich gut für weniger versierte Kletterer eignet. Trotzdem ist die Route rein aufgrund der Länge, der Lage, dem nicht anforderungsfreien Abseilen nicht unbedingt das ideale Terrain für den allerersten MSL-Ausflug. Ein Topo findet man auf den Seiten von ReBolting.

Zurück am Einstieg, in mehr oder weniger direkter Linie geht's zum Fähnli!