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Donnerstag, 3. April 2025

Skitour Barglen (2669m)

Meine letzte Skitour zum Rossstall lag schon einige Wochen zurück. Der trockene und milde März hatte mich definitiv vom Winter zurück in den Klettermodus verfrachtet. An diesem Freitag Ende März schien aber ein Ausflug in den Schnee definitiv noch einmal lohnend. Es stellte sich bloss die Frage wohin.  Günstige Lawinenverhältnisse liessen vieles zu, andererseits war ich mitten aus dem Familien-, Arbeits- und Trainingsleben nicht wirklich parat für einen nächtlichen Aufbruch und einen Konditionshammer. Doch auch in den Voralpen liessen sich noch exklusive, lohnende und mir unbekannte Ziele finden. So fiel meine Wahl aufs Melchtal.

Ein fantastischer Frühlings-Skitourentag! In der linken Bildhälfte der Gipfel der Barglen. Vom Fotostandort aus werden die beiden Höcker im Vordergrund mit einer Linksschleife umgangen, dann geht es durch die Barglenchäle in den Einschnitt am Grat leicht rechts unterhalb der Sonne.

Meine Tour startete bei Turrenbach P.935 zwischen dem Dorf Melchtal und der Stöckalp, der wohlbekannte Ausgangspunkt zu den Kletterouten am Ofen. Genau wie wenn es zum Klettern ginge ist die Strasse zu den Alpgebäuden bei P.1455 der erste Abschnitt. Das Gelände im Tal war schon komplett aper und war bereits das erste Grün am spriessen. So kam natürlich das Schneetaxi zum Einsatz. Das klappte wie gewünscht, bis auf 5 kurze Abschnitte wo ich wegen Schneeresten jeweils für wenige Meter vom Rad musste, war alles aper und bestens befahrbar. Auch sonst war meine Kalkulation perfekt aufgegangen: auf der Wiese bei P.1455 lag noch eine geschlossene Schneedecke, d.h. ich konnte die Bretter anschnallen, sie mussten auch bis zum Gipfel nie mehr von den Füssen. Ebenso drückte schon die Sonne durch die Nebeldecke, diese würde ich bald hinter mir gelassen haben.

Die Nebeldecke hatte ich bald einmal unter mir zurückgelassen. Hier bei den Hütten von Heufrutt.

Der Schnee war von Beginn weg kompakt und gefroren. So ging der Aufstieg zügig und ohne grosse Mühen. Erst offenes Gelände, dann relativ enge Passagen durch den Wald - hier war in einigen Abschnitten nur noch knapp Schnee vorhanden. Als ich die Bäume auf rund 1700m hinter mir liess, begann die grosse Bergherrlichkeit. Stahlblauer Himmel, kein Lüftlein ging, die Schneedecke war schön glatt wie ein Teppich, aber trotzdem griffig zum Aufsteigen. Dazu gab es ausführliche Blicke auf die fantastische Wand am Ofen, welche ich schon über ein Dutzend Mal durchklettert, doch noch nie aus dieser Perspektive betrachtet hatte. 

Ciao Amico! An der Ofenwand hätten an diesem Tag perfekte Bedingungen geherrscht. Klettern ist aber um diese Jahreszeit nicht erlaubt.

Von den Gebäuden von Heufrutt weg heisst es dann eine Schlaufe im Uhrzeigersinn um die beiden Höcker vom Chli und Gross Schinder zu machen, bevor es in die ~40 Grad steile Barglenchäle hineingeht. Hier, in steiler Nordexposition, war die Schneeoberfläche noch etwas pulvrig und nicht tragend, was mir einen bequemen Aufstieg ermöglichte. So war ich zügig am Gratkamm in der Nähe von P.2432 und es wartete die lange Zielgerade hinauf zum Top über den Gipfelrücken. Hier trug der Schnee wieder einwandfrei, in Erwartung einer tollen Abfahrt konnte ich beschwingt dem Gipfelkreuz entgegen fellen. Nach ca. 2:15h vom Bikedepot, bzw. 2:35h vom Ausgangspunkt erreichte ich dieses. Bei Top-Aussicht konnte ich eine ausführliche Pause einlegen.

Der letzte Abschnitt auf der sehr aussichtsreichen Gipfelabdachung.

Die Abfahrt war dann richtig toll: sulzige Schwünge auf kompakter Unterlage über die Gipfelabdachung. In Bezug auf die Barglenchäle war ich etwas unsicher, wie sich das wohl fahren liesse. Es zeigte sich aber: der Schnee war inzwischen etwas angefeuchtet, somit war es eine Art zäher Pulver, aber gut drehbar. Der Übergang zu perfektem Sulz danach war dann nahtlos. So ging es mit Höchstgenuss retour bis zum Waldeingang. Ab da hiess es dann hingegen mehr, geschickt zwischen den Bäumen und den Steinen zu navigieren. Das freie Gelände danach versprach dann wieder mehr Tempo, erst ganz zum Ende wurde dieses durch eine Portion faulen Bremsschnee wieder reduziert. Bis zum Bike blieben die Bretter an den Füssen. Rasch wurde dieses gesattelt, es folgte ein zügiges Auslüften auf dem Downhill retour zum Ausgangspunkt. Das Fazit kurz und klar: das war eine fantastische Tour bei genialen Bedingungen, da hatte einfach alles gepasst!

Der Blick zurück auf der Abfahrt auf den Ausgang der Barglenchäle.

Montag, 31. März 2025

Zigerschwitz 2025

Ich haderte mit meiner Teilnahme am Zigerschwitz 2025, denn schliesslich war es schon Ende März: die Saison für Outdoor-Projekte an den Blöcken und beim Sportklettern war schon wieder voll im Gange, zudem hatte ich auch bereits schon wieder MSL angepackt. Die staubigen Boulderhallen lagen hinter mir zurück, sozusagen. Ich überlegte mir kurz eine Volksinitiative, die Ausführung von solchen Wettkämpfen auf die Monate November bis Februar einzuschränken. Dann besann ich mich wieder meiner Situation: die war nicht ganz optimal. Erst hatte ich wegen einer Erkältung kürzer treten müssen. Als diese kein wesentlicher Faktor mehr war, so lockte unmittelbar vor dem Zigerschwitz draussen bestes Wetter. Solches konnte ich mir nicht entgehen lassen und warf je eine Session im Bouldern und am Seil ein - was vor allem die Haut auf den Fingerbeeren schon einmal Richtung null brachte.

Nr. 43, einer der easy von der Hand ging. Foto by Martin Knobel.

Hinzu kam am Tag der Austragung ebenfalls outdoortaugliches Wetter, die Verabredung zum RP-Versuch in der Milzbrand am Gonzen für den Folgetag (Blog folgt) und ein Blick auf das starke Teilnehmerfeld verhiess auch nicht unbedingt die Versprechung, die tollen Erlebnisse mit den Finalteilnahmen von den beiden Vorjahren (2023, 2024) wiederholen zu können. Viele gute Gründe (ok, der letztere ist natürlich definitiv keiner!) um die Flinte ins Korn zu werfen. Schliesslich besann ich mich eines anderen und fuhr trotzdem Richtung Näfels, und zwar ohne das Felsgear im Gepäck. Um 13.00 Uhr fiel der Startschuss für die gut 100 Teilnehmer:innen. Während 4:30h Qualifikationszeit galt es bei 46 Bouldern möglichst viele Zonen und Tops zu holen, die Anzahl Versuche dabei wurde für die Rangliste hingegen nicht berücksichtigt. 

Nr. 14, auch dieser war zügig im Flash erledigt. Foto by Martin Knobel.

Ich kam gleich zügig voran, die Auswahl aus augenscheinlich machbaren Bouldern war gross und dieser visuelle Eindruck täuschte nicht. Top um Top im Flash fand Eingang auf das Laufblatt und ob dem guten Fortschritt konnte ich mir jedesmal eine längere Pause gönnen, wenn ein Problem doch einen gewissen physischen Effort erfordert hatte. Schliesslich stand ich bei 37 Tops, wovon ich 33 Boulder hatte flashen können. Bei den restlichen vier hatte ich 1x den machbaren Flash doof verschenkt, 2x erforderte eine etwas schwierigere Slab ein bisschen Tuning und einen Swing Jump löste ich schliesslich mit einem Beta Break. An den restlichen 9 Bouldern gelang mit trotz genügend Zeit- und Kraftreserven kein Top mehr, ja nicht einmal eine Zone. Dass ich mangels Haut zu diesem Zeitpunkt mit komplett getapten Griffeln agieren musste, spielte mir zwar nicht in die Karten. Aber de fakto waren diese Boulder auch einfach zu schwierig für mich. Wobei sie tatsächlich auf einem sehr hohen Level waren: auch von den Elite-Cracks konnte niemand mehr als 42 Stück lösen, vier blieben im Rahmen des Wettkampfs unbezwungen.

Nicht wirklich cool, so klettern zu müssen. Aber manchmal halt unumgänglich...

Das Ranglisten-Verdikt lautete schliesslich Platz 14 und damit deutlich ausserhalb des 5er-Finals. Wie oben schon erwähnt, war dies schon aufgrund vom starken Teilnehmerfeld schon im Voraus absehbar und sowieso: die Platzierung ist mir nicht sonderlich wichtig, bzw. vorne sein zu können ist nicht der Antrieb zum Mitmachen. Schwerer wog da schon die persönliche Emotion, eigentlich nur eine Session mit "ein paar einfachen Bouldern" gemacht zu haben, um dann noch gute 2 Stunden an ein paar "unmöglichen" Problemen seine mangelnden Fähigkeiten demonstriert zu erhalten. Ich gebe zu, dieser letzte Satz ist nun gar drastisch formuliert. Er soll auch keine Kritik am Event darstellen, sondern er widerspiegelt nur meine persönliche Emotion nach Abschluss der Quali - andere haben hoffentlich anders empfunden und ich nehme mir nicht den Anspruch raus, dass der Wettkampf nach meinem Gusto konzipiert sein müsste. Aufgegeben habe ich übrigens keine Sekunde vor Ablauf der Qualizeit, Spass hatte es mir dennoch sehr gemacht und auch den Wert vom Erlebnis, im Wettkampfsetting vor solchen schwierigen bzw. unmöglichen Bouldern "nicht einfach weglaufen zu können" ist nicht zu unterschätzen. Hin und wieder aufgezeigt zu erhalten, dass es noch diverse Hausaufgaben zu erledigen gibt, ist doch das Öl im Getriebe, das die Sache am Laufen hält 😎. 

Unfruitful Effort bei Nr. 40. Links steht auf gar nichts, rechts auf einem ultraglatten Mini-No-Tex und dann sollte so wohl ein Paddle Dyno eingeleitet werden  🤨. Hätte ich jetzt nicht schreiben müssen, das Foto sieht ja noch halbwegs gekonnt aus, auf einem Video sähe es wohl anders aus... Foto by Martin Knobel.

Montag, 24. März 2025

Gonzen / Wangwand - Heimspiel (7c, 8 SL, Erstbegehung)

Die Wangwand ist quasi die "zweite Wand" am Gonzen, während langer Zeit wurde sie wenig beachtet und bisher gab es mit der kaum begangenen Milzbrand (10 SL, 7c) nur eine einzige Route aus dem Jahre 2001, welche sie komplett durchstieg. Mit einer Höhendifferenz von ~260m und einer Kletterlänge von deutlich über 300m handelt es sich aber doch um ein grosses und eindrückliches Gemäuer. Dass sich da noch Potenzial für Neutouren bieten würde, war offensichtlich. Und es waren sogar noch sehr logische Linie zu holen, z.B. entlang von einem grossen System von Rampen und Verschneidungen. Genau das war die Absicht, als wir uns auf den Weg zur Wangwand machten. Daraus geworden ist eine anspruchsvolle alpine Sportkletterroute, die mit eindrücklicher Kletterei in weitestgehend tipptoppem Gonzenfels aufwartet.

Der Überblick über das Gonzenmassiv mit einigen Ortsbezeichnungen und dem Verlauf von unserer Route Heimspiel (7c, 8 SL). Im Vergleich zum veritablen Bigwall der Gonzen SE-Wand sieht die Wangwand schon beinahe klein aus. Das täuscht aber durchaus, es handelt sich um ein eindrückliches Gemäuer.

Erschliessung

Die Erschliessungsgeschichte vom Heimspiel umfasst drei Bohrtage und die erste komplette Durchsteigung der gesamten Route, welche gleich im erhofften, einwandfreien Rotpunkt-Durchstieg endete. Diese Geschehnisse werden hier im Tagebuch-Stil protokolliert. Es sei erwähnt, dass sich Daniel schon zuvor ausgiebig mit der Wangwand beschäftigt hatte, u.a. mit einer früheren Begehung von Milzbrand, zeitnäher dem Erschliessen der kürzeren Lektionen in Demut (4 SL, 7b+) und auch der kompletten Begehung des Wangwandbands

1. Juli 2023: Daniel hatte den Plan zwar schon lange in petto, aber unsere Verabredung entsteht spontan an diesem Samstagmittag: wir gehen auf Erstbegehung in der Wangwand! Der Fokus liegt dabei auf dem oberen, steileren Wandteil. Der Weg dahin ist weit: mit schweren Gepäck geht es mühsam am Nasenloch vorbei auf einer alpinen Kraxelroute mit vielen gemüsig-brüchigen Stellen bis zum fünften Grad aufs Band hoch und auf diesem querend zum Einstieg, Zeitbedarf vom Wandfuss rund 2.5 Stunden. Um 16.45 Uhr rattert der Bohrer endlich und die erste Zwischensicherung fährt in den Fels. Die nachmalige L5 entpuppt sich als eine ziemliche Herausforderung für das Einbohren im Vorstieg, so verrinnt die Zeit zügig und wir müssen nach dieser Seillänge bereits die Segel streichen. Als schnellsten Weg nach Hause identifizieren wir das Abseilen über den unteren Wandteil. Mit 4x60m-Strecken gelingt und das zügig und recht bequem. Vor allem eröffnet es auch die Perspektive, dass sich da durchaus eine lohnende Kletterlinie als "Zustieg" finden lässt. Mit dem komplizierten und aufwändigen Zugang über das Nasenloch wäre die Route kaum ein Hit geworden.

Impressionen von unserem ersten Bohrtag an der Wangwand. Der schwer bepackte Zustieg bei feuchter Hitze in mühsam krautigem Kraxelgelände mit einzelnen Kletterstellen bis zum fünften Grad bei nicht ganz so optimaler Felsqualität war kein Zuckerschlecken. Umso glücklicher waren wir dann, als wir endlich richtig loslegen konnten und sich schon die ersten Meter der Route als nach unserem Gusto entpuppten.

29. Dezember 2023: Die Altjahreswoche 2023 ist sehr mild, die Wangwand weitestgehend schneefrei und auf unserer Linie einwandfrei trocken, wiederum sehr spontan entsteht eine Verabredung zum Einbohren. Trotz der kurzen Tageslänge können wir einen Versuch im unteren Wandteil wagen und wollen sehen, wie weit wir kommen. Es kommt viel besser wie erwartet: wir sind sehr effizient und schaffen es tatsächlich, die 230 Klettermeter bis aufs Wangwandband und dem Start von L5 in einem Zug zu erschliessen. Das Terrain lässt es zu, dass wir sehr lange, an die 60m heranreichende Seillängen einrichten. Die Standplätze entsprechen dabei genau den Punkten, an welchen wir am 1. Juli abgeseilt haben - natürlich damals schon mit dem Blick auf die ideale Kletterlinie und bequemen Stationen. 

Impressionen von unserem zweiten Bohrtag Ende Dezember 2023. V.l.n.r sieht man L2, L3 und L4. 

7. April 2024: Wir starten den nächsten Angriff. Abschätzungen zu Folge sind es wohl nur noch 60-70m, welche uns noch fehlen bis zum Top der Wand. Steil und schwierig aber, und damit ein happiger Brocken. Doch die Tage sind schon deutlich länger, gutes Wetter ist uns hold und so würde es uns im Idealfall gelingen, die Route zu vollenden. Wir steigen reichlich bepackt über die Gemsweid hinauf (für mich die erste Begehung dieses T6-Klassikers) und wollen den Vortriebspunkt vom mutmasslichen Ausstieg der Route her abseilend erreichen. Das geht viel einfacher wie gedacht, mit einem gestreckten 60m-Manöver gelangen wir zu Stand 5 und damit direkt zur gewünschten Stelle. Eigentlich besteht die Aufgabe aus einer überschaubaren Distanz, doch beim Einbohren machen Schwierigkeit und Steilheit die Sache aus, nicht die Klettermeter. Es geht aber auf, mit vereinten und letzten Kräften schaffen wir es ans Top, die Route ist komplett erschlossen.

Und das ist der dritte Bohrtag in kurzer Zusammenfassung. Links der steile Fels mit Blick zum Fläscherberg, fotografiert ab Stand 5. Mittig der Ausblick von der Wang (d.h. oberhalb der Wand) nach Mels und ins Weisstannental. Rechts: vom Aufstieg über die Gemsweid konnten wir sehr gut Einblicke in die nach links geöffnete Wand der grossen Verschneidung (d.h. unseren Routenverlauf) erhalten. Und wie man im Zoom klar sehen kann: unserer Route haftet ganz klar ein Hauch von Blaue Lagune an.

19. Januar 2025: Es vergeht viel Zeit bis zu einem ersten Durchstiegsversuch. Die Gründe: im Sommer ist es zu heiss und im Herbst passten weder die Gelegenheiten noch die Vorbereitung. So machen wir uns wieder einmal mitten im Winter auf den Weg. Abgesehen von der zur Zeit fehlenden MSL-Routine kein Problem, denn Zustiegsgelände und Wand sind schneefrei. Bald stehen wir gemeinsam am Einstieg und stellen fest: ein paar fehlende Kletterfinken verhindern den Go. Wir disponieren zur nahe gelegenen Nasenlochplatte um. Das beschert uns einen genialen Klettertag und sowieso: Daniel hatte zu diesem Zeitpunkt seine "Hausaufgaben" noch nicht gemacht. Diese bestanden im sorgfältigen Ausbouldern der Seillängen im oberen Teil, damit auch überall eine tragfähige Durchstiegslösung vorhanden war. Auch mit vorhandenen Kletterfinken wäre uns ein Erfolg an diesem Tag nicht sicher gewesen.

Der Zustieg voller Hoffnung im Januar 2025, die fehlenden Kletterfinken im reich befüllten Haulbag waren da noch nicht bemerkt. Es gibt jedoch nichts zu verzagen hier: erstens gab es zumindest dieses sehr schöne Wandfoto und zweitens verbrachten wir dennoch einen sehr schönen Klettertag an der Nasenlochplatte, welche im Bereich des rechten Bildrandes sogar auf diesem Foto sichtbar ist.

8. März 2025: Nun soll es klappen! Bei Daniel sind die Hausaufgaben gemacht, die Bikes sind gepumpt und geladen und die Ausrüstung wird beim Ausgangspunkt vor der Garage von Daniel nochmals sorgfältig geprüft. Es fehlt an nichts und beste Bedingungen begleiten uns. Zudem würden die nun schon wieder längeren Tage auch den einen oder anderen Fehlversuch beim Punkten erlauben. Die einzigen Zweifel bestehen darin, dass an der MSL-Form noch kaum gefeilt werden konnte, womit die Kraftreserven womöglich vor Erreichen des Ausstiegs schon dahingeschmolzen wären - erst recht dann, wenn harte Längen mehrfach angegangen werden müssten. Schliesslich ist das alles aber kein Faktor. Wie ich es mir von wiederholtem Anschauungsunterricht reichlich gewohnt bin, ist Daniel auf der Höhe der Aufgabe und steigt alle Seillängen auf Anhieb durch. Das Resultat ist die erwünschte, komplett sturzfreie RP-Begehung und damit der krönende Abschluss des Projekts.

Die beiden Protagonisten bevor es mit der RP-Begehung zur Sache gehen soll. Im Bild gut sichtbar (näher bei Daniel wie bei mir) ist der Einstiegs-BH, welcher den nicht ganz trivialen Einstiegsboulder absichert. Der weitere Routenverlauf ist dann entlang der natürlichen Rampen- und Verschneidungslinie genau oberhalb dieses Bohrhakens.

Zustieg

Ab Sargans dem Gonzen entgegen, d.h. auf der Ratellerstrasse nach Prod. Auf einer Höhe von 680m geht's nach rechts hinauf in den Wald. Beim P.731, der sich 300m nach dem Waldeingang befindet, gilt geradeaus Fahrverbot. Entweder da stationieren, oder links auf steiler, schmaler Waldstrasse noch hinauf zum Holzplatz bei P.790, wo es ein paar wenige weitere Parkplätze gibt. Ab hier dem Wanderweg folgend zur Erzbildkapelle und weiter zur Waldstrasse bei P.965. Vorbei an der «Staatswald»-Hütte und weiter via P.1109 zum Cholplatz (P.1155). Dann dem markierten Weg zur Leiter folgen bis zur markanten Natursteinmauer in Falllinie der gut sichtbaren Wand. Nun direkt in oder neben der Geröllrunse hinauf zum Einstieg, welcher sich an deren Beginn/Ende auf einer Höhe von 1240m befindet. Total ca. 45-60 Minuten zu Fuss. Mit einem E-MTB kann mit entsprechendem Fahrkönnen gut bis zum P.1109 gefahren werden, von wo es nur noch ca. 15 Minuten zum Einstieg sind.

Ambiente im Zustieg.

Routenbeschreibung

Wangwand - Heimspiel 7c (7b obl.) - 8 SL, 325m - Marcel Dettling, Daniel Benz 2025
Material: 2x60m-Seile, 12 Express, Cams 0.3-0.75

L1, 50m, 6b: Mit einem Einstiegsboulder geht's los. Im Dezember 2023 wurde dieser das erste Mal ab einem 2m hohen Schneepodest (und damit nur halb) geklettert, so entpuppte sich die Sache bei aperen Verhältnissen im März 2025 doch als kniffliger wie gedacht. Der Rest der Seillänge verläuft über eher glatte, dafür flache Platten und ist deutlich einfacher. Die Bohrhaken erlauben es, sich über die kompakten Zonen zu bewegen und die grasigen und gerölligen Bänder weitgehend zu vermeiden.

Nicht gerade beste Werbung für L1 (6b)... der Fels auf der Kletterlinie ist kompakt, die Bänder geröllig.

L2, 60m, 6b+: Hier gibt's fast ein Fussballfeld voll typischer Gonzenplatte mit der charakteristischen, leicht diagonalen Felsschichtung. Mal kommt man erstaunlich einfach voran, dann wieder ist es plötzlich doch gar nicht so einfach. Zwischendurch heisst es auch zwischen den Haken in etwas verschärftem Stil zu moven, ein paar kleine Cams bringt man auch noch unter. Vom Fels her meist ganz ordentlich, wenn auch nicht top.

Diese grosse Platte gilt es in L2 (6b+) zu bewältigen. 60m Kletterei am Stück, es wird nicht langweilig.

L3, 60m, 6a+: Ca. 15 einfache Meter in geneigtem und teils etwas schuttigem Gelände führen an steileres Gelände heran. Über eine Wandstufe etabliert man sich in der hier ansetzenden Verschneidungsrampe. Den Winkel nutzt man aber schlussendlich kaum, weil der Fels auf der liegenden Rampe sehr griffig und gut strukturiert ist. Eine lässige Turnerei führt also in die Höhe. Nach dem drittletzten Haken hilft eine Rechtsschleife, die Schwierigkeiten homogen gemässigt zu halten.

Daniel auf der Verschneidungsrampe mit ihrem gut strukturierten Fels in L3 (6a+).

L4, 60m, 7a: Eine sehr lange und abwechslungsreiche Reise führt nun schon hinauf bis auf das Mittelband. Los geht's in der Rampenwand. Sieht zwar einfach aus, ist es aber nicht so wirklich. Weite Moves an Leisten, das Gleichgewicht wird auch gefordert, später heisst es eine kleine Verschneidung in die Sequenz einzubauen. Einfacher kommt man schliesslich zu dem Punkt, wo sich die Rampe verliert und wandartig steil geklettert werden muss. Erst gutgriffig, dann aber mit einer verzwickten 7a-Stelle an Slopern. Dieser entstiegen, geht's gerade voraus (Sicherung mit Cams) und erst unter dem folgenden Dach wieder nach links. Es kommen dort BH, welche von unten nicht sichtbar sind. Zuletzt der Ausstieg auf's grasige Band, hinauf und etwas nach rechts zum Stand ist das Motto.

Los geht's auf die weite Reise in L4 (7a).

L5, 35m, 7a+: Nun geht's ans Eingemachte, wirklich einfach ist's bis zum Ende der Route nie mehr. Das verspürt man schon gleich am Einstiegsüberhang, wo heftig an ein paar kleinen Leisten geriegelt werden muss. Vorerst geht's nochmals etwas zugänglicher hinauf und nach rechts in die Verschneidung hinein. Diese ist wohl bei einem grossen Felsausbruch entstanden und wartet mit sehr speziellem Gestein auf, welches von einer Calcit-Schicht überzogen ist. Bouldrige Passagen wechseln mit akzeptablen Ruhepunkten ab und bringen einen zur finalen Querung unter dem Dach: eine sehr knifflige Sache, welche auch solide Fusstechnik verlangt.

Daniel unterwegs in L5 (7a+). Bis zum Dach hinauf, da links, dann Richtung Segelflieger.

L6, 25m, 7c: Vom Stand weg geht's erst grad noch einigermassen, mit Leistenkletterei im 7a/+ Bereich. Gegen die Mitte hin zieht's dann massiv an. Kleinste Crimper wollen gekrallt sein und die Trittarmut verlangt abgefahrene Bewegungen plus die nötige Körperspannung, um den Druck an den Kontakpunkten mit dem Fels aufrecht zu erhalten. Leisten dübeln und sich ja nicht abschütteln lassen heisst's dann auch in der luftigen Rechtstraverse, die Ausdauer wird zum Faktor! Wer diese Passage meistert, wird bestimmt auch die finale Stelle an der Kante draussen noch packen. Hinweis: für den Nachsteiger ist es vorteilhaft, wenn der zweitletzte Haken lang geklippt (oder wieder ausgehängt ist), sonst droht ein ungeschmeidiger Pendler in den luftleeren Raum.

Luftiger Exit zu L6 (7c) an der Kante, hoch über Sargans.

L7, 20m, 7a: Mehr oder weniger das einzige Mal im oberen Wandteil tauchen hier so richtig gute Griffe auf an stark strukturiertem Fels auf. So wartet erst eine lässige, wenn auch nicht ganz triviale Turnerei. Mittig leitet ein cooler Toehook eine athletische Challenge ein, die zu einem eher schon wieder sloprigen Finale führt, wo man sich geschickt positionieren muss. Man erreicht so den an sich bequemen Zwischenstand, kann aber auch gleich weiterziehen in...

Aus L7 (7a) kommt eines vom Einbohren zum Zug.

L8, 20m, 7b: Gleich nach dem Stand geht's los, es wartet ein Slab-Boulderproblem, welches jeden Wettkampf bereichern würde. Und es lässt sogar mehrere Beta-Optionen offen: Daniel und ich präferieren da unterschiedliche Varianten. Man erreicht schliesslich eine Schuppe mit einem unter- bzw. seitgriffigen Schlitz, den man dankend annimmt. Ein paar gescheite Tritte anstatt nur glatter Wand wären auch noch nett, aber die gibt es halt leider nicht. So wird man vorgebrutzelt, in Konsequenz testet der heimtückische Exit ins flachere Ausstiegsterrain, wie viel Strom noch übrig geblieben ist. Man sei gewarnt, an diesen Slopern kann man gerne noch abgeworfen werden. Erst recht, wenn man die Optimallösung nicht kennt - aber nicht nur dann!

Im Schlussteil der Route (L8, 7b) wartet nochmals eine sehr knifflige Platte.

Abstieg

Die unseres Erachtens bequemste und wohl meistgenutzte Variante ist das Abseilen über die Route wie im Topo beschrieben: es sind 6 Manöver nötig, die ziemlich direkt verlaufen und nur wenig Seilpflege erfordern. Achtung, 2x60m-Seile sind dabei zwingend, sonst brennt man an (das gilt allerdings auch schon beim Klettern)! Es kann auch zu Fuss abgestiegen werden, folgende Optionen bestehen dabei:

  1. Vom Ausstieg auf ca. 1500m steil und zuerst linkshaltend durch den Wald hinab. Trotz teilweiser Spuren/Wildwechsel kann das heikel sein, bei schlechten Bedingungen oder wenn man die Optimallinie verliert sind Abseilmanöver an Bäumen in Betracht zu ziehen. Nach ca. 200hm Abstieg erreicht man den Weg zur Gonzenleiter, über welchen man in wenigen Minuten zurück unter die Wand bzw. zum Cholplatz gelangt.
  2. Vom Ausstieg mehr oder weniger der Wandkante entlang zum offenen Gelände von Wang aufsteigen, am einfachsten die ganzen ca. 80hm zur Hütte bzw. zum Beginn/Ende des Rieterwegs bei P.1583. Von dort auf dem Weg ca. 100m horizontal nordwärts halten, dann über Weidegelände mit recht guter Wegspur hinab nach Älpli, wo man auf ca. 1340m auf den Leiternweg trifft. Über diesen zurück unter die Wand bzw. zum Cholplatz. Dieser Weg bietet keine Schwierigkeiten, ist aber klar länger/weiter.

Vom Einstieg, bzw. der Natursteinmauer unterhalb dem Einstieg auf demselben Weg retour zum Ausgangspunkt wie man gekommen ist. Wer als Biker ein paar weitere Adrenalinausstösse wünscht, dem kann der Gonzen-Downhill empfohlen werden: vom Bikedepot bei P.1109 zu P.965 wie im Aufstieg, über den Wanderweg via die Erzbildkapelle zu P.790, über den Erzweg westwärts haltend zu P.678, runter zur Passatistrasse, dieser ostwärts folgen zu P.541, ab dort dem Singletrail folgend Richtung Städtli Sargans und unter dem Schloss durch ins Zentrum bzw. zum Bahnhof.

Material, Absicherung, Topo und Hinweise

Die Route ist durchgehend mit soliden, rostfreien Bohrhaken abgesichert. Im einfacheren Gelände des unteren Wandteils steckt nicht alle 2m ein Bolt. Die Absicherung ist aber vernünftig und als xxx zu werten: die BH sind alle gut sichtbar und auf derbe Runouts wurde verzichtet. Im oberen, schwierigeren Wandteil stecken die Haken enger. Dividiert man jeweils Meterlänge durch Anzahl Bohrhaken, so konstatiert man gute MSL-Absicherung auf Niveau xxxx. Trotzdem gibt's ein paar knackige, zwingende Passagen. Sprich, es muss auch zwischen den Haken bouldrig-schwierig-knifflig gemovt werden, die Strategie A0 funktioniert da nicht. Diese Stellen sind aber in sturzfreundlichem Gelände, die Standplätze sind genügend komfortabel, dass eine dynamische Sicherung möglich ist. Damit ist diese Art der Hakenplatzierung nicht ein Bug, sondern ein Feature der Route. 

Die Schlussquerung unter dem grossen Dach am Ende von L5 (7a+) ist nicht ohne.

Die Materialangaben kann man direkt dem PDF-Topo entnehmen. Wenn nicht gerade Schnee bis ins Tal liegt, kann die Route oft auch im Winterhalbjahr begangen werden. Das Band am Ende von L2 sollte jedoch schneefrei sein. Das lässt sich auf der Webcam vom Pizol gut überprüfen. Zu dieser Jahreszeit scheint die Sonne von ihrem Aufgang bis zum Untergang an die Wand. Im Sommer ist es ausser an bewölkten Tagen eher zu heiss, wobei Föhn, Bise oder starke Thermik für gute Durchlüftung Sorgen können.

Der spektakuläre Schlusspunkt zu diesem Beitrag, und zum zweiten Bohrtag am 29. Dezember 2023.

Mittwoch, 12. März 2025

Pizzo d'Eus - Vai con gli amici (7b)

Wenn man in der Schweiz im Winter lange und anspruchsvolle MSL klettern möchte, dann ist das Tessin die Destination der Wahl. Und ist man insbesondere auf den Schwierigkeitsbereich um 7b/7c fokussiert, so ist es die fabelhafte Wand vom Pizzo d'Eus. Bereits wieder über 3 Jahre ist es her, seit wir in einem Doppelbesuch die Radici del Silvio und die Magic Rampit geklettert hatten. Nun waren die Bedingungen und der freie Slot im Kalender wieder einmal gegeben. Wie es um die Kletterform stünde, war hingegen eine andere Frage. Klar, gebouldert worden war schon fleissig, aber die Capacity für einen langen und anspruchsvollen MSL-Tag wurde nicht trainiert. Somit würde es wohl gleich einen ziemlichen Hammer geben, aber probieren wollten wir es auf jeden Fall.

Auf einer Klettertour am Pizzo d'Eus sieht man die Wand nur aus einer Bottom-Up-Perspektive und kann kein gutes Wandfoto schiessen. Somit ist das alles, was wir haben. Einen gewissen Eindruck vom Verlauf der Vai con gli amici gibt es aber doch. Die rote Linie beginnt jedoch erst in L4, dann ist der Verlauf bis zu L9 vor dem Band recht gut sichtbar. Ebenso sieht man noch die beiden schwierigen Seillängen, welche nach dem Band folgen.

Zustieg

Ohne Einsatz geht eine Tour am Pizzo d'Eus nicht ab, der Tag startete mit sehr frühem Aufstehen um 3.45 Uhr. Der schöne Nebeneffekt waren komplett freie Strassen Richtung Süden, so dass wir um 7.15 Uhr mit dem Zustieg starteten. Dieser hielt schon bald ein spannendes Element bereit, nämlich die Überquerung des Riale di Pincascia. Hatte diese damals bei der Cacciatori di Pareti eine Kneippkur im eiskalten Wasser erfordert, so ging es im Februar 2022 bequem von Stein zu Stein hopsend. Nun war der Winter 2025 längst nicht so trocken gewesen wie jener drei Jahre zuvor. Was das wohl hiesse? Mehr Wasser im Fluss, das war ganz sicher. Es ging gerade noch, um trockenen Fusses ans andere Ufer zu kommen. Das Fazit war aber: nur noch ein bisschen mehr an Wasser, dann wäre dem nicht mehr so. Sodann wählten wir die 2022 ausgecheckte Abkürzung via Cürt. Natürlich war der Effekt unseres Laubrechens von damals längst verpufft, aber die spärlichen Markierungen waren noch da und der Wegverlauf meist vernünftig erkennbar.

Die potenziell problematische Überquerung des Riale di Pincascia. Zugegeben, so spektakulär sieht das nun nicht wirklich aus. Der Punkt ist mehr der: wenn der Stein, der mit beiden Füssen genommen wird unter Wasser ist, dann geht's eben nicht mehr trockenen Fusses. Und dazu fehlte nicht viel, auf dem Rückweg dann übrigens sogar noch weniger.

So hatten wir keine Orientierungsprobleme und gelangten zügig in knapp 1:20h zum Punkt, wo der Wanderweg am Ende der Ketten über eine Plattenzone gegen die Wand hin verlassen wird. Wir legten ein Depot an, da wir mit Haulbag klettern wollten und die Schuhe für einen möglichen Fussabstieg mitführten. Dann machten wir uns auf zum Wandfuss, wobei noch steiles Schrofengelände (tw. Fixseile vorhanden) bewältigt werden muss. Den Einstieg kannten wir schon von früher, er befindet sich mehr oder weniger dort, wo man im Zustieg an die Wand stösst, bei einer grossen, angelehnten Felsplatte. An deren rechtem Rand befindet sich auf Brusthöhe ein Dübel ohne Plättli, die erste BH-Zwischensicherung auf 3m Höhe ist gut sichtbar (sonst jedoch nichts). Um 9.20 Uhr starteten wir schliesslich mit der Kletterei - rein sonnenbedingt wäre dies sicher schon mindestens 30, möglicherweise sogar 60 Minuten früher möglich gewesen. Zu erwähnen ist noch, dass das Einstiegsgelände wirklich extrem zeckenversucht ist. Trotz "noch Winter" und absenter Vegetation krabbelten bald einige der Viecher an einem herum.

Passt hierher, aber wichtig: die Route ist am Einstieg nicht angeschrieben! Das Foto ist vom Ende von L11, am Beginn des letzten Routenteils auf dem diagonalen Grasband, welches die ganze Wand durchzieht.

Routenbeschreibung

L1, 25m, 6a: Von der angelehnten Platte weg startet man in die leistige Wand. Den ersten BH hat man bald einmal überklettert und weil nichts liegt, droht das Einkratern auf Terra Firma. Das Gelände wird dann zwar einfacher, aber auch etwas gemüsig. Die Felsqualität ist eher soso, die Schuppen tönen alle dumpf. Ein herber Auftakt, "Augen zu und durch" muss das Motto lauten. Der zweite Teil wartet dann hingegen mit echt cooler Kletterei auf. Unter einem Dachriegel quert man im Layback an Untergriffen anstrengend nach links hinauf und muss dabei selber legen. Zuletzt dann über das Dach hinweg (BH). Taffe Sache das, ich sehe die Bewertung (im Kontext der Route) mindestens bei 6a+, eher bei 6b.

Fordernde Untergriffkletterei einem Dachriegel entlang im oberen Teil von L1 (6a hard).

L2, 35m, 6b+: Ein BH ist erst in weiter Ferne erkennbar. Aber immerhin, man sieht den Richtungsweiser und der Weg dahin an Schuppen, Rissen und Verschneidungen ist klar vorgegeben. Super Kletterei, legen kann man gut, wenn auch nicht ganz immer à discretion. Einzig der dumpfe Klang von einigen Schuppen wirft die Frage auf, wie zuverlässig die Sicherungen sind. Vom BH weg wechselt es dann auf formidable Wandkletterei, die sich erst zwar athletisch, aber gutgriffig mit lochartigen Taschen präsentiert. Ein einfacher Runout in gängigem Henkelterrain führt zu einem letzten BH vor dem Grasband-Ausstieg, für längere Zeit der letzte richtig bequeme Stand.

Steile, selbst abzusichernde Kletterei an Schuppen, Rissen und Verschneidungen in L2 (6b).

L3, 30m, 6c: Achtung, die BH direkt oberhalb vom Stand gehören zur Nachbarroute Tempo per respirare. Sie sind aber eh nicht einfach erreichbar und der Weg dem markanten, diagonal nach links ziehenden Fingerriss entlang ist klar vorgegeben, zudem sind die ersten zwei BH erkennbar. Der Riss klettert sich extrageil, es heisst wegen Trittarmut ein paar Mal entschlossen zuzupacken, bevor man zu einer angelehnten Schuppe (etwas spooky) gelangt. An dieser hangelnd oder (wer wagt es?) darauf gehend  zu BH, dann folgt ein weiter Sicherungsabstand mit Wandkletterei an den ortsüblichen, lochähnlichen Taschen - genial! Der folgende BH ist strategisch platziert, man erkenne die Optimallinie. Ziemlich viele tolle Moves sind nötig, um den Ausgangspunkt für den finalen Boulder 3m über dem letzten Bolt zu erreichen. Mitbringen tut man für diesen im Idealfall einen (wirklich kleinen) Microcam plus die nötige Körpergrösse, um ihn am Ansatz der Schuppe platzieren zu können. Weiter braucht es die Körpergrösse dann auch, um einen Seitgriff an der Schuppe zu kriegen, an welchem man seinen rechten Fuss auf Kopfhöhe platziert und sich auf einer Leiste aufrichtet. Für Kleingewachsene könnte diese Stelle eine ziemliche Herausforderung sein.

Erst ein toller Riss, dann folgt in L3 (6c) vorwiegend Wandkletterei.

L4, 25m, 6b+: Der erste BH folgt gleich nach dem Stand, aber er steckt hoch und ist tricky zu klippen. Er sichert einen Wandkletter-Boulder, der an eine kleine Verschneidung führt, in welcher man die nächsten Meter zügig gewinnt. Doch dann folgt das Problem: der nächste BH steckt etwa 4m rechts oben und muss mit einer heiklen Plattentraverse angeklettert werden. Vor Beginn dieser Passage habe ich zwar drei Klemmgeräte gelegt. Die Placements sind aber alle flared und meines Erachtens nicht zuverlässig. Einen Sturz darf man da keinesfalls riskieren: er wäre weit, Faktor >> 1 und das Risiko von einem Zusammenprall aus 10m Höhe mit der Sicherungsperson ist auch da. Die Stelle ist vielleicht schon nur ca. 6a/6a+, aber unangenehm, balancy und (auch mit Kraftreserven) schwer kontrollierbar. Kurzum, ein ziemlicher Mist. Zum nächsten BH geht's dann einfacher, der steckt aber hoch und erfordert einen Umweg. Nachher gibt's dann noch 10m horizontale Plattenquerung "senza fix", aber es kommt mittig noch ein gutes Placement. Im Vorstieg passt's schon, im Nachstieg hingegen ist es recht giftig.

Jetzt bloss nicht stürzen! Es sind hier in L4 (6b+) von der Position des Kletterers nochmals ca. 3m zum nächsten BH und die gelegten Cams sind leider in keinen zuverlässigen Placements. Zudem spielt sich dieser Runout wie man sieht in Gelände ab, welches auch noch feucht/nass sein kann. Dann wäre da eh finito, bei uns hatte die Sonne den während dem Zustieg noch präsenten Wasserstreifen abgetrocknet.

Plattige Querung am Ende von L4 (6b+), für den Nachstieg eher ungünstig abgesichert.

L5, 20m, 6c: Nochmals eine supercoole Seillänge! Wandkletter-Auftakt, wo der eine BH optimal steckt, ein bisschen kann man noch ergänzen. Wenn man die Linie findet, geht's gut auf. Die führt zu einer rissigen Steilstufe, wo zwingend und recht athletisch gejammt werden muss. Für diese Stelle sind Risshandschuhe komfortabel. Der Exit aus dieser Passage erfordert dann die Bedienung des (im O-Ton von Viktor) "grössten Slopers im Tessin". Tricky Sache, zudem auch zwingend mit den Füssen über dem letzten Cam. Man schiebt und stützt sich schliesslich hinauf zu einer letzten Hangelquerung, auch diese will mobil gesichert werden.

Ausblick auf die tolle L5 (6c), welche zur Überhangzone heranführt.

Nochmals anspruchsvolle Sloper Hugging Stelle am Ende von L5 (6c), legen geht erst danach wieder.

L6, 25m, 7b: In dieser Seillänge wird der fette Überhang bezwungen, welcher mittig die Wand durchzieht. Die Sache beginnt mit einem, gängigen, griffig-rissigen Auftakt, wo das Platzieren von ein, zwei Cams nicht verkehrt ist. Nach einer letzten Ruhepause gilt es dann ernst, wobei vorerst Schuppen mit kernigen Henkeln warten, die einen in eine luftige Position bringen. Gegen das Ende hin werden die Griffe trotz bleibender Steilheit kleiner und es folgt die Crux. Nicht einfach zum Onsighten meine ich - doch schon die Angabe vom Grund warum das so ist, wäre zu viel verraten. Immerhin, die Erschliesser haben uns Wiederholern die Sache einfacher gemacht, indem sie im Bereich der härtesten Moves zwei Dübel wieder abgebrochen haben. Somit muss auf dem Cruxabschnitt nur 1x statt 3x geklippt werden 🙄 Kraftsparend also, aber mit entsprechendem Effekt auf die Verpflichtung, die Stelle obligatorisch klettern zu müssen. Zum Stand hinauf gilt es dann noch etwas Rési zu beweisen - fehlt diese, könnte man auch da noch abgeworfen werden.

Im Ausstieg von L7 (7b) ist noch etwas Biss nötig.

L7, 30m, 6c: Ein Abschnitt mit steiler (+/- senkrechter) Wandkletterei, welcher aufgrund der spärlichen Absicherung nur so mässig Freude macht. Den ersten BH erreicht man noch bald einmal, doch dann turnt man direkt über dem Stand eine Weile rum, bis die zweite Sicherung einschnappt. Weitere sind aus dieser Position keine erkennbar. Bzw. jene die etwas rechts erkenn- und erreichbar sind, gehören zur hier nahe verlaufenden Tempo per respirare (8a) und sind die falsche Adresse. Es geht mit einem längeren Abstand gerade hinauf. Im Rückblick ist das schon griffiges, nicht wirklich schwieriges Terrain. Aber ohne dies zu wissen und ohne klare Orientierung ist es einfach ein Mist. Man riskiert aus über 15m Höhe einen Sturz mit Faktor >1 und ob man einen allfälligen Flug am Sicherungspersonal vorbeisteuern könnte ist unsicher. Zum Stand hin dann weiterhin Runout, das Gelände legt sich aber etwas zurück. PS: legen kann man auf dieser Seillänge kaum zuverlässig.

Steile Wandkletterei in toll strukturiertem Fels, aber (zu) knappe Absicherung in L7 (6c).

L8, 25m, 6c: Im gleichen Stil wie in der Länge davor geht es weiter. Die ersten beiden BH kommen bald einmal nach dem Stand (der zweite ist etwas rechts versteckt und könnte übersehen werden). Bis zum Stand gibt's dann nur mehr einen weiteren BH - wobei man sich dank der zurücklegenden Steilheit hier immerhin nur von No-Hander zu No-Hander vorwärtskämpfen muss. Mitten in einem weiten Abstand bietet eine Schuppe ein gutes Placement für den 0.3er Cam. Nur leider tönt sie dumpf/hohl, das Bomber Placement ist es somit leider nicht. Zur Bewertung muss man noch sagen, dass wir die 6c hier nicht nachvollziehen konnten. Nach meinem Empfinden war es bis zu diesem Punkt sogar der einfachste Abschnitt der Route.

Dito L7 kann man hier sagen, wobei: L8 (6c) ist weniger steil und kam uns deutlich einfacher vor.

L9, 40m, 6b+: Vom Stand zum gut sichtbaren ersten BH, nach diesem folgt ein langer, athletischer Move, der etwas Entschlossenheit verlangt. Der wahnwitzig erscheinende Runout zum nächsten Silberling kann tatsächlich nicht mobil entschärft werden. Zum Glück entpuppt sich die Kletterei als gutmütiger wie befürchtet, einfach ein Sturz liegt nicht drin. In diesem Stil geht es auch weiter (relativ einfache, ziemlich griffige Kletterei bei weiten Abständen), bis es zum Schluss plattig und glatt wird. Dieser Abschnitt kann vom Band oberhalb besifft werden - das Hochkommen funktioniert aber u.U. trotzdem, weil die BH da näher stecken. In freier Kletterei ist der Klipp des letzten allerdings tricky, denn auf die Lasche desjenigen darunter zu stehen wäre zwar die bequeme Lösung, gilt aber halt nicht. Wobei man sagen muss, dass da schon etwas knifflig-feine Reibung wartet, für eine Reibungs-6b+ ist es dann allerdings auch wieder relativ gutmütig.

Am Ende von L9 (6b+) wartet ein glatte, knapp strukturierte Platte. Gut gesichert, aber wohl oft nass.

L10, 20m, 4a: Kurz im Fels und dann ins Gras, das ist das Motto. Es geht nicht etwa direkt voraus, sondern rechts über die geneigte Platte. Obwohl die Erschliesser sonst mit den BH eher gegeizt haben, stecken hier in kurzem Abstand zwei Exemplare- wohl weil dieser Abschnitt oft feucht, dreckig und glibberig ist. Bei unserer Begehung traf dies zu und in diesem Zustand war der Abschnitt nicht in freier Kletterei zu bewältigen. Nachher dann geradeaus hinauf zu BH-Stand am Fuss der oberen Wand.

Querung über das Band (L11): easy, aber das verdorrte Gras ist extrem rutschig!

L11, 40m, Gehgelände: Es folgt nun eine Traverse über das Band nach rechts hinunter. Man passiert dabei erst den Stand von Tempo per respirare, dann jenen der Magic Rampit und erst nachdem man etwas um die Ecke gebogen ist, folgt dann jener für die Fortsetzung der Vai con gli amici. Es sind zwei normale, unverbundene Laschen (keine Ringe o.ä.), im März 2025 war der Routenname auch mit Farbe angeschrieben (siehe Foto oben im Abschnitt Zustieg).

Abstieg

An diesem Punkt endete unsere Begehung der Route. Der Routenverlauf im oberen Wandteil mit fünf weiteren, mutmasslich sehr anspruchsvollen Seillängen (6c+, 7a, 7a+, 6a, 5a) lag bereits schon seit einer Weile wieder im Schatten. So drückte die Feuchtigkeit wieder aus den Bändern uns Rissen. Noch viel mehr war uns aber die Zeit davongelaufen. Die Uhr war bereits auf 17.20 Uhr vorgerückt, es blieb nur noch eine knappe Stunde an Tageslicht. An Kraft und Motivation zum Weitermachen hätte es nicht unbedingt gefehlt, doch so machte dies natürlich wenig Sinn: zum Top wären wir höchstens mit einer ausgedehnten Nachtaktion gekommen. Natürlich hatten wir dies bereits am Ende von L9 erkannt, jedoch wollten wir den oberen Routenteil noch aus der Nähe inspizieren und nahmen die Mühsal der beiden gemüsigen Seillängen im Bereich des Bandes auf uns. Nun galt es, diesen Teil wieder rückgängig zu machen. D.h. zurück über das Band, welches zwar gut begehbar ist, doch wegen dem extrem rutschigen, trockenen Steilgras trotzdem gesichert werden sollte. Es folgt dann eine kurze Abseilstrecke zu Stand 9, von wo es dann sehr zügig in 5 steilen und teils sehr luftigen Manövern retour geht (9 -> 8 -> 6 -> separater Abseilstand einige Meter unterhalb von 4 -> 2 -> Einstieg). 

Hier wäre die Fortsetzung. Die Route führt nach einer 6c+ in Wandkletterei über zwei Seillängen (7a, 7a+) in den Rissen unter dem gut sichtbaren Dachbogen weiter. Wobei ein Stück offenbar nicht kletterbar ist und mit einem diagonalen Abseiler erschlichen wird. Maybe another time...

Im letzten Tageslicht stiegen wir entlang der Fixseile über die steilen Schrofen ab. Das war durchaus etwas heikel, denn von der Feuchtigkeit überronnene Granitplatten mit Laubauflage bilden einen sehr heiklen Mix, so dass wir an einer Stelle sogar noch einen kurzen Abseiler von einem Baum zogen. Zurück am Weg verpufften wir unser Material, nahmen einen Vesper ein und liefen dann um 18.50 Uhr im Schein der Stirnlampen los. Über unseren Aufstiegsweg (d.h. die Cinghiali-Abkürzung via Cürt) waren wir in gut 50 Minuten retour beim Parkplatz. Auf Kneippkur und Stahlseilhangeln konnte auch auf dem Rückweg verzichtet werden, die Flussüberquerung trockenen Fusses war aber ein Parcours-Gustostücklein und ging nur knapp. Somit verblieb der lange Heimweg mit ausreichend Gelegenheit zur Kontemplation.

Abseilen über den Grasteil von L10 (4a).

Epilog

Während der Fahrt (und auch jetzt mit distanziertem Rückblick) wurde zwar ein toller und sehr erlebnisreicher Klettertag bilanziert, welcher auch kletterstreckenmässig mit ~300m reich gefüllt war. Jedoch traten auch Fragen auf den Plan, welche die Sinnhaftigkeit vom Klettern solch teilweise (zu) spärlich abgesicherter Routen betraf. Kurzum: zur Zeit sehe ich den Reiz des Klettersports in erster Linie im Ziehen von (für mich) physisch harten und koordinativ anspruchsvollen Moves in einer sicheren Umgebung. Bzw. eben genau *nicht* beim Ausführen von an sich einfachen Bewegungen in einem gefährlichen Environment. Und obendrein: psychisch anspruchsvoll im Sinne von dass man sich zwingend im Kopf zu überwinden hat, muss es auch nicht sein. Was natürlich die Frage aufwirft, ob denn MSL-Klettern mit einer solchen Einstellung überhaupt noch die richtige Tätigkeit ist 🤔 Wobei ich den Reiz vom Klettern in einer hohen Wand mit vielen Seillängen an einem Tag nach wie vor verspüre. Vielleicht muss ich einfach sorgfältiger bei der Auswahl der Routen sein. 

Trotz allem: schön war's! Und wie man sieht: im Tessin ist es auf dieser Höhe nordseitig winterlich.

Noch etwas spezifischer in Bezug auf die gekletterte Route: in der Vai con gli amici könnte ein Sturz am falschen Ort teilweise erhebliche Konsequenzen nach sich ziehen (weite, schlecht kontrollierbare Stürze, unfreundliches Landegelände, Zusammenprall mit der Sicherungsperson). Und eine gewisse Eintretenswahrscheinlichkeit ist auch mit entsprechenden Können gegeben: klar, ultrahart sind diesen exponierten Runouts schliesslich nie. Aber teilweise eben doch mit 6a/6a+/6b-Kletterei, welche wacklig, gewagt und nicht jederzeit nach Belieben an guten Griffen reversibel ist. Neben dem Risiko wird aber auch die Kletterei so ein ständiger Eiertanz. Neben dem Landschaftserlebnis ist der Kletterflow für mich ein wesentlicher Aspekt vom Reiz der MSL-Kletterei. Und diesen Fluss findet man halt kaum, wenn man beständig nach (dann sowieso wieder kaum brauchbaren) mobilen Möglichkeiten, der Linie oder einer halbwegs stabil-sicher durchführbaren Sequenz sucht und nur im Schneckentempo vorankommt. Der Clou dabei ist auch noch, dass auf den von uns gekletterten 11 Seillängen nur (aber doch) 35 Zwischen-BH stecken. Es bräuchte keine 10 Stück mehr, damit man die Route (inkl. der zuverlässigen mobilen Möglichkeiten) als einwandfrei gut abgesichert taxieren könnte. In diesem Sinne wirkt die Sache irgendwie doppelt schade und wie eine verpasste Gelegenheit...

Facts

Pizzo d'Eus - Vai con gli amici 7b (6c+ obl.) - 16 SL, 465m - Fratagnoli/Petazzi 2012 - ****;xx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, Camalots: 1x Micros bis Grösse 0.2, 2x 0.3-0.75, 1x 1-2, Keile

Eigentlich ist schon fast alles gesagt: die Kletterei ist an sich hervorragend und bietet einen Mix von griffiger Wandkletterei und Trad-Moves an Rissen, Verschneidungen und Schuppen, ein paar wenige Slab-Passagen trifft man auch an. Die Felsqualität ist durchgehend prima mit oft erstaunlicher Struktur. Ob den seltenen Begehungen ist die Oberfläche teils etwas sandig-brösmelig, manch eine Schuppe tönt etwas hohl und gewisse (eher kurze, aber u.U. doch entscheidende) Passagen können nach Regenfällen oder im Winterhalbjahr nass sein. Wo mobil gesichert werden kann, stecken so gut wie nie Bohrhaken. Das Problem besteht jedoch mehr darin, dass nicht überall dort wo nicht (zuverlässig) mobil gesichert werden kann, Bohrhaken stecken. Die Crux-Passagen sind vernünftig geboltet und generell kann man sich schon recht gut darauf verlassen, dass dort wo es dann definitiv anspruchsvoll wird, ein BH steckt. Trotzdem, es verbleibt ein substanzieller Rest von Passagen mit nichttrivialer Kletterei, der schlicht und einfach ungenügend abgesichert ist. An Gear sollten ein paar Microcams nicht fehlen, an den Grössen um die 0.4 herum kann man kaum genügend haben (mind. doppelt, dreifach auch nicht verkehrt!). Die grossen Cams kommen nur selten zum Einsatz, die mitgeführte Grösse 3 haben wir sogar gar nie gebraucht (aber Achtung, wir haben die Route nicht bis zum Ende geklettert, evtl. braucht es sie im oberen Wandteil!). Topos und Infos zu den anderen Routen am Berg findet man im Extrem Sud von Filidor oder im SAC-Kletterführer Tessin. Anbei die Toposkizze der Erschliesser, aufgepeppt mit BH-Symbolen und einigen Kommentaren.

Toposkizze der Erschliesser, aufgepeppt mit den Sicherungssymbolen. 

Mittwoch, 5. März 2025

Nasenlochplatte

Die Nasenlochplatte ist ein neues Sportklettergebiet am Gonzen, welches sich links vom bereits länger bestehenden Sektor Erzhus befindet. Wobei die eigentlich namensgebende Route im Grad 7b+ schon vor langer Zeit im Jahr 1989 eingerichtet wurde. Sie fristete aber ein einsames und verlassenes Dasein, bis Daniel Benz vor rund zwei Jahren mit dem Einrichten von weiteren Routen begann und das Original sanierte. Inzwischen ist die Erschliessungsphase beendet und es stehen 13 Routen mit Schwierigkeiten von 7a bis 8a+ zur Verfügung. Ein kleines Mosaiksteinchen in der Geschichte dieses Gebiets konnte ich beitragen, darum hier ein Beitrag darüber.

Übersicht vom Gonzenmassiv, die Nasenlochplatte rechts am Wandfuss lokalisiert.

Am Fuss dieser Wand stand ich schon mehrmals, daran geklettert bin ich aber nur ein einziges Mal am 19. Januar 2025. An einem milden Wintertag waren wir eigentlich zum MSL-Klettern angerückt, was jedoch schliesslich durch ein Paar fehlende Kletterfinken vereitelt wurde. Der Plan B bestand darin, dass Daniel mal schnell nach Hause geht (immerhin befindet sich dieses in Sichtweite) und diese holt, während ich am fixierten Seil bereits einmal den namensgebenden Gebietsklassiker Nasenlochplatte (7b+) ausbouldern würde. Diese steilplattige Route fordert mit trickreicher Kletterei an vielen Unter- und Seitgriffen, selbstverständlich kommt auch der Fussarbeit ganz wesentliche Bedeutung zu. Die Lösungsfindung dauerte ihre geraume Zeit, denn die Route ist 35m lang, die Sache ist sehr komplex und der Möglichkeiten unzählig viele.

Fantastischer Ausblick aufs Heidiland im Zustieg. An der Wand gibt's den ganzen Tag Sonne satt!

Ich war noch mit dem letzten Abschnitt beschäftigt, als Daniel bereits wieder die letzten Meter zur Wand hinaufstieg. Dabei hatte er daheim sogar noch eine Kaffeepause einlegen müssen, um den E-Bike-Akku mit der nötigen Energie für die zweite Auffahrt zu versorgen. Der Standard-Zustieg für ihn und somit auch für mich startete direkt ab Sargans mit dem Bike, man kann aber per PW bis zum P.731 am Eingang vom Staatswald fahren. Ab dort dann per Pedes oder alternativ zeit- und kräftesparend mit dem Bike bis P.1109. Von dort zum Cholplatz und auf dem Weg zur Gonzenleiter Richtung NE. Am bequemsten zur Wand geht's auf dem alten Erzweg (dessen Abzweigung sich am Ende der markanten Natursteinmauer unter der Wangwand befindet), alternativ weiter rechts über 40hm in Falllinie im Freestyle Modus über Wald und Geröll zum Einstieg auf ca. 1260m. Ab dem Bikedepot sind es ca. 15-20 Minuten Gehzeit, vom P.731 je nach Fitness und Gehtempo eine mehr oder weniger knappe Stunde (530hm).

Los geht's!

Sodann hatte ich gleich meine Gelegenheit, meine Beta in einem Toprope-Go der Prüfung zu unterziehen. Diese fiel positiv aus - der Durchstieg gelang. Damit konnte ich es natürlich nicht gut sein lassen. Nachdem Daniel in seinem Projekt Shalom Alechem (8a) gebouldert hatte, galt es sich ans scharfe Seilende zu binden. Eigentlich musste ich ja nur nochmals exakt dasselbe Programm ausführen. Aber einfacher gesagt als getan! Und bei solch fusslastigen Routen ist halt der Vorstieg doch nochmals eine Runde fordernder. Zwar ist die Route gut abgesichert, manch eine schwierige Passage befindet sich aber doch zwischen den Haken. Im Vorstieg will/braucht man einfach ein bisschen mehr Kontrolle und Marge. Und der zusätzliche Anpressdruck an der Sohle kommt halt von mehr Zudrücken an den Griffen und mehr Spannung im Körper, was sich über die gesamte Kletterstrecke an zusätzlicher Ermüdung aufsummiert. Doch es ging gut auf - bis auf einen Klipp, der sich leider nicht wie gewünscht ausführen liess. Doch ich konnte den Schalter auf "vorwärts" umlegen und im Glauben daran weiter moven, das Seil irgendwie später vielleicht noch in den Karabiner zu kriegen. Das gelang, ebenso der Durchstieg und damit war die mutmasslich dritte Begehung der Nasenlochplatte (7b+) in den Büchern.

Fantastische Kletterei, es sind viele Unter- und Seitgriffe zu bedienen.

Später betätigte ich mich noch rechts in der Schuppenklinge (7a). Eine glatte Stelle mit nur ein paar kleinen und scharfen Kratzern forderte meinen ganzen Geist und viel vom Können. Aber es ging, der Rest der Route präsentiert sich ein bisschen gängiger. Erst vor Kurzem frisch eingebohrt worden war das zu diesem Zeitpunkt noch namenlose Projekt rechts davon. Während dem Ausräumen konnte ich dieses nicht nur begutachten, sondern auch gleich noch eine Putzaktion durchführen. Weil Daniel erst die Rechtsabzweigung wählte und die Synergie (7a) punktete, war ich dann als erster in der frisch gebügelten Route dran. Daniel erteilte mir die Freigabe, bei meinem Go auf Durchstieg angreifen zu dürfen und mir so potenziell die formelle Erstbegehung abholen zu können. Die knifflig-heikle Crux - auch hier an scharfen Kratzern, minimalen Fusstritten und mit einem Abschlussdyno in einen Henkel - ging mir gerade auf. Nun hiess es nur noch, sich die Butter nicht mehr vom Brot nehmen zu lassen. Der Rest der Route ist (für das Gebiet) vergleichsweise gutgriffig, hält aber trotzdem noch ein paar Herausforderungen bereit. Aber es gelang und so war das in der Einleitung erwähnte Mosaiksteinchen in der Geschichte des Gebiets eben beigebracht. Als Name passte Clean Service hervorragend - ein sauberer Service von Daniel, mir diese Route bis auf den letzten Feinschliff beim Putzen so zur Verfügung zu stellen. Die Schwierigkeit dürfte sich auch so im Rahmen einer 7a bewegen.

Griffgrösse in der Crux von Clean Service (7a): klein, scharf, full crimp!

Das war es für diesen grandiosen Wintertag. Wobei man sagen muss, dass diese an der Nasenlochplatte wirklich vergleichsweise sehr lange dauern. Aufgrund der freien Lage scheint die Sonne von deren Aufgang bis zur Verabschiedung am Grat vom Hüenerchopf wirklich den ganzen Tag, ohne Einschränkung durch Bäume oder andere Schattenspender. Hinzu kommt die Höhenlage auf 1260m in einer zusätzlich sowieso nebelarmen Gegend, so dass das feuchte Grau relativ selten ein Thema ist. Bei Schneelage bis ins Tal eignet sich das Gebiet natürlich nicht. Das ist aber selten der Fall, die sonnige und föhnexponierte Gonzenflanke ist normalerweise rasch aper. Im Winter 2024/2025 waren es (bisher) total nur ca. 2 Wochen, in welchen zu viel Schnee für bequeme Kletterei an der Nasenlochplatte lag. Wenn man nicht gerade wie Daniel am Fuss des Berges wohnt, so kann man mit der sehr guten Webcam vom Pizol zudem bestens prüfen, wie die Verhältnisse sind.

Daniel in der Toproute Stilles Geschrei (8a+). Die Kletterei wie in einer Rätikon-Toptour!

Facts

Gonzen / Sektor Nasenlochplatte / 13 Routen von 7a bis 8a+

Der Sektor bietet schöne senkrechte Wand- und Steilplattenkletterei in gutem, oft rauem, teils aber auch strukturarmem Fels. Es sind eine gute Klettertechnik, einwandfreie Fussarbeit, Fingerkraft und Körperspannung nötig. Oder mit anderen Worten: die Routen bieten dieselbe Art von Kletterei, wie man sie auch in den Rätikon-Toptouren findet, es ist ein ideales Trainingsgebiet dafür. Die Absicherung mit rostfreien Bohrhaken ist gut, die Abstände sind mit dem Zollstock betrachtet absolut in der Klettergartennorm. Die schwierigsten Stellen liegen aber oft zwischen den Haken, welche einem bei dieser Art der Kletterei oft weiter voneinander entfernt vorkommen, als sie es tatsächlich sind. Hier geht's zum Topo von Daniel (welches auf der Grundlage des SAC-Führers von Thomas Wälti gezeichnet wurde). Vielen herzlichen Dank für deine Arbeit am Fels und am Computer, sowie natürlich für den geschenkten First Ascent.

Ein letzter Blick auf die superkompakte Nasenlochplatte. Viel Spass am Fels 💪🏼