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Donnerstag, 30. März 2023

Sasso Altis - Poco Loco (7a+, 9 SL, Erstbegehung)

Im Februar 2022 besuchten wir das erste Mal den Sasso Altis. Die gewaltige Wand begeisterte uns mit anspruchsvoller Kletterei in bestem Tessiner Gneis. An diesem Tag reifte der Entschluss, dass wir es hier im Valle di Vergeletto mit einer Neutour probieren wollten. Klar, ein wenig "am Ende der Welt" befindet sich der Sasso durchaus, aber im Vergleich zu Destinationen wie Grönland, Patagonien oder der Antarktis ist er dann doch nur einen Katzensprung von daheim entfernt. Es dauerte schliesslich ein gutes Jahr, bis unser Projekt zur Realisierung kam. Es entpuppte sich als ganz nach unserem Gusto. Die Linie begeisterte uns mit ihrer tessintypischen, plattigen Wandkletterei mit allerlei abgefahrenen Moves. Anspruchsvolles Terrain erforderte unsere vollen Einsatz und das komplette Können - dieses aber war gut genug, um die Route komplett freizuklettern. Ein Tanz auf des Messers Schneide, der zu unseren Gunsten ausging also - insgesamt ein absolut grandioses Projekt, das enorm Freude machte!

Die Wand aus Bottom-Up-Perspektive mit allen Infos kompakt. Das komplette Topo gibt's als PDF!

Erschliessung

Exakt 370 Tage nach unseren ersten Besuch am Sasso Altis war es am 4./5. Februar 2023 soweit. Im Tessin war es schon seit Wochen trocken, von Schnee gab es in tieferen Lagen weit und breit keine Spur, zusätzlich war mildes und uneingeschränkt sonniges Winterwetter angesagt. Vor allem aber waren wir beide von Freitag- bis Sonntagabend frei. Hier gleich für 2 Tage am Stück anzureisen schien das Minimum, um die Sache effizient angehen zu können. Noch besser wären ein paar zusätzliche Tage gewesen, die Profis hätten es bestimmt so gemacht. Mit den Verpflichtungen von Beruf und Familie schien es aber wenig realistisch, auf die Möglichkeit einer solch langen, freien Zeitperiode zu warten und wir entschlossen und zum Go. So pilgerten wir an einem perfekt zum MSL-Klettern geeigneten Wintermorgen mit Seilen, Bolts und Ausrüstung megaschwer bepackt zum Sasso Altis. Die Vorkenntnisse des steilen Zustiegs machten die Sache sicher leichter, allerdings wog dies den Nachteil unserer überschweren Säcke nicht auf. Aber naja, irgendwann waren wir parat und konnten in freudiger Erwartung starten.

Auch wenn's nicht so aussieht: schwer bepackter Aufstieg zur Route, direkt über dem Fotografen.

Zum Verlauf über die unteren Platten hatten wir dank guten Fotos einen klaren Plan fassen können. Einen solchen zu haben erleichtert und verschnellert die Erschliessungsarbeit immer sehr stark. Nichts frisst so sehr Zeit wie das Werweissen darüber, wo es optimalerweise entlang gehen soll, mit dem unweigerlich folgenden Hin und Her. Dieser erste Bohrtag verlief einfach hammermässig, wir richteten die ersten 4 SL komplett ein - im Angesicht der Schwierigkeiten eine erstklassige Performance. Einerseits waren wir "chargé de force et motivation" (cit. Gebrüder Remy), andererseits war uns das Schicksal sehr gnädig. In den blankesten Zonen tauchten immer genau dort wo es am nötigsten schien die rettenden Leisten auf. Während diverse Bolts zwar durchaus Einsatz für ihre Platzierung erforderten, ging es sich immer irgendwie vernünftig aus und wir mussten nie über längere Zeit um das Bohren einer Sicherung kämpfen. Am Ende reichten dann auch unsere fixierten Seile über eine Strecke von 120m exakt auf den Boden zurück (Anmerkung der Redaktion: wäre dem nicht der Fall gewesen, so hätte die Kacke da schwer gedampft). Im Dunkeln stiegen wir durch den Steilwald ab - da wir den Weg schon ein wenig kannten ging das, für Neulinge ist es hingegen nicht so empfehlenswert.

Viktor wagt sich hinaus in eine so richtig blanke Plattenzone - die nötigen Leisten sind aber da!

Bevor wir uns aufs Ohr legen konnten, galt es noch die Akkus für den nächsten Tag zu laden. Nicht unbedingt das einfachste in einem abgelegenen Tessiner Tal. Irgendwo einfach anzuklopfen wäre die Notlösung gewesen, doch in der vernünftig nahen Dorfkneipe von Russo gab's Strom und ein feines Znacht, perfekt! So konnten wir uns gütlich aufs Ohr legen, am nächsten Morgen für einmal leicht bepackt in Rekordzeit zum Sasso aufsteigen und über die fixierten Seile zur Vortriebsstelle gelangen. Die Alpträume, dass das vor Ort belassene Bohr- und Klettermaterial wegen einer plötzlich auftretenden Unpässlichkeit dort oben versauern würde, waren zum Glück nur Phantasien geblieben. Für die folgenden Seillängen 5 und 6 hinauf zum Mittelband hatten wir keinen gleich exakten Plan mehr. Diese Zone war auf unseren Fotos vom Wandfuss schon so stark verzerrt, dass eine realistische Einschätzung des Parcours kaum mehr möglich war. In L5 ergab sich mit einer C-Schleife eine doch ganz nette Lösung, während deine Dachzone in L6 traversierend zu überwinden war. Das griffig-steile Gelände darob saugte die Energie aus den Armen, doch schliesslich war das Band erreicht.

Morgen-Jugging am zweiten Bohrtag. Schneller wie Klettern, anstrengend aber doch!

Die Zone vom Band weg war auf unseren Fotos gar nicht einsehbar. Und auf den ersten Blick ergab sich auch keine offensichtliche Möglichkeit. Somit beschlossen wir, die wenigen verbleibenden Stunden an Tageszeit zu nutzen, um erneut über die "In Destinazione..." zum Top zu klettern. Dass wir dabei das Gelände ideal studieren konnten, war natürlich der erwünschte Haupteffekt. Wir konstatierten, dass die einzig vernünftige Linie vom Band weg jene war, welche die Nachbartour nahm. Einzig ob den Dächern bestand wieder die Möglichkeit für eigenständige Meter. Daheim kontaktierte ich die Erschliesser der "In Destinazione..." und erklärte ihnen die Situation. Natürlich dürften wir gerne ihre Route für 2 SL nutzen und dann ein eigenständiges Finish einrichten, lautete die Antwort. Somit hiess die Aufgabe also, nochmals mit dem Bohrmaterial ins Vergeletto zu reisen. Wir malten uns aus, dass wir im Idealfall die Route bis L8 befreien könnten, dann den Schluss einbohren und auch dort gleich noch die Punktebuchhaltung ins Reine bringen.

Nach dem Aufstieg am Fixseil geht's weiter mit dem Einbohren von L5 (6b).

Fünf Wochen später, am 12. März 2023, kam die Gelegenheit. Das Tageslicht dauerte nun schon ein gutes Stück länger, das spielte uns in die Karten. Andererseits hatten wir nur einen einzigen Tag zur Verfügung, doch den wollten wir ausgiebig nutzen. Tagwache um 3.45 Uhr bedeutete das, grosse Dinge erfordern ihren Einsatz! Trotz allem fit, gut ausgeruht (naja, am Vortag konnte ich das Move & Groove-Finale im Grindelboulder dann doch nicht unbesucht lassen) und voller Vorfreude starteten wir in den Tag, und um 9.00 Uhr schliesslich mit der Kletterei. Während die erste Seillänge noch leicht von der Hand ging, war schon bald High Noon. Die Cruxpassagen warteten in L2 und L3. Zeit zum Ausbouldern hatte wir keine eingeplant. Das schien aber auch nicht nötig, da wir alle Passagen schon beim Einbohren entschlüsselt und freigeklettert hatten. Um im Zeitplan zu bleiben war es aber sogar fast imperativ, dass es im ersten Go mit dem Durchstieg klappte. Die Anspannung war dementsprechend gewaltig, viele Faktoren spielen da mit: der ganze Aufwand an den Sasso Altis zu kommen, die seltenen Gelegenheiten wo das überhaupt zustande kommt und der unbedingte Wille, das Projekt zu vollenden. "Mais pour ça on aime le sport" kann es da nur heissen! Und tatsächlich, beide Seillängen gelangen mir auf Anhieb, ein paar gewaltige Urschreie der Erleichterung die Konsequenz.

Diese wunderschöne und einsame Berglandschaft wurde mit den Power-Screams beschallt 😊

Damit war aber noch nicht aller Tage Abend. Zuerst einmal galt es, die nächsten 3 Seillängen bis zum grossen Band fehlerfrei zu absolvieren. Da von der Schwierigkeit her etwas tiefer eingestuft, mag das nicht als ultimativer Test scheinen. War es de fakto auch nicht, aber hier hatten wir beim Einrichten weniger Aufmerksamkeit auf die effizienteste Lösung gelegt. Zusammen mit dem Gefühl, dass so viel auf dem Spiel steht, blieb es doch stets aufregend. Aber schliesslich war das Band erreicht, wenig später hatten wir auch L7 und L8 auf dem Parcours der "In Destinazione..." bewältigt und waren um 14.00 Uhr bereit, unserem Projekt eine Ergänzung hinzuzufügen. Die initiale Stufe war so gutgriffig wie wir sie vermuteten, doch nach einer schon etwas fordernden Querung wurde es richtig zäh. Die praktisch vertikale Wand wies viel sloprige Struktur auf, an welcher man sich tatsächlich im 7a-Bereich bewegen kann. So richtig gute Tritte fehlen aber, noch mehr störte zum Einbohren aber die Tatsache, dass es überhaupt keine positiven Griffe gab. Nur unter höchster Anspannung und Mühe konnten die nächsten Bolts platziert werden. Endlich kamen schliesslich ein paar griffige Schuppen in Reichweite, womit es wieder etwas bequemer Richtung Ausstieg ging. Erst in der Gegend von 17.30 Uhr war die Arbeit beendet - unglaublich was man da an Zeit verbratet!

Die Route wurde im Winter erschlossen, das Tageslicht wurde jedes Mal voll ausgenutzt. Dies zum Preis eines Abstiegs in der Dunkelheit, dafür gab es jeweils fantastische Abendstimmungen.

Ich war inzwischen ausgepresst wie eine Zitrone, doch natürlich wollte auch diese letzte Seillänge noch gepunktet sein. Also ein Feld zurück im Leiterlispiel, neu einbinden und los ging's! Mein Zustand, wo mir inzwischen die Finger aufgingen sobald ich etwas länger daran ziehen musste war wirklich sehr unvorteilhaft. Auch die Sonne verabschiedete sich bereits hinter dem Horizont, das Tageslicht war somit eine beschränkte Ressource. Somit gab es wirklich nur mehr einen Shot, es musste nun einfach klappen. Mit unbändigem Willen und Geist kämpfte ich um jeden Meter, dass es sich auch bei dieser Seillänge (für mich) mehr um ein technisches Bewegungs- und Positionierungsproblem wie um einen Athletiktest handelt, gereichte zum grossen Vorteil. Tatsächlich gelang der Durchstieg, um 18.30 Uhr und damit bereits in fortschreitender Dämmerung waren wir beide am Top und das Projekt somit zu einer Route geworden. Mit Freude beschrieben wir das unmittelbar links vom Ausstiegsstand platzierte Buch und machten uns Richtung Heimweg. Bald einmal holte uns die Dunkelheit ein - inzwischen war das ja bereits Routine und kümmerte uns nicht weiter. Um ca. 19.45 Uhr waren wir retour am Parkplatz. Das Material wurde sortiert, dann ging's auf die lange Heimfahrt. Erst weit nach Mitternacht legte ich mich schliesslich daheim auf's Ohr. Eine weitere, kurze Nacht stand mir bevor, riefen doch schon bald wieder die Pflichten für Arbeit und Familie. Doch wenn eine solche Route wie die Poco Loco der Preis ist, dann nimmt man ein paar Unannehmlichkeiten noch so gerne in Kauf!

Zustieg

Der Ausgangspunkt ein wenig taleinwärts vom P.1049 bei Partüs (nach neuer Schreibweise Al Partös). Unmittelbar vor der zweiten Bachrinne hat es rechterhand einen kleinen Parkplatz, wo auch eine kleine Elektro-Schaltzentrale steht, zudem befindet man sich da direkt unterhalb der Wand. Entgegen den Angaben im SAC-Kletterführer Tessin ist es viel bequemer, den ersten Teil des Zustiegs im trockenen Bachbett 20m links (westlich) vom Parkplatz zu absolvieren. In diesem gut 100hm hinauf bis zu einer Verflachung (1160m), wo der Bachverlauf nach links in plattige Felsen abzweigt. Von dort gewinnt man in 30m mühelos über einen Wildwechsel den Kamm rechts. Man folgt diesem, bis er sich auf ca. 1210m verbreitert. Eine Stufe wird in einer Linksschleife erstiegen, dann hält man sich etwas nach rechts zum Fuss der markanten, ca. 40m hohen Felswand.

Zustiegsskizze, sie möge bei einem möglichst bequemen Trip zum Einstieg helfen!

Man steigt am Fuss der Felswand in einer wenig ausgeprägten Rinne bis auf ca. 1260m auf. Ab da wird die Rinne enger und endet später in einer überhängenden Stufe (Sackgasse). Man quert über eine plattige Kletterstelle (2a) nach links in mit Buchen bewaldetes Gelände und steigt dann hinauf. So bald wie möglich, auf ca. 1290m, d.h. wenn man die überhängende Stufe umgangen hat, quert man deren Rinne nach rechts hinaus. Nun in leicht aufsteigender Rechtsquerung zu einer Felsstufe, die an ihrem rechten Ende mit ein paar Moves (2a) überstiegen werden kann. Man gelangt so zur Plattenzone unter der gewaltigen Wand. Vorerst in einfachem Gelände bis auf 1360m, wo die Platten kompakt werden und leichte Kletterei erfordern. Man steigt linkshaltend hinauf, bis man dem besten Weg folgend nach rechts zum Birkenwäldchen am Wandfuss traversiert (Stellen 2a-3a, Sichern für den Seilersten nicht möglich, Vorsicht insbesondere bei Nässe!). Der Einstieg befindet sich ca. 15m rechts vom Wäldchen auf 1390m und ist mit Farbe angeschrieben. Die Gehzeit für die 350hm beläuft sich auf nur ca. 40 Minuten (wenn man den Weg findet und im T4/T5-Gelände versiert ist).

Das ist erst der Zustieg 😲 Viktor auf den Platten (2a-3a, geht schon!) unmittelbar vor dem Wandfuss.
Routenbeschreibung

Sasso Altis - Poco Loco 7a+ (6b+ obl.) - 9 SL, 280m - M. Dettling & V. Wegmayr 2023
Material: 2x50m-Seile, min. 10 Express, Cams/Keile nicht nötig bzw. einsetzbar

L1, 35m, 6b, 7 BH: Die Sache beginnt mit einem listigen Einstiegsboulder. Schaut zwar völlig trivial aus, aber da wird man gleich einmal aufgeweckt. Danach geht's in gut gestuftem Gelände in schöner Plattenkletterei dahin. Es muss nochmals kurz sauber angetreten werden, bevor das Finish an einigen Grasbalkonen vorbei einfacher zum Stand führt.

Los geht's, die Reise ist gestartet! Viktor hat den Einstiegsboulder in L1 (6b) bereits geschafft.

L2, 30m, 7a+, 8 BH: Gleich aus dem Stand raus wartet eine durchaus zum Nachdenken anregende Boulderstelle. Das ist auch der Grund, warum die beiden Haken mit etwas Distanz nach bester 'Chäppi Ochsner'-Manier stecken. Nach ein paar Metern erlaubt die Felsstruktur zügiges Voranschreiten, bis man auf das 'Mantle Boulder Problem' stösst. Da heisst es parat sein, den Füssen vertrauen und sich geschickt bewegen! Ein paar schöne Rails führen zur abgefahrenen Crux. Diese ist einerseits sehr fusslastig, ohne Vertrauen in den Gummi flutscht es da nicht. Andererseits gibt es durchaus ein paar Minileisten zum Zukneifen, was auch mit Insbrunst getan sein will! Die Querung lässt sich mit 1pa entschärfen, der nachfolgende, einfachere Zug auf die Schulter ist dann, 1.5m rechts vom Haken, zwar perfekt gesichert aber ziemlich zwingend. Kurzes Dranbleiben an guten Griffen führt zu BH und in Bälde danach zum Stand.

Gekonnt auf Reibung antreten und kleine Leisten halten heisst es in der genialen L2 (7a+).

L3, 30m, 7a+, 9 BH: Dieser Abschnitt überzeugt mit anhaltender und sehr abwechslungsreicher Kletterei. Der Beginn mit einer kurzen Rechtsquerung und einem Fingerriss stellt noch keine grossen Aufgaben, auch das erste Boulderlein am zweiten BH wird kaum zum Stopper. Die Challenges beginnen mit einem kräftigen Zug zur Schuppe danach und dem Verlassen dieser zunächst griffigen Struktur in die nächste Plattenzone. Doch so genial ist es, die Struktur die es braucht ist eben da, ja sogar genau am richtigen Ort. Das gilt auch für den folgenden Bauch, der dank ein paar Incut-Leisten verblüffend kommod von der Hand geht. Danach kommt es aber dicke: ein zwei wacklige Aufsteher erfordern viel Balance, etwas Beinkraft, die nötige Zuversicht und die kreative Nutzung von mickrigen Strukturen für die Hände - mega! Einfach schön kühles Blut bewahren! Das Finish ist dann etwas einfacher zu haben, die Absicherung lässt die Linienwahl ziemlich frei - wer einen Tipp braucht, weit linksrum geht's am einfachsten.

Was für eine Knallerseillänge, mitten durch den Plattenschuss! Es geht aber immer auf in L3 (7a+).

L4, 35m, 6b+, 8 BH: Von diesem Punkt weg steilt sich die Wand im Gegensatz zu ihrem Sockel nun mehr auf. Das Gelände wird dafür aber auch griffiger, so dass die Schwierigkeiten sowohl bei unserer wie auch bei der Nachbartour etwas zurückgehen. Sodann auch auf dieser Länge. Dass der Auftakt in noch mässig steilem Gelände nicht die ultimative Challenge bietet, ist sofort klar. In chillig-lässiger Kletterei also erst mal diagonal hinauf, dann an einigen Schuppen unter das markante Dach. Dank einiger positiver Leisten (zuerst), bzw. Bomber Jugs (danach) ist das aber recht gut gegessen. Nach einer Traverse bietet die folgende Wand eine schöne Leistenstruktur, so dass sie sich gut klettern lässt. Nur die Abschlusspassage in nunmehr wieder plattigerem Terrain gab mir jedesmal das Gefühl, dass ich mich blöd anstelle - entweder trifft das zu, oder es ist schlicht und einfach nochmals etwas tricky.

Unterwegs in L4 (6b+), gleich folgt die gutgriffige Passage über das markante Dach hinweg.

L5, 30m, 6b, 7 BH: Hier müssten wir aufpassen, das wussten wir von der "In Destinazione...". Die hat nämlich genau auf dieser Höhe ihre ätzende, blanke 7b-Stelle, die wir damals kaum hochkamen. Somit setzen wir unsere Linie hier nicht direkt hinauf in eine glatte Zone an, sondern zogen nach links um etwas strukturierteres Terrain zu erreichen. Optimistisch versuchte ich nach der initialen Querung die halbdirekte Linie hinauf, um beim Einbohren schlussendlich doch abzublitzen. Es wäre da zwar wohl nicht unmöglich, aber in Freikletterei einfach unverhältnismässig saumässig schwierig gewesen. Die Alternative war, den Linksbogen noch etwas weiter auszudehnen. Weil man so eine witzige Leistenpassage erreicht und über eine luftige Querung wieder nach rechts retour kommt, fehlt auch hier der Klettergenuss nicht und die Linienführung geht trotz dieses kleinen Umwegs tiptop auf.

Am Ende geht's in der 'C'-Pitch (L5, 6b) wieder nach rechts zurück zum Stand.

L6, 30m, 6c, 7 BH: Man befindet sich hier vor einem veritablen Dach, das sich aber an seinem rechten Ende komfortabel übersteigen lässt. Manch einem Logiker würde ab der ersten Stufe eine Linie direkt hinauf als die Methode der Wahl scheinen. Doch da wir eine grosse, schlecht verwachsene Schuppe oberhalb lieber umschiffen wollten, heisst es nach dem ersten BH nach links zu queren. Beim Bohren hat uns das ins Schwitzen gebracht, da haben wir die Stelle obermurksig gelöst - beim Punkten habe ich dann aber eine elegante und viel einfachere Lösung gefunden. Viel Text schon für die ersten 2 BH dieser Länge! Danach folgt sehr coole, steile, gutgriffige und etwas ausdauernde Kletterei in luftiger Position - genial! Man erreicht schliesslich das grosse Band, mehr oder weniger an der Stelle, wo die "In Destinazione..." (nach einer Linksquerung auf dem Band) ihren Weg in den oberen Wandteil fortsetzt.

L6 (6c) endet auf einem Band und ist deshalb im Rückblick nicht so fotogen.

L7, 20m, 6b, 3 BH: Eine nur kurze Seillänge (die eigentlich zur "In Destinazione..." gehört), welche auch ziemlich unscheinbar daherkommt. Die senkrechte Wandstelle ist aber sehr witzig zu klettern. Sie verläuft in stark quarzhaltigem Gestein, welches ideale Incut-Leisten präsentiert. Die ursprüngliche Bewertung von 6a haben wir jedes Mal als zu tief empfunden, 6a+/6b passt im Vergleich zum Rest sicher besser. Wen man will und die Sicherungspunkte strategisch geschickt ausreichend verlängert, dann kann die folgende L8 gleich angehängt werden. Wir haben das aus Effizienzgründen 2x so gemacht, unbedingt empfehlenswert ist es aber nicht, für jene die genügend Musse haben.

Eine kräftige Leistensequenz in stark quarzhaltigem Gestein wartet auf der kurzen L7 (6b).

L8, 25m, 6b, 5 BH: Diese Seillänge ist nicht nur witzig, sondern ein echtes Highlight. Sie passiert eine steile Zone mit zwei ausladenden Dächern - und dies auf eine elegante und erstaunlich einfache Art und Weise. Das liegt daran, dass diese Strukturen eigentlich riesige Schuppen sind, welche stets scharf geschnittene Risse ausbilden. Noch dazu gibt's dann beim oberen, grösseren Dach genau an der richtigen Stelle auch noch ein fettes Trittrail. Trotzdem, die Kletterei ist recht athletisch und bietet zuletzt auch noch einen leistigen Ausstieg zum superbequemen Stand. Wir schlagen auch hier eine Bewertung von 6b vor.

Viktor am grossen Dach in L8 (6b), während sich der Fotograf an Stand 6 befindet.

L9, 40m, 7a, 10 BH: Enden tut unsere Route mit einem absolut würdigen Schlussbouquet, welches eine Art von Kletterei bietet, die man hier noch nicht gesehen hat und auch global gesehen einen grossen Seltenheitswert aufweist. Los geht's noch ein paar Meter mit der "In Destinazione..." nach rechts, dann aber direkt henklig über die Steilstufe und in linkshaltender Querung in die steile Wand. Diese trumpft, wie bereits erwähnt, mit einer sehr aussergewöhnlichen Struktur auf: eine Art Wellenlandschaft mit sloprigen Buckeln! Alleine für sich gäben diese zu wenig her um die Wand klettern zu können. Jedoch befinden sich auf den Buckeln Fragmente aus härterem Gestein, die hier und da Mikrostrukturen mit kleinen Incuts aufweisen. Und genau dank diesen geht's - die Challenge ist nur, hier durch diesen Ozean zu manövrieren (d.h. es könnte Onsight recht schwierig für den Grad sein!). Schliesslich erreicht man ein System von Schuppen. Erst heisst das "Henkel", später dann "Sloper", doch genau in jener Sektion sind dafür die Tritte gut, so dass im letzten Drittel nicht mehr die extremen Schwierigkeiten warten. Über stark quarzhaltiges Gestein erreicht man das Routenende auf einem bequemen Band. Das Routenbuch ist gleich links auf dem Band gut sichtbar deponiert.

Routenende! Das Profil zeigt es deutlich, unter dem grossen Abschlussdach ist finito.

An diesem Punkt endet die Route auf derselben Höhe wie die "In Destinazione..." rechts nebenan. Die nachfolgenden, weit ausladenden Dächern weisen sandig-mürbes Gestein auf und sind in Freikletterei unmöglich. Das wussten wir natürlich schon von Beginn an und beendeten die Route an diesem Punkt absolut ohne Wehmut.

Abseilen & Abstieg

Das Abseilen vom Top geht superbequem in nur 5 Manövern (9 -> 8 -> 6 -> 4 -> 2 -> Einstieg). In der steilen Gneiswand ist wenig Seilpflege nötig und die 50m-Stricke werden stets gut ausgenutzt. Meist bleiben einige beruhigende Meter an Seilreserve übrig, nur auf der Strecke 4 -> 2 wird es knapper. Mit meinen 50er-Stricken ging es gut, bringt man hingegen alte, geschrumpfte Seile könnte es spitzig werden. Notfalls halt ein Zusatzmanöver an Stand 3 machen. Am Einstieg braucht man das Seil nicht aufzunehmen, sondern kann gleich zur untersten Birke beim Wäldchen transferieren und dort an einer Seilschlinge 50m über die Plattenzone abseilen. Nun die Seile aufrollen und nicht auf dem Aufstiegsweg zurück, sondern gleich nach rechts in den Wald. Dort etwas absteigend, dann querend und nochmals absteigend auf logischer Fährte zu einem Baum mit Seilschlinge oberhalb der überhängenden Steilstufe, welche die Rinne entlang der markanten Felswand beschliesst. Dort 30m Abseilen (1x50m-Seil reicht definitiv nicht, 1x60m passt!) bis wieder zu Fuss abgestiegen werden kann. Nach ca. 20hm trifft man mit der Aufstiegsfährte zusammen und folgt dieser (Rinne hinunter, Steilstufe rechtsrum abklettern, Kamm folgen bis zur Rechtsquerung ins Bachbett, dieses hinunter) zurück zum Ausgangspunkt. Natürlich kann man auch auf vielen anderen Pfaden wieder ins Tal gelangen. Nach der "In Destinazione..." sind wir noch nicht der hier beschriebenen Abstiegsroute gefolgt, haben insgesamt 4x an Bäumen abseilen müssen und viel Zeit gebraucht. Auf der obigen Route sind wir nun schon 3x runter (stets bei Dunkelheit) und haben es zuletzt in nur 35 Minuten geschafft.

Im Bild das Birkenwäldchen im Einstiegsbereich. In voller Auflösung erkennt man gut die Seilschlinge an der an ihrem Fuss bogenförmigen Birke in der rechten Bildhälfte, von welcher man einen 50m-Abseiler über die Zustiegsplatten zieht.

Material, Absicherung & Topo

Die Route ist mit Inox-BH prima auf Niveau xxxx abgesichert. Ein gewisses Kletterkönnen ist aber trotzdem nötig, um das Top zu erreichen. D.h. ca. 6b+ ist obligatorisch - was wie immer im Vergleich zu anderen solchen Einstufungen hergeleitet ist und nicht mit dem Hochkommen gleichzusetzen ist, wenn man Indoor mit Ach und Krach gerade so eine 6b+ schafft und noch nie Hand an den Tessiner Gneis gelegt hat. Mobiles Material ist nicht nötig und kaum einsetzbar. Es sei erwähnt, dass sich L2 mit 1pa Hakenhilfe zur 6c/+ entschärfen lässt, dasselbige gilt für L3 mit 2pa. Nun sind alle ganz sicher brennend heiss am Topo interessiert. Man kann es komplett mit Skizze, Wandbild und Zustiegsplan als PDF runterladen. Viel Spass, geniesst die Tage im Valle di Vergeletto genau so fest wie wir dies getan haben! Cheers, Marcel & Viktor 🥳

Die Toposkizze zur Ansicht, kann auch als PDF runtergeladen werden.

Dienstag, 14. März 2023

Sasso Altis - In direzione ostinata e contraria (7c)

Wir sind für ein Weekend im Tessin, der Auftakt ist uns mit der Radici del Silvio am Pizzo d'Eus hervorragend gelungen. Nachdem die festgefahrene Karre in Eigenregie wieder flott ist, tuckern wir zu Tal, dem Nachtessen und der Bleibe für die körperliche Erholung entgegen. Wo packen wir am nächsten Tag an? Das Entdeckungsfieber lockt wie immer, und so entscheiden wir uns mit grosser Vorfreude für die hier beschriebene Route am Sasso Altis. Dieser gewaltige Gneisdom befindet sich im Valle di Vergeletto, einem Seitental des Valle di Onsernone, das wiederum vom Centovalli abzweigt. Der Sinn dieser genauen geografischen Beschreibung sei es aufzuzeigen, dass wir hier ein wenig vom "Ende der Welt" sprechen. Hinter Russo im Onsernone mit seinem fabelhaften Klettergarten beginnt auch für mich Terra Incognita, ins Vergeletto habe ich (und bestimmt auch viele anderer Kletterer) noch nie einen Fuss gesetzt. So kurven wir gespannt dahin.

Die gewaltige Wand des Sasso Altis, im Vordergrund die Hütten von Partüs / Al Partös.

Bei den letzten Häusern von Vergeletto steht am Strassenrand ein Fahrverbot. Wir interpretieren es so, als dass es zur Seite gestellt ist und damit freie Passage erlaubt. Wäre dies nicht der Fall, so müsste man ab diesem Punkt noch ca. 1h der asphaltierten Strasse entlang ins Tal hinein wackeln, bzw. eben ein Bike mitbringen. Vermutlich aber ist das Verbot nur bei winterlichen Bedingungen aktiv, dann jedoch kann am Sasso Altis sowieso nicht geklettert werden. Als wir dahintuckern, kommt der imposante Gneisdom ins Blickfeld - er lässt schon beinahe Erinnerungen ans Yosemite aufkommen und der Puls schlägt sogleich schneller. Wie es wohl kommt, dass es in der gewaltigen Wand nur gerade eine einzige Route gibt, welche erst im 2007 erschlossen wurde?!? Wir machen uns gerne auf den Weg, um dies näher zu ergründen 😃

Was da wohl kommt? Unsere Frage zum Sasso Altis, genauso wie jene der Steinböcke, die hier kritisch um die Ecke linsen.

Der Ausgangspunkt ein wenig taleinwärts vom P.1049 bei Partüs (nach neuer Schreibweise Al Partös) ist mit den Angaben im SAC-Kletterführer Tessin gut zu identifizieren, auch wenn es nicht ein Kraftwerk, sondern nur eine kleine Elektro-Schaltzentrale hat. Um 8.05 Uhr machen wir uns auf den Weg zu den wenigen Hütten von Partüs. Dahinter geht's den steilen Grashang auf der rechten Seite hinauf und am oberen Ende der Lichtung nach links zum Sporn, welcher zuerst moränenartig gegen das Bachtobel abbricht. Diesem Sporn gilt es zu folgen, vorerst ist er mässig steil und weist noch einige Zeugen (Eisenstangen, Drahtseile) aus alten Zeiten auf. Es gibt keinen Weg, aber trotzdem wenige Fragezeichen, nur das viele Laub und Unterholz stören. Wie wir erst bei einem späteren Besuch am Sasso Altis herausfinden, ist dieser Abschnitt durch das Bachtobel westlich viel weniger beschwerlich und schneller zu begehen. 

Durch dieses trockene Bachbett verläuft der beste Zustieg im unteren Teil - besser als durchs Unterholz!

Ab ca. 1200m wird das Gelände über 45 Grad steil und wir haben uns ziemlich schwergetan. Der beste Weg ist beim ersten Mal schwierig zu finden. Der Untergrund, dürres Gras mit äusserst rutschiger Laubauflage, immer wieder eingelagerte Felsstufen und störendes Unterholz lassen uns auf einer richtigen Dschungelexpedition wähnen. Nach einiger Zeit gelingt uns eine Querung nach rechts, wir stehen nun vor flachen Reibungsplatten am Wandfuss. Der Blick auf die riesige Wand lässt uns die Kinnlade hinunterklappen - wow, das sieht einfach richtig geil aus! Zuerst heisst es aber, im 2./3. Grad über die Platten zu schleichen - sofern diese trocken sind, kein grösseres Problem. Der einfachste Weg führt zu einer grünen Oase mit kleinen Birkenwäldchen. Zum Einstieg muss man ca. 30-40m nach rechts queren. Achtung, es handelt sich um die rechte der beiden Routen, die ca. 20m weiter links startende Linie ist zwar sehr empfehlenswert (Details folgen 😎), aber eben nicht die "In Destinazione...". Die 350hm an Zustieg (ca. T5 mit Stellen II-III) hatten uns 50 Minuten gekostet, um 9.25 Uhr waren wir parat und stiegen ein.

Zustiegsskizze, sie möge bei einem möglichst bequemen Trip zum Einstieg helfen!

L1, 40m, 6b+: Los geht's noch gemässigt schwierig, der hier quer gebänderte Gneis erlaubt gutes Fortkommen. Allerdings müssen sich die Nackenhaare von der zweiten zur dritten Sicherung sträuben, denn da ist der Abstand weit und ein Grounder zu befürchten. Die Crux folgt nach dem fünften BH an einem kleinen Dächli, welches mit sloprigen Leisten überwunden werden will. Auch danach lässt es nicht so richtig nach, delikate Moves über der letzten Sicherung sind gefordert, es bleibt zwingend bis hinauf zum Stand.

Grosszügige, plattige Wandkletterei in L1 (6b+), da ist man gleich gefordert!

L2, 20m, 6a+: Eine kurze Seillänge mit nicht so logischem Verlauf. Die ersten 2 BH erzwingen die Kletterei dem rechten Schuppensystem entlang, wobei es links offensichtlich besser ginge. V.a. muss später dann doch etwas knifflig nach links gewechselt und ein erstes (noch vergleichsweise harmloses) Dornengebüsch passiert werden, bevor man weitgehend griffig den Abschlussboulder erreicht. Dieser erfordert das Kneifen von einigen kleinen Quarzgriffen, bevor man die Standhaken erreicht.

Am Ende von L2 (6a+) wartet noch eine knifflige Plattenstelle.

L3, 25m, 7c bzw. 6c A1: Nun folgt die nominelle Crux der Route über einen eindrücklichen Plattenschuss. Einige Strukturen in Form von Rails sind durchaus vorhanden, so dass die Sache a priori schwierig einzuschätzen ist. Doch die Realität rückt die Dinge rasch zurecht. Schon gleich ist es richtig taff und wenig später geht's dann subito Richtung unmöglich. Die Wand ist zu steil, um sich ohne Griffe rein auf Reibung zu bewegen, die Felsstruktur zu abschüssig um gescheit etwas festzuhalten. Immerhin stecken die Haken genügend nahe, dass man mit dem Einsatz von Trittschlingen weitgehend A0 durchkommt. Dem bedienen wir uns auch ausführlich, von einer freien Begehung sind wir meilenweit entfernt. Über ca. 15 anhaltend schwierige Meter haben wir nicht den Hauch einer Chance. Ob der Grad von 7c passt?!? So wirklich beurteilen können wir es de fakto nicht, das müssen Berufenere einschätzen. Zum Ende der Seillänge muss dann zwingend im 6c-Bereich freigeklettert werden. Abgeschlossen wird die Seillänge mit einem Runout, der in einem Grasbüschel-Boulder in den Stand gipfelt, welcher durch reichlich Dornengebüsch verteidigt wird - uff!

Über diese Platte führt L3 (7c), wobei der Verlauf den logischen Weg entlang der Strukturen nimmt. Auf den ersten Blick sieht's nicht so gravierend hart aus, doch leider täuscht der Eindruck. Um einfach nur hinzustehen ist es definitiv zu steil, und neben den Strukturen ist's einfach total blank.
Die Gegenperspektive auf L3 (7c), im Vordergrund noch der Boulder in die Botanik am Ende.

L4, 35m, 6b+: Eine ziemlich lange Seillänge mit etwas verzwickter Linienführung. An sich nicht so schwierig, doch die kreuz und quer steckenden Haken sorgen für Verwirrung und machen dem Vorsteiger die Sache nicht einfach, da man ohne grosszügige Verlängerungen bald einmal mit heftig Seilzug bezahlt. Auch hier zieren Dornengebüsche die Umgebung des Standplatzes, doch da man sich zum Glück auf einem geräumigen Band befindet, kann man recht gut ausweichen.

Prima Kletterei, aber durchaus mit Anspruch, gerade bei der Platte am Ende von L4 (6b+).

L5, 50m, 7b bzw. 7a A1: Pièce de Resistance, welches uns beinahe das Handtuch werfen liess! Im 6b-Bereich geht's einigermassen griffig los, gefolgt von einem etwas grasigen Riss zu einem Pfeilerköpfchen, von welchem eine Stelle an positiven Leisten zur Crux führt. Darüber wie (und ob) diese frei zu klettern ist, können wir keine Auskunft geben, aber es schien uns absolut unmöglich. Nur schon das schiere Hochkommen war eine grosse Challenge: es erforderte mit Start in einer korrekt abgelängten Trittschlinge nahezu griffloses Aufstehen ohne Wegzukippen auf dem Bolt mit einem Pistol Squat, dies im Steilgelände. Ab ca. 185cm Körpergrösse reicht es dann überstreckt in einen Untergriff, worauf man heikel die Füsse auf Reibung stellt, um schliesslich den Rettungshenkel zu erhaschen. Pfff, das fühlte sich selbst inklusive aller Tricks wie eine 7a, bzw. eher 7b-Stelle an, mit dem erheblichen Risiko aus der Trittschlinge oder beim Aufsteher auf der schlipfrigen Boltlasche sehr unangenehm abzupfeifen. Ein No-Hand-Rest ermöglicht danach ausgiebiges Durchschnaufen, was durchaus nötig ist. Anhaltende Kletterei im 6c/+ Bereich mit vernünftiger, aber zwingender Absicherung führt zur nächsten Dornenbusch-Insel (aka Stand) auf dem breiten Band in Wandmitte - Holladuli!

Ab der Position des Akteurs zeigt sich L5 (7a A1 oder 7b???) bald widerspenstig.

L6, 20m, 6a: Wir waren nicht unfroh darüber, dass uns das Topo nur noch 4 einfachere Seillängen zum Routenende prophezeite. Ginge es nämlich so weiter wie zuletzt, würde das Zeitbudget definitiv explodieren, das Top der Route läge ausser Reichweite. Wie erhofft konnten wir auf diesem Abschnitt aber Zeit gutmachen, er gelang uns zügig. Er ist kurz, die Kletterei an positiven Leisten in stark quarzhaltigem, wenn auch etwas flechtenbewehrten Gestein lässig und angenehm. Nach unserem Empfinden für eine 6a auf der eher schwierigen Seite - oder war es nur das stark angeknackste Selbstvertrauen, das uns die Länge eher als 6a+/6b taxieren liess?

Unterwegs in der schönen, nicht ganz trivialen L6 (6a).

L7, 25m, 6a+: Eine richtig coole, metermässig auch eher kurze Sequenz entlang einer sehr griffigen Rissverschneidung, welche luftig über ein Doppeldach führt. Nachdem sich auch noch an den genau richtigen Stellen optimale Trittrails befinden, bewältigt man mit eleganter Tänzerei Gelände, das rein aufgrund der Anlage auch erhebliche Schwierigkeiten bieten könnte. Zuletzt wiederum über positive, etwas flechtige Quarzleisten zu bequemem Stand. Wer will, kann diese Sequenz bei geschickter Seilführung ziemlich gut mit L6 verbinden.

Kühne Routenführung, dank griffigen Rissen und guten Trittleisten geht's gut (L7, 6a+).

L8, 30m, 5c: Für Abwechslung ist auf dieser Route gesorgt. Unschwierig geht's nach rechts zum ungünstig platzierten, ersten BH, worauf die Herausforderung erst einmal war, unbeschadet das massive, ungestutzt wuchernde Dornengebüsch zu passieren. Das bringt einen an die grosse Schuppe, hinter welcher sich ein Kamin ausgebildet hat. Klemmend, stemmend oder aussen bleibend beschreitet man diesen - für uns mit grossem Schreckmoment, weil eine 2x1m-Schuppe bedenklich wackelte und Leib und Leben zu gefährden schien. Der Versuch, diese im Nachstieg dann effektiv in die Tiefe zu senden scheiterte - immerhin wurde sie dadurch so gut im Kamin verkeilt, dass sie von Menschenhand nicht mehr bewegt werden kann und keine Gefahr mehr darstellt. Im Finish ist der Riss dann auf einer Strecke von ca. 4m üppig mit Dornen bewuchert... man kann aber halbwegs ausweichen und sich schadlos halten. Insgesamt sicher eine Länge, welche nicht die grossen Schwierigkeiten bietet, aber sicherlich jeden 5c-Kletterer weit überfordern würde.

Die Schuppe in L8 (5c) fast schon wie im Yosemite - aber gibt's dort auch Dornengebüsch?

L9, 25m, 6c: Zum Abschluss folgt eine lässige Seillänge mit Wandkletterei an sloprigen Strukturen, welche auch prima mit Bolts abgesichert ist. Es stört einzig die Tatsache, dass das Gestein hier, unter dem Schutz der grossen Abschlussüberhänge zunehmend sandig/brösmelig wird. Die Sache gipfelt schliesslich in einem Walfisch-Mantle auf ein schmales Band, wo die Route abrupt bei einem Chalk-Smiley endet. Die Entscheidung der Erschliesser ist aber nachvollziehbar, über die grossen Dächer ginge es nur in künstlicher Kletterei mit vielen Bolts und das Gestein in dieser Zone lädt wenig zum Weiterklettern ein.

Pressige, sehr schöne Kletterei in der letzten Seillänge (L9, 6c).

Um 15.25 Uhr hatten wir nach ziemlich genau 6:00h Kletterei das Top erreicht. Wir waren froh, es doch noch geschafft zu haben, nachdem die Sache in L5 auf des Messers Schneide stand. Wir machen uns ans Abseilen, was mit 2x60m-Seilen in 5x möglich ist (Top -> 7 -> 5 -> 4 -> 2 -> Boden). Es geht sicher auch mit 2x50m gut, dann dürften wie gemäss Topo im SAC-Führer 6 Manövern fällig sein. Um 16.15 Uhr stehen wir wieder unter der riesigen Wand. Ob das unser letzter Besuch an diesem Berg war? Inzwischen kann ich diese Frage mit Sicherheit mit einem "nein" beantworten. Aber auch damals, unmittelbar nach dem Abseilen steckte die Idee, in dieser gewaltigen Wand eine Route zu erschliessen schon fest in meinem Kopf. Und dementsprechend streifen wir dem Wandfuss entlang und blicken in die Wand hinauf, in gespannter Erwartung was da wohl kommen möge. Es bleibt noch der Abstieg zum Parkplatz. Dazu haben wir zuerst 50m an einer Birke über die Vorbau-Plattenzone abgeseilt. Ab dort sind wir rechtshaltend etwas absteigend durch den steilen Wald gequert. Ein 30m-Abseilmanöver über die steilste Zone (d.h. den Abschlusskamin des Couloirs am Fuss der östlich begrenzenden Felswand) ist jedoch unumgänglich. Unterhalb geht's entlang des Aufstiegswegs retour zum Ausgangspunkt, wo wir um 17.10 Uhr eintrafen.

Abseilerei vom Top, man sieht den gesamten Weg bis ins Tal: Wand, schwarze Plattenzone am Vorbau mit 50m-Abseiler, die steile Waldzone hinunter zu den Hütten von Partüs, die am linken Bildrand sichtbar sind. Der Talgrund erhält um diese Jahreszeit überhaupt keine Sonne, darum hält sich dort bei Schönwetterlagen im Winter Schnee und Eis extrem lange, obwohl es am südlich ausgerichteten Sonnenhang ausnehmend mild ist.

Auf dem Heimweg blieb dann genügend Zeit, um über den Stil der gekletterten und der zu erschliessenden Route zu philosophieren. Wir sind uns einig: ein gewisser Anspruch soll und darf durchaus da sein, aber heikle Stellen mit erheblichem Verletzungspotenzial möchten wir unserer Gesundheit zuliebe doch lieber vermeiden. Wir sind zu diesem Zeitpunkt zuversichtlich, eine Linie zu finden, welche (für uns) komplett in freier Kletterei möglich sein wird. Nun, zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Zeilen kennt der Autor das Resultat dieses Projekts bereits. Zwischen der Begehung der hier beschriebenen Route und dem ersten Go in unserer Neutour verging aber ziemlich exakt die Zeitspanne von 365 Tagen. So lange werde ich die Leser dieses Blogs nicht auf die Folter spannen. Um unserer gespannten Erwartung auf die Erlebnisse am Sasso Altis aber ein wenig Rechnung zu tragen, brauchen auch die Leser noch etwas Geduld, bis der Bericht über unsere Neutour am Sasso Altis präsentiert wird.

Facts

Sasso Altis - In destinazione ostinata e contraria 7c bzw. 7a A1 - 9 SL, 270m - T. Salvadori et al. 2007 - ***;xxx
Material: 2x50m-Seile, 12-14 Express, Cams 0.2-2

Interessante Kletterei durch eine extrem eindrückliche Wand in einem wenig besuchten Tal. Sie bietet meist guten bis sehr guten Fels, die hin und wieder vorhandene Botanik stört kaum. Während der grösste Teil der Route mit Schwierigkeiten im Bereich 6a-6c gut kletterbar ist, fallen zwei harte Sequenzen aus diesem Rahmen. Ob die dafür angegebenen Schwierigkeiten von 7b und 7c zutreffen, können wir nicht beurteilen. Jedenfalls fanden wir in beiden Fällen keine freie Lösung. Ich würde mal sagen, wer in griffloser Zauberei auf kompaktem Gneis nicht äusserst versiert ist, wird da nur mit Hakenhilfe durchkommen. Die Grundabsicherung mit Inox-BH ist an sich in Ordnung, leider wurde aber hier und da mit den BH eher gegeizt, was einige Stellen mit sportlichem Anspruch produziert. Auch die beiden harten Sequenzen sind nicht sonderlich konsumentenfreundlich gebohrt, so dass auch mit Hakenhilfe maximaler Einsatz zum Hochkommen nötig ist. Zur Ergänzung der Absicherung ist ein Set Cams von 0.2-2 hilfreich. Ein Topo befindet sich im SAC-Kletterführer Tessin. Nachfolgend mein Wandbild mit dem Routenverlauf.

Wandbild des Sasso Altis mit dem Verlauf von 'In destinazione...'. Orange der Start unseres Projekts.

Donnerstag, 5. März 2020

Onsernone / Parete Sud - DMMP (7a+)

Wenn man am Tag zuvor in der Dimitri an der Parete ai Monti unterwegs war, so drängt sich ein Ausflug in die DMMP (9 SL, 7a+) an der Parete Sud gleich nebenan auf. Für uns ging das allerdings nicht ohne Umwege, wollten wir an diesem Tag doch eigentlich im Valle Bavona klettern. Obwohl die ausgesuchte Route ebenfalls südexponiert und auf ähnlicher Höhenlage wie die Onsernone-Touren war, gab's dort nichts zu holen - feucht, kalt, grimmig, die Lage in einem Alpental statt voralpiner Hügellandschaft macht den Unterschied. Als vernünftige Ausweichgelegenheit präsentierte sich dann fast alleinig die DMMP, auf welche ich a priori gar nicht so scharf war. Zwar wird sie im SAC-Kletterführer Tessin als "eine der schönsten Routen des Onsernone-Tals" bezeichnet. Andererseits schreiben zwei mir persönlich bekannte, hervorragende Plattenkletterer auf dem Web (1,2) auch davon, dass die Cruxlängen "unmachbar" seien. Mein persönlicher Blick auf die glatte, abweisende Einstiegsplatte lag zwar schon bald 13 Jahre zurück, als allzu machbar hatte ich die Sache de visu aber auch nicht in Erinnerung. Nun denn, mit Blick auf die fehlenden Alternativen willigte ich doch für die DMMP ein - und es sollte schliesslich viel besser kommen als gedacht!

Plattenknaller im Onsernone! Viktor folgt in L2 der DMMP, einer unterbewerteten 6b. Auch sichtbar das Band, über welches man zusteigt. 
Nach dem Hin und Her starteten wir erst um 10.00 Uhr den Marsch bei der Kirche in Mosogno. Zügig liefen wir die 330hm auf gutem, gelb markiertem Pfad nach Piano. Dort befindet sich der Einstieg in die "offizielle" Zustiegsroute rechts der Hütten (Steinmann). Sehr spärlich gibt's mal eine rote Markierung an einem Baum, aber einen Pfad dann definitiv nicht. Während der Vegetationszeit dürfte man sich auch durch einen regelrechten Farndickicht zu kämpfen haben. Immerhin war das im Februar absolut kein Thema. Womöglich wäre es bequemer, die Stufe hinter den Piano-Hütten etwas nordwärts ausholend via Serta zu umgehen. Laut Landeskarte scheint das Gelände dort offener und weniger steil, aber wer weiss. Jedenfalls gilt es, nach Piani und hinter den P.1272 zu gelangen, wo man der verfallenen Steinmauer entlang zur Kante geht. An der logischen Stelle (Steinmann vorhanden, eine Markierung konnten wir nicht erkennen) beginnt die Querung, die mit etwas auf und ab in gut 10 Minuten über breite Bänder zum Einstieg führt. Nach total 50 Minuten Gehzeit waren wir vor Ort und machten uns umgehend startbereit. Auf mein Zweifeln an der DMMP hin hatte mir mein Kletterpartner das Angebot gemacht, sich die Cruxlängen (soweit nötig) technisch hochzukämpfen, damit ich als Seilzweiter die Moves bestmöglich frei probieren könnte. An einen Onsight glaubte ich in der vorliegenden Situation von Vornhinein nicht - welch mutige (aber ehrlich gesagt absolut objektive) Einstellung :-/. Um 11.00 Uhr kletterte Viktor los.

Hier geht's los und es ist von Beginn weg klar, gute Griffe findet man auf dieser Extremplatte nicht.
L1, 40m, 7a+ (bzw. subjektiv 7c): Gleich die allerersten Meter haben es heftig in sich, immerhin kommt man da noch mit Trittschlingen und auf die Bolts stehen durch. In der zweiten Hälfte der Seillänge hilft dann aber mehrmals nur noch der mutige Schritt über die Platte, da sind die Abstände deutlich weiter! Nur schon den Stand zu erreichen gleicht hier also einer Leistung, die nicht gering geschätzt werden darf. Ich nehme mir dann hintendrein die Zeit, einer freien Passage auf den Zahn zu fühlen. Kritisch ist der Weg vom ersten zum zweiten Bolt. Linksrum mit Nutzung der Quarzeinschlusses finde ich schliesslich eine machbare Lösung. Weil man da allerdings ca. 1m links der Hakenlinie ist und den zweiten BH erst auf Brusthöhe klippt, würde ein Sturz im Vorstieg trotz an sich kurzem Hakenabstand zurück auf Terra Firma führen. Notabene bei Moves, die (für mich) unkontrollierbar an der Abrutschgrenze sind. Nach anhaltend schwerem Gelände, das ich ohne weiteres als durchgehend 7a+-Platte einstufen würde, folgt die nächste Crux auf dem Weg vom sechsten zum siebten Haken, wo ein Minimal-Percentage-Plattendynamo nötig ist. Auf einer leichten Verflachung Schwung holen, mit Fuss auf rutschigstem Parkett weitere Energie ins System bringen und dann das Ganze an einem miesen Sloper wieder unter Kontrolle bringen. Für den Rest der Seillänge braucht's dann "nur" noch etwas Mut und Zuversicht über den Haken, aber das geht dann wohl so als 6c/7a-Platte durch, wobei die Schuppe am Ende der Länge mobil mit Cams abgesichert werden muss. Fazit: als frei kletterbar würde ich diese Länge einstufen, für einen Rotpunkt im Vorstieg müsste ich aber, falls überhaupt möglich, viel, viel mehr investieren als für eine "normale" 7a+ (das ist ein Grad, den ich bei griffiger Kletterei fast immer onsight kann). Plattenbewertungen sind ja immer so eine Sache - aber damit die Sache subjektiv und persönlich etwa im Einklang mit athletischen Seillängen steht, müsste man hier mindestens 7c geben. Nachtrag: die Tatsache, dass ich inzwischen in Osogna die extreme Plattenroute 'Fazzini Riccarda' (7c) rasch punkten konnte, gibt mir bei dieser Einschätzung noch mehr Gewissheit (auch wenn man aus 2 Einzelbeobachtungen keine Statistik machen soll und die beiden Seillängen in ihrem Charakter nicht zu 100% identisch sind).

Anhaltend anspruchsvoll präsentiert sich L1 (offizielle 7a+, eher 7c). Erst die letzten Meter sind dann gängiger.
L2, 50m, 6b (bzw. subjektiv 6c/7a): Das Gelände wird zwar vermeintlich etwas flacher und der im Topo verzeichnete Schwierigkeitsgrad nimmt schon banale Züge an. Für die Kletterei trifft das aber nicht zu. In der ersten Hälfte warten weitere, sackschwierige Plattenboulder, die nach meinem persönlichen Empfinden nichts mit dem Grad 6b zu tun haben - schon manch einer soll hier dankbar die Hakenlasche als Tritt akzeptiert haben. In der zweiten Hälfte legen dann vor allem die Hakenabstände eine Schippe drauf. Bei (vermeintlich) ähnlichen Schwierigkeiten muss man auf einmal 5m und mehr zur nächsten Rettungsinsel steigen. Allerdings ist die Absicherung fair. Dort wo man weit über dem Haken ist, geht's dank etwas Struktur dann doch ohne übertriebene Angstattacken und bevor es wieder schwierig wird, kann man wieder klippen. Überhaupt erstaunlich, wie winzige Leisten und ein paar Dellen hier rasch einen Unterschied zwischen beinahe Komfort-Cruising und nahezu unmöglich machen.

Um eine 6b-Länge macht man meist kein grosses Tamtam. Aber hier ist echt sogar das hart.
L3, 50m, 6a (bzw. subjektiv 6b): "La longeur facile de la voie", allerdings muss man dieses Prädikat irgendwie im Gesamtkontext sehen. Auch hier stecken die Bolts nicht eng. Doch erneut geht's schon, in den Runouts ist die Sache etwas strukturierter und bei entsprechendem Können kontrollierbar. Nichtsdestotrotz, aufregend ist es schon: da machst du mal ein paar nicht rückgängige zu machende Moves über den Haken weg, dann stehst du 3m darüber und weisst genau: zurück - geht nicht; stürzen - keine Option mehr. Also Augen zu und durch. Der erste Teil der Seillänge entlang der markanten Schuppe muss übrigens mobil abgesichert werden.

Leider ist die Parete Sud nicht freistehend - unter dem Strich ist es nämlich ein gewaltiger Gneisdom. Hier L3 (6a).
L4, 40m, 6b+ (bzw. subjektiv 6c+): Ab hier wird das Gelände steiler, d.h. es wartet nicht mehr Reibungskletterei, sondern technisch anspruchsvolle Wandkletterei. Mit den Füssen steht man natürlich weiterhin meist "im Nichts", aber ohne dass es Griffe hätte, käme man hier nun nicht mehr weiter. Zuerst einmal geht's hier weit zur ersten Sicherung, aber dank ein paar Leisten geht's gut auf. Auch sonst kommt man mit geschickter Planung und inzwischen etwas Gewöhnung an die Gegebenheiten recht gut zur Stelle, wo definitiv die Linksquerung ansetzt. Erst arbeitet man sich an einem Dächlein mit miserablen Untergriffen auf Gegendruck nach links (hinter dem Grün versteckt sich da übrigens ein erst noch unsichtbarer BH), dann entscheidet am Bolt mit dem Umkehr-Maillon vorbei die exakte Körperpositionierung, ob man die markante Schuppe erreicht. An dieser sitzt ein Cam 0.5 perfekt - zum nächsten BH ist's zwar nicht mehr so weit, aber das Klippen desselbigen ohne die mobile Sicherung könnte für Panikattacken sorgen. Zuletzt dann nochmals ein affengeiler Plattenboulder: irgendwie geschickt in die Seitgriffe kommen, Sloper patschen, Gegendruck aufbauen und auf die rettende Trittleiste manteln (5*-Deluxe!!!).

Auftakt in die geniale L4 (6b+), die nachher dem Dächlein entlang diagonal nach links führt.
L5, 30m, 6b (bzw. subjektiv 6b+): Auch eher eine der einfacheren Seillängen dieser Route, die einer schönen Rissspur folgt. Doch auch diese entpuppt sich bald als kniffliger wie sie aussieht. Für den Stand gibt's zwei Möglichkeiten. Der erste, den man erreicht ist wohl prinzipiell zum Abseilen gedacht, der originale Kletterstand ist der obere - spielt aber nicht wirklich eine Rolle. Kritisch ist einzig zu bewerten, dass von beiden Ständen weg gleich ziemlich schwierige Kletterei bei grösserem Hakenabstand folgt - ein Sturz wäre da unangenehm.

Weiterhin anspruchsvolle Kletterei, ein paar Rissspuren machen in L5 (6b) das Fortkommen für einmal ein wenig einfacher.
L6, 40m, 6b+ (bzw. subjektiv 6c+): Was für ein Gerät, diese Länge! Hier muss man alle Register ziehen und Schliche benutzen, um an Höhe zu gewinnen. Fast jeder Meter im ersten Teil der Seillänge will mit technischen Boulderstellen erkämpft werden. Aber was für tolle Moves es da gibt! Man erreicht schliesslich ein Band, bei welchem sich ein improvisierter Stand befindet (BH+NH). Dieser wird aber besser überklettert. Die folgenden beiden Haken stecken bizarr weit rechts der logischen und machbaren Kletterei. Das Finish ist dann nochmals hart und kühn. Unmittelbar neben einem senkrechten, nicht nutzbaren Graskanal will die steile Wand an minimaler Struktur bezwungen werden. Sind einmal ein paar Moves vom Haken weg gemacht, bleibt nur noch die Flucht nach vorne. Läck Bobby, war ich froh als die aus der Ferne identifizierten Leisten endlich erreicht waren und schliesslich der Mantle darauf hinauf gelungen war - eine überaus zwingende Passage!

Man kann es auf diesem Foto gut erahnen: das Finish von L6 (6b+) ist echt anspruchsvoll, muss doch die steil-glatte Platte oberhalb der letzten Sicherung bewältigt werden!
L7, 30m, 7a+ (bzw. subjektiv 7b): Hier wartet die berüchtigte "Placca dell'Alfio". Nach einem gangbaren Linksbogen folgt am zweiten BH die knifflige Crux, welche einen auf eine mit , Dellen, Noppen und kleinen Strukturen gespickte Platte befördert. Cool bleiben und moven, dann geht's, notfalls besteht hier noch die Möglichkeit um A0 zu tricksen. Aber nicht mehr lange. Just dort, wo sich die Wand ein wenig zurücklegt, wird sie auch weniger strukturiert und es gilt, 4-5m in einem Runout über die Platte zu schleichen. Eine richtige Herzschlag-Passage und nur nicht daran denken, was wäre wenn! Im Rest der Seillänge geht's dann besser voran, bzw. es entpuppt sich immer wieder eine Lösung für das, was zuvor herausfordernd ausgesehen hat. Einzig der Move an den Stand hat es nochmals in sich. Alles in allem dünkte und dieser Abschnitt doch klar einfacher wie L1 - weniger anhaltend und weniger an der Grenze des Machbaren. Aber sicher nicht geschenkt.

Rückblick auf die obere Cruxlänge (L7, 7a+).
L8, 50m, 6b+ (bzw. subjektiv 6c): Originell geht's über die Kante hinweg, wo nach einer flachen Platte nochmals ein Steilaufschwung wartet. Der sieht easy aus, sich darob auf der folgenden Platte zu etablieren ist jedoch nicht wirklich einfach. Schieben, schieben, schieben und schlussendlich aufstehen bevor man nach hinten wegkippt, so lautet in etwa das Motto. Nach ca. 40m erreicht man einen Abseilstand - diesen besser überklettern und noch 10m durch die Botanik hinauf, ansonsten wird das (50m-)Seil auf der letzten Länge knapp.

Steil nach rechts über eine erste Kante hinweg in L8 (6b+), die Crux folgt allerdings erst später.
L9, 40m, 6b (bzw. subjektiv 6b): Von unten sieht's reichlich grasig-botanisch und trivial aus, auch scheint die obere Kante der Wand zum Greifen nah. In der Tat klettert sich der erste Teil bei für einmal moderaten Schwierigkeiten zügig. Der Standplatz kommt aber erst viel später und um diesen zu erreichen, sind auch noch ein paar nichttriviale Plattenmoves in nun deutlich weniger grasdurchsetztem Fels zwingend. Nichtsdestotrotz ist es die einzige Seillänge, wo der von mir gefühlte Schwierigkeitsgrad nicht von der offiziellen Vorgabe abweicht.

Erst ein wenig botanisch, oben dann aber nochmals plattig. Das Finish der Route mit L9, 6b.
Um 17.00 Uhr und damit nach doch 6:00h fordernder Kletterei sind wir am Top angelangt. Es gibt nur einen kurzen Handshake, dann machen wir uns subito ans Abseilen. Weder kann man sich am Top frei bewegen, noch bietet es neue Ausblicke. Zudem ist das Ambiente eher fröstelig: wie ich später anhand der Wetterstationen ausmache, beträgt die Temperatur ca. 3 Grad und die Sonne schien auch nicht wirklich. Trotzdem, kalt war es unterwegs nicht und in Retrospektive sind das wohl sogar echt gute Bedingungen für die DMMP. Bei Wärme haben die Füsse auf dieser Route sicher enorm zu leiden und die Winzgriffe lassen sich bestimmt auch nicht besser bedienen. Mit dem Nutzen der separaten Abseilstände und Ausnutzung der letzten Faser unserer 50m-Seile reicht es mit 7 gestreckten Manövern in 35 Minuten retour zum Einstieg. Auch hier hält uns nichts mehr lange auf, wir packen die Säcke und laufen gen Tal. Wenn man will, geht das in 30 Minuten ziemlich zügig. Also sitzen wir schon bald auf dem Polster und fahren heimwärts. Tja, unverhofft kommt vielleicht nicht ganz so oft. Aber das war nun wirklich eine unerwartet geniale Kletterei. Anhaltend, mental und technisch fordernd - so viele coole Plattenboulder habe ich noch selten an einem Tag erledigt.

Facts

Parete Sud - DMMP 7a+ (6c+ obl.) - 9 SL, 380m - Petazzi, Tanner et al. - ****;xxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, Camalots 0.2-2 (evtl. nur jede zweite Grösse)

Der Plattendom der Parete Sud am Pizzo della Croce ist zwar schon von weither im Locarnese sichtbar, lockt aber schlussendlich doch nicht allzu viele Kletterer an. Woran das genau liegt, ist nicht ganz einfach zu ergründen. Ich bin mir sicher, dass diese Route mit ihrer Kletterei, stünde sie z.B. im Yosemite National Park, endlos gehypt würde. Ja, die Sache ist eher reibungslastig, wobei die Wand nach 3 Seillängen steiler wird und nicht mehr nur grifflos geschlichen werden muss, sondern ein wahres Feuerwerk an technisch anspruchsvollen Kletterstellen folgt. Die Anforderungen sind erstaunlich homogen und geschenkte Meter gibt's nur wenige. Auf meiner persönlichen Skala ist das die 4* auf jeden Fall wert! Positiv hinzu kommt auch, dass das sportliche Absicherungskonzept für mein persönliches Können gerade tiptop aufgeht. Viele Stellen sind mental fordernd, wo es einfacher wird werden die Abstände auch sofort länger. Es bleibt aber alles fair und gerade noch im grünen Bereich. Ich würde sagen, unteres Level von xxx trifft es in etwa. Auch wenn es nicht allzu oft der Fall ist, so müssen doch einige Stellen zwingend mobil abgesichert werden. Auf ein komplettes Set Camalots von 0.2-2 hätten wir nicht verzichten wollen, wer kühn drauf ist kann (weniger empfehlenswert) allenfalls noch jede zweite Grösse (0.3, 0.5, 1) weglassen. Nach unserem Empfinden sind die offiziellen, in der Literatur publizierten Schwierigkeitsangaben zu tief, daher habe ich teils massiv nach oben korrigierte Einstufungen oben im Bericht angegeben. Ebenso ist der offizielle, obligatorische Schwierigkeitsgrad von 6b gerade z.B. im Quervergleich mit der Dimitri (6c obl.) zu optimistisch. In der DMMP am Ausstieg anzukommen stellt mich Sicherheit deutlich höhere Anforderungen. Aber es lohnt sich absolut, sich dieser Herausforderung zu stellen!