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Montag, 12. März 2012

Oberalpstock - Staldenfirn

Unverhofft kommt oft! Während ich mit einer Pulver-Skitour in den heimischen Voralpen, oder gar nur mit einer Klettergartensession rechnete, entschied ich mich kurz vor Mitternacht, dass nun die Gelegenheit für den Staldenfirn gekommen sei. Das Angebot, mich an die von Basti zusammengestellte Tourengruppe anzuschliessen, war einfach zu verlockend. Zu bereuen gibt es aber gar nichts, knietiefer, fluffiger Powder lag vom Gipfel bis runter ins Maderanertal.

Für die wenigen, die es nicht wissen: der Staldenfirn bietet eine der am höchsten gelobten Abfahrten der Zentralschweiz, über rund 2500hm führt sie vom Oberalpstock hinunter nach Bristen im Maderanertal. Dennoch hatte ich diese Tour bis dato noch nie gemacht, zu hoch schien mir der Aufwand, nach Disentis anzureisen, mit den teuren Bahnen hochzugondeln, den eher kurzen Aufstieg zu machen und danach endlich diese Abfahrt zu geniessen. Vor allem, weil diese ja doch nur bei wirklich guten Bedingungen die versprochenen Superlative halten kann.

Diese guten Bedingungen dann auch tatsächlich anzutreffen, ist aber nicht einfach. Wegen der Beliebtheit und der leichten Zugänglichkeit ab den Disentiser Bahnen kann man davon ausgehen, dass die Tour nach einem Schönwettertag bereits komplett verspurt ist. Nun gut, dann geht man halt einfach, wenn es gerade eben geschneit hat! Nur leider geht der mit ausreichend frischem Pulver bedeckte Staldenfirn fast immer mit der Gefahrenstufe "erheblich" einher, und gemäss den Angaben in der Literatur und meiner subjektiven, bisherigen Einschätzung erachtete ich die Tour der Steilheit des Geländes wegen eigentlich als ein absolutes No-Go in diesem Fall.

Schon etwas degeneriert. Für die paar wenigen Meter zwischen den Liften wurde ein Förderband eingerichtet, so dass man zur Bergstation keinen einzigen Höhenmeter aus eigener Kraft zurücklegen muss. Gut, für etwas bezahlt man ja auch die 52 CHF. Dabei ist das Band so langsam, dass zu Fuss hochgehen, Kamera aus dem Rucksack klauben und fotografieren sogar noch schneller ist.
An unserem Tourentag war das nicht anders: das Bulletin zeigte orange, dennoch bezeugte der von Basti für seine Tourengruppe angeheuerte einheimische Bergführer die Machbarkeit, noch dazu aktuelle Unverspurtheit und beste Bedingungen. Das war natürlich Musik in meinen Ohren. Zum Glück ist Basti ein generöser Mensch und offerierte mir sofort, mich seiner Gruppe anschliessen zu können, das Administrative würde er dann schon regeln. Angemerkt sei an dieser Stelle aber, dass erheblich nicht gleich erheblich ist. Umsicht, Erfahrung und Fachwissen sind für den Entscheid zum Go auf jeden Fall erforderlich.

Somit ging es nach kurzer Nacht um 7.27 Uhr in Andermatt los, eine Stunde bis nach Disentis, in einem von Staldenfirn-Aspiranten gefüllten Zug. Bei uns wurde die Taktik für das sich abzeichnende "Rennen" zum P.3163, dem Einstieg zur Abfahrt besprochen. Mir als quasi "blindem Passagier" in der Gruppe wurde eine Assistenten- und Wasserträger-Rolle zugeteilt... Doch erst einmal galt es, sündhafte 52 CHF zu löhnen und in 4 Sektionen zum P.2770 unter dem Piz Ault zu gondeln. Immerhin, wenn man oben am letzten Lift die Karte zurückgibt, so erhält man noch 10 CHF zurück.

Dort trudelten mehr und mehr Touristen ein, welche ihre Felle aufzogen, also galt es, rasch loszukommen und Boden gutzumachen. Die erste Crux der kurze Klettersteig, welcher auf den SE-Grat des Piz Ault hochführt. Für mich hiess das 3x rauf und runter, um den Teilnehmern die Skis hochzutragen, in der Lücke Fell-Demontage-Service und schliesslich ca. 150hm Abfahrt auf den Brunnifirn. Da wird erneut angefellt, und dem Ziel zugestrebt. Für die meisten ist das am heutigen Tag ganz einfach der ominöse P.3163, Einstiegspunkt zum Staldenfirn. Für mich gibt's jedoch den Gipfelgang, es sind nur 165hm extra. Kurz etwas Tempo aufgesetzt, mehr als rechtzeitig bin ich schliesslich retour bei P.3163. Es zeigt sich, dass nebst den 3 Spuren vom Vortag bereits etwa 15 Personen vor uns die Abfahrt angetreten haben. Das ist nicht weiter schlimm, so für gute 50 Spuren bietet der Staldenfirn durchaus Raum.

Gross Düssi (3256m) - gerade ein gutes Jahr ist es her, seit ich ihn an einem absoluten Traumtag mit den Ski begehen konnte (Bericht, Bericht). Die Abfahrt steht qualitativ derjenigen über den Staldenfirn in keiner Hinsicht nach - im Gegenteil, sie ist anspruchsvoller und rassiger.
Der Einstieg auf den Firn dann problemlos, es war kein Eis und kein Bergschrund sichtbar, die Verhältnisse einfach ein Traum. Achtung, bei ungünstigen Verhältnissen kann man durchaus auf Steigeisen angewiesen sein. Vom ersten Meter weg liegt knietiefer Pulver, das Gelände hat die ideale Neigung - einfach alles wie gewünscht! Traumhang folgt auf Traumhang, am besten vielleicht der lange, konkave Hang der Gemsplanggen. Diesen würde ich lawinentechnisch als die heikelste Stelle einstufen - bis dahin übertrifft man bei geschickter Routenwahl die 30-Grad-Grenze höchsten auf kurzen Abschnitten von 20-40hm. Auch der Gemsplanggen-Hang ist viel weniger steil als die völlig überzogenen Angaben (40 Grad) aus der Literatur - die steilsten 100hm erreichen gerade eben so ideale 32 Grad. Allerdings droht, vor allem wenn man im Hang nach Westen rüber quert, von oben "Saures": das Gelände oberhalb ist sehr steil und felsdurchsetzt, eine hier abgehendes Schneebrett würde einen ins Verderben reissen. Als Pluspunkt in der Beurteilung kann man jedoch werten, dass man hier bereits weit von einer Kammlage entfernt ist.

Bis auf etwa 1700m hinab befährt man danach bei guter Schneelage weitere, sehr schöne Hänge. Danach folgt die Querung in die enge Rinne, welche zur Alp Stössi hinabführt. Das Erreichen dieses Couloirs bietet die Crux, eine exponierte, zwischen 40-45 Grad steile Querung, die häufig hart, oder gar vereist ist. Bei ungünstigen Bedingungen durchaus ein Challenge, wer hier abrutscht, kann sich durchaus lebensgefährliche Verletzungen zuziehen. Dort war auch ein (aufgerolltes) Fixseil vor Ort: bei Vereisung (und wenn es nicht kaputt oder eingeschneit ist) kann es sicher gute Dienste leisten. Bei unserer Tour war das alles null Problemo, auch dort lag nämlich Pulver, und ich befuhr die Steilstufe nicht querend, sondern gleich direkt in Kurzschwung-Technik.

Die Rinne selber bot dann etwas wilden, pulvrigen Fahrspass, bei entsprechendem Können war es aber durchaus ein Genuss - auf solchen Pisten sollten doch eigentlich Skirennen ausgetragen werden, dieses plattgewalzte Zeug ist doch todlangweilig ;-). Nur zu bald waren wir unten im Tal angelangt. Lagen bei Stössi auf 1150m noch gute 1.5m Schnee, so waren dies bei Rüteli (P.1092) nur noch ein knapper Meter, und nach Lägni, wo man auf die Sonnenseite wechselt, wurde das Weiss rapide weniger. Zuletzt, zur Brücke bei P.873 hin war bereits etwas Portage nötig. So endete unsere Tour kurz nach 13 Uhr bei der Golzerenbahn, Zeit für das Fazit.

Fazit

Wie erhofft konnte ich nach langer Zeit des Geduldens die Abfahrt über den Staldenfirn bei durchgehend allerbesten Bedingungen machen. Sie ist wirklich sehr lohnend und darf ganz bestimmt zu den Highlights der Zentralschweiz gezählt werden. Für mich persönlich, als Skitour und auch bezüglich Erlebniswert, ist aber z.B. unsere Tour zum Gross Düssi (Bericht, Bericht), oder auch zur Gross Windgällen (Bericht), in einer ganz anderen Liga. Der harte, entbehrungsreiche 2500hm-Aufstieg, die erste Spur zu legen und zu zweit alleine am Berg unterwegs zu sein ist eben schon unschlagbar toll - es gibt mir so viel mehr als dieses etwas konsumorientierte Hochgondeln, der wohl landschaftlich sehr schöne, aber gleichzeitig etwas übervölkerte Brunnifirn, etc.. Dennoch, das Erlebnis Staldenfirn war super, ich möchte es keinesfalls missen, das war jetzt ein bisschen Jammern auf sehr hohem Niveau. An dieser Stelle auch herzlichen Dank all jenen, welche die Tour für mich möglich gemacht haben.

Donnerstag, 8. März 2012

Powdertag am Mutteristock

Einmal pro Saison ist sie sicher fällig, die Tour auf den Mutteristock im Wägital - sonst könnte man noch zum Schluss kommen, dass der Winter gar nicht stattgefunden hat. Der ideale Zeitpunkt ist jeweils am ersten schönen Tag nach Neuschneefällen, wenn immer möglich wochentags. Dann hält sich der Andrang einigermassen in Grenzen, und die besten Abfahrtshänge können noch jungfräulich genossen werden.

Bei eigentlich allen anderen Skitouren schaue ich, wenn ich losgehe, nicht einmal auf die Uhr. Im besten Fall kann ich die Aufstiegszeit aufgrund der Fotos einigermassen rekonstruieren, aber eigentlich ist sie sowieso egal. Wenn ich alleine am Muttri bin, dann ist das anders. Hier ist irgendwie der Floh im Ohr, dass dieser Aufstieg möglichst schnell bewältigt werden muss. Warum auch immer, aber es ist so.

Somit bereite ich alles schön vor, drücke auf den Start-Knopf und dampfe ab. Im unteren Bereich liegt bereits erstaunlich wenig Schnee. Ein paar warme Tage noch, dann kommt man hier nicht mehr komplett mit den Skis an den Füssen durch. Auch jetzt muss ich im Wald einige Male bereits über die Steine treten. Ansonsten geht es aber trotz etwas rutschiger Spur, eine feine Pulverauflage liegt auf hartgefrorener Unterlage, zügig aufwärts.

Der Nordgrat am Ochsenchopf, eine wunderschöne T6-Route, die ich auf der Wägital-Rundtour begangen habe. Links der  zweite Aufschwung, dann die deutliche Scharte mit der Schlüsselstelle, dann der Gipfelkopf mit dem dritten Aufschwung, welcher direkt angepackt wird.
Auf der Rinderweid komme ich ans Licht, was mir gleich nochmals Schub gibt. Aber es wird auch anstrengend jetzt, einige Überholmanöver von grösseren Gruppen stehen an, so dass ich im tiefen Schnee spuren muss. Weiter oben dann, bei der Mutterihütte, gönne ich mir sogar kurz 2 Fotos, diese Motive kann ich nicht auslassen. Kurz darauf muss ich mich über 2 Schneeschuhtrampler ärgern, welche in der langen Traverse unter dem Rund Chopf die Spur total massakriert haben. Total vorsätzlich, und ich glaube nicht einmal, dass sie, ständig abrutschend, daraus einen Vorteil gezogen haben, bzw. Kraft sparen konnten.

Für mich geht's nun gegen die Torberglücke und dann über das Dach hinauf zum Gipfel. Ich spüre, wie ich langsam aber sicher stumpf werde - für meinen aktuellen Fitnessstand bin ich die Sache leicht zu schnell angegangen. Beschleunigen kann ich nicht mehr, aber ein vernünftiges Tempo aufrecht erhalten geht schon noch. Nach 1:39 bin ich schliesslich am Gipfel, sogar ein paar Minuten schneller wie letztes Jahr! Einschreiben im Buch, meinen Eintrag von der Wägital-Rundtour suchen, Umschau halten. Der Rederten Westabstieg sieht auf den Fotos immer so krass und unnahbar aus. Auch von hier macht er keinen trivialen Eindruck, aber ich erkenne meine Route haargenau und in jeder Feinheit wieder - und ich weiss, dass sie gut machbar ist. 

Puls auf 180, Zeit für ein Foto: In der N-Abfahrt am Mutteristock, prima Pulver und eindrückliche Szenerie.
Nach einer Weile mache ich mich an die Abfahrt. Ich kann die Spur Nr. 7 in die Nordabfahrt legen. Durchgehend ist noch freie Fläche vorhanden, sehr guter Pulver liegt auf kompakter Unterlage. Im Schuss geht es hinunter bis vor die Lufthütte. Weil es noch früh ist, ich sowieso schon hier bin und die Bedingungen einfach perfekt sind, beschliesse ich, nochmals anzufellen, und zum Redertengrat aufzusteigen.

In gemütlichem Tempo trotte ich hoch, ziehe oben die Felle ab, und fahre gleich wieder ab. Eine frische Brise geht nun, die Zirrenfront drückt langsam herein, und an der Sonne Skifahren macht mehr Spass. Weil meine Vorgänger ihre Spuren in einem 20m-Korridor alle schön übereinander gelegt haben, bleibt auch hier freie Fläche à discretion. Beim Zusammentreffen mit der Muttri N-Abfahrt treffe ich zufällig, aber nicht komplett unerwartet meinen Tourenkumpel Chris Moser. Wohl wissend, dass er auch im Wägital unterwegs ist, hatte ich auf eine gemeinsame Tour verzichtet - nochmals 2 Stunden früher aufzustehen um weitere fast 1000hm draufzupacken war mir für einmal zu viel der Entbehrung.

So dürfte es immer sein: vorzüglicher Schnee und viel Platz für eigene Linien in der Abfahrt vom Redertengrat.
Zusammen fahren wir weiter ab, immer noch in bestem Schnee. Etwa ab der Lufthütte spürt man langsam den kompakten Deckel unter dem Neuschnee, was aber nicht stört. Zu bald sind wir am Seeende, und kurz darauf beschliessen wir unsere Touren im Gasthaus. Gemeinsam erörtern wir das Potenzial, wie die Aufstiegszeit noch weiter reduziert werden könnte: ideal angelegte Spur, keine Überholmanöver, saubere Even Pace, minimales Gepäck und vielleicht (für mich) auch ein bisschen Lauftraining, anstatt sich allerhöchstens in der Kletterhalle an den Boulderblöcken auszutoben... Wer weiss, so liesse sich vielleicht sogar die 1:30er Schallmauer knacken. Aber weil mir die Sache schlicht und einfach nicht wirklich wichtig ist, dann vielleicht nächstes Jahr - wenn ich bis dann noch nicht zu alt bin ;-)

Mittwoch, 7. März 2012

Nachwuchsförderung in Chironico

Eigentlich ist es schon verrückt, aus der ganzen Welt reisen Leute um den halben Globus, um im Tessin bouldern zu können. Viele CH-Kletterer nehmen gar nicht so richtig wahr, was für Perlen sich da in unserem Vorgarten befinden. Mir selber geht es ganz ähnlich: vorwiegend aufs Seilklettern fokussiert, lag mein letzter Besuch an den Blöcken von Chironico auch schon wieder 2 Jahre zurück.

Der 6b+ Plattenboulder geht noch nicht ganz ohne Hilfe. Doch sobald die Hände mal an der Kante waren, ging dann die Post ab!
Nun war ich aber innert kurzer Frist gleich 2x dort: das Gebiet überzeugt durch eine moderate Anreise, sehr kurzen Zustieg und gegebene Familienfreundlichkeit. Das Highlight sind aber die Boulder - nein, eigentlich sind es keine profanen Boulder, sondern es sind Probleme! Jedes klettert sich anders, will trickreich überlistet werden, und auf engem Raum gibt es einfach alles: superathletische Dächer, runde Kanten, aber auch Wandklettereien und Plattenschleifer. Die Formen der Griffe sind vielfältig, von der positiven Minileiste bis zum grossen Sloper gibt es das ganze Spektrum - der Fels stets unverbraucht und rauh, mit hervorragender Reibung!