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Dienstag, 24. August 2021

Tofana - Aspettando la Vetta (6c)

Tja, wenn frau das Arrangement bucht, dann ist das Frühstücksbuffett inbegriffen und somit wird es nichts mit einem frühen Tourenstart. Wobei, das sei erwähnt, ich auch nichts gegen ausreichend Schlaf habe, vor allem wenn ja nachher sowieso der ganze Tag zum Klettern zur Verfügung steht. Nach unseren Eskapaden am Vortag, bzw. bis in den späteren Abend hinein, war so eine richtige Hammertour auch nicht zwingend angezeigt. Auf eine Tour an der Tofana konnten wir uns dann doch einigen, ist doch der Zustieg kurz und der Gesamtrahmen überschaubar. Knappe 7 Jahre waren seit unserem letzten Besuch vergangen. Damals, anlässlich der Begehung der Vecchio Leone, hatte ich noch mit den fordernden 7b-Routen kokettiert. Daraus sollte an diesem Tag abermals nichts werden, "Genuss" mit moderat schwieriger Kletterei war angesagt. Der Plaisir steht in Anführungszeichen, weil die Sicherungen nicht allzu üppig vorhanden sind. Womit ja aber in erster Linie der Vorsteiger klar kommen muss - und wenn er das tut, so steht dem Spass nichts im Wege.

Blick auf die gewaltigen Wände der Tofana mit dem Verlauf von 'Aspettando la Vetta' (6c)

Unsere Tour startete um 10.50 Uhr beim Rifugio Dibona. Da gibt es zwar viele kostenlose Parkplätze, es waren aber trotzdem fast alle belegt. Jedoch nicht in erster Linie von Kletterern, sondern viel mehr von Wanderern und anderen Luftschnappern. Auf dem breiten Fahrweg geht's in Richtung Rifugio Giussani, bevor man schliesslich horizontal auf einem gut ausgetretenen Pfad Richtung Einstieg quert. Nach einer halben Stunde Gehzeit hatten wir diesen erreicht. Dieser befindet sich direkt am Weg, etwa 10m links der Aufschrift "Castelletto" (nicht 25m, wie im Topoguide steht!) bei der einfachsten Rampe, welcher dieser Wandbereich zu bieten hat. Eine Anschrift oder fixes Material zur Orientierung gibt es allerdings nicht. Nach kurzer Vorbereitung stiegen wir ein, wir hatten entschieden am Einstieg kein Depot anzulegen, obwohl im Abstieg nur ein kurzer Umweg nötig wäre, um die Sachen wieder aufzulesen.

L1, 55m, 3b: Unschwierige Kletterei über die Rampe, welche aber v.a. auf den ersten 30m nicht wirklich gut abzusichern ist. Da das Gestein auch nicht überall über jeden Zweifel erhaben ist, sind keine Fehler erlaubt. Am Ende geht's dann auf logischer Fährte direkt hinauf, da lässt sich auch mal ein solider Cam/Keil installieren und die Standhaken rücken ins Blickfeld.

Wenig attraktives Foto, aber nicht meine Schuld, dass L1 über diese etwas grasig-brüchige Rampe führt ;-)

L2, 50m, 6b: Die von der Absicherung her heikelste und anspruchsvollste Seillänge der Tour! Bohrhaken, Rissspur (Cam), Bohrhaken, dann ein fragwürdiger Schlaghaken - das tönt mehr nach Klippen als nach Moven, aber da liegt schon eine Menge an anspruchsvoller Kletterei dazwischen. Doch die haarigste Stelle kommt nach dem NH, entweder direkt an Seitgriffen trittarm und schwierig hinauf oder alternativ mit einer grösseren Linksschleife. Wobei man sich bei jener weit von der letzten Sicherung entfernt und zusätzlich mit dem Bammel umgehen muss, dass es nicht aufgeht... tut es aber dann doch. Trotzdem, diese Stelle fand ich unangenehm. Es folgt eine deutliche Rechtsquerung zum letzten BH, gefolgt von einer nochmals schwierigen Kletterstelle wo man unter mehreren Optionen die (für sich) richtige Beta wählen muss (es gehen hier wohl alle Optionen bei +/- ähnlichen Schwierigkeiten).

Coole, athletische Kletterstelle in sehr gutem Fels am Ende von L2 (6b).

L3, 40m, 6c: Nun geht es über das grosse Dach hinweg, was von Weitem sehr eindrücklich aussieht, die nominelle Schlüsselstelle der Route bereithält, sich aber schlussendlich alles sehr gut auflöst. Im Einzelnen steigt man ohne besondere Schwierigkeiten im grauen Fels hinauf in den gelben Wandbereich. Da Gestein ebenda ist nicht bombensolide und etwas splittrig, aber doch absolut vernünftig bekletterbar - einfach nur die hier permanent weiss markierten Griffe nehmen, fast wie in der Kletterhalle ;-) Einzig die Bolts sind etwas verwunderlich platziert... irgendwie sowohl für den Vor- wie den Nachstieg leicht suboptimal, passt aber schon - gut verlängern hilft, um den Seilzug einzudämmen. Am schwierigsten ist eigentlich gleich die Stelle am Wulst zu Beginn (nicht nur wegen der Behakung), nachher greift man immer zu anständigem Material und das Dach wird mehr an einer Fuge gequert als wirklich überstiegen. Mit einer Rechtsquerung oberhalb und ein paar Meter obsig erreicht man den nächsten Stand. Eine 6c ist das wohl eher nicht, 6b dürfte auch reichen, wir empfanden die Länge auch einfacher wie L2.

Holla, hier geht's in L3 (6c) drüber hinweg - an der Schwachstelle natürlich!

L4, 45m, 6a: Hier stecken nur gerade 2 BH für eine ziemlich lange Reise. Darum wohl ist am Stand ein Pfeil eingeritzt, damit man nicht in eine unbekannte Route rechts abdriftet, wo SU-Schlingen erkennbar sind. Wer genau hinschaut, sieht aber den ersten Haken der Aspettando direkt voraus. Die Hauptschwierigkeiten warten im ersten Teil, wo es bald recht steil wird - man sichert erst mit Cams, der Bolt kommt dann genau an der entscheidenden Stelle. Nach einem weiteren BH am nächsten Wulst (erneut perfekt platziert) gibt's zum Stand hin dann ziemlich freie Linienwahl. "Logische Linie leicht rechts ansteigend" meint Volker im Topoguide. Diese kletterte ich (vermeintlich?), zum Ende musste ich auf dem Band dann deutlich einige Meter nach links zum Stand queren. Ginge also vielleicht auch direkter im zweiten Teil?!? Zur Bewertung kann man sagen, dass diese Länge kaum einfacher wie die anderen ist, somit eher 6a+.

Auftakt zu L4 (6a/+) mit sehr schöner Kletterei, Cams zwingend erforderlich.

L5, 40m, 6a+: Vier Bolts stecken auf dieser Länge, d.h. nicht allzu viele für 40m Kletterstrecke. Aber erneut genau am richtigen Ort, d.h. da wo unmittelbar danach eine schwierigere Stelle kommt. Der Rest lässt sich hier für einmal sogar recht üppig mit Keilen und Cams sichern, somit steigt man ziemlich unbeschwert in henkligem Gelände.

Kathrin folgt in L5 (6a+), die Wand wie man sieht ab frühem Nachmittag im Schatten!

L6, 50m, 6b: Steile, sehr griffige Kletterei in perfektem, schwarzem Dolomit! Hier liegt nun wieder nicht mehr ganz so viel wie in der Länge davor, d.h. man kommt nicht um den einen oder anderen Runout herum - was aber in diesem extrem strukturierten Henkelgestein bei Schwierigkeiten um 6a schon fast Freude macht, da man einfach frei steigen kann. Die Crux der Länge kommt dann erst am Schlusswanderl und erscheint etwas gesucht. Linksherum wäre es wohl deutlich einfacher zu haben, doch da sonst massiver Seilzug droht und man im besseren Gestein operiert, klettert man sicherlich am besten direkt über den Bolt.

Dieses Foto stammt von L5 (6a+) - nicht so entscheidend, es sieht überall ähnlich aus ;-)

L7, 55m, 3a: Überführungslänge, welche nach den ersten Metern Gehgelände über das Schuttband bietet. Den Stand findet man links oberhalb eines markanten Pfeilerleins an einer Sanduhr (wie auf diversen Webseiten erwähnt, wurden die BH ab hier von Traditionalisten entfernt!). Die Route führt nachher leicht rechtshaltend durch den dunklen, soliden Streifen zwischen zwei orangen, wohl splittrig-brüchigen Flecken hindurch.

Blick auf die Fortsetzung in L8 (6a), im grauen Streifen leicht rechts der Bildmitte verläuft die Route.

L8, 50m, 6a: Man quert hier zuerst ein paar Meter diagonal nach rechts oben - nicht sehr schwierig, aber auch nicht ganz einwandfrei zu sichern und unterhalb ist halt das Band... Dort wo es steiler wird, kommen dann aber gut sichtbar NH, eine SU und auch mobile Möglichkeiten, es löst sich alles gut auf. Man erreicht eine Nische, klettert rechts aus dieser hinaus über die nächste Stufe hinweg und dann ist irgendwann Bastelstunde angesagt, um einen sicheren Stand zu bauen. Die 2 (dünnen) SU laut Topoguide waren identifizierbar, aber so richtig safe schien mir das nur mit denen nicht - also hier und da noch ein Placement gefunden, alles aufwändig verkabelt und dann in unbequemer Sitzposition nachgesichert... hach die Annehmlichkeiten eines vernünftigen BH-Standes weiss man schon recht bald zu schätzen.

Unbequemes Nachsichern am selbstgebauten Stand nach L8 (6a).

L9, 50-60m, 5b: Wandkletterei ohne fixe Absicherung und daher offener Linienführung. Es geht +/- gerade hinauf, eine Rippe ermöglicht mobile Absicherung, wobei die perfekten Placements hier nicht abundant sind... Man erreicht schliesslich ein Band, wo man mit der klassischen Pfeilerroute von Alvera/Pompanin zusammen trifft. Da sich dort Leute befanden, habe ich etwas weiter rechts mit mobilen Mitteln einen guten Stand eingerichtet.

Schon eine tolle Gegend, diese Dolomiten! Hier an der Stelle, wo man auf die Alvera/Pompanin trifft.

L10, 20m, 4a: Wohl etwas rechts der klassischen Linie sind wir hier über eine Stufe gestiegen - gut möglich und ohne grössere Schwierigkeiten. Weil erstens die Fortsetzung blockiert war (mehr dazu gleich...) und zweitens wieder gebohrte Standhaken vorhanden waren, nahm ich Kathrin nochmals nach.

L11, 50m, 5c+: In der ganzen Zeit, während ich am Stand nach L10 war, bewegte sich der Kletterer in der folgenden Länge keinen Zentimeter weiter. Zu warten wäre einfach aussichtslos gewesen und so stieg ich los. Es stellte sich heraus, dass der Nachsteiger einer rumänischen Seilschaft komplett erschöpft und dem Kollaps nahe war. Er steckte an der henkligen Steilstufe fest, die er einfach nicht mehr überwinden konnte. Zwei, drei Meter rechts stieg ich athletisch an ihm vorbei - da wohl eher im 6ab-Bereich, aber cool. Von oben versuchte ich ihm die besten Griffe anzuzeigen, aber es nützte nichts. "My fingers don't work anymore" war sein verzweifelter Kommentar. Sein Kamerad konnte auch nicht helfen, der befand sich 40m weiter oben am Stand und hatte einen solchen Zickzack in den Seilverlauf gelegt, dass von seinem ganzen Zerren kein Newton an Erleichterung am unteren Seilende ankam. Naja, so stieg ich eben in schöner und nicht ganz trivialer Kletterei (wenige NH) hinauf zur Kanzel unter dem Abschlusskamin, wo sich nochmals 1 BH für den Stand befindet. Ich hiess Kathrin nachkommen und diese hatte sich am Stand unten mit einer weiteren, sich dort einfindenden Seilschaft aus Polen eine Taktik überlegt, wie man dem armen Kerl behilflich sein könnte. Dies war mittels Schulterstand, was nach erster Ablehnung schliesslich zögerlich als Lösungsmöglichkeit akzeptiert wurde und auch tatsächlich über den Überhang half...

Ausblick vom Stand nach L11 auf die letzten Meter und den markanten Fungo.

L12, 30m, 2a: Über eine einfache Rippe und im Kamin steigt man hinauf zum Ausstieg, links vom markanten Pilz - macht keine Schwierigkeiten mehr, ich hatte auch bereits auf die Zustiegsschuhe gewechselt.

Geschafft!

Um 18.00 Uhr und somit nach rund 6:30 Stunden Kletterei waren wir am Top - mit einer beiderseits perfekten Onsight/Flash-Begehung. Wir schossen gleich die Seile auf und liefen los. Erst geht's über einen gut ausgetretenen Geröllpfad nordwärts horizontal hinüber, wobei sogar noch letzte Schneefelder gequert werden mussten. Ziel ist der Steig, welcher auf einem Band durch die Wand der Punta Marietta quert. Das Gelände ist exponiert, die heikelste Stelle da wo sich ein Schuttkegel in den Weg stellt, es stecken jedoch diverse (Klebe-)haken, an welchen man am laufenden Seil sichern kann. Schliesslich biegt man um die Ecke und steigt in einfacherem Gelände entweder zum Rifugio Giussiani (kleiner Umweg) oder direkt hinab zu alten, verfallenen Gebäuden, um den markanten Weg zu erreichen. Auf diesem in einfacher Wanderung mit sehr schönen Ausblicken zur Croda da Lago retour zum Ausgangspunkt wo sich der Kreis um 19.00 Uhr schloss. Wir fuhren hinab nach Cortina, um dort noch den Abend auf einer Terrasse mit feiner Pizza, Birra, Dolce, Caffè und prima Sound zu geniessen :-)

Impression vom Abstieg: Bandquerung unter der Punta Marietta (nach Ende des schwierigsten Abschnitts).

Blick zur Croda da Lago und Lastoni di Formin, wo wir auch schon kletterten (1, 2)

Facts

Tofana - Aspettando la Vetta 6c (6b obl.) - 12 SL, 500m - Da Pozzo/Meneghin 2004 - ****;xx
Material: 1x oder 2x60m-Seil, 10-12 Exen (div. verlängerbar), Keile, Cams 0.2-1 plus evtl. 2

Eindrückliche Kletterei mitten durch die lotrechte erste Pfeilerwand der Tofana. Bohrhaken wurden nur spärlich gesetzt und fehlen im Ausstieg komplett, was die Route zu einem Hybrid zwischen einer MSL-Sportkletterei und einem alpinen Unternehmen macht. Da die Kletterei aber eigentlich stets gut kontrollierbar, d.h. griffig und trittig ist, die wenigen BH fair und intelligent platziert sind und man zwar nicht sehr üppig, aber doch immer wieder mobile Placements findet, geht das Ganze doch in Minne über die Bühne, sprich ohne dass der Haarschopf ergrauen würde. Mir reichten ein Satz Keile und Cams von 0.2-1 gut aus. Grössere Cams werden teils in der Literatur empfohlen, sie sind aber kaum einsetzbar und erscheinen mir nicht nötig. In Bezug auf die Schönheit ist noch zu erwähnen, dass die Route in meist sehr gutem Dolomit verläuft. Unvorsichtige werden aber sicher problemlos Griffe zum Ausreissen finden, was bei den vorhandenen Sicherungsabständen nicht vollständig unbedenklich ist und den alpinistischen Anspruch der Linie nur unterstreicht. Ebenso ist die durchgehende Henkelkletterei zwar toll, aber auch etwas monoton - mit Ausnahme vom Dach in L3 bleiben schlussendlich nicht viele, markant-eindrückliche Kletterstellen haften, sondern es handelt sich viel mehr um Cruising-Genuss. Das Topo von Planetmountain ist hier verlinkt - passt so schon, aber Details zeigt es halt nicht wirklich. Weiter ist die Route mit meist stark generalisierten, wenig informativen Topos in manchen (Auswahl)führern aufgeführt. Das beste schematische Topo findet man im Topoguide Band 3 - sicherlich empfehlenswert für all jene, die sich nicht komplett selber orientieren können/wollen.

Topo by Planetmountain.com

Dienstag, 17. August 2021

Rienzwand - Hat Spass gemacht (6b+)

Am Vortag hatten wir es am zweiten Tag unserer Reise noch bis nach Südtirol geschafft, doch bis zum Einstieg einer gelobten Dolomitenkletterei war es immer noch ein ziemlich langer Weg. Kam hinzu, dass wir auf der Weiterfahrt im Pustertal eine Ewigkeit im Stau standen - abseits der Hauptreisezeit ziemlich unerklärlich, aber was soll's. Dank sicherem Wetter sollte es aber für eine Tour im Rienztal trotzdem noch reichen. Mit 14 Seillängen und ~500 Klettermetern handelt es sich bei der hier beschriebenen Route zwar nicht um ein wirklich kurzes Unterfangen. Da die Route aber sehr gut abgesichert ist und mit zügig abspulbarer Wandkletterei aufwartet, lässt es sich effizient auf die Tube drücken. Auch der Abstieg ist nicht eben kurz, verläuft aber nicht in alpinem Gelände sondern über Wanderwege, die nötigenfalls auch im Stirnlampenlicht zu beschreiten wären...

Die gewaltige Mauer der rund 500m hohen Rienzwand mit Ein- und Ausstieg von 'Hat Spass gemacht'

Um 12.20 Uhr liefen wir schliesslich vom Parkplatz gegenüber dem Hotel Tre Cime los (7 Euro pro Tag, kostenlose Plätze etwas weiter der Hauptstrasse entlang Richtung Cortina). Auf einigen Webseiten wird für den Weg ins malerische, relativ flache Rienztal ein Bike empfohlen. Was trotz der schottrigen Strasse zeitsparend wäre, aber es ist auch klar ausgeschildert, dass Fahrräder in diesem Tal nicht geduldet werden. Wir hatten keine Räder dabei, marschierten aber zügig los, so rückten die eindrücklichen Wände bald einmal ins Blickfeld - wow, ein solcher Anblick ist immer wieder ergreifend! Nach ~40 Minuten hatten wir die Stelle erreicht, wo der Bach überquert und zur Wand aufgestiegen werden muss. Ein deutlich ausgeprägter Steig führt durch die Bäume und am Rand einer Geröllhalde hinauf und quert zuletzt mit leichtem Höhenverlust nach links zum Einstieg. Dieser befindet sich ca. 10m rechts vom tiefsten Punkt der Wand und ist nicht (mehr) näher bezeichnet. Zwei (mässig nützliche) SU-Schlingen sind jedoch noch da und während die verzinkten, einstmals goldgelben Fixé-BH durch die Korrosion farblich schon dem Fels angeglichen sind, wird das spähende Auge sie schon erblicken. Der Zustieg hatte uns total 50 Minuten gekostet, nach dem Schuhwechsel stiegen wir um 13.20 Uhr ein.

L1, 35m, 6b: Ein fulminanter Auftakt, in manchen Beschreibungen wird diese Länge gleich als die (oder zumindest eine der) schwierigsten der Tour beschrieben. Sicherlich weist sie recht anhaltend steile Kletterei auf, gewürzt mit der einen oder anderen Herausforderung und man muss sich ja auch immer erst an Wand und Fels gewöhnen. Ob's wirklich schwieriger ist wie weiter oben, vermag ich jedoch nicht sicher zu sagen.

Die erste Länge (6b) gleich gepackt. Und wie man sieht, 13.51 Uhr, der Einstieg gerade noch schattig.

L2, 50m+, 6b: Der steile Bug oberhalb wird rechtsherum umgangen, nach einem noch moderat schwierigen Auftakt geht's in steiler, gutgriffiger Kletterei zur Sache, was mich nicht wesentlich einfacher wie die Anforderung in L1 dünkte. Man steigt schliesslich auf eine weniger steile Zone aus. Erst der nach rechts ziehenden Rampe entlang, dann aber direkt hoch und zuletzt in flachem Gelände zu "Seil aus" und Stand - je nach Schrumpfung des Stricks kommt wohl das eine oder andere zuerst. Die eine oder andere Sicherung will hier gut verlängert sein, ansonsten wird es unangenehm!

L3, 35m, 6b: Anhaltend steile, homogene Wandkletterei in gelbem Fels, mit vielen BH gut abgesichert. Ja, hier kann man durchaus etwas Pump fühlen, je nach individueller Fitness halt mehr oder weniger. Teils ist der Fels ein wenig splittrig, aber alles im grünen Bereich: es finden sich mehr als genügend solide Griffe.

Nachstieg in L3 (6b), einzelne BH sind wie man sieht teils etwas ausserhalb der direkten Linie.

L4, 25m, 6b+: In dieser Seillänge stellt vor allem der Auftakt aus dem Stand hinaus die Challenge. Dies schon nur in der Routenwahl, man kann nämlich sowohl links wie rechts von den Standhaken und der Sicherungsperson anpacken. Es bedürfte dem Ausprobieren beider Varianten um die einfachere zu benennen. Für mich funktionierte es linkerhand gut, auch wenn dies bis dato sicherlich die schwierigsten Moves waren und ein '+' verdienen (A0 wäre hier sicher gut möglich falls nötig). Danach eine Linksecke klettern und in weniger steilem, griffigen Gelände zum nächsten Stand.

L5, 30m, 6a: Prima Wandkletterei in sehr griffigem, grauem und festem Fels. Hier kamen wir nun richtig in den Kletterfluss, man könnte beinahe von einer Speed-Begehung sprechen. Einfach stetig aufwärts, der nächste Griff ist genau da, wo man ihn braucht und für die Füsse passt es auch immer.

Sehr schöne Wandkletterei in prima strukturiertem Fels, richtiges Cruising-Gelände in L5 (6a+).

L6, 30m, 4b: Hat den Charakter einer Überführungslänge. Zuerst unschwierig zu einem Schuttplatz hinauf, dann die Wand darob anpacken. Der Standplatz liegt etwas links ausserhalb und ist von unten kommend erst nach den BH der folgenden Länge erkennbar. Man könnte ihn bestimmt auch gut links liegen lassen und L6 & L7 linken, 50m-Seile dürften wohl knapp (oder knapp nicht) reichen, wobei im schlimmeren Fall gut kurz gemeinsam gestiegen werden könnte.

L7, 25m, 6a: Erst folgt man in für einmal beinahe klassischer Manier dem markanten Riss bzw. der fast kaminähnlichen Verschneidung. Hier könnte man noch viel mehr Höhe machen, doch irgendwann wurde es den Erschliessern zu bunt und sie querten wieder nach links in die griffige Wand hinaus. 

L8, 45m, 6b+: Diese Seillänge sticht noch einmal deutlich aus den anderen heraus. Das liegt daran, dass man nach dem Auftakt, den man linksherum angeht, bald einmal auf eine deutliche Crux an einem Wulst trifft, der mit kleingriffigen Leistenzügen überwunden wird. Ich fand diese Stelle deutlich anspruchsvoller wie das übliche Gelände an diesem Berg. Danach geht's aber in gewohntem Stil und wieder einfacher weiter.

Hier kriegt man einen hervorragenden Eindruck von L8 (6b+) - das Foto ist aber echt von da!

L9, 25m, 6a+: Laut dem Topo der Erschliesser wird auch diese Länge wie jene davor mit 6b bewertet, doch hier haben wir keine schwierige Stelle angetroffen. Erneut sehr schöne und griffige Wandkletterei, richtiges Cruising-Gelände.

L10, 25m, 6a: Es gilt genau dasselbe wie für die Länge davor, griffiges Cruising-Gelände ohne besonders markante Stellen - einfach ein bisschen weniger steil wie in der Länge davor. 

L11, 25m, 6a+: Hier wirft vor allem der Start gewisse Fragezeichen auf. Der Wulst sieht ganz direkt über den Haken geklettert eher schwierig aus, rechts oder links geht's kommoder. Bloss auf welcher Seite?!? Die Schleifspuren der Exen am Gestein bezeugen, dass die Stelle auf beiden Seiten angegangen wird - und so schwierig war's dann auch nicht, mit 1-2 athletischeren Zügen war es erledigt. Man mündet dann in eine Verschneidung ein, für einmal etwas Abwechslung von der üblichen Wandkletterei.

Ausstieg aus der Verschneidung am Ende von L11 (6a+). 

L12, 50m, 5a: Von Stand 11 besteht die letzte, sinnvolle Rückzugsmöglichkeit durch Abseilen. Wer hier also weiterklettert, ist fast gezwungen nach oben auszusteigen, weil man sonst beim Seil abziehen sicherlich viele Steine lösen würde. Mit einer markanten Rechtsquerung peilt man in griffig-einfachem Gelände die grosse Verschneidung an. Dieser entlang geht's aufwärts, wobei man interessanterweise fast ausschliesslich in der Wand links vom Winkel klettert. Achtung Seilzug, Halbseiltechnik und lange Exen helfen.

Der markanten Verschneidung entlang führt L11 (dank griffigem Gelände nur 5a).

L13, 35m, 5c: In den letzten beiden Seillängen nimmt die Route doch eine eher spezielle Linie. Links könnte man in der Wand wohl ziemlich einfach das Top erreichen. Aber gut, da liegt doch eine ganze Menge an losen Steinen herum und der gewählte Weg durch ein steiles Kaminsystem ist originell und bietet einen spannenden Abschluss. Zuerst geht's auf dieser Seillänge ungesichert über Stufen hinweg, dann eben steil hinauf an einem Riss bzw. einer Verschneidung in Richtung des markanten Kamins.

Durch das tiefe dunkle Loch leicht rechts der Bildmitte führt die Route

L14, 35m, 6a+: Mit der Erwartung einer 6a+ laut Topoguide bin ich in diese Seillänge gestiegen. Erst in Kamintechnik, später dann in der Wand links. Leichter kam es mir ehrlich gesagt auch nicht vor, aber wie meine holde Angetraute mir später verraten hat, soll ich mich hier ungeschickt angestellt haben. Auch das Originaltopo wirft hier eine lapidare 5+ aus. Einmal dem Kamin entronnen, geht's noch über eine Stufe hinweg zum Ausstieg. Den letzten Stand macht man an 1 BH und an Latschen befestigten Schlingen, er ist rechts etwas unscheinbar und versteckt.

Geschafft! Das ist der Ausstieg der Route in L14 (6a+).

Um 19.00 Uhr und damit nach gut 5:30 Stunden Kletterzeit hatten wir das Top erreicht. Das war (für uns) nun wirklich eine Express-Onsightbegehung gewesen, schneller wäre es nicht möglich gewesen. Wir schnürten subito die Schuhe und machten uns auf die Socken. Der führt erst noch etwas aufwärts durch die Latschen hindurch und über ein paar Stufen hinweg nach Süden. Einen richtig deutlichen Weg gibt es nicht, trotzdem ist die Passage gut zu finden. Man erreicht schliesslich ein Plateau, auf welchem man etwas linkshaltend die Langenalm erreicht (19.30 Uhr). Dies mit atemberaubenden Blick auf die Nordwände der Drei Zinnen, wirklich fantastisch!

Die Hütte der Langenalm mit fantastischem Blick auf die Nordwände der Drei Zinnen.

Erinnerungen an meine Begehung der Nordwand der Grossen Zinne über die Hasse/Brandler keimten auf und eine weitere, spannende Idee lag auf der Hand - das Pfeifhofer-Enchainment nämlich. Hat doch der Erschliesser der 'Hat Spass gemacht' mit der 'Petri Heil' in der Nordwand der Westlichen Zinne eine 19-SL-Tour hinterlassen, welche ideal angehängt werden könnte. Nun denn, wir waren tageszeitlich schon etwas zu spät unterwegs für dieses Vorhaben, die 'Petri Heil' kletterten wir zwar schon, aber nicht mehr an diesem Tag. Also mussten wir uns um den Weg ins Tal kümmern. Vermutlich gibt es aus der Umgebung der Langenalm einen direkten Steig hinunter ins Rienztal?!? Jedenfalls sieht es von unten sehr wohl danach aus und wir gingen davon aus, dass wir den Einstieg in diesen Schnellabstieg problemlos finden würden. Dem war aber nicht so, wir gingen dem markierten Weg Nr. 105 entlang, trotz offenen Augen konnten wir den Abzweig nicht entdecken und die für uns verfügbaren Beschreibungen waren alle zu vage und unklar.

Die Zinnen in ihrer ganzen Pracht - davon kann man nicht genug bekommen!

Bald einmal stellten wir fest, dass wir den Abzweiger definitiv verpasst haben mussten. Also liefen wir weiter auf dem markierten Weg - was sicherlich einen markanten Umweg bedeutet, dafür aber eine wirklich sehr genussreiche Wanderung darstellt mit Top-Blicken auf die Nordwände der Drei Zinnen. Um diese Zeit waren so gut wie keine Leute mehr unterwegs, wir genossen einen fantastischen und sichtigen Sommerabend, besser hätte es nicht sein können, um noch etwas zu wandern und die Ausblicke zu geniessen. Schliesslich liess sich unter der Drei-Zinnen-Hütte dann eine Ecke abkürzen (Pfade gut sichtbar), bevor es ins Rienztal hinunterging (20.00 Uhr). Aber nicht ohne bei einem Tümpel noch hervorragende Bilder der Zinnen inklusive Spiegelung zu schiessen - so genial!


Nun hiess es aber, die Hinteren hervor zu nehmen. Noch immer stand uns eine längere Strecke zum Ausgangspunkt bevor. Und dummerweise hatten wir auf der Anfahrt weder Quartier noch Nachtessen organisiert, auf der Tour war dies mangels Handyempfang auch nicht möglich. Da Kathrin die besseren Schuhe für einen Trailrun trug ;-) wurde sie vorgeschickt, während ich den Sherpa spielte. Ihre Aufgabe hat sie mit Bravour erledigt: mit dem Beizer des Tre Cime einen prima Deal ausgehandelt und bis ich um 21.20 Uhr nach ziemlich genau 9:00 Stunden für die ganze Runde ins Wirtshaus (mit schon geschlossener Küche) trat, stand bereits ein kühles Bier, ein würzige Gerstensuppe und ein Piatto mit Fleisch, Käse und Brot auf dem Tisch. Das war ein mehr als gelungener Abschluss einer hervorragenden Tour :-)

Sicht aus der Wand auf das Rienztal, durch welches Zu- und Abstieg führen.

Facts

Rienzwand - Hat Spass gemacht 6b+ (6a+ obl.) - 14 SL, 480m - H. Pfeifhofer et al. 2011 - ****;xxxx
Material: 1x50m-Seil, 14 Express (davon 4-6 verlängerbar), Cams/Keile nicht nötig

Für lokale Verhältnisse sehr gut, aber nicht übertrieben mit BH abgesicherte Klink & Go Route durch eine eindrückliche Dolomitenwand. Die stets griffige, steile Wandkletterei ist an sich hervorragend, weist aber nicht so viel Abwechslung und markante Kletterstellen auf. Konkret heisst das, dass man auf den fast 500 Klettermetern erstaunlich selten je überlegen muss, wie man eine Stelle zu lösen hat. Topos zur Route findet man in diversen Dolomiten- und überregionalen Auswahlführern à la Topoguide oder Moderne Zeiten. Oder auch hier das wenig detaillierte Originaltopo. Wobei es zu sagen gilt, dass man einmal auf der richtigen Fährte den Weg dank den zahlreichen BH kaum mehr verfehlen wird.

Montag, 9. August 2021

Precipizio di Strem - Niente Paura (6c)

Nachdem wir über den Splügenpass nach Italien gereist waren, wollten wir am zweiten Tag des Trips mit Kathrin eine weitere MSL anpacken. Weiter östlich in den Dolomiten waren noch immer Schauer im Programm, während es in der Region Chiavenna zwar wechselnd bewölkt aber trocken bleiben sollte. So schien es die richtige Strategie, noch vor Ort zu bleiben und endlich einmal der eindrücklichen Wand des Precipizio di Strem im Val Bodengo einen Besuch abzustatten. Unsere primäre Absicht war eine Begehung der gängigsten und auch im Plaisir Sud aufgeführten Route namens 'La Ragnatela'. Gekommen ist es schlussendlich ein wenig anders... Ich hüte mich ja auf diesem Blog generell davor, auf die Führerliteratur zu schimpfen. Meist liegen solche Probleme mehr bei der mangelnden Vorbereitung der Aspiranten wie an tatsächlichen Nachlässigkeiten der Autoren. Zudem weiss ich aus eigener Erfahrung, wie schwierig es ist, träfe und stets aktuelle Infos aus überregionalen Gebieten zu verbreiten. Doch auf dieser Tour war es unter dem Strich schon so, dass die Gegebenheiten vor Ort nicht so wirklich mit unseren angelesenen Erwartungen übereinstimmten.

Der Precipizio di Strem im Val Bodengo mit dem (ungefähren) Verlauf der Route 'Niente Paura'.

Anyway, zuerst gilt es in Gordona in der Bar Doc die Tagesbewilligung für das Val Bodengo (10 Euro) zu lösen und dann über die schmale, kurvenreiche und zuletzt nicht mehr asphaltierte Bergstrasse den Ausgangspunkt bei Corte Terza zu erreichen (ca. 30-40' ab Chiavenna). Vom Parkplatz ist die Wand bestens sichtbar und es gibt im Groben keine grossen Fragezeichen, wo der Weg entlang geht. Links an den Häusern vorbei, über die Wiesen hinauf zum Waldrand. Von dort gäbe es tatsächlich schwache Wegspuren, welche zum Einstieg führen. Man muss dafür zu Beginn eher links in noch halboffenem Gelände halten, die Spur touchiert später sogar die Bachschlucht, die links drüben von der Wand hinunterzieht und quert von dort wieder in den Wald zurück. Nun denn, das stellten wir erst im Abstieg fest, im Aufstieg verkofferten wir uns auf die Diretissima. Was grundsätzlich problemlos ist, der Wald ist gut begehbar wenn auch weglos, nur fehlt einem leider im dichten Laubwerk bald einmal die Übersicht, wo man sich befindet. Weiter oben wird das Gelände nämlich mehr oder weniger überall felsig, aber wo genau sich der Tourenstart auf den kompakten Placche dell' Aquila befinden würde, erforderte durchaus Sucharbeit und Spürsinn. Irgendwann erblickten wir schliesslich das Fixseil, das über eine erste Stufe hinaufhalf, danach war sogar ein Holzschild angebracht, das zum an sich logischen Ausgangspunkt leitete. 

Endlich fündig geworden! Am Einstieg, ganz offensichtlich gilt hier: unten plattig, oben steil!

Das Problem an dieser Stelle war einzig, dass im Plaisir Sud nur eine einzige Linie (mit Verzweigung nach Hälfte der ersten Länge) verzeichnet war. Im lokalen Büchlein Chiavenna Rock waren es deren 3 Stück, doch vor Ort waren mehrere Linien sichtbar und die Gegebenheiten weder mit der einen oder der anderen Skizze in Einklang zu bringen. Das spielte insofern auch keine grosse Rolle, als dass sich die ersten 3 Seillängen im plattigen Fünfergelände abspielen sollten, womit wir ja keine Probleme haben. In der Gegend von 11.00 Uhr kletterten wir los. L1 (50m, ca. 5b) war dann auch tatsächlich gutmütig, ebenso gut mit Inox-BH saniert - aus den verschiedenen Optionen wählte ich jene ganz links, den Instruktionen im Plaisir Folge leistend. In L2 (50m, ca. 6a+) ging es noch nicht viel schwieriger los, bald aber wurde es steiler, kompakter und ernster - die Absicherung war mehr und mehr verpflichtend, das Hakenmaterial alt und verrostet und vor allem schien am Ende der Länge der Weg nach oben aufs Band gar nicht mehr eingerichtet. So schlug ich mich in L3 (50m, ca. 5c) in einer Quasi-Erstbegehung nach rechts durch (dabei noch 2 Möglichkeiten für Cams gefunden), bis ich schliesslich auf die wieder mit neuen Inox-BH ausgerüstete Linie der Niente Paura traf, welche ich bis zum Stand auf dem Band am oberen Ende der Aquila-Platten und vor dem steilen Wandteil erreichte. 

Genussvolle Plattenkletterei in schön strukturiertem Fels auf den Aquila-Platten. Allerdings sind auf diesen Platten nur die ersten Seillängen richtig gut mit Inox-BH saniert, nachher wird die Absicherung spärlich und der Verlauf der diversen alten Linien unübersichtlich und mit keinem unserer beiden Topos vereinbar.

Hier nun schlug der Plaisir die Querung zum Start der Ragnatela vor. Doch man hätte sich hier in nach T6 aussehendem Gelände durch den Dschungel schlagen müssen, ein Weg in diesem Sinne war nicht vorhanden... zusammen mit einem Blick in den lokalen Führer, der für diese Querung 3 Seillängen im Grad 4a vorschlägt und unserem Zeitbudget schien es schliesslich die bessere Option, die verbleibenden 6 Seillängen der Niente Paura bis zu deren Ende zu verfolgen. Deren Linie war/schien attraktiv, mit Inox-BH gut abgesichert und während ich die Ragnatela nicht kenne würde ich sagen, dass sie sicherlich ein genauso wertvolles Ziel hergibt.

Kann hier jemand einen Weg erkennen? Der Plaisir Sud schlägt als Zugang zur Ragnatela die Querung über das grasig-dschunglige Band (leicht rechts der Bildmitte, am Fuss der steilen Wand) ganz nach links hinüber und um die Ecke vor. Wegspuren gibt es keine und eine Begehung ist sicherlich sehr beschwerlich...

L4, 30m, 6a: Über eine Platte an die Wand heran, dort dann steiler in hervorragend strukturierter, gneisiger Wandkletterei hinauf. Die Haken stecken ein bisschen kreuz und quer, die Erstbegeher haben sich im Verlauf der Erschliessung wohl 2-3x umentschieden über den weiteren Verlauf. Mit langen Exen und Halbseiltechnik aber kein Problem.

Sehr schöner Gneis, optimal strukturiert, ein richtiger Genuss zum Klettern (L4, 6a).

L5, 30m, 6a+: Erneut sehr schöne Kletterei an prima strukturiertem Gneis mit sloprigen Leisten, was mich sehr an die Kletterei am Pizzo d'Eus erinnert hat. In der Mitte muss man sich für den vorgeschlagenen Grad zwischendurch schon ganz ordentlich festhalten! Am Ende dann über eine Grasrampe nach links zu bequemem Stand.

Das Ende über die Grasrampe in L5 (6a+) ist wenig fotogen, rechts am Bildrand der Parkplatz.

L6, 35m, 6a+: Ähnliches Programm wie zuvor, sehr schöne Kletterei in strukturiertem Gneis. Gegen oben hin legt sich die Wand ein wenig zurück, wir programmiert wird auch die Struktur weniger, so dass die Anforderung konstant bleibt. Gegen Ende hin heisst es dann schon, seinen Weg ziemlich sorgfältig zu planen!

Toll dieser Fels - strukturierter Gneis mit Quarzadern hilft einem in L6 (6a+).

L7, 35m, 6b: Die Wand wird hier kompakter und plattiger - was unscheinbar aussieht, erfordert einige knifflige Moves an kleinen Leisten. Einige kleine Rinnsale mussten ebenfalls über- oder umklettert werden, d.h. man kann hier nicht darauf zählen, jeden Griff/Tritt wirklich nutzen zu können. Scheinbar ist das oft so, da es unter dem Steilriegel oberhalb rausdrückt... das Finish bin ich dann in etwas botanischer werdenden Gelände gegen die offensichtliche Verschneidung geklettert, in welcher die Route weiterführt. Der Stand ist aber 3-4m links und musste in einer etwas unerfreulich-schlonzigen Querung deutlich über der letzten Sicherung angeklettert werden.

L8, 40m, 6c: Die Signature Pitch der Route! Zuerst geht's die Querung vom Ende der letzten Seillänge zurück - immer wieder erstaunlich, wie viel leichter es sich klettert, wenn man von links oben gut gesichert ist, statt 7m über dem letzten Haken zu klettern ;-) Dann in die steile Verschneidung hinein, welche athletische 3d-Kletterei bietet. Erst geht's mit Spreizen und Drücken in die Höhe, die Absicherung mit Inox-BH ist eng gesetzt. Später hält man sich dann mehr links in der Wand, es folgt die Crux. Gutgriffig und athletisch, auch ordentlich gesichert, aber doch recht zwingend! Total lässige Sache aber! Zum Ende hin dann an guten Schuppen wieder etwas nach rechts, wobei das letzte Stück mit Cams mobil gesichert werden muss.

Die tolle überhängende Verschneidung von L8 (6c) kommt im Rückblick nicht zur Geltung.

L9, 40m, 6b: Vorerst nach links hinauf über die Rampe (BH nicht gut sichtbar), an der Ecke (weiterer BH) dann direkt griffig hinauf. Die Wand legt sich wieder etwas zurück, die ganz grossen Schwierigkeiten warten nicht mehr - allerdings steckt auch nicht mehr viel und die Orientierung ist nicht ganz einfach. Einfach der Nase nach (den logischen Weg nehmen) und man ist richtig. Vom vermeintlich letzten Haken dann rechts an die Schuppe (Cams), ob dieser kommt nochmals ein (nun tatsächlich letzter) BH, bevor man sich über eine steile grasig-buschige Rampe (etwas heikel!) links hinauf kämpft und dort tatsächlich die Standhaken findet. Unter dem Strich wäre es vermutlich gescheiter gewesen, die Erschliesser hätten die Route beim vorletzten BH zu Beginn der Schuppe beendet - doch ich kann die Emotion, ganz zum Top zu wollen, sehr gut nachvollziehen!

Grasig-heikle Dschungel-Einlage zum Ende der Tour in L9 (6b).

Um 15.45 und somit nach rund 4:45 Stunden Kletterei waren wir am Top angelangt. Da wir noch weiter in die Dolomiten wollten, galt es keine Zeit mehr zu verplempern und wir fädelten subito die Seile. Wir hatten die 2x50er-Seile dabei, trotzdem kann man ein paar Stände überspringen. Unser Programm lautete 9->8->6->4->2->1->Boden, d.h. in 6 Manövern und zum Glück ohne Seilverhänger war die Sache erledigt, wobei die Stricke mehrmals bis zur letzten Faser ausgereizt wurden (ggf. 2x60m mitbringen!). Im Abstieg gelang es uns dann ohne Schwierigkeiten, dem Zustiegspfad zu folgen. Im Wald ist der recht gut sichtbar, während der Verhauer am Waldrand tatsächlich fast programmiert ist. Nun ja, im Rückblick spielte das alles keine grosse Rolle mehr - an diesem Tag war nicht alles ganz so verlaufen, wie wir es uns vorgestellt hatten. Die Niente Paura hatte aber sehr schöne und lohnende Gneiskletterei geboten, da waren wir gut auf unsere Kosten gekommen :-) Auf uns wartete noch etwas Einsatz hinter dem Steuer... wer hätte gedacht, dass die Dolomiten noch so weit entfernt wären, nachdem wir ja schon auf italienischem Boden waren?!? Aber naja, wir bekamen noch eine feine Pizza und ein gutes Nachtquartier und kletterten am nächsten Tag tatsächlich in Südtirol - alles bestens also!

Überhängender Abseiler über die Cruxlänge (L8, 6c), mit Ausnutzen der Seildehnung lässt sich L7 gleich mitnehmen.

Facts

Precipizio di Strem - Niente Paura 6c (6b/+ obl.) - 9 SL, 350m - P. & D.Guanella, M. Bertolini 2007 - ***;xxxx
Material: 2x50m-Seile (2x60m angenehmer, wer hat), 14 Express, Cams 0.3-1

Sehr schöne Gneiskletterei ganz auf der rechten Seite am Precipizio di Strem. Die Route beginnt mir 3 geneigten Seillängen über die Placche dell'Aquila. Man kann diese (vermutlich) vom offensichtlichen und ausgeschilderten Einstieg rechtshaltend verfolgen, original beginnt die Route aber wohl ca. 15m weiter rechts im Gebüsch, wobei die Inox-BH am Anfang auf den easy Platten eher spärlich stecken. Die Seillängen an der Hauptwand bieten steilplattiges Gelände in prima strukturiertem Gneis, der wirklich sehr genussvoll zu beklettern ist. Die Krönung ist die Cruxlänge durch die steile Verschneidung, welche mit athletischer 3d-Kletterei aufwartet. Die Route ist mit Inox-BH gut ausgerüstet, die Cruxen sind eng geboltet und auch sonst ist die Absicherung immer vernünftig - sprich irgendwas zwischen xxx und xxxx. Ganz vereinzelt kann/muss mit Cams ergänzt werden, wobei ein kleines Set von 0.3-1 ausreichend ist. Eine vollständige Übersicht über die Routen am Precipizio di Strem gibt's im Kletterführer Chiavenna Rock, wobei die Angaben nicht überaus präzise sind. Auf dem Netz findet man ein PDF mit ähnlichen Infos wie in diesem Führer sowie einen weiteren Beschrieb der Niente Paura auf italienisch.