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Mittwoch, 23. September 2026

Wendenstöcke - La lunga attesa (8a)

Nein, ganz so lange wie der Routenname suggeriert hatte sich die Wartezeit auf die Begehung dieser Route für mich nicht angefühlt. Erschlossen worden war sie nämlich von italienischen Wendenkletterern, welche ihre Touren üblicherweise als gleichermassen schwierig wie wild anpreisen. Zusammen mit der Bewertung von 8a hatte ich dieses Unternehmen als weit jenseits von meiner Kragenweite eingestuft. Nun aber hatten wir bei der Begehung der Niagara eine Woche dafür den perfekten Einblick in diesen attraktiven Wandbereich erhalten. Dies hatte so stark gelockt, dass wir wenig später wieder vor Ort kamen um zu prüfen, für wie bare Münze die Anpreisungen unserer Sportkameraden aus dem südlichen Nachbarland zu nehmen wären. 

Blick auf die Sektoren Excalibur, Dom und Aureus mit dem Verlauf von La Lunga Attesa, Legacy und Andorra, sowie der besten Abseilroute über Legacy mit 2x50m-Seilen. Und ja, die La Lunga Attesa hat durchaus einige Querungen, weil das Foto aber etwas ein Bottom-Up-Shot ist, sieht es eher schlimmer aus, wie es sich in Realität anfühlt.

Tja, zur Vorbereitung und dem Zustieg bleiben mir kaum noch neue Worte zu schreiben. Es war der dritte Sonntag in Folge mit einer Wendentour, welche alle mit derselben Routine in Bezug auf Aufstehzeit, Treffpunkt und Ausgangspunkt durchgeführt wurden. Um 8.20 Uhr liefen wir auf der Wendenalp voller Vorfreude im goldenen Morgenlicht und bei herbstlicher Frische los - nach schon sehr vielen Besuchen ist dieser Moment zwar durchaus schon etwas Routine, aber der Aufbruch zu diesen steilen Wandfluchten hat noch nichts von seiner Magie verloren - es ist ja auch jedes Mal auf's neue wieder eine Reise ins Ungewisse. Der Zustieg war weitestgehend exakt derselbe wie eine Woche zuvor, er stoppte nur ein wenig früher beim angenehm terrassierten Gelände am Fusse des Sektors Dom, beim klar zu identifizierenden Einstiegs-BH der Route Legacy (siehe Foto weiter unten im Beitrag, sonst ist in diesem Sektor nichts markiert). Nach etwas Vorbereitungszeit starteten wir um 9.40 Uhr bei sehr milden Temperaturen in die Route.

L1, 40m, 4b: Los geht's ca. 5m links vom BH der Legacy, die Route folgt einer vagen Rampe mit Rissspuren und auch einem kurzen Kamin. Die Kletterei ist weitestgehend einfach, befindet sich aber doch oberhalb der Schwelle vom Gehgelände. Fixes Material sucht man vergeblich, es lässt sich jedoch mit Cams (kleine Grössen bis 1) und/oder Keilen gut absichern.

L1 (4b) könnte man fast noch als verschärften Teil vom Zustieg bezeichnen. Und auch die Tatsache, dass man sie mit dem Haulbag klettern kann (bzw. muss), klassifiziert sie in Richtung Gehgelände. Aber das Seil (und ein Set Cams) ist absolut sinnvoll und die Hände braucht es bisweilen auch. 

L2, 40m, 6a: Der ambitionierte Sportkletterer verbucht wohl auch diesen Abschnitt noch als Zustiegslänge. Nun, die liebe L2 setzt sich dieser Klassifizierung aber gleich von vorneweg entschieden entgegen. Beim überhängenden Einstiegsboulder will gleich mal zugepackt werden. Der ist definitiv vom Typ 6a hard und sollte ohne Absicherungsmöglichkeit und über ziemlich flachem Grund gelegen besser sturzfrei gemeistert werden (immerhin gilt diesbezüglich die gleiche Charakteristik wie im Zustiegsgelände). Der erste BH steckt auch danach noch in der Ferne, ist aber sichtbar und Cam-Optionen und eine (nicht fix gefädelte) SU sichern diese Passage vernünftig ab. Eine weitere Crux folgt dann in Form einer schlabbrigen Slab unmittelbar nach dem zweiten BH. Der obere Teil führt noch über zwei Aufschwünge hinweg, die je mit einem BH gesichert sind - das geht gut.

Der Auftakt in L2 (6a) hat es gleich in sich, wobei in dieser Position der überhängende Auftaktboulder aus der Standnische raus schon gemeistert ist und die Sache deutlich entspannter vorangeht. Bis zum ersten BH ist jedoch noch eine ziemlich weite Strecke zu klettern ab da.

L3, 25m, 7c: Hier müssen nun alle Systeme auf Betriebstemperatur sein, was hoffentlich der Fall ist! Nun gut, der hoch steckende erste BH lässt sich mit einer Linksschleife noch erstaunlich easy anklettern. Ein erster Aufsteher ermöglicht gleich das Klippen des nächsten, derjenige darunter befindet sich da erst auf Kniehöhe. Wobei niemand die Sinnhaftigkeit dieses zweiten BH anzweifeln wird, denn nun folgt die Crux in Form einer heiklen Traverse zu den markantesten Wasserrillen rechts und dem ersten Höhengewinn an diesen. Das ist zu 100% zwingend, erst wenn man sich nach mehreren Metern in den sich zurücklegenden Rillen etabliert hat, kann man wieder klippen. Für 7c fühlte sich diese Passage fair bis gutmütig an (die im Charakter ähnliche Crux der Gemini ist härter und unangenehmer), geschenkt ist es natürlich trotzdem nicht. Der Schlussabschnitt über die ab da vernünftig griffigen Rillen ist dann fast schon Plaisirgelände - ausser dass es bis auf einen windigen 3er-Cam gute 10m ohne Sicherungsmöglichkeit sind.

Hier sind die beiden BH in L3 (7c) geklippt, nun heisst es delikat nach rechts zu den beiden tiefsten Rillen zu queren und an diesen erst auf Gegendruck an Höhe zu gewinnen. Diese Sektion bildet die Crux der Route, steht man mal mit beiden Füssen in den Rillen drin, ist's mehr oder weniger gegessen.

Die letzten Moves der Crux-Sequenz in L3 (7c), wenn geklippt ist, entspannt sich die Lage definitiv.

L4, 25m, 8a: Vor einem baut sich eine überhängende Wand auf, welche ganz offensichtlich die Crux bereithält. Wo sie sich wohl befindet? Der Leser wird es gleich erfahren, doch auch wir hätten es mit genauem Studium der Berichte der Erschliesser schon gewusst. Gleich zu Beginn heisst es, sich in scharfem Crimpy-Terrain mal richtig gut festzuhalten, doch schon relativ bald einmal tauchen überraschend griffige Schuppen auf. Bis vor die Stelle, wo der Ausstieg ins flachere Gelände folgt, ist die Geschichte nicht mal allzu schwierig (ca. 7b/+). Doch dann kommt es knüppeldick. Eine technische Mover-Passage mit minimalen Tritten und etwas staubigen Griffen führt vom zweitletzten zum letzten BH. An ein paar recht tauglichen Löchern kann man da nochmals die Übersicht gewinnen, bevor es definitiv ans Eingemachte geht. Zaubernd gilt es Gelände mit kleinsten Kratzern zu überlisten. Die Tritte sind schlecht und erfordern viel Anpressdruck - nur macht deren Positionierung und das schlechte Griffangebot es äusserst taff, diesen zu generieren. Zudem spielt sich diese Sequenz jenseits vom BH ab und muss absolut zwingend gemeistert werden - psychisch anspruchsvoll und engagiert, aber das Sturzgelände ist gut, man hat Sichtverbindung, kann einen Soft Catch geben und der letzte Haken steckt schon nicht meilenweit weg.

Die stark überhängende Cruxlänge (L4, 8a) präsentiert sich vorerst noch erstaunlich gutgriffig.

Der Exit von L4 (8a) ist dann hingegen sehr kleingriffig, knapp strukturiert und darum technisch äusserst fordernd. Bereits in der Passage, wo ich auf dem Foto engagiert bin, will heftig geriegelt werden. Getoppt wird die Sache dann noch von der nahezu grifflosen Wand vom letzten BH zum Stand hinauf - das Bild mag die Herausforderung wohl recht klar zu übermitteln.

L5, 40m, 6b+: Mit dem Exit aus der Crux betritt man quasi eine neue Welt - geneigte Reibungsplatten. Material ist dafür höchstens in weiter Ferne zu erspähen und so stellt sich die Frage, wie der genaue Verlauf hier ist. Könnte man möglicherweise direkt hoch klettern? Wir wissen es nicht genau. Das Originaltopo zeigt eher eine Linksschleife, dort gibt's auch eine Struktur (Schuppe), welche mobile Sicherungen aufnimmt. Allzu üppig oder mit super Placements eher nicht, und die vom Steinschlag glattpolierten Wasserrillen entpuppen sich plötzlich auch als sketchy. Man befindet sich da übrigens ziemlich genau in Falllinie des Wasserfalls. Wenn dieser in Betrieb ist, kann man da kaum klettern und bei Steinschlagwetter sollte man es besser auch nicht probieren. Weit gesichert ist es übrigens bis zum Ende (3 BH auf 40m), aber dank rauerem und strukturierterem Fels klettert sich der obere Teil eher komfortabler.

L6, 35m, 6b: Eine abenteuerliche Länge, wo man rund 35 Klettermeter für ca. 10m Höhengewinn zurücklegt, welche aber in direkter Linie wohl affenschwer wären. Somit Querung nach rechts hinaus, gerade die erste Stelle nach dem Stand ist durchaus knifflig. Ein BH folgt erst viel weiter drüben (vom Stand bereits sichtbar!), man bringt jedoch 2-3 Cams unter, auch wenn die Placements nicht 1a sind. Nach dem silbernen Vertrauensspender hält man sich weiter nach rechts, de fakto bis kurz vor einen antiken Stand von Andorra. Hier geht's in göttlichem Fels mit Tropflochleisten und Wenden-Suppenschüsseln über 2 SU-Schlingen hinauf, bevor man der natürlichen Linie zurück nach links zum Stand von Andorra folgt. Auch der ist Antik: Kronen-BH, lottriger NH und ein Mini-Sandührli. Wird wohl schon halten... unverständlich aber, warum bei der Erschliessung von Lunga Attesa hier nicht aufgebessert wurde.

Traverse über dem Abgrund in L6 (6b), abgesichert werden muss hier mit Cams.

L7, 35m, 7a+: Wer vom Stand aus heftig zurücklehnt, sieht die SU-Schlinge oberhalb der Nische rechts. Diese peilt man über die Wandstufe an und folgt dann der naturgegebenen Diagonale über eine Art Rampe nach rechts - relativ einfach und nicht besonders hübsch. Schliesslich geht's dann um die Ecke, man gelangt zu einer staubig-glatten Zone im Runoff vom markanten Siffloch, und entert später etwas heikel zwei grasige Nischen. Zuletzt pirscht man mit einer Rechtsschleife in athletisch-griffigem Gelände das Siffloch an, bei welchem sich der unbequeme Stand befindet. Sofern trocken, ist das Finish nur staubig. Wenn's da aber saftet, so ist es bestimmt ultra-schleimig und heikel. Die ganze Geschichte ist eher alpin, der Fels nicht von Wenden-Premium-Quality und insbesondere ist die Absicherung mit nur 4 BH auf der knappen Seite. Diese Faktoren einschliessend mag der Grad für den Vorstieg passend sein... rein zum Klettern am bequemen Seilende kam mir dieser Abschnitt aber deutlich einfacher vor wie z.B. die 7a der Niagara, vermutlich ist sogar deren athletische 6c+ schwieriger.

Fotogen und mit Tiefblick präsentiert sich L7 (7a+).

L8, 40m, 7b+: Generell: was man vorher nach rechts gequert ist, verschiebt man sich hier wieder nach links zurück. Die Orientierung im Detail ist jedoch nicht so einfach. Das beginnt schon mit der Passage aus dem Stand raus. Ca. 6m oberhalb ist eine SU-Schlinge sichtbar. Gerade hinauf ist es sicher (zu) schwierig, aber links oder rechts? Ich vermag es nicht zu sagen, wir sind schliesslich wegen der Darstellung im Originaltopo rechtsrum. Das ist ca. 7a und an beiden Seilenden nicht so prickelnd (Sturz in den Stand für den Vorsteiger, grosser Pendler ins Leere im Nachstieg). V.a. kommt man so fast 2m oberhalb der Schlinge an, muss dann abklettern und mehrere Meter nach links traversieren. Dann linkshaltend hinauf, die einfachste Linie führt einer überhängenden Verschneidung entlang, die (distant steckenden 2) BH sind aber ungünstig 1-2m rechts davon platziert. Weil oben später blankes Gelände folgt, ist ein Horizontalquergang nach links irgendwann unvermeidlich. Der ist relativ eng geboltet und bietet nochmals eine Crux, die wir beide unabhängig voneinander (man kann sich weder sehen noch hören) mit einem Cut-Loose gemeistert haben. Zuletzt dann wieder eher hinauf, ziemlich spooky als ich im Nachstieg plötzlich realisiere, wie ich den letzten BH ausgehängt habe, sich der Stand nochmals 7-8m links von mir befindet, ich aber erst noch eine athletische Wandstufe hinauf klettern muss - nur ca. 6c, aber das Motto "ja nicht loslassen" gilt da noch fast mehr wie auf dem Rest der Seillänge. Tja, was kann man sagen: irgendwie schon ein luftiger Fun-Climb, diese Länge. Der Fels ist aber auch hier nicht erste Sahne, der Verlauf ist umständlich und die spärlich vorhandenen Bolts nicht gerade optimal platziert (im Vorstieg Seilzug und unklare Linie, im Nachstieg heikel). Und eben, man sieht sich nicht, man hört sich nicht. Zur Beruhigung darf man dafür sagen, dass der Grad von 7b+ sicher zu hoch gegriffen ist, eine 7a+ reicht bestimmt auch.

Der letzte Abschnitt (L8, 7b+) ist kaum gut abzulichten. Daher muss halt dieses Selfie am Top herhalten. Wer möchte, könnte von da übrigens vermutlich hinauf zum Top vom Excaliburpfeiler wandern. Für uns nicht nötig, wir waren erst eine Woche zuvor dort.

Um 17.20 Uhr hatten wir das Top erreicht, was eine Kletterzeit von 7:40h ergibt. Nicht gerade wenig für 8 Seillängen, doch auch wenn die Kletterschwierigkeit über erstaunlich weite Strecken moderat ist, so muss man dort dafür defensiv klettern und nach Absicherungsmöglichkeiten suchen. Einen Teil der Zeit hatte auch die Cruxlänge gefressen. Bernat scheiterte hier ultraknapp im Onsight, sprich im Setup für den Move an den Rettungshenkel - so schade! Daraufhin war erst einmal eine Pause fällig, damit diese sehr zwingende Passage mit wieder aufgeladenen Batterien passiert werden konnte. Der ganze Rest der Route wurde von ihm in einwandfreiem Stil geklettert (onsight/flash). Ich konnte diesem Vorbild wohl für 99% der Strecke folgen. Zwei Ausnahmen gab's: ich brauchte in der Crux der 7c drei Anläufe, konnte dann aber die ganze schwierige Sequenz durchziehen. In der 8a war der härteste Abschnitt hingegen eher Stückwerk. Alle Moves gerade so gemacht, das darf ich mir wohl auf die Fahne schreiben. Mehr aber nicht, und ein Durchstieg fühlte sich da ehrlich gesagt weit weg an.

Der Startbolt von Legacy, hier geht die Tour los und da endet sie auch wieder. Und, es sei hier nochmals gesagt. In vielen Wendenrouten ist das Material solchermassen in die Jahre gekommen. So auch in dieser Erschliessung der Remy-Brothers aus dem 1992. Verzinkte Anker und rostfreie Plättli sind aber halt auch eine ungünstige Mischung. Jedenfalls: die Sanierung dieser Routen ist eine richtige Herkulesaufgabe. Darum: werdet Mitglied oder spendet an Organisationen wie Eastbolt und Rebolting, damit wenigstens die Kosten für das Hakenmaterial gedeckt werden können - aufwändig ist die Arbeit aber auch dann immer noch!

Nun denn, wir mussten wieder vom Berg kommen. Am Top befanden wir uns am Schlussstand von Legacy. Ob es einen separaten Schlussstand von Lunga Attesa gibt, bezweifeln wir (auch wenn dies im Extrem West so dargestellt wird). V.a. würde dies kaum Sinn machen, weil die beste Abseilmöglichkeit sowieso über Legacy verläuft und sich ein Abseilen über Lunga Attesa im oberen Teil äusserst umständlich präsentieren würde. Mit 2x60m waren wir in 2 Manövern schon zurück am Stand ob der 8a (deren Finish-Moves nochmals eingeprägt sein wollten) und in zwei weiteren retour am Einstieg. Mit 2x50m sind hingegen 6 Manöver fällig, siehe Fototopo. Wir räumten unsere Ware zusammen und wurden dabei von 2-3 Steinsalven erschreckt, welche aus dem Gully oberhalb vom Elefantenohr-Ausstieg kamen (dort habe ich nicht das erste Mal Steine fallen gesehen/gehört, siehe auch hier)! Während unser aktueller Standort safe war, so führte der Abstieg jedoch genau durch diese Zone. Nachdem eine Weile Ruhe war, machten wir uns mit gespitzten Ohren so schnell wie möglich auf den Weg Richtung Tal. Zum Glück blieb alles ruhig. Das hohe Tempo hielten wir aber gerne bis zur Wendenalp aufrecht, denn Hunger und Durst trieben uns Richtung Meiringen. Alles in allem konstatiere ich: auch #48 war ein absolut grandioses Erlebnis. Während die Lunga Attesa zwar wohl nicht zu den Top 10 der Wendenrouten gehört, so bietet sie doch von all dem, weswegen wir so gerne in diesem Gebiet klettern.

Facts

Wendenstöcke / Dom - La Lunga Attesa 8a (7c obl.) - 8 SL, 280m - Palma/Spreafico 2014 - ****;xx
Material: 2x50m-Seile, 8 Express, Cams 0.2-1 & 3

Interessanter Mix zwischen einfacherem Abenteuerterrain, Wasserrillen, technischer Wandkletterei und etwas Ausdauerhenkelei. Über erstaunlich weite Strecken ist die Kletterei verblüffend einfach. Voll die Härte sind nur ca. 3m in der 7c und ca. 2x2m in der 8a, der Rest geht nicht über 7b hinaus, das Gros der Klettermeter ist sogar maximal 6b. Der Punkt ist jedoch der, dass die Crux-Sequenzen absolut zwingend zwischen den BH geklettert sein wollen, mit A0 geht da gar nix. Für mich ist es schwierig, obligatorische Grade dieser Kragenweite einzuschätzen, aber 7b+ scheint mir eher knapp. So salopp würde ich sagen, es seien 7B-Boulder mit Zaubermoves in sehr technischem Gelände (minimale Fusstritte in unmöglichen Positionen, die viel Anpressdruck erfordern, welcher an sehr kleinen und auch nicht optimal platzierten Griffen zu generieren ist). Die Absicherung mit rostfreien BH ist an den Cruxen wie erwähnt fordernd/zwingend, aber nicht gefährlich. Im einfacheren Gelände wurde jedoch soweit wie möglich an Fixmaterial gespart. Man bringt da immer wieder Cams unter - so scheint es ok, auch wenn die Placements nicht alle superduper sind. Und dort wo es zwingend BH braucht, hat es dann schon welche. Sprich, Harakiri ist die Absicherung nicht. Was man wissen muss: die Route verläuft nahe in Falllinie des Wasserfalls zwischen Excalibur und Dom. So lange dieser in Betrieb ist (früh oder spät in der Saison, bei Schneeresten im Gipfelbereich) ist die Route wohl schon wegen Nässe unkletterbar und zudem wegen potenziellem Steinschlag gefährlich. Auch in ein Gewitter darf man da absolut keinesfalls geraten. Bei guten Bedingungen scheint das Steinschlag-Risiko aber akzeptabel - während unserer Begehungen von Niagara und Lunga Attesa fiel aus diesem Trichter kein einziger Kiesel runter. Darüber hinaus ist die drückende Nässe aus dem (schon vom Parkplatz aus erkennbaren) Siffloch in L7 ein zu berücksichtigender Faktor - den trocken-heissen Sommer 2026 darf man da sicher nicht für alle Zeiten als Massstab nehmen. Infos zur Route und zum Gebiet findet man im Extrem West, Band II, wobei das Topo dort sehr grob ist und nicht in allen Details korrekt. Dasjenige der Erstbegeher findet man auf dem Netz, es gibt den Routenverlauf auch nicht sehr präzise wieder. Darum: hier meine eigene Version (Download in voller Auflösung).

Mein schematisches Topo zur La Lunga Attesa an den Wendenstöcken.

Mittwoch, 16. September 2026

Wendenstöcke - Niagara (7b+)

Der Excaliburpfeiler ist eines der formschönsten und majestätischsten Stücke Fels, über welches wir in der Schweiz verfügen. Jede Route, welche ich bisher dort in Angriff nehmen konnte, war ein grandioses Highlight in Sachen Kletterei, Felsqualität und Erlebnis. Meine Première feierte ich anno 2007 mit der Excalibur, später folgen dann die anspruchsvollen MSL-Sportklettereien Lancelot, Blaue Lagune und Troja. Nun war also die schon lange erwartete Stunde gekommen, um in der Niagara Hand anzulegen. Und der Klettertag entwickelte sich so genial wie erhofft. Nichts schien uns stoppen zu können: weder die physisch harten Moves, noch die zwingenden Plattenstellen, selbst der Runout wegen einem fehlenden Plättli in der Cruxlänge liess sich meistern. Kurzum: eine Traumtour!

Der Blick auf die Sektoren Excalibur, Dom und Aureus am Gross Wendenstock, mit dem von uns gekletterten Verlauf von Niagara. Nun, an den eigentlichen Längen am Pfeiler gibt es nichts zu rütteln. Am Vorbau wird jedoch in L1 fast immer die linke Variante (orange) geklettert, ebenso ist die linke Variante in L2 deutlich geläufiger. Wegen einer anderen Seilschaft kletterten wir jedoch rechts.

Ziemlich genau eine Woche nach unserem letzten Besuch für Nachtexpress liefen wir wieder von der Wendenalp los. Dieses Mal um 8.20 Uhr und damit tageszeitlich ein paar wenige Minuten früher. Der Mitstreiter waren an diesem Weekend deutlich mehr, 12 Fahrzeuge waren schliesslich zugegen - was sich ob der Vielzahl der zur Verfügung stehenden Routen natürlich sehr gut verteilte. Auf dem üblichen Weg liefen wir in einer guten Stunde zum Einstieg. Die Details seien hier wegrationalisiert, einzig: am Ende steigt man in der felsigen Zone in Falllinie vom Elefantenohr bis zur Wand hinauf und quert dann horizontal nach links zum Einstieg. Die grasigen Schrofen direkt in Falllinie vom Excaliburpfeiler sind hingegen sehr steil und heikel. Am Startpunkt trafen wir auf eine 3er-Seilschaft aus Deutschland. Der bekannte Alpinist David B. wollte hier den Moderne-Zeiten-Punkt in der Excalibur buchen - interessant ihn nach früheren Onlinekontakten das erste Mal in freier Wildbahn zu treffen. Für uns bedeutete dies erst zu warten oder dann einen alternativen Weg über den Vorbau zu wählen - auf letzteres fiel unsere Wahl, ein paar Minuten vor 10.00 Uhr starteten wir mit der Kletterei.

Stotzig lautet das Motto an den Wendenstöcken, dieses Foto gibt den Groove gut wieder!

L1, 35m, 6b: Die in der Literatur beschriebene Vorbaulänge startet bei einem ausgetretenen, kleinen Platz mit einem Cluster von SU-Schlingen. Ca. 10m rechts davon erspäht man in 15-20m Höhe ebenfalls einen BH und wenn man genau hinschaut, auch noch 2-3 stark verwitterte SU-Schlingen auf dem Weg dahin. In keinem Wenden-Topo war diese SL bisher beschrieben, doch wir wollten es versuchen. Und ja, es ging: die Crux befindet sich nach dem BH, die Schwierigkeit und auch der Charakter sind in einem ähnlichen Rahmen wie in der "richtigen" L1 am Vorbau und die Absicherung mit den SU und 2-3 Cams ist ok. Zum Ende tendiert man nach links und muss den BH-Stand der "richtigen" SL nutzen. Es wäre absolut sinnvoll, diesen Einstieg zu sanieren. Also eigentlich bräuchte es nur einen Standplatz, neue SU-Schlingen und im oberen Teil vielleicht noch einen zusätzlichen BH, damit der Wegverlauf klar markiert und gut abgesichert ist. 

Die alternative, rechte L1 (6b) am Excalibur-Vorbau startet direkt in Falllinie des blauen Streifens.

L2, 35m, 6a+: Die Sanierung des Rechtseinstiegs macht umso mehr Sinn, als dass es auf der zweiten Etage ebenfalls zwei Linien gibt (die so auch in der Literatur beschrieben sind!). Nur ein einziges Mal, als wir die Blaue Lagune gingen, war ich bisher die rechte Variante geklettert. Diese bietet auf der ersten Hälfte schöne Steilplattenkletterei mit ein paar interessanten Hinsteh-Moves, der obere Teil ist dann einfacher. Diese SL ist (teil)saniert, einige alte BH und SU-Schlingen wurden durch rostfreie BH ersetzt - danke!

Ohlalalala, der Blick vom Vorbau! Hier zentral voraus verlaufen Lancelot und Blaue Lagune. Wir biegen hingegen nach rechts ab.

L3, 60m, Gehgelände: Hinauf über die wenig steile Wiese zur Wand des eigentlichen Pfeilers (Einstieg der Blauen Lagune). Nun über ein Band nach rechts, es stecken einige BH, später ist dann ein altes und teilweise verrottetes Fixseil vorhanden. Zum Ende (nach dem Einstieg von Wendenvögel) muss dann sogar wieder etwas abgestiegen werden, diese Stelle ist ohne Nutzung des Fixseils wohl so ca. im vierten Grad angesiedelt. Der eigentliche Start zur Niagara befindet sich am Ende des Fixseils bei einem Stand mit 2 BH. Es ist auch möglich, ihn direkt von unten zu erreichen. Dazu müsste man die ersten 2 SL von La Lunga Attesa klettern und den Startpunkt dann über eine einfache, selbst abzusichernde Länge über eine diagonal nach links ziehende Rampe erreichen. Nicht schöner wie der Excalibur-Vorbau, aber etwas einfacher, direkter und schneller.

L4, 40m, 7a: Viel Schonfrist gibt's nicht mehr, ganz offensichtlich geht's da gleich zur Sache! Der erste BH ist etwas heikel anzuklettern, unmittelbar danach heisst es die Crimp-Krallen ein erstes Mal auszufahren. In wieder etwas griffigerem, aber doch überhängendem Gelände geht es zur Crux. Diese folgt nach dem vierten BH mit der Überquerung des Wulstes. Power-Moves sind gefragt (in Nähe des BH), danach muss in der scharf mit Seitgriffschüppli strukturierten Wand aber dann ein Stück geklettert werden, bis wieder geklippt werden kann - da muss man parat sein! Darauf folgt eine einfachere Schuppe alpinen Zuschnitts, welche aber zwecks einer rechtsführenden Reibungstraverse zu Wasserrillen hin verlassen wird. Die Rillen sind traumhaft schön und vergleichsweise easy. Der Runout zum Stand ist aber beträchtlich, Cams (mindestens Grösse 1, grösser ist auch nicht verkehrt) beruhigen das Gemüt.

Ganz so locker wie der Akteur hier posiert, wird sich der steile Start in L4 (7a) unter Umständen nicht anfühlen.

Das Finish von L4 (7a) bietet fantastische Wasserrillenkletterei. Eigentlich gemütlich, aber...

...gesichert werden muss mit Cams, doch wie gut diese in den sich etwas öffnenden Rillen hielten?!?

L5, 30m, 6a: Hier haben wir es mit einer Rätikon-Style-Seillänge zu tun. Die plattige Natur und der moderate Grad lassen wenige Hindernisse vermuten. Es ist dann aber doch ziemlich slabby und auch wenn im Feld 4 BH stecken anstatt nur der versprochenen 2 BH vom Topo, so ist es ob der anhaltenden und fusslastigen Natur gar nicht mal so supereasy-relaxt. Das Ganze übrigens jedoch bei absolut göttlich silbergrau-rauer Felsqualität, quel bijou!

Eine wunderschöne Rätikon-Slab wartet in L5 - offiziell 6a, in Realität eher schwieriger.

L6, 30m, 6c+: Es folgt wieder ein deutlich athletischeres Gerät, fordernd für den Grad! In der Wand oberhalb vom Standplatz spielt sich das Geschehen ab, welche mit einer Rechtstraverse durchquert wird. Einige Schüpplein und kleine Crimps sind zu nutzen, rechtzeitig gibt's aber auch immer wieder mal einen guten Griff eingestreut. Besonders zu erwähnen das unverhoffte Supertropfloch - auch du wirst erleichtert sein, wenn du deine Griffel darin versenken kannst. Tolle Seillänge :-) !!! 

L7, 30m, 7b+: Die megamässig überhängende Ausdauerseillänge. Es ist effektiv so, die Felsqualität ist hier im Gegensatz zu den anderen Pitches nicht Premier Cru. Aber das ist Jammern auf sehr hohem Niveau, es stört gar nicht und die Kletterei ist einfach affengeil. Schon die "Zustiegswand" zur drohenden Walze fordert - wohl ca. im anhaltenden 7a-Bereich und da ist auch etwas Luft zwischen den Bolts. Kräftige Power-Moves führen an die steilste Zone heran, die Crux dann unmittelbar nach dem Klipp des BH mit dem Umkehrkarabiner. Ja warum war der da? Hier manifestierte sich endgültig die Befürchtung, dass beim folgenden BH im stärkst überhängenden Stück das Plättli fehlt. Wohl dem, der hier die nötigen Reserven hat und die Coolheit mitbringt. Bei meiner Ropegun Bernat war das der Fall. Schütteln, schauen und dann den Fokus aufs Klettern legen - wenn man Onsight durchsteigt, dann spielt der fehlende BH ja keine Rolle. Tönt in der Theorie überzeugend und einfach... in der Praxis ist es sicherlich für die wenigsten realistisch. Wobei nach der Crux, bzw. im Abschnitt zum, über und nach dem fehlenden BH durchwegs gute Griffe vorhanden sind und ich (im Nachstieg) ebenfalls souverän durchsteigen konnte.

Der Monster-Überhang in L7 (7b+), eine absolut geniale Seillänge!

Hinweis: zum Beheben des Problems braucht es eine BH-Lasche und eine 17er-Mutter (M10). Idealerweise rostfrei, denn so ist der Dübel. Allerdings hat man da keine Hand frei und allerhöchtens für jemand mit sehr grossen physischen Reserven und einer Megaportion Coolheit ist es denkbar, das Plättli aus der Kletterstellung einhändig zu montieren. Definitiv ist es besser, einen Skyhook / Cliffhanger mitzubringen. An der positiven Leiste gleich neben dem BH kann man sehr gut cliffen, so wurde der BH sicherlich platziert.

Rückblick auf L7 (7b+): wenn man nicht das Seil als Referenz hätte, könnte man noch glauben, es sei eine Platte.

Und tja, ich hätte es gerne gleich gefixt, aber leider konnten wir die Sache nicht in Ordnung bringen. In meinem Haulbag habe ich jeweils Reserve-Plättli und -Mutter dabei. Doch wir nutzten Bernats Haulbag und hatten damit kein Ersatzmaterial. Der Grübler mit der 17er-Lochung hätte die Rettung sein können - wenn möglich, so hätte ich eines der Plättli am darunter liegenden Stand mitgenommen und auf der SL platziert. Leider aber waren beide Laschen dort so beschaffen (der Stift zu nahe am aufgebogenen Teil), dass ich die Muttern mit dem Grübler (der relativ viel Material ums Loch hat) nicht lösen konnte, doof!

L8, 45m, 6c: Eine absolut fantastische Wandkletterlänge wartet hier. Und die Wand gleich oberhalb vom Stand hat es in sich. Nicht so trittig, für die Hände gibt es ein paar Untergriffschüppli, man erkenne die einfachste Lösung. Danach geht's erst mal gut voran, erst nach der Hälfte sind die beiden als nahe steckend erscheinenden BH in der "Kohlewand" (spezielle, schwarze Einschlüsse) dann doch plötzlich nicht so nahe, wie es zuerst den Anschein macht. Der Stand dann gemeinsam mit der Route Wendenvögel, darum "verzieren" 3 gebohrte SU-Schlingen in erbärmlichem Zustand den Ort. Das ist an dieser Stelle unproblematisch, weil auch 2 solide BH stecken. Anderswo in der Wendenvögel dürfte man jedoch nur auf solche Pseudo-Sicherungen zählen können, was sie wohl faktisch unbegehbar macht.

Stand, chasch cho! Einrichtungen der nicht mehr begangenen Route Wendenvögel, mit welcher der Standplatz geteilt wird.

L9, 35m, 6c: Neuerlich eine sehr schöne Länge mit Start an einer Verschneidung, etwas gesucht geht's dann links weg. Es folgt schöne Wandkletterei, später geht's griffig und steil über eine Nase hinweg. Ein paar kniffligere Stellen gibt's, aber es präsentiert sich immer wieder eine Lösung. Ich fand das im Nachstieg super flowig und für den Grad gutmütig (z.B. im Vergleich zu L6). Wobei dies vielleicht auch (die gewissermassen objektivere) Nachsteigerperspektive sein mag. Denn wirklich eng stecken die BH hier definitiv nicht und so könnte das Empfinden am scharfen Seilende ein anderes sein. Der Stand ist dann nochmals gemeinsam mit Wendenvögel, dementsprechend darf man weitere SU-Artistik bestaunen.

Die letzten 3 Seillängen führen in Nähe der schwach ausgeprägten Kante des Pfeilers hinauf. Hier L9 (6c).

L10, 30m, 6c+: Grundsätzlich nochmals eine Länge von ähnlichem Charakter wie davor, wobei es hier nochmals eine gute Prise an schlabbriger Reibungsarbeit gibt. Dies gilt insbesondere, wenn man sich sehr direkt in Hakenlinie bewegt. Laut dem verbalen Austausch mit meinem Kletterpartner ist meine Alternativlösung einfacher, sie erfordert jedoch einen etwas reachy Klipp... für mich ging's, aber mit kürzeren Armen eventuell nicht?!? Zum Ende hin dann verblüffend gut abgesichert (wollten die Erschliesser die übrig gebliebenen BH nicht mehr ins Tal tragen? ;-)), bei etwas nachlassender Felsqualität.

Die Conditions für guten Grip sind beim luftigen Finish von L10 (6c+) absolut gegeben.

Von Stand 10 sind es nur noch wenige Meter im Gehgelände auf das wenig selbständige Top vom Excaliburpfeiler. Knapp vor 16.30 Uhr war es geworden, was somit 6:30h an Kletterei ergibt. Wir waren total geflasht von der affengeilen Kletterei und der perfekten Begehung. Die Lorbeeren dafür fallen natürlich in erster Linie Bernat zu. Der hat nun nicht nur alle 5 gemeinsamen Wendenrouten einwandfrei gezogen, sondern auch immer die Crux-Abschnitte vorgestiegen, während der alte Mann in geschickter Arbeitsteilung jeweils das einfachere Terrain zugeteilt erhielt. Dieses Mal war mein Vorstiegsanteil jedoch kleiner als erhofft/geplant. Denn ab der Cruxlänge "chutete" der thermische Aufwind so verrückt, dass ein doppelter Aufenhalt am Stand zu starker Auskühlung geführt hätte und es deswegen auch ratsam schien, die schnellere bzw. versiertere Person vorsteigen zu lassen. Zumindest hatte der Wendennebel ein Erbarmen mit uns und waberte nur in den Regionen oberhalb der (Kletter-)Gipfelhöhe herum.

Top of Excalibur, der Wendennebel zum Glück über unseren Köpfen statt vor der Nase.

Für eine längere Pause am Top war die Situation nicht gegeben. Nach einigen Posen für die Fotos galt es unmittelbar, zu einem wohlbehaltenen Weg ins Tal überzugehen. Am steilen Excalibur und im exponierten Wendenzustieg keine Trivialität, aber für uns nach mehreren Repetitionen doch so etwas wie Routine. Abgeseilt wird über Excalibur, wobei der Stand oberhalb vom Dach nicht ausgelassen (bzw. zumindest geklippt) werden sollte - sonst wird es schwierig nicht irgendwo als Schinken luftgetrocknet im freien Raum zu enden. Diesbezüglich ungerupft erreichten wir den Einstieg, packten unsere Ware und liessen es talwärts rollen. Zügig wurde die Wendenalp erreicht, super glücklich mit diesem genialen Klettertag machten wir uns auf dem Heimweg. Nummer 47 war ein absolut durchschlagender Erfolg gewesen - eine Bezeichnung, womit man definitiv nicht jede Nummer 47 attributieren würde ;-)

Diese weisse Linie zog sich vom Top des Pfeilers über 2 Seillängen nach unten. Wir konnten uns keine anderen Erklärung zusammenreimen, als dass es die Spur von einem Blitzschlag ist?!? Oder vielleicht eine Ameisenstrasse - da fehlte aber der Verkehr drauf ;-)

Ob die Niagara nun den Reigen der Klettereien am Excalibur schliesst? Eigentlich gäbe es noch drei weitere Routen (Zonda, Indian Summer, Wendenvögel), die bestimmt auch schöne Kletterei bieten. In die letztere der drei hat man einen sehr guten Einblick, und der Fels sieht echt fantastisch aus. Wegen unzureichender bzw. komplett veralteter Absicherung mit vielen nicht selbst fädelbaren SU-Schlingen kann da aber kaum mehr geklettert werden. Hoffentlich erbarmt sich jemand einer vernünftigen Sanierung dieser Route(n) - dann bin ich sehr gerne am Start!

Facts

Wendenstöcke / Excalibur - Niagara 7b+ (7a obl.) - 10 SL, 370m - Ruhstaller/Rathmayr 1999 - ****;xxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, Cams 0.2-1 oder evtl. 2

Eine weitere Traumtour des illustren Erschliesser-Duos Ruhstaller/Rathmayr. Die Kletterei besticht weitgehend durch exzellenten Fels und einen interessanten Mix zwischen athletischen und steilplattigen Seillängen. Ein wenig Abzug auf der Top-Top-Skala gibt's wegen dem etwas umständlichen Weg über den Vorbau mit anschliessender Traverse. Auch die Ästhetik der Linie am Rande des Pfeilers kann nicht ganz mit einer Blauen Lagune mithalten. So gebe ich hier 4.5 von 5 Sternen, also sehr, sehr gut. Zu beachten ist die Nähe zum Wasserfall. Ist dieser "in Betrieb", so kann er auf die Route geweht werden, ebenso besteht eine gewisse Gefahr von Steinschlag. Im Sommer/Herbst, wenn es keinen Schnee mehr in der Gipfelregion hat ist der Wasserfall meistens ausgetrocknet - am besten also dann anrücken. Die Absicherung mit einem Mix von verzinkten und rostfreien BH kann man als ok bezeichnen. Die schwierigen Passagen ab ca. 6c sind gut gebohrt, wobei es diverse zwingende Passagen gibt. Im einfacheren Gelände stecken schon auch regelmässig Bolts, es fühlt sich nicht Harakiri an. Trotzdem sollte man dieses Terrain souverän im Griff haben. Insgesamt würde ich aber sagen, die Absicherung sei tendenziell weniger fordernd wie in der Deep Blue Sea oder Tsunami. Anzuraten sind ein Set Cams von 0.2-1, auch wenn sie nicht oft zum Einsatz kommen. Für die Rillen am Ende von L4 (7a) ist auch ein grösseres Exemplar nicht verkehrt, auch wenn man dieses sonst nie braucht. Ein Topo zur Niagara und Infos zu den umliegenden Routen findet man im Extrem West, Band II.

Mittwoch, 1. Oktober 2025

Wendenstöcke - Malmstrom (7b)

Vermutlich wäre es effizienter gewesen, nach unserem letzten Besuch in der Troja (7a+) gleich vor Ort zu bleiben und den Wendencount täglich zu erhöhen. Das war aber leider nicht möglich und so trafen wir uns 4 Tage später wieder an Ort und Stelle. So viel kleiner war das Routenwahlproblem im Vergleich zur letzten Gelegenheit nicht geworden. Wir einigten uns auf Malmstrom, welche erst im 2018 erschlossen wurde und damit eine der jüngsten Wendenrouten darstellt. Das Topo verspricht scharfe und steile Kletterei und die Lage unmittelbar neben der genialen Ben Hur (7c+/8a) lässt vermuten, dass dies keine Zeitungsente ist. Nach unserem Besuch pflichten wir dem uneingeschränkt bei: verschärfte, steil-athletische Kletterei bei guter, aber verpflichtender Absicherung lautet das Programm.

Der Sektor mit den Routen von Elefantenohr bis Paco ist eines der Schaustücke an den Wenden.

Somit liefen wir um ca. 7.20 Uhr auf bestens bekannter Fährte los, der Zustieg ist bis auf das letzte Teilstück denn auch genau derselbe wie für die Touren am Excaliburpfeiler. An geeigneter Stelle in Falllinie vom Elefantenohr (mehrere Möglichkeiten, aber besser nicht zu hoch) quert man nach rechts hinaus, bis man unter dem Wandbereich der Route steht. Ein Fixseil hilft über den letzten Steilschrofen-Abschnitt hinauf. Nach rund 70 Minuten waren wir vor Ort. Für die Vorbereitungen auf die Kletterei platziert man sich am besten beim bequemen und flachen Platz am Einstieg von Paco und Aureus, ca. 10-15m weiter links drüben startet Malmstrom (BH mit Austrialpin-Lasche, dazu verblassende Anschrift mit blauer Farbe). Die Steinbock-Gang leistete uns dieses Mal sogar zu fünft Gesellschaft und beobachtete, wie ich um 8.50 Uhr mit dem Vorstieg startete.

Typisches Wenden-Ambiente im Einstiegsbereich mit Blick auf die Berge am Sustenpass.

L1, 45m, 5c+: Die geneigte Plattenseillänge zum Auftakt ist allen Routen in diesem Wandbereich gemeinsam. So geht's auch hier über ein paar Wasserrillen, Platten und ein paar kleine Dächlein in die Höhe. Während man sich in anderen Routen mangels Absicherung zwingend eine möglichst einfache oder absicherbare Linie sucht, so kann man hier dank 4 BH die schönste Kletterei geniessen. Der letzte BH ist von unten kaum sichtbar, er steckt oberhalb von einem kleinen Dächlein ziemlich genau in gerader Linie über dem vorletzten.

Spaziergang für ihn, und tatsächlich etwas einfach um auf Betriebstemperatur zu kommen: L1, 5c+.

L2, 35m, 7a+ (eher 7b): Leider ist der Tufa im markanten blauen Streifen noch nicht auf Kalymnos-Griffigkeit ausgebildet und wird deshalb nicht in die Route einbezogen, welche sich an die kompakte Tropflochwand links davon hält. Die ersten Meter gehen noch kommod über die Bühne und müssen mit 2 Cams gesichert werden. Ab der Welle zieht's dann aber sogleich an und es folgt eine der härtesten Sequenzen der ganzen Route. Erstens ist es im stark strukturierten Fels nicht so leicht zu lesen, wo sich die nutzbaren, positiven Crimps befinden. Und zweitens gilt es auch einige sloprige Seitgriffe zu nutzen, welche auch einfach nicht gutes Griffmaterial sind. Noch dazu ist diese Stelle zwingend vom Haken weg zu meistern, es dauert eine Weile, bis wieder gute Griffe kommen und an diesen gilt es dann noch ein Stück zu klettern, bis wieder geklippt werden kann. Jedenfalls, 7a ist da ganz klar obligatorisch (ungefährlich, gutes Sturzgelände) und Entschlossenheit ist zentral. Nachdem mir Bernat die Sequenz perfekt ansagte (er hatte die Länge wenige Wochen zuvor bereits 1x geklettert), konnte ich sie gleich durchziehen. Damit hat man den Abschnitt aber nicht im Sack, wartet doch noch die finale Dachzone. Weitgehend zwar henklig oder zumindest gut leistig, doch mittig wartet ein harter Lock-Off. Und zuletzt dann noch die 5m-Horizontalquerung zum Stand, welche jedoch fast mehr Eindruck macht, als sie tatsächlich schwierig ist. Insgesamt fanden wir diesen Abschnitt ähnlich, aber eher schwieriger wie die folgende L3 und würden eine 7b vorschlagen.

Ab da heisst es bald, Vollgas auf die Tube zu drücken in L2 (offiziell 7a+, nach unserem Gusto 7b).

L3, 40m, 7b: Der nächste Knaller folgt sogleich und bietet über 40 anhaltende Meter fingerkräftig-technische Kletterei in scharfem Fels. Dieser ist stark zerfressen und teilweise zieht man an doch recht kleinen Strukturen - da war ich nicht immer sicher, ob alles hält, insbesondere diese pilzartig abstehenden Features. Das tat es aber und so konnten wir auch hier einen os/flash-Durchstieg realisieren. Eine ganz klare Crux ist nicht auszumachen, am kniffligsten schien ein Abschnitt im oberen Teil, wo man an einer kleinen Verschneidung bzw. deren Kante klettert und sich gut positionieren muss.

Ausdauernde, fingerkräftige, überhängende Wandkletterei in L3 (7b).

L4, 20m, 7a: Unter einem schützenden Dach ist der Stand, also geht's stark überhängend und sehr fotogen los. Nicht voll direkt drüber, sondern leicht linkshaltend findet man gute Henkel. Nach dem zweiten BH heisst es aber unweigerlich, einen weiten Griffabstand mit einem ziemlichen Power-Move niederzuknütteln, eine 7a in ziemlich konzentrierter Form. Ein paar gute Griffe später legt sich das Gelände deutlich zurück, und an einer Verschneidung mit Riss kletternd erreicht man auch schon bald den nächsten Stand.

Shot of the day! Die Stelle am Anfang von L4 (7a) ist wirklich mega fotogen.

L5, 35m, 6b+: Sonst mag ich die Route ja wirklich loben. Aber sorry, diese Seillänge ist wirklich ein fertiger Mist. Das hat zum einen damit zu tun, dass der Fels hier weniger schön ist, noch viel mehr aber haben die Erschliesser aber die eh schon nicht sehr zahlreichen Bolts quasi versteckt und das bis dato einzige verfügbare Topo im Extrem West Band II gibt den Verlauf total inkorrekt wieder. Somit bin ich auf der Suche nach dem Weiterweg mal hierhin und mal dahin geklettert. Lustigerweise auf genau derselben Höhe und kein Dutzend Meter weiter links wie bei meiner damaligen Odyssee in der Paco. Deren Bolts sind in der Ferne (besser) erspähbar und nur meine Kenntnis dieser Route hat mich davon abgehalten, hier endgültig und definitiv ins Offside zu geraten. Irgendwann nach viel vor und zurück sowie links und rechts habe ich dann den um die Ecke versteckten Bolt gefunden und kurz danach auch den Stand. Schwierig an diesem Abschnitt war definitiv nicht die Kletterei.

L6, 40m, 6c+: Hier geht's nochmals richtig zur Sache und das sehr cool in grauem Spritzbeton-Fels. Die erste Hälfte ist dabei noch nicht so steil, dafür auch nicht immer sehr griffig. Mit etwas Aufmerksamkeit wird man seinen Weg aber finden und an die Steilzone herankommen. Wie gewünscht werden die Griffe dort nach einer kräftigen Stelle zum Auftakt besser, dafür gibt's einen langen Runout. Man kann jedoch mit einem Cam entschärfen und so klippt man unweigerlich irgendwann den letzten BH. Dass der so unmittig im sich zurücklegenden Gelände zwischen dem vorletzten und dem Standplatz steckt, kann nur einen Grund haben. Ja, die schwierige, plattig-sloprige Stelle kommt wirklich. In Retrospekt ist es noch schwierig zu sagen, ob es tatsächlich so tough ist oder ob ich mich einfach dumm angestellt habe - jedenfalls war ich da kurz nochmals heftig in Bedrängnis, konnte mich aber gerade noch aus der Affäre ziehen.

Für einmal stimmen die Eindrücke von Text und Bild sehr gut überein. Plattiges Finish von L6 (6c+).

L7, 30m, 6c: Dieser Abschnitt gehört eigentlich zur Ben Hur, somit war ich da 13 Jahre zuvor schon einmal hochgeklettert. In Erinnerung hatte ich noch, dass diese Länge einem durchaus noch auf die Pelle rücken kann, viel mehr hingegen nicht. Nach ein paar Metern erreicht man den Stand der Ben Hur, den man am besten verlängert klippt. Denn der Weg zum ersten Haken ist nicht so kurz und besticht vor allem nicht durch überzeugende Felsqualität (kurz etwas splittrig). Dann geht's kurz nochmals kräftig-athletisch zur Sache, so schlimm wie befürchtet war es dann aber doch nicht. Bald legt sich das Gelände zurück und mit einem weiten Abstand in einfachem Terrain erreicht man das Top.

Yehaa, geschafft! Wobei, die letzte Länge (eigentlich zu Ben Hur gehörig) gibt's nicht gratis.

Um 14.20 Uhr und damit nach rund 5:30h Kletterei hatten wir es geschafft und nach der Troja erneut den perfekten Double Send realisiert. Sportlich bzw. schwierigkeitsmässig ist die in Malmstrom sicher einiges taffer zu realisieren, L2 ist auch für 7b fordernd (und nicht einfach zum Onsighten), dann gibt's gleich nochmals eine 7b und die restlichen Längen sind vom Niveau her auch im Bereich der Troja. Das war nun wirklich der absolute Hammer, und das Szenario hier mit einer erwürgten Begehung den tollen Flow und das Erlebnis der Troja zu beeinträchtigen, war zum Glück nicht eingetroffen. Insofern hatte sich das "Risiko" gelohnt, gleich nochmals an den Wenden anzugreifen. Und hey, damit war nicht nur die Wendenroute #44 Realität geworden, sondern ich konnte auch alle 7 publizierten Routen in diesem irre steilen Sektor von Elefantenohr bis Paco klettern, wie genial ist denn das?!?

Immer auf Position, die Wendengeiss! Wenn sie gekonnt hätten, dann wären sie uns vermutlich über die ganze Route gefolgt. In der Malmstrom reicht das Steinbock-Terrain aber nur bis ein paar Meter über den ersten Standplatz hinauf. Die 5c+ Plattenlänge haben sie aber spielend bewältigt.

Das Abseilen über Malmstrom vollzieht sich im überhängenden Steilgelände. Damals bei der Ben Hur hatten wir nicht die besten Erfahrungen gemacht damit. Wenn man sich genau an die Instruktionen im Topo hält, so geht's aber vermutlich schon. Weniger ausgesetzt ist ein Abseilen über Aureus. Da wir vom Top von Malmstrom/Ben Hur den mir bekannten, finalen Stand der Paco erkannten, wechselten wir mit einer 15m-Länge im exponierten Gehgelände dahin. Von da sind es 1x50m zum Top von Aureus, über welche wir dank 2x60m-Seilen in 4 Manövern retour am Einstieg waren (mit 2x50m sind es 5-6 Manöver). Blieb noch der Fussabstieg, den wir routiniert zurücklegten. Ein paar Minuten vor 17.00 Uhr waren wir retour am Parkplatz. Der angekündigte Wetterumschwung zeigt am Himmel zwar erst relativ zarte Anzeichen, manifestierte sich jedoch v.a. dadurch, dass sämtliche anderen Kletterer den Ort bereits verlassen hatten und das dettlingsche E-Mobil der letzte parkierte Wagen war.

Facts

Gross Wendenstock - Malmstrom 7b (7a obl.) - 7 SL, 250m - Rathmayr/von Känel 2018 - ****;xxx
Material: 2x50m-Seile, 

Eine absolut verschärfte Wendenroute, welche bei insgesamt erstaunlich moderaten Schwierigkeiten durch die steile Wand führt. Das liegt am scharfen, strukturierten Fels, der mit Tropflochleisten und kleinen Schüpplein gespickt ist. Ein paar wenige, grossgriffige Steilpassagen trifft man ebenfalls an, während knifflige Platten nur ganz kurz am Ende von L6 ihre Aufwartung machen. Abgesehen von ein paar kurzen Stellen ist der Fels meist sehr gut, auch wenn im extrascharfen Gelände hier und da noch Spitzli brechen, Allergiker den Fingerschmerz beklagen könnten oder vereinzelt oranger Flechtenbewuchs präsent ist. Die Route ist gut bis sehr gut mit rostfreiem Material abgesichert, es gibt keine wilden Runouts oder gefährliche Passagen. Die im Text beschriebene, zwingende Passage in L2 verdient jedoch die 7a obl. absolut. Cams haben wir nur sehr punktuell eingesetzt (siehe Topo), an diesen Stellen sind sie jedoch wirklich nötig. Hinweis: in Mitte von L5 bringt man an diesem cleanen, breiten Riss sicher nichts Kleineres als Grösse 3 unter, die aber auch nur knapp passt. Besser wäre ein Camalot 4 - egal ob 3 oder 4, sonstwo auf der Route findet dieses Teil keine Anwendung, man nimmt ihn nur für dieses eine Mal mit. Da es bisher kein präzises schematisches Topo gab und dasjenige im Extrem West Band II beim Finden des Weges in L5 sogar eher hinderlich ist, findet ihr unten mein Werk (PDF-Download).

Das Topo zur Route Malmstrom an den Wendenstöcken (PDF-Download).

Donnerstag, 11. September 2025

Wendenstöcke - Troja (7a+)

Zum Ende der Sommerferien gab es nach 3 Jahren Absenz endlich wieder einmal Ausflug an die Wendenstöcke, der Initiative von Bernat sei Dank! Wie so oft hatten wir uns auch dieses Mal bei der Routenwahl aufgrund der vielen Möglichkeiten etwas schwer getan. Schliesslich fiel unsere Wahl auf die bisher selten begangene Troja am Excaliburpfeiler. Sie erhiesch grössten Respekt: erstbegangen durch Profi-Alpinist Roger Schäli und Wenden-Urgestein Michal Pitelka, im Topo mit 7a obligatorisch und expo angegeben und die wenigen Internet-Einträge berichteten von langen Runouts und teilweise zweifelhaftem Fels. Wir wollten es genauer herausfinden und siehe da: wir trafen auf affengeile, athletisch-steile Henkelkletterei an weitestgehend bestem Fels und dies erst noch bei einer prima Absicherung. Das Resultat: einer meiner bisher besten Klettertage an den Wendenstöcken!

Der stolze Excaliburpfeiler an den Wendenstöcken mit dem Verlauf von Troja.

Wegen einem gewissen Gewitterrisiko am Abend starteten den Zustieg schon um 6.05 Uhr und liefen den gewohnten Weg hinauf zum Einstieg am Excaliburpfeiler. Viel hat sich dabei gegenüber früher nicht geändert, einiges aber doch: kürzliche Starkregenfälle haben den Graben beim Parkplatz (und einen Teil von diesem selbst) mit Geröll und Geschiebe aufgefüllt und überflutet, weiter nimmt die Wegspur mal kurz einen anderen Verlauf wie früher. Das sind aber alles Details, wichtig ist nur eines: keinesfalls über die steilen Schrofen direkt zum Einstieg gehen, sondern im gestuft-felsigen Gelände in der Falllinie vom Elefantenohr aufsteigen, bis man horizontal über Bänder zum Einstieg bei zwei Sanduhren queren kann. Um 7.20 Uhr waren wir da und legten um ca. 7.40 Uhr mit der Kletterei los.

Morgenstimmung am Einstieg.

L1, 40m, 6b: Diese Länge hatte ich schon 3x zuvor geklettert (für Excalibur, Lancelot und Blaue Lagune). Mehr oder weniger auf los geht's los: ein erstes Überhängli, dann kurz nach links zu gleich mal recht fordernder Plattenkletterei. Während ich mich früher da jeweils mit grossem Respekt hochgezittert hatte, lief es dieses Mal sehr flüssig. Im zweiten Teil dann etwas einfacher bei grösseren Sicherungsabständen. Erst wieder leicht rechts, dann gerade hoch.

Plattige Kletterei zum warm werden in L1 (6b).

L2, 40m, 6b: Für die Troja ist es definitiv günstiger und logischer, hier die häufiger gekletterte, linke Variante zu wählen. Achtung, wie auch die erste Länge ist sie nur teilsaniert, d.h. teilweise stecken noch altertümliche Kronenbohrhaken. Daher nicht optimal für längere Sturzübungen, aber das ist auch nicht nötig. In feiner Kletterei geht's gut abgesichert nach links hinaus auf die Kante, dann jenseits von dieser hinauf. Das Ende ist dann sehr gesucht. Während es links erst via Wasserrillen und dann Schrofen zugänglich wäre, locken zwei Bolts in kompakte Wandabschnitte mit Löchern, welche nochmals 6b-Moves bieten. Achtung, die Kombi von Absicherung und Sturzgelände ist da ist nicht gerade optimal.

Die Querung nach links hinaus auf die Kante charaktersiert L2 (6b).

L3, 30m, Gehgelände: Linkshaltend über Schrofen zum eigentlichen Excaliburpfeiler zum gemeinsamen Einstieg von Zonda und Troja (mit verblasster blauer Farbe angeschrieben). Achtung, es gibt da keine Standhaken, man kann jedoch Cams platzieren. Der Start der beiden Routen (bzw. der erste BH) ist dann gemeinsam, Zonda zieht dann links weg.

L4, 50m, 6c+: Knallerplatte lautet das Programm hier, wie so üblich in der ersten Länge an diesem Pfeiler. In wunderbar gefinkeltem Fels schreitet man hier in die Höhe, wirklich sehr genussreich. Zudem auch recht homogen schwierig, eine klare Crux konnten wir nicht ausmachen. Während man zwischen den schön in gerader Linie steckenden Haken durchaus manchen Schritt tun und einige Schleifen klettern muss, so kann man ohne Zweifel sagen: gut abgesichert. Auch das BH-freie Ende der Seillänge löst sich prima auf. Am markanten Dachbogen lassen sich sichere Cams versorgen. Für die einfachste Linie steigt man dann nicht direkt über das Dach hinweg, sondern geht etwas tiefer rechts hinaus. Oben liegt dann nochmals ein guter Cam in einer Schuppe, so gelangt man ohne Angst und Knieschlottern zum Stand.

Die 50m lange Seillänge über die Knallerplatte von L4 (6c+) ist ein absolutes Highlight.
Die Gegenperspektive: der Fels in L4 (6c+) ist genial strukturiert und kletterfreundlich.

L5, 15m, 6c+: Kurz, hat es aber in sich! Also zuerst einmal: wie Spuren am Stand davor und danach, sowie der Hakentyp zeigen, wurde diese SL offenbar schon früher vor der eigentlichen Erschliessung von Troja geklettert und auf anderem Weg erreicht?!? Die kompakte Wandstufe will bei enger BH-Absicherung reibungslastig und mit ein paar Leisten und Löchlein erklettert werden, wobei es die richtige Sequenz zu ertüfteln gilt. Nach unserem Empfinden sind die Moves hier klar schwieriger wie in L1. Dieselbe Bewertung zu vergeben kann aber aufgrund der Gesamtanforderung/Länge aber schon Sinn machen.

L5 (6c+) ist zwar nur kurz, bietet aber knifflige technische Wandkletterei.

L6, 40m, 7a: Nach rechts zieht eine einfache Rampe, nach links wäre es womöglich auch zugänglich, aber nach Troja geht's schlicht und einfach gerade voraus. Jedenfalls ist das der Pfad, welchen die Hakenlinie vorgibt. Die einfachste Linie findet man hingegen etwas darum herum mäandrierend, aber das ist genau richtig so. Die Seillänge ist wohl anhaltend und braucht etwas Ausdauer, eine wirklich schwierige Stelle konnten wir jedoch nicht ausmachen. Für Wenden-Standards sicherlich eine gutmütige 7a, oder mit anderen Worten: da haben wir wohl die richtige Linie gefunden. Das soll aber nicht abwertend tönen: die Henkelkletterei im griffig-rauen Gestein ist einfach fabelhaft!

Der Blick voraus auf die steile, griffige und anhaltende L6 (7a).
Der Blick zurück zeigt die hammermässige Felsqualität.

L7, 30m, 7a+: Bernat meint zu mir aufgrund von Topo und Ferndiagnose "this one could be a bit more bouldery". Und damit trifft er den Nagel durchaus auf den Kopf. Insgesamt auch eine affengeile Länge, auch wenn die ersten Meter nicht durch Gestein der ersten Güteklasse führen (die mässig gut verankerte Schuppe rechts besser pfleglich behandeln!). Nachher ist's dann aber top: an guten Griffen über die Steilstufe, dann mit deutlicher Rechtsschleife zum dritten BH und einfacher hinauf an den zweiten Wulst mit der Crux. Kräftige Moves an Seitgriffen bieten da die Lösung, dies bei Top-Absicherung. Vor der Pause am Stand gilt es dann noch eine plattige Verschneidung zu meistern.

Die athletische Crux in L7 (7a+) hat Bernat geschafft, nun wartet noch die plattige Verschneidung.

L8, 35m, 7a+: Hier befindet man sich unterhalb vom grossen Dach, welches wenige Meter rechts von der Excalibur mit der charakteristisch-luftigen Passage über die Seitwand gemeistert wird; Troja geht hingegen direkt drüber. Die ersten Meter bis unter den Überhang gehen gut, auch wenn die Felsqualität da kurz nicht erste Sahne ist. Die nicht ganz horizontale Dachpassage im grossen Überhang trumpft dann wirklich mit 1a-Henkeln auf. Wer öfters mal in einer Boulderhalle rumturnt, wird da kaum Probleme haben. Am schwierigsten ist noch der Ausstieg ins wieder vertikalere Terrain am Schluss, aber auch das löst sich auf. Gefolgt wird dies von traumhafter Kletterei an guten Griffen in Top-Gestein: nie mega schwierig, nie banal, somit genial.

Am Dach in L8 (7a+) gibt's 1a-Henkel, da kann man nicht nur, sondern muss eine Pose werfen.
Das Ende der Seillänge (L8, 7a+) trumpft mit absolut göttlichem Gestein auf!

L9, 40m, 7a: Das ist jetzt eben die Expo-Pitch, wobei ganz so wild oder gefährlich dünkte es uns nicht. Der erste BH steckt nicht gerade eben nah und am Ende von einer reibungslastigen Rampe auch etwas wacklig zu klippen - geht aber schon. Als nächste Sicherung wartet dann leider nur eine mässig gute SU-Schlinge. Die Crimpy-Wandkletterei ist zwar gut kontrollierbar, nach meinem Gusto aber mehr oder weniger die Hauptschwierigkeit dieser Länge - auch da, ein paar Mal kräftig zuschrauben, dann geht es schon. Es kommen dann wieder BH, die Moves am nächsten Überhang sind richtig cool und gut gesichert, der Runout danach ist problemlos. Beim BH am nächsten Wulst stellen sich nochmals Fragezeichen: da scheint der Weg nach rechts auf die Rampe der Excalibur absolut logisch (einfachste Lösung) und man weiss nicht so recht, ob man nochmals steil ins Ungewisse klettern soll. Die Antwort ist aber ja: Troja geht tatsächlich dort hoch. Es kommen noch 2 SU (u.U. mit fixer Schlinge), das Terrain ist griffig und es löst sich gut auf. Zuletzt erreicht man dann die Kante, der Fels wird etwas lottrig und es geht nach rechts zu gemeinsamem Stand aller Routen in diesem Bereich.

Über diese Rampe ist der erste BH in L9 (7a) etwas weit anzuklettern.

L10, 30m, 6c: Dieses Teilstück gehört formell zur Excalibur, war aber trotzdem neu für mich. Es wurde erst bei der Sanierung im 2011 eingerichtet und war bei meiner damaligen Begehung im 2007 noch nicht existent. Die Länge führt nochmals in steiles Gelände - schon gutgriffig, aber irgendwie dann doch nicht ganz so easy und man muss ein wenig schauen, wie es aufgeht. Erst gut gesichert mit 2 BH, dann 2 SU-Schlingen (obwohl die zweite etwas rechts abseits ist, dürfte es besser sein daran vorbeizuklettern), bevor es an einem letzten BH vorbei auf die einfache, aber ungesicherte Abdachung geht. Achtung, da liegen viele lose Steine herum. Trotzdem ist diese neue Variante die viel bessere Lösung als die ursprüngliche 4c, wo man die vollen 30m ungesichert im Lottergelände zu klettern hatte.

Panorama am Top vom Excaliburpfeiler. What a place to be!

Etwas vor 14.00 Uhr waren wir nach rund 6:15h an Kletterei am Top, und dies mit einer beiderseits einwandfreien Onsight/Flash-Begehung, wow! Ich erinnere mich, bei den früheren Begehungen gerne im exklusiven Gipfelbuch gelesen zu haben. Doch dieses war nirgends mehr auffindbar, selbst der Steinmann am Top des Pfeilers (welcher nur wenige Meter an Prominenz aufweist) hatte das Zeitliche gesegnet. Letzterem konnten wir Abhilfe schaffen und weil der Himmel noch freundlich aussah, gab es keinen Grund zur Eile. Schliesslich warfen wir die Seile aus und glitten über die Excalibur in die Tiefe. Das geht recht effizient, einzig der Stand unter dem Dach ist nicht so einfach zu erreichen. Zurück am Wandfuss erhielten wir Besuch von der Steinbock-Gang und entschlossen uns, vor dem Abstieg noch einen Blick ins links oberhalb des Einstiegs gelegene Biwak zu werfen. Die Installationen sind zwar noch vorhanden, werden aber scheinbar nicht mehr gepflegt/genutzt und sind am Verfallen. Auch das sehr interessante Biwakbuch mit seinen lesenwerten Stories konnte ich nicht mehr auffinden. Prinzipiell wäre es langsam an der Zeit, hier einmal eine Aufräumaktion durchzuführen und die Überbleibsel ins Tal zu tragen. 

Man sieht's, die Steinbock-Gang hat ganz klare Erwartungen an uns.

Zügig, aber mit der nötigen Vorsicht stiegen wir über das steile Gelände zurück Richtung Wendenalp. Mehr oder weniger mit unserem Eintreffen dort fielen doch noch einige Tropfen vom Himmel, welcher sich erstaunlich zügig verdunkelt hatte. Dies sollte uns nicht weiter stören oder behelligen, doch es rief eindrücklich in Erinnerung, wie delikat die Kletterei an den Wendenstöcken bei Gewittergefahr sein kann. Die Lage kann sich deutlich schneller verändern, wie man in der Wand oder selbst im exponierten Teil des Zustiegs reagieren kann. Mich hat es zum Glück nie erwischt, bzw. ich hatte immer ausreichend defensiv geplant. So ging auch meine persönliche #43 am Massiv mit einem grossen Glücksgefühl zu Ende. Eine perfekte Begehung, gleichzeitig mit der 7a+ eine persönliche Onsight-Bestleistung an den Wenden und dies auf einer Route, wo ich lange Zeit Hemmungen hatte, überhaupt erst einen Versuch zu starten. Sicherlich einer der besten meiner sehr vielen guten Klettertage an den Wenden, und sportlich gesehen bis dato vermutlich sogar der wertvollste. Auf bald wieder, kann man da nur sagen!

Facts

Wendenstöcke - Troja 7a+ (6c obl.) - 10 SL, 350m - Schäli/Pitelka/Iff 2004 - ****;xxx/xxxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, Cams 0.2-2

Eine absolute Top-Kletterei mit bestechender Linie am Excalibur-Pfeiler. Nach drei Seillängen mit eher steilplattiger Kletterei (L1, L2, L4) geht's bis zum Ausstieg mit gutgriffig-steiler, athletischer Kletterei weiter. Der Fels ist dabei bis auf zwei, drei kurze, einfachere und absolut problemlose Abschnitte von bester Qualität. Für mich ist es absolut unverständlich, warum Troja nicht viel populärer ist: aus meiner Optik ist sie in vielerlei Hinsicht mit einer Patent Ochsner vergleichbar. Die Bewertungen sind für Wenden-Massstäbe absolut fair und realistisch. Auch die Absicherung darf man gerne als gut bezeichnen: klar, wir reden hier von Wenden-Standards, es hat nicht alle 2m einen BH und die Strategie A0 ist höchstens von beschränktem Nutzen. Die Bolts sind aber fair gesetzt, es gibt keine krassen Runouts und auch keine schwierigen Stellen weitab der letzten Sicherung. Ich meine, 6c obl. ist ausreichend, Troja gehört nicht in die "7a obl."-Liga wie Transocean, Blaue Lagune, Das 11. Gebot, Batman oder Tsunami. Am anspruchsvollsten ist wohl effektiv L9 (7a), wobei das "expo" für uns nicht wirklich nachvollziehbar war (d.h. es drohen keine gefährlichen Stürze mit Auf-/Anprallgefahr). Hier und da, insgesamt aber doch eher nur punktuell sind Cams zu legen. Ein Set von 0.2-2 ist dementsprechend mitzuführen. Die Grösse 3 hatten wir dabei, fanden jedoch keine Einsatzmöglichkeit dafür. Ein präzises schematisches Topo habe ich bisher nirgends gefunden, daher habe ich selbst eines angefertigt (Download in voller Auflösung). Die besten und neusten Infos zum Gebiet findet man sonst im Extrem West, Band II.

Mein Topo zur Troja, hier geht's zum Download in voller Auflösung.