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Mittwoch, 28. November 2018

The Dawn Wall

Nein, das ist kein Tourenbericht, schön wär's! Sondern eine kurze Rezension vom im 2018 neu erschienenen Film, welcher die zurzeit wohl härteste MSL-Route und ihre Protagonisten präsentiert. Ich hatte mir lange überlegt, ob es sich wohl lohnen würde, diesen Film im Kino zu sehen. Einen Entscheid hatte ich noch nicht gefällt, als Kathrin auf lacrux.com zwei Billette in einer Verlosung ergattern konnte (herzlichen Dank!). Da war's dann klar, dass ich mir die Dawn Wall nicht würde entgehen lassen. Trotzdem, im Vorfeld hatte ich Bedenken. Klar, es geht ums Klettern, aber der Plot wurde für felsabstinentes Massenpublikum konstruiert. Für unsereiner heisst das dann meist, dass vieles verzerrt dargestellt wird und den aus Kletterersicht wichtigen Handlungssträngen bzw. Dialogen keine Bedeutung beigemessen wird. Noch dazu war mir die Biographie von Erschliesser und Erstbegeher Tommy Caldwell bereits in vielen Details bekannt und der Hype um die RP-Begehung der Dawn Wall war natürlich auch nicht an mir vorbeigegangen. Trotz all dieser Einwände: der Film hat mich bestens unterhalten und ich finde ihn sehenswert.

Kevin Jorgeson in der grossen Traverse der Dawn Wall (9a). Quelle: http://www.dawnwall-film.com/
In etwa die Hälfte des Films widmet sich der Biographie von Tommy Caldwell. Bilder aus der Kindheit, der Einstieg ins Klettern, sein Vater als prägende Figur, die verhängnisvolle Expedition nach Kirgistan, das Ehe- und Kletterleben mit Beth Rodden und dessen Scheitern als eine auslösende Triebfeder für ein Monsterprojekt wie die Dawn Wall. Obwohl ich vieles davon schon früher an der einen oder anderen Stelle gelesen hatte, kam keine Langeweile auf. Die andere Hälfte des Films fokussiert auf die Dawn Wall selber. Und ich meine, dass es der Regie hier sehr gut gelungen ist, solche Dinge wie das Finden einer Linie in diesem Ozean aus Granit, die Herausforderungen beim MSL-Klettern und den Struggle nach dem roten Punkt darzustellen: für Laien nachvollziehbar (?!?) und für Kletterer nicht banalisiert. Nur ein Beispiel, die Animationen, wie sich die Features in der Dawn Wall mehr und mehr zu einer kletterbaren Linie vereinen, dünkten mich sogar echt genial. Viel von der Climbing Footage stammt aus der grossen Traverse (9a) in Seillänge 15 und der folgenden Dyno Pitch (L16, 8b+). Hammermässig, in Grossaufnahme zu sehen, wie klein die Griffe dort sind. Und auch die verzweifelten Versuche von Kevin Jorgeson sind hervorragend präsentiert. Das Starren auf die übel durchgekletterten Finger, das lange Warten auf geeignete Bedingungen, zurückkehrende Kraft und nachwachsende Haut sowie schliesslich der Exploit am äussersten Limit. Ob es in der CH weitere Kino-Vorführungen gibt, weiss ich nicht - ich vermute nein. Der Film ist aber inzwischen zum Download erhältlich - für einen Regen- und Ruhetag eine gute Investition.

Freitag, 23. November 2018

Zürcher Klettermeisterschaft 3/2018

Der finale Wettkampf aus der Serie der Zürcher Klettermeisterschaft 2018 war in der Disziplin Bouldern im Minimum angesagt. Der Termin war in der Familie Dettling dick in der Agenda angestrichen, galt es doch für die einen, ihre vorderen Plätze in der Gesamtrangliste zu verteidigen. So reisten wir frühmorgens topmotiviert für einen langen Tag an, verstärkt um ein weiteres Mädchen, welches sich unserem Team angeschlossen hatte...

Die Kinder bereit, hellwach und bis in die Haarspitzen motiviert. Allez!
Zuerst waren die Kinder an der Reihe. Ihre Qualifikation bestand aus 20 Bouldern, die während 2 Stunden frei probiert werden konnten. Gewertet wurde nur der Durchstieg, wobei eine fixe, für alle Boulder identische Gesamtpunktzahl auf alle Begeher verteilt wurde. Drei Kinder gleichzeitig zu coachen war eine fordernde Aufgabe! Es galt, Beratung zur Strategie zu geben: wo werden wie viele Versuche investiert? Welche Boulder sind "nicht lösbar" und lohnen den Aufwand nicht? Wann und wie lange mache ich Pause? Erschwert wurden diese Überlegungen auch durch den Fakt, dass rund 200 Kinder gleichzeitig an den Bouldern aktiv waren und man seine Versuche nicht nach freiem Belieben timen konnte. In Bezug auf die Moves hingegen, da ist es erstaunlich, wie selbständig die Kinder bereits die für sie optimale Lösung identifizieren können. Da lässt sich höchstens noch punktuell der eine oder andere Tipp für eine Effizienzsteigerung geben.

Schlussendlich resultierte für eines der drei Kinder ein Finalplatz. Inzwischen auch ein gewohntes Prozedere, dass ich als Begleiter in die Isolation mitgehe und beim physischen Aufwärmen und bei der mentalen Vorbereitung mithelfe. Die investierte Zeit lohnte sich ganz bestimmt: um den ersten Platz in der Gesamtwertung ging es nämlich hart auf hart. Schliesslich zählte jeder Versuch und jede Zone. Ich fürchtete schon Böses, als meine Tochter wegen einem Fehlversuch (Fuss war nach Empfinden der Schiedsrichterin zu wenig lange/kontrolliert auf dem zweiten Starttritt) zurückgepfiffen wurde und so aus einem Flash ein Second Go wurde. Doch schlussendlich reichte es trotzdem, die lange ersehnte Goldmedaille wurde Realität. Beste Kletterin unter 10 Jahren im Kanton Zürich, yeehaa! Nebenbei gab's fürs Team Dettling noch zwei fünfte Plätze, auch eine saubere Leistung. Vor allem für meinen Sohn, der eigentlich noch in die U8 gehört. Diese Kategorie gibt's jedoch nicht, somit kämpft er in der U10 gegen 2 Jahre ältere Jungs, c'est la vie!

Alle 3 durften bei der Siegerehrung nach vorne und stolz ein Diplom oder eine Medaille empfangen. Pic: vladekzumr.com
Am Nachmittag waren dann die Erwachsenen an der Reihe. Ich persönlich hatte mir vorgenommen, die ganze ZKM-Serie im 2018 in der Elite-Kategorie zu bestreiten. Hier wurde ich nun jedoch schwach. Nach 2 Wochen Kalymnos und 3 Wochen krankheitsbedingter Zwangspause war mein Kraftlevel auf ein bescheidenes Niveau geschmolzen und ich fühlte mich zur Zeit des Anmeldeschlusses, eine Woche vor dem Event, nicht konkurrenzfähig. Zusätzlich befeuert wurde der Entscheid durch die Tatsache, dass es auch einen attraktiven Plauschwettkampf gab. Während dort 51 Boulder zu meistern waren, so waren es in der Elite-Quali bloss 20 Stück. Tatsächlich war es dann so, dass es in der Elite halt einfach die 20 härtesten aus den total 51 geschraubten waren. Wiederum konnte man während 5:30 Stunden frei probieren, wobei erneut für jeden Boulder eine fixe Gesamtpunktzahl unter allen Begehern verteilt wurde.

Dies ist ein optimaler Modus für mich: man kann's auch mit Köpfchen und der Masse statt mit der Klasse machen, Ausdauer und Strategie sind ebenso wichtig wie rohe Kraft. In meinem Beruf dreht sich vieles um Optimierung in einem stochastischen Setting und so macht es mir auch mega Spass, neben den Moves am optimalen Ablauf zu tüfteln, damit am Ende möglichst viele und möglichst exklusive Boulder auf der Scorecard stehen. Das alles gelang mir ganz leidlich, so dass am Schluss Platz 5 unter 39 Teilnehmern resultierte. Damit hatte ich im Minimum, dem Hort der starken Männer und Frauen, niemals gerechnet. Erst recht nicht nach dieser Vorgeschichte - doch es ist schon erstaunlich, wie's auch wieder aufwärts geht, wenn man Fieber und Gebrechen endlich einmal richtig hinter sich gelassen hat. So machten wir uns spätabends, bereichert um viele positive Erlebnisse und reich beschenkt aus der Preisverteilung höchst zufrieden nach Hause. Es sei an dieser Stelle ausdrücklich erwähnt, dass auch wenn Titel und Medaillen natürlich eine sehr schöne Sache sind, es in erster Linie um anderes geht. Nämlich darum, dass die Kinder Freude, Begeisterung und Motivation für den Klettersport entdeckt haben. Ich schätze die gemeinsame Zeit bei Trainings, Ausflügen, Klettertrips und Wettkämpfen (mit allen Höhen und Tiefen) viel mehr als die Titel an sich. Ein herzlicher Dank gebührt auch dem Team vom Minimum für die vielen, exzellent geschraubten Boulder auf allen Niveaus und den tollen Preisen. Ebenso herzlichen Dank ans Team vom Regionalzentrum Zürich für die hervorragende Organisation der ganzen Wettkampfserie!

Freitag, 16. November 2018

Chöpfenberg - Isenburg (7c+)

Die 5-SL-Route Isenburg ist eine bisher wenig bekannte und bekletterte Route in der W-Wand am Chöpfenberg, in unmittelbarer Nähe zum Bockmattli. Erstbegangen wurde sie 1983/1984 durch Gregor Benisowitsch und Georg Furger. Für die damalige Zeit war dies ein gewagtes Unterfangen, denn man war sich damals kaum gewohnt, auf MSL in solch steilem Gelände und bei solch hohen Schwierigkeiten zu klettern, notabene natürlich noch ohne Akku-Bohrhammer. Gregor selber erzählte mir Geschichten aus der damaligen Zeit. Diese beinhalten 15m-Stürze, da es weit über der letzten Sicherung nicht gelang, einen Fixpunkt anzubringen und irgendwann die Kraft zum weiteren Festhalten erschöpft war. Gregor äussert auch die Vermutung, dass er zu dieser Zeit als einer der ersten im alpinen Gelände in den 9. UIAA-Grad vorgestossen war. Jedenfalls, während einige schwierige Passagen frei gelangen, so waren andere nur in technischer Kletterei zu lösen. Die Ausrüstung der Route galt als abenteuerlich und so fand sie in der Kletterszene wenig Beachtung, ja geriet gar völlig in Vergessenheit.

Blick aus der Froschperspektive auf die Chöpfenberg Westwand mit dem Verlauf der Route Isenburg (5 SL, 7c+).
Das nächste Kapitel in Sachen Isenburg wurde erst 2005 und damit 22 Jahre nach dem ursprünglichen Einrichten geschrieben. Gregor rüstete die Route zusammen mit Walter Britschgi mit soliden und zahlreichen Inox-Bohrhaken aus. Kurz darauf gelang ihm zusammen mit Patrick Hilber der erste Gesamtdurchstieg der Route (1983/1984 wurden stets nur einzelne Abschnitte geklettert). Im 2006 sicherte sich dann Martin Jaggi den roten Punkt, somit hatte die Isenburg nach vielen Jahren doch noch eine freie, durchgehende Begehung erfahren. Sanierung und Befreiung hatten jedoch auch nur wenig Einfluss auf die Begehungsfrequenz. Kaum je verirrten sich Kletterer in die Chöpfenberg Westwand. Zu Unrecht eigentlich, aber bei einer kaum bekannten Route in den oberen Schwierigkeitsgraden auch nicht allzu erstaunlich. Schon lange hatte ich die Isenburg auf dem Radar. Doch wie es so ist, es fand sich dann jedesmal doch ein anderes, scheinbar interessanteres Projekt. Persönlich motiviert durch Gregor war es an einem gewittrig-heissen Junitag dann aber soweit. Hier würden sich am kühlen Schatten noch ein paar Nüsse knacken lassen, bevor das Wetter zuschlägt und der Himmel seine Schleusen öffnet.

Die Route befindet sich in einer schönen Gegend. Hier die Sicht aufs Bockmattli und das Wägital.
Zustieg: der Weg zur Alp Feldrederten und der Weg hinauf unter die NW-Wand am Chöpfenberg war mir natürlich bestens bekannt, hatte ich hier doch mit 'Sturmfrei' (6 SL, 6c+) eine eigene Linie gelegt. Weit ist's nicht, jedoch gibt's kaum Wegspuren und es ist etwas Spürsinn erforderlich, um sich nicht im Wald zu verkoffern. Dann heisst's, die höher gelegene W-Wand zu erreichen. Dazu muss die grasige Sockelwand erklommen werden. Die Passage ist mit BH gesichert, jedoch wollen diese auch zuerst einmal aufgefunden werden (nicht ganz trivial!). Die auf dem Topo kolportierte 3a ist von der eher harten Sorte. Bisweilen klettert man sowas ja auch seilfrei und in Zustiegsschuhen. Hier schien weder das eine noch das andere wirklich realistisch. Hat man die Sockelwand einmal gepackt, so warten noch 60-70m in nun wieder einfacher begehbaren, aber immer noch steilem Grasgelände (T5-T6). Um rund 9.00 Uhr waren wir schliesslich bereit zur Attacke.

Das ist auf dem Heimweg, nicht auf dem Zustieg. Gibt aber einen kleinen Eindruck vom Steilgras-Teil.
L1, 30m, 7a: Es geht gleich fulminant, athletisch und pumpig los. Die Felsqualität in dieser Passage ist nicht berauschend. Etwas splittrig, halt auch unternutzt und mir bleibt als letzte Option nur eine Art Ninja Kick auf einen schuhschachtelgrossen Block, wo ich einiges auf dessen Ausbrechen gewettet hätte - kann man ja einmal riskieren, wenn der Haken am Bauchnabel ist. Nun denn, die Odds sind auf des Kletterers und nicht des Zweiflers Seite. Das Gestein hält stand und so passiere ich hier onsight. Der obere Teil dieser Seillänge ist dann markant einfacher und folgt einem Rampensystem nach rechts hinauf.

Im oberen Teil von L1 (7a) warten die eigentlich einzigen einfachen Meter der ganzen Routen (ca. 6a+).
L2, 30m, 7b: Man quert einfach auf dem Balkon nach links hinüber, worauf dann gleich die Crux folgt. Es gilt, eine feingriffige und technische Passage zu überlisten. Ich leiste mir zuerst eine Fehlinterpretation, im zweiten Versuch komme ich dann gut darüber hinweg. Der zweite Teil der Seillänge bietet coole, athletisch-henklige Kletterei an Henkeln und grossen Schuppen. Vor allem eine Passage nach zwei Dritteln dürfte man ausser nach markanten Trockenperioden immer feucht oder nass antreffen. Dank den grossen Griffen und der guten Absicherung aber wohl doch passierbar.

Hier folgt gleich die Crux in L2 (7b), eine eher feingriffig-technische Stelle. Wobei, überhängend ist's ja doch.
Im oberen Teil von L2 (7b) wartet coole Ausdauerkletterei an gutgriffigen Schuppen.
L3, 20m, 7c+: Der überhängende Riss mit der Crux gleich oberhalb vom Stand sieht ziemlich einschüchternd aus und ob dem hohen Schwierigkeitsgrad gebe ich die Onsight-Ambitionen gleich preis und mache vorerst nur einen Check-Out-Go. Das Gestein ist reichlich staubig, da auch diese Passage lange nass oder zumindest feucht bleibt. Zudem ist der Riss unangenehm ausdrehend und auch schmerzhaft (Crack Gloves wären hilfreich). Nach einer Weile des Boulderns werde ich mir gewahr, dass hier besser ohne die ätzenden Rissklemmer, sondern mit ein paar kräftigen Leistenzügen Höhe zu machen ist. Auf diese Weise lösen sich die Moves im zweiten Go plötzlich prima auf und das '+' im Schwierigkeitsgrad darf man vermutlich ad acta legen. Der zweite Teil der Seillänge nach dem Ausstieg aus dem Rissüberhang ist deutlich einfacher in etwas unsicher-splittrigem Gestein.

Von der Cruxsequenz der ganzen Route (L3, 7c+) gibt's nur dieses bescheidene Bottom-Up-Foto. Die Stelle ist allerdings länger und steiler wie man auf den ersten Blick meinen könnte. Mit dem Riss konnte ich schlussendlich gar nicht allzu viel anfangen, hat es doch auch andere, 'normale' Griffe. Was gut ersichtlich ist: hier sifft es oft und das Gestein ist deswegen mit einer brösmeligen Schicht überzogen.
Im Rückblick ist L3 (7c+) nicht fotogen. Die letzten Meter sind einfach und in etwas splittrigem Fels.
L4, 15m, 7b+: Nun gut, die 15m für diese Seillänge habe ich zur Zeit des Tippens aus dem Topo übernommen. In meinem Kopf ist diese Sequenz als deutlich länger abgespeichert, ich hätte mindestens 30m geschätzt ;-). Gleich vom Stand weg geht's sehr luftig nach rechts um eine exponierte Nase herum. Man verschwindet so aus dem Blickfeld des Belayers und ist für den Rest der Seillänge auf sich alleine gestellt. Diese folgt einem diagonal verlaufenden Riss und bietet athletische Kletterei, wobei dazwischen auch die mehr wandartige Crux an einem Dächli zu meistern ist. Nachdem diese Länge im Steilgelände sehr stark querend verläuft, ist eine Rückkehr zum Stand kaum denkbar. Also gibt's kaum eine Alternative zum 'richtig festhalten' und tatsächlich kann ich onsight durchziehen. Als Belohnung dafür gibt's einen richtig heftigen Pump.

Steile, diagonal verlaufende Riss- und Wandkletterei in L4 (7b+). Rückkehr zum Stand davor ab hier nahezu unmöglich.
L5, 35m, 6c+: Während ein Rückzug bis zum Stand nach L3 noch ohne grössere Probleme machbar sein sollte, so ist dies vom Stand nach L4 tatsächlich schwierig. Vermutlich könnte man einer Art Terrasse (clean!) nach rechts folgen. Die Route folgt aber dem Risssystem, welches man in gesamten Routenverlauf benutzt hat. Ich lasse hier meinem Kameraden den Vortritt. Erst ein eher wandartiger Abschnitt, danach nicht allzu schwierig dem Riss entlang, die finale Passage ist aber nochmals athletisch und gar nicht so einfach.

Ausblick auf L5 (6c+), die zum Schluss nochmals mit athletischen Moves aufwartet.
Um ca. 13.15 Uhr sind wir beide am Ausstieg, welcher eine erstaunliche und bisher unbekannte Perspektive auf das Bockmattli offeriert. Wir nehmen es gemütlich und steigen dann auf der Rückseite des Grats ab. Zuerst ist das Gelände steil und ein Abseiler macht Sinn, danach wird's einfacher und man kann gut in den Kletterfinken das relativ kurze Stück zum Einstieg erledigen. Nun heisst's erst vorsichtig in die steilen Grashalden hinuntersteigen. Das Fixseil, welches hier dereinst installiert wurde, ist im Laufe der Zeit im Gras eingewachsen und kaum mehr nutzbar. Weiter unten befindet sich dann eine Abseilstelle, dank welcher man bequem über die Sockelwand in die Tiefe gleitet. Als wir unten stehen, werden wir uns bewusst, dass sich der Himmel beinahe in minutenschnelle dunkel überzogen hat und ein paar erste Tropfen zu uns schickt. Es ist jedoch mehr eine Mahnung, nicht mehr allzu lange hier herumzutrödeln. Tatsächlich gelangen wir noch im Wesentlichen trocken zurück zum Automobil, die richtig ernsthaften Schauer lassen dann nicht lange auf sich warten. Das braucht uns jedoch nicht weiter zu kümmern. Wir sind steil, schwierig und spektakulär geklettert, den Nachmittag verbringen wir mit gutem Gewissen in der Stube.

Die elegante Chöpfenberg Westwand auf dem Abstieg gesehen. 

Facts

Chöpfenberg - Isenburg 7c+ (6c obl.) - 5 SL, 130m - Benisowitsch/Furger 1984 & 2005 - ***;xxxxx
Material: 2x50m-Seile, 14 Express, Cams/Keile nicht nötig

Spezielle, steile, aussergewöhnliche Route, welche mit einem Mix von Riss- und Wandkletterei einer natürlichen, logischen Linie folgt. Vermutlich handelt es sich sogar um die einzige, frei kletterbare und lohnende Möglichkeit in der abgeschiedenen, dreieckigen Wand. Die Route wurde üppig saniert und ist seither perfekt mit Inoxmaterial abgesichert. Man kann also voll angreifen und braucht keine mobilen Sicherungen mitzuführen. Mit Hängen und Würgen kommt man vermutlich sogar mit einem ziemlich bescheidenen Freikletterniveau im 6ab-Bereich die Route hoch, was aber freilich wenig Sinn macht. So richtig ganz schwierig sind eigentlich nur 3 kurze, bouldrige Stellen, der ganze Rest der Route spielt sich im 6c/7a-Bereich ab. Somit also eigentlich eine ziemlich zugängliche und aus dem Ballungsraum Zürich auch sehr schnell erreichbare Route - es bleibt ein Mysterium, warum diese Linie nie populär geworden ist. Natürlich, qualitativ wird einem in Bezug auf das Gestein nicht auf jedem Meter allerhöchste Qualität geboten, doch als Gesamtunternehmen lohnt sich die Isenburg auf jeden Fall und verdient m.E. solide drei Sterne. Erwähnt sei, dass die Bewertungen im Topo definitiv auf der gutmütigen Seite sind. Verglichen mit Testpieces aus derselben Epoche wie z.B. Kein Wasser Kein Mond an der Schafbergwand oder Hannibals Alptraum im Rätikon bewegt man sich hier nicht ganz in derselben Liga. Wobei die hier griffig-athletische Kletterei gegenüber den dortigen Plattenknallern natürlich viel zugänglicher ist und die komfortable Absicherung das Ganze auch milder erscheinen lassen mag, als es tatsächlich ist. 

Topo der Isenburg in der Chöpfenberg Westwand von Erstbegeher Gregor Benisowitsch.