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Freitag, 9. August 2019

Salbit - Jimmy (6b+)

Die Jimmy (11 SL, 430m, 6b+) ist eine Kreation der Remy Brothers in der Zwillingsturm SE-Wand am Südgrat des Salbit. Sie verläuft in unmittelbarer Nachbarschaft des ungleich bekannteren Villigerpfeilers. Im Topo 'Salbit Erleben' wurde sie zwar schon immer mit der Höchstnote von 5 Sternen ausgezeichnet. Trotzdem geriet sie in Vergessenheit: die Ausrüstung war eher spartanisch, die Uraltbolts korrodiert und die Risse, nachdem nie geputzt wurde, teilweise zugewachsen. Das änderte sich im Herbst 2018 mit dem grandiosen Einsatz von Bunschi und Gefährten: die Risse wurden gereinigt, alle Haken mit neuem Inoxmaterial ersetzt und wo sinnvoll, auch die Linie korrigiert. Dies alles wollten wir mit unseren eigenen Sinnen erfahren und soviel vorweg, es war der Hammer!

Sicht auf den Zwillingsturm und die Route Jimmy. Der Einstieg und die ersten 2 Seillängen sind hier gut nachvollziehbar, der obere Teil ist zwar korrekt eingezeichnet, aber perspektivisch stark verzerrt. Rechts eingekreist ist die markante Aufschrift 'Clog'. In Originalauflösung sind rechts auch noch 2 Kletterer im Villiger-Pfeiler zu erkennen.
Nun, der Zustieg zum Salbit ist nicht eben kurz, insbesondere wenn man die Routen als Tagestour angehen möchte. Damals zur Ruska hatte ich mit Chris gerade gute 2 Stunden gebraucht. Zur Jimmy nahmen wir es ob der Hitze und der zusätzlich mitgeführten Flugausrüstung ein wenig gemütlicher. Reine Gehzeit brauchten wir etwas weniger als 2.5h, wobei hier eine halbstündige Pause auf der Terrasse der Salbithütte nicht mit eingerechnet ist. Diese machte aber durchaus Sinn, nicht nur für den Flüssigkeitsnachschub. Sondern auch, um vom Hüttenwart Richi die neusten Infos über die Jimmy einzuholen, sowie auch über die sonstigen Aktualitäten im Salbitgebiet informiert zu werden. An dieser Stelle nochmals herzlichen Dank dafür!

Der erste Blick auf's Salbitmassiv von wenig oberhalb des Reglibergs.
Auf den letzten Metern zum Einstieg lag noch Schnee, das wussten wir schon von der Konsultation der Webcam-Bilder. Bei ungünstigen Bedingungen (Hartschnee, Randkluft) kann das zur Herausforderung werden, das Gelände ist doch 35-40 Grad steil. Im Falle des Falles findet man unter einem grösseren Block mit roter Markierung noch einen alten, deponierten Pickel. Zur Zeit unserer Begehung stellte das alles kein Problem dar, der Schnee war weich und die Randkluft inexistent, d.h. man konnte einfach zum Fels marschieren. Entgegen den Skizzen in den alten Topos befindet sich der Einstieg weiter rechts als angegeben, nur 3-4m links von Clock & Stock, welche gross in weisser Farbe mit "CLOG" angeschrieben ist. Mit einer ersten Solo-Risskletterei über 5-6m gelangten wir vom Schnee zu 2 Stand-BH, bei vollständiger Ausaperung ist da womöglich bereits eine (kurze?) Seillänge fällig. Bis wir alles parat hatten und nochmals ausgiebig mit Sonnencrème eingeschmiert waren, wurde es ca. 11.45 Uhr.

Die grandiose Arena unter den Südgrattürmen. Nur noch das Schneefeld hinauf, dann geht's los!

L1, 55m, 6b+:
Entlang der Rissverschneidung geht es geradeaus aufwärts. Es dauert nicht allzu lange, bis man das erste Mal zu den Cams greift, weil die Kletterei ziemlich knifflig ist. Während es im Mittelteil dann vorerst einmal etwas gemässigter vorwärts geht, wird es zum Schluss nochmals richtig schwierig. In der V-Verschneidung müssen alle Register und Techniken eingesetzt werden (Spreizen, Jammen, Piazen, ...). In den alten Topos steht zwar nur eine Bewertung von 6a+, aber meinem Empfinden ist hier sicher eine 6b+ zu veranschlagen. Zum Stand hin war mir dann sowohl das Material wie auch das Seil ausgegangen, unsere 50m-Stricke reichten deutlich nicht und der Nachsteiger musste ein paar Meter nachfolgen.

Die V-Verschneidung im oberen Teil von L1 (6b+) ist ziemlich anspruchsvoll zu klettern!
L2, 50m, 6a: Um die Ecke (der Start ist echt cool) geht's in die nächste Verschneidung. Vom Stand her sieht's echt steil aus und wir stellen uns auch wieder auf fordernde Kletterei (original 5c+) ein. Nachdem die Seitenwände hier mehr strukturiert sind und alles ein wenig griffiger daherkommt, fallen die Schwierigkeiten dann aber doch spürbar geringer aus als in L1. Der Stand nach dem Ausstieg auf die grasigen Terrassen eher etwas links zu finden.

Die zweite Seillänge (6a+) sieht nicht minder eindrucksvoll aus, entpuppt sich dann aber als etwas gängiger.
L3, 50m, 5a: Über grasige Bänder und einige felsige Aufschwünge geht's in diesem, am wenigsten attraktiven Abschnitt der Route wieder volle 50m vorwärts. Es stecken 3 neue BH, welche von weither sichtbar sind und den Weg weisen, kurz vor dem Stand dann auch noch ein alter Ring-BH.

L4, 60m, 6a: Hinein in den oberen Wandteil, der mit der markanten Verschneidung leicht rechts startet. Der Splitter Crack vom Villigerpfeiler befindet sich nur wenige Meter noch weiter rechts. Am Beginn der Verschneidung (d.h. nach 10-15m über einfaches Gelände) befinden sich nochmals 2 BH. Wer mit 50m-Seilen den nächsten Stand erreichen will, muss hier nochmals Halt machen. Ist jedoch nicht unbedingt nötig, das der Zweite bei "Seil aus" die einfachen ersten Meter gut folgen kann. Die Kletterei in der Verschneidung ist echt cool, gegen oben hin wird es immer schwieriger. Zuletzt dann links raus um die Kante zu Stand.

Der obere Wandteil mit seinen klar geschnittenen Linien, gesehen vom Stand nach L3.
L5, 25m, 6a: Wie in der Dawn Wall gibt's auch hier eine Loop Pitch! Die direkte Querung nach links ist sicher möglich, sieht und fühlt sich bei einer Anprobe aber ziemlich schwierig an (>6a?). Der logischere Weg führt vom Stand der Schuppe entlang 5m nach unten, dann 3m nach links und den Rissen entlang wieder hinauf. Dann weiter den Rissen entlang zu Kettenstand und Muniring, der für einmal schon ziemlich bald folgt.

Hand Jam in L5 (6a). Risshandschuhe (=Hand Jammies) zu tragen ist übrigens auf der ganzen Routen sinnvoll.
L6, 30m, 6a: Erneut geht's mit einer schwierigen Linksquerung los, diesmal ist der Move aber auch ohne Loop gut machbar. Danach weiter schön und anhaltend der Verschneidung entlang.

Fantastische Kletterei, immer der Sonne entgegen, auch in L6 (6a).
L7, 25m, 6b: Während man zuerst der Verschneidung folgt, erklettert sich das Dach mit dem Rechtsknick nicht dem Risssystem entlang, sondern rechts in der Wand. Dabei gibt es tatsächlich einen etwas kniffligeren Move (der zudem auch obligatorisch ist). Die Bewertung von 6b global gesehen vielleicht schon ok, im Vergleich zu vielen anderen Seillängen der Route fand ich diesen Abschnitt aber einfach.

Eine kurze Passage in Wandkletterei, das Rissdach wäre hier mühsamer zu klettern in L7 (6b).
L8, 25m, 6b+: Vom Stand im Niemandsland der feinen Rissspur entlang unters Dach und mit einem weiten Move nach links an die griffige Schuppe. Piazend aufwärts, die Griffe bleiben nicht ganz so gut und man tritt auf etwas brösmeligem Fels an. Die Crux kommt dann aber erst ganz am Schluss, wo man knifflig nach links um die Ecke muss - man finde die seichten Klemmer und sehe zu, dass die Pfoten nicht rausflutschen!

Feine Rissspur zu griffiger Schuppe, an welcher dann kräftig gepiazt werden will in L8 (6b+).
L9, 45m, 6b: Zuerst geht's noch gemässigt daher, es kommt wieder einmal die Double-Gaston-Technik zum Einsatz. Sowas braucht man ja eher selten, in der Jimmy aber längst nicht das einzige Mal. Ganz generell ist so, dass das Gelände zwar gar nicht allzu steil ist. Um rein auf Reibung anzutreten reicht es dann aber doch nicht, so dass man sich stets irgendwie hinpressen muss. Anyway, diese Seillänge geht dann in einen Riss über, wo schliesslich 3m rechts aussen in der Wand ein Standplatz ist. Dieser scheint mir schwierig zu erreichen und ich bin mangels aktuellem Topo verwirrt, da es gemäss den älteren Skizzen an dieser Stelle auch zum Kontakt bzw. Kreuzung mit dem Villigerpfeiler kommt. Daher also weiter dem Riss entlang. Mittels Jamming und Verklemmen der Füsse geht's, die Cams kommen zum Einsatz, gar nicht mal so einfach! Schliesslich gehen mir Seil und Material aus, doch ein Stand kommt keiner (derjenige rechts aussen wäre es eben doch!). Gerade beim Kreuzungspunkt mit dem Villigerpfeiler lässt sich aber mit BH und einer soliden Schlinge an einem Felskopf auf bequemer Trittleiste einer improvisieren. Vermutlich fast die bessere Lösung so!

Mal ein bisschen Schatten war gar nicht schlecht, Sonne hatten wir an diesem Tag schon viel abbekommen. Allerdings für die Fotoqualität ist's nicht unbedingt förderlich ;-) Trotzdem kommt hier der anspruchsvolle Jam-Riss in L9 (6b) noch einigermassen zur Geltung. Es sei an dieser Stelle nochmals ausdrücklich erwähnt. Ich sichere hier nicht von einem offiziellen oder eingerichteten Standplatz, der improvisierte ist jedoch sehr gut.
L10, 25m, 6a+: Über den Aufschwung und weiter dem Riss entlang. Es wartet eine feine Stelle, der Rest entpuppt sich dann als deutlich gutmütiger. Man trifft schliesslich auf einen gemeinsamen Stand mit dem Villigerpfeiler.

L11, 30m, 6b+: Die glatte, fordernde Piazverschneidung geradeaus habe ich vom Villigerpfeiler her noch gut in Erinnerung. Unsere Route verlässt sie aber in ein paar Metern überhängend-griffiger Kletterei nach links (Crux). Ist man einmal um die Ecke, wartet nur noch (vermeintliches) Cruising-Gelände, das sich dann doch ein bisscshen schwieriger als gedacht entpuppt. Dennoch zügig geht's zum Stand am Top des Zwillingsturms.

Top of Zwillingsturm erreicht nach gut 5:00h anspruchsvoller, aber genialer Granitkletterei.
Wenige Minuten vor 17.00 Uhr und damit nach gut 5:00h Kletterei tragen wir uns im Wandbuch ein. Ich kann es nicht unterlassen, das Buch durchzublättern. Und siehe da, es ist fast exakt 10 Jahre her, seit ich mit Kathrin diesen Punkt via den Villigerpfeiler erreicht hatte. Das war nur wenige Wochen nach unserer Hochzeit und ein paar Monate vor der Geburt unserer Tochter gewesen. Tolle Erinnerungen, aber heia wie die Zeit vergeht - mir kommt es vor, als sei es erst gestern gewesen! An der Gipfelwand sind noch einige Seilschaften unterwegs. Wir aber begnügen uns mit einem Rundblick und denken dann bald ans Abseilen, es wartet ja doch noch ein zünftiges Restprogramm auf uns. Für den ersten Abseiler ist es definitiv geeigneter, nicht den Stand am Gipfel/Buch zu nutzen, sondern jenen wenige Meter tiefer in der Scharte. Nach knapp 50m befindet sich ein weiterer Abseilstand. Man könnte von dort nun über die Abseilpiste "Bärner Blitz" weiter, optimaler ist es jedoch, zum Stand nach L8 abzuseilen und dann in 5 weiteren Manövern über die Route zurück zum Einstieg, zuletzt reichten die Seile gerade knapp bis auf den Schnee, Dauer total ca. 1:00h.

Panorama vom Zwillingsturm, was für eine tolle Bergwelt!

Tiefblick auf den Salbit Westgrat. Bald erscheint ein neuer Artikel aus meiner Feder dazu!
Zurück am Einstieg bleibt uns dann keine Zeit zum Trödeln. Wir wollen ja noch in die Luft und die SE-Mulde unterhalb kriegt immer mehr Schatten, irgendwann wird der katabatische Abwind einsetzen. Wenige Meter unterhalb, beim Einstieg von Licht + Schatten ist es etwas flacher, hier wäre ein Start denkbar. Es hat aber nur 1 Schirm auf's Mal Platz und es ist trotzdem steil. So scheint es uns einfacher und zeitsparender, rasch 100hm durch den weichen Schnee abfahrend zu vernichten und dort auszulegen. Ein leichter Zug von hinten ist schon spürbar und wir müssen die Schirme entsprechend befestigen. Die Handgriffe sitzen aber routiniert und um 18.20 Uhr wird entschlossen abgehoben. Dank dem ideal geneigten Gelände geht's perfekt. Wir müssen nur ein wenig Vorfliegen an die Kante zum Voralptal, dort steht wie vermutet schon die erste Bombenthermik. Im Nu geht's aufwärts, es ist ein Kinderspiel, den Gipfel nochmals zu erreichen, ja sogar zu überhöhen. Die Fliegerei in solch starker Thermik mit dem Minimal-Equipment (Typ 1-Lagen-Plastikfolie mit ein paar Zahnseidefäden) ist durchaus speziell und sehr, sehr eindrücklich. Es geht aber gut und sowieso ist es mehr Kopfsache - mit dem Streckenschirm und dem Beinsack-Gurtzeug hat man zwar schon mehr Material um sich, aber eine geschützte Druckkabine ist das ja dann doch auch wieder nicht.

Hey ho, let's go! 2 Minuten Surf in schön weichem Schnee zum Startplatz.
Auf jeden Fall ist es genial, auf diese Art und Weise das Salbit-Massiv aus einer neuen Perspektive zu sehen. Irgendwann ist dann doch Zeit, um sich auf den Heimweg zu machen. Das dauert, sind doch noch über 2000hm zu vernichten und es trägt selbst über dem Tal draussen sehr gut. Auch die Landung ist dann eher auf der sportlichen Seite. Der Talwind ist zwar nicht überaus stark, aber jojomässig geht's mal runter und dann doch wieder rauf. Gut jedenfalls, wenn man bereits bei früherer Gelegenheit und anderem Material Erfahrung in solchen Conditions gesammelt hat. Der Schlüssel liegt ganz einfach darin, Geduld zu haben und sich auf das Pilotieren zu konzentrieren. Auch wenn der Boden schon nahe scheint, die Sache ist erst gegessen, wenn beide Füsse auf der Erde sind. Etwas nach 19 Uhr nach einer knappen Flugstunde setzen wir schliesslich auf. Alles perfekt gelaufen, bis auf eine am Schirm versteckte Biene, die mich beim Zusammenlegen noch sticht - wow, war das ein Tag!

Hier habe ich mich dann einmal getraut, die Pfoten von den Bremsen zu nehmen und ein Foto zu machen. Mitten über dem Tal, und immer noch fast höher als der Salbit. Das war schon ein  unglaublicher Thermik-Hammertag, schliesslich ist es zum Zeitpunkt des Fotos schon nach 18.30 Uhr abends!

Facts

Salbit Zwillingsturm - Jimmy 6b+ (6b obl.) - 11 SL, 430m - C. & Y. Remy 1988, saniert R. Bunschi et al. 2018 - *****;xxx(x)
Material: 2x50m-Seile, 14 Express (min. 6 verlängerbare), Cams 0.3-3, evtl. 0.3-1 doppelt, evtl. Keile

Grandiose Granitkletterei entlang von vielen, dank der Sanierung im 2018 nun sauberen Rissen und Verschneidungen. Die Route kann meiner Meinung nach mit den besten Granit-Gustostücklein der Welt mithalten, so dass ich gerne die Höchstnote von 5 Sternen vergebe. Einzig die so richtig ausgesetzte Linie in einer steilen Wand bleibt der Jimmy vorenthalten - die Kletterei ist oft etwas "liegend", bei dafür nicht so stark strukturiertem Fels. Mit einer Bewertung von 6b+ und vielen Seillängen im Bereich 6a mag die Route als "an easy day" erscheinen. Dies täuscht jedoch, es warten viele fordernde Klettermeter und die Bewertungen sind granittypisch hart. Im Vergleich zu manch anderer, moderner Kalktour kann man gerne überall einen Buchstabengrad hinzuzählen und z.B. die mit 7a bewertete Sacremotion am Chli Bielenhorn würde ich aus Gesamtsicht als einfacher betiteln. Die Absicherung mit besten Inoxmaterial ist seit der Sanierung sehr gut, muss jedoch vielerorts mit Cams noch vervollständigt werden, was sehr gut möglich ist und sich bei den vielen Rissen auch anbietet. Wer die Schwierigkeiten im Griff hat, kommt mit 1 Set Cams 0.3-3 durch. Wer üppiger und weniger taktisch legen will, ist möglicherweise um ein zweites Set vom 0.3-1 froh. Ein präzises Topo in gedruckter Form gibt es derzeit nicht. Die beste Literatur ist der Führer "Salbit Erleben", welcher jedoch den Stand vor der Sanierung zeigt und bzgl. aktuellem Routenverlauf und Absicherung nicht mehr wirklich stimmig ist. Unten findet ihr meine Skizze. Ich habe unterwegs keine Notizen gemacht, die Angaben zur Anzahl Bolts und den gelegten Cams sind daher ohne ganze exakte Gewähr, geben aber hoffentlich doch einen guten Anhaltspunkt.

Topo der Jimmy am Salbit Zwillingsturm


Montag, 5. August 2019

Tête de Mesure - Ombre et Lumière (6b)

Nach dem Abenteuer am Pilier Rouge wollten wir es am nächsten Tag wieder etwas gemütlicher angehen lassen. Im Plaisir West wird das Vallon de Bérard als Bijou beschrieben, zudem hiess das für uns null Anfahrt. Auch der Zustieg ist mit einer Angabe von 45 Minuten moderat, es sind zudem nur 300hm zu überwinden. Da näher und auch etwas schattiger gelegen, gaben wir der Tête de Mesure gegenüber dem Mont Oreb den Vorzug.

Naja, das sind nicht ganz dieselben Aussichten wie am Tag zuvor am Pilier Rouge. Hier auf diesen Platten befindet sich jedenfalls die Route. Wobei der Fels in frontaler Ansicht (die man jedoch nur von der gegenüberliegenden Talseite hat, wo man auf der Tour nicht vorbeikommt) schon noch ein wenig kompakter ist, wie es hier den Anschein macht. Es handelt sich jedenfalls durchaus um eine lohnende Plaisirroute.
Vom grossen Parkplatz beim Bahnhof von Le Buet geht's zusammen mit vielen Touristen zur sehenswerten Cascade. Weiter ins Tal hinein ist man dann deutlich einsamer unterwegs. Der Plaisir West verspricht aber nicht zuviel, die Wanderung dem Bach entlang ist angenehm und schön. Gerade vor der Brücke zweigt links der Pfad zur Tête de Mesure ab. Der Beginn ist nicht offensichtlich und leicht zu übersehen! Über einen richtigen Ho-Chi-Min-Pfad geht's durch mannhohes Kraut und über schlammigen Untergrund weiter flach taleinwärts, erst dann zuletzt aufwärts zur Wand. Nach 45 Minuten Zustieg sind wir da. Der erste Eindruck der etwas gemüsig aussehenden Platten ist nicht überaus beeindruckend. Wir lassen uns davon nicht abhalten und steigen um 12.30 Uhr ein.

Ho-Chi-Min-Trail mit mannshohem Kraut auf dem Zustieg. Was man beim Klettern nicht alles erlebt!
L1, 45m, 5c: rechtshaltend aufwärts an meist schön griffigem Fels
L2, 30m, 6b: der Auftakt nicht allzu schwierig, die Crux kurz mit einem Schulterzug (6b soft).
L3, 35m, 6a: schöne und anhaltende Platte, keine reine Schleicherei. Eine der besten Längen!
L4, 25m, 5c+: kurz, übersichtlich und gut eingebohrt, aber nicht geschenkt!
L5, 25m, 6a+: zwei Aufschwünge, etwas erzwungen links gebohrt (fies für die Kleinen)
L6, 25m, 6a+: schöne plattige Wand, die Crux aber der finale Aufschwung schon im Gemüse.
L7, 30m, 5c: einfacher Auftakt, die Crux in der Verschneidung, diese rechtzeitig verlassen!.
L8, 60m, 4b: lange, einfache Traverse nach rechts zur 'Ile de Razmokets' und ihrer Abseilpiste. Das Finish dann nochmals plattig. Achtung, diese Länge ist deutlich >50m, evtl. sogar >60m. Da die Schwierigkeiten am Anfang überschaubar sind, kann der Nachsteiger aber einfach ein bisschen folgen (oder man improvisiert einen Zwischenstand).

Schön griffiger Fels in L1 (5c).

Das ist die grosse Platte in L3 (6a), vielleicht die schönste Seillänge der ganzen Route.

Jetzt werden die Seilenden gewechselt (L4, 5c+, sehr schöne Kletterei!).

In L5 (6a+) musste Daddy nochmals kurz übernehmen. Die Crux war bereits passiert, aber am nächsten Aufschwung war der Bohrhaken mit Kindergrösse einfach ausser Reichweite und es drohte deshalb ein heikler Sturz. So haben wir jetzt immerhin auch einmal geübt, wie man mitten auf einer Seillänge einen sicheren Stand improvisiert.

Kleine Maus auf weiter Flur... in der grossen Traverse von L8 (4b), welche >50m lang ist.
Unsere Route endet hier, während die 'Ile' noch 4 SL weitergehen würde. Im Plaisir steht, die Fortsetzung sei unlohnend. Das glaube ich gerne, steht man hier doch total im Kraut, Fels der sich beklettern liesse, ist gar nicht in Sicht. Da unsere Route ja eh zu Ende ist, streichen wir um 17 00 Uhr nach 4:30h Kletterei die Segel und seilen ab. Tja, heute waren wir nicht ganz so schnell, aber mit Kindervorstieg und Wartezeit wegen einer Seilschaft vor uns ist das gut zu erklären ("normale" Kletterzeit würde ich eher auf 3:00h schätzen). Ob der wenig steilen Wand mit vielen Bändern und Grünzeug könnte man fürs Abseilen schlimmeres befürchten, aber wir gelangen mit 6 Manövern bequem und zügig retour an den Einstieg. Es bleibt noch die Wanderung retour zum Zeltplatz, dann ist dieser gemütliche Klettertag zu Ende.

Facts

Tête de Mesure - Ombre et Lumière 6b (5c obl.) - 8 SL, 280m - Durand et al. 2014 - **;xxxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express

Nette Plaisirroute, welche auf der schattigen Talseite des hübschen Vallon de Berard liegt. Der erste Anblick der eher flachen, von der Vegetation durchsetzten Platten ist nicht unbedingt sehr vielversprechend. Die Kletterei führt dann aber doch meist über sauberen Gneis, der immer wieder kleine Griffe und Leisten aufweist und nicht nur reine Reibungskletterei bietet. Die Bänder und das Grünzeug stören nicht allzu gross und geben bequeme Standplätze her. Trotzdem, nach Niederschlägen sollte man der Route einige Tage zum Abtrocknen geben, auch früh in der Saison ist man hier nicht unbedingt richtig. Im Hochsommer bleibt die Route bis ca. 12.30-13.00 Uhr im Schatten. Gegen den Herbst gibt's hingegen kaum mehr Sonneneinstrahlung. Abgesichert ist die Route nach Standard "Plaisir gut+", dazu sind die Bewertungen gutmütig, man kann also voll angreifen. Mobile Sicherungsmittel sind nicht nötig und kaum einsetzbar. Ein Topo findet man im Plaisir West (aus welchem die Bewertungen stammen), weitere Infos auf C2C.

Topo von Hervé Thivierge, merci!

Donnerstag, 1. August 2019

Pilier Rouge de Blaitière - L'Eau Rance d'Arabie (6b+)

Auf der Vorderseite der Aiguilles de Chamonix war ich bisher (im Gegensatz zur Rückseite) noch nie am Klettern, also stand dies hoch auf meiner Wunschliste. Allerdings sind viele Routen lang und/oder sehr alpin, zudem sind sie generell schattig-kalt gelegen und somit kein geeignetes Kindergelände. Der vielleicht zugänglichste Sektor ist der Pilier Rouge an der Aiguille de Blaitière. Hier wollten wir es trotzdem probieren und die 'L'eau Rance d'Arabie' angehen. Ranziges Wasser oder maximal billiges Parfüm aus Arabien tönt zwar wenig attraktiv. Diese 8 SL umfassende Piola-Route hat ihren typisch französischen Wortspiel-Namen aber von dieser Person, deren Geschichte auch verfilmt wurde. 

Les Aiguilles de Chamonix. Der Einstieg von L'Eau Rance d'Arabie an der Aiguille de Blaitière ist mit dem Pfeil markiert.
Der Ausgangspunkt zur Route befindet sich auf Plan de l'Aiguille, der Mittelstation der Bahn zur Aiguille du Midi. Diese fährt im Sommer zwar grosszügig  von 6.30-18.00 Uhr, aber würde uns dieses Fenster reichen? Zu rechnen war ja mit meiner Tochter doch mit +/-2h Zu- und Abstieg, auf welchem auch schon teilweise gesichert werden muss. Wie immer ist es auch illusorisch, damit zu rechnen, dass man mit der ersten Bahn fahren kann. Wir standen schliesslich um 6.15 Uhr auf, kauften uns unterwegs ein Frühstück und waren um rund 7.00 Uhr vor Ort. Dass wir die einzigen wären, damit hatte ich nicht gerechnet. Aber damit, dass um diese Zeit bereits die halbe Welt auf den Füssen wäre auch nicht. Nachdem wir die unglaublichen 66 Euro für die Bahn gelöhnt hatten, wurden wir für die Bergfahrt um 7.50 Uhr eingeteilt. Das reichte also noch bequem, um Kaffee zu kochen, gemütlich zu zmörgelen sowie auf die Toilette zu gehen und sich die Zähne zu putzen. Um 8.05 Uhr liefen wir schliesslich auf Plan de l'Aiguille los.

Das Ziel ist bereits in Sicht. Allerdings sollte man nicht ungeduldig werden und sich blöd verhauen. Es gibt unzählige Pfade hier. Zuerst Richtung Lac Blanc (den wir allerdings nie zu Gesicht bekamen) und dann mehr oder weniger horizontal am Hang die Höhe halten ist richtig. Noch ohne grosse Mühen erreicht man einen ersten Moränenkamm, von wo man das Becken des Blaitière-Gletschers gut überblicken kann. Das Eis selber betritt man zwar nicht mehr (bzw. nur, wenn man zu hoch hinaufsteigt), aber trotzdem gilt es, einen guten und effizienten Weg durch das chaotische Blockgelände im Gletschervorfeld zu finden. Während die meisten diagonal aufwärts Richtung Zielpunkt gehen, schien es mir günstiger, möglichst tief bzw. sogar leicht absteigend zu queren, um möglichst bald die jenseitige Moräne zu erreichen, auf welcher ein guter Pfad verläuft. Diese Strategie war absolut richtig: sowohl auf- wie abwärts konnten wir hier andere Tourengänger trotz tieferem Grundtempo überholen. Nun ja, am Berg ist ja kein Wettkampf, aber wenn's darum geht, sich eine Platzkarte in der sehr beliebten Eau Rance zu sichern, ist schneller zu sein ein eminenter Vorteil.

Es gilt, vom Blockgelände möglichst rasch auf die Moräne zu kommen, auf welcher ein guter Weg verläuft (zwei Personen sind im Aufstieg sichtbar). Wir haben uns in dieser Querung daher tief gehalten, was mutmasslich schneller ist, wie wenn man in Luftlinie möglichst direkt zum Zielpunkt zu gehen versucht.

Aiguille du Plan mit ihren Vorgipfeln und die Aiguille du Midi.

Der gute Weg, der auf der Moräne Richtung Aiguille de Blaitière führt.
Nach der Moräne und einem kurzen, steileren Hang kommt man schliesslich in einen Kessel, in welchem ein (noch) permanentes Firnfeld liegt. Über dieses muss man zwingend aufsteigen. Es ist zwar nicht extrem steil, aber morgens an geeigneten Klettertagen doch gerne hartgefroren. So hätte man auf dem zuletzt 35-40 Grad steilen Untergrund keine Chance, einen Sturz noch zu stoppen. Ich hatte deshalb alpine Ausrüstung (Bergschuhe, Steigeisen, Pickel) mitgeführt, welche dann natürlich auch zum Einsatz gebracht wurde. Andere Tourengänger zeigten uns aber, dass es auch ohne ging, ja selbst mit Turnschuhen konnte der Schnee überquert werden. Das lag vor allem daran, dass von den Vortagen gute Fusstritte vorhanden waren. Nichtsdestotrotz, empfehlenswerte schien mir dieses eierige Tun nicht zu sein, ein Ausrutscher hätte verheerende Konsequenzen gehabt!

Nach dem Schnee wartet eine erste Kletterstelle in plattigem Granit, die gar nicht mal so einfach ist. Ich würde mal schätzen, auf jeden Fall ein guter Dreier, so dass wir an dieser Stelle das Seil auspacken mussten. Danach geht's dann im Gehgelände zur Scharte, wo man wieder auf die W-Seite wechselt. Es kommt gleich eine plattige, ziemlich exponierte Stelle, danach geht's dann im Kraxelgelände über Bänder besser voran Richtung Einstieg. Etwas vor 10.00 Uhr und damit mit etwas unter 2:00h Zustiegszeit waren wir schliesslich vor Ort. Natürlich waren wir weder die Ersten noch die Einzigen, im Einstiegsbereich tummelte sich eine ganze Menge von Personen. Schliesslich ging's dann besser auf als befürchtet. Nur eine einzige Seilschaft war vor uns für die Eau Rance da, eine weitere wollte denselben Einstieg benützen, um dann in der 7b-Tour unmittelbar rechts weiterzuklettern. So mussten wir noch ca. 45 Minuten warten, bis wir an der Reihe waren, was wir für das Montieren vom Gear und einen Znüni nutzen konnten. Wir befanden uns natürlich noch voll im Schatten des Berges, allzu kalt war es zum Glück aber nicht.

Über diesen Firn geht's aufwärts, am oberen Ende quert man dann nach rechts in eine Scharte, die man auf diesem Foto erahnen kann. Das Gelände ist nicht extrem steil, rechts bevor man auf den Fels tritt aber doch in der Gegend von 35-40 Grad. Falls der Schnee hartgefroren ist, so ist alpine Ausrüstung (Pickel, Steigeisen) sicher sehr nützlich. Ich benutzte dieses Equipment und war froh drum. Andere gingen an dem Tag aber auch in Zustiegsschuhen ohne jegliche Hilfsmittel. Der Schnee war zwar hart, aber dank guten Fusstritten der Vortage war dies möglich.

L1, 30m, 6b+: Der berüchtigte Originaleinstieg über die glatte Platte, welche von einem seichten Riss durchzogen ist, war nur schwer zugänglich. Am Wandfuss befand sich noch ein hartgefrorener Schneerest, den man mit alpinen Mitteln hätte bewältigen müssen, um dann gleich und ohne Sicherung in eine schwierige Platte zu steigen. Wohl genau aus diesem Grund war im Zuge der Sanierung eine Variante eingerichtet worden, welche von rechts her in die Originallinie einquert und diese im oberen Drittel erreicht. Auch sie ist mit 6b+ bewertet... der Vorsteiger der Seilschaft vor uns kletterte offenbar am Limit, der Nachsteiger war weit darüber. Mir schwante schon übles, aber als ich dann selber dran war, offenbarte sich ziemlich rasch, dass es hier einfach gar nichts geschenkt gab. Schon bei der Schuppe am ersten Bolt ist ein kniffliger, langer Move nötig. Danach wartet dann gleich anspruchsvollste Plattenkletterei, wo harte Moves vorerst auch "nur" durch einen Cam 0.75 (der aber ideal liegt) abgesichert sind. Dazu noch etwas klamme Pfoten und Füsse, schon ist der Mix da, dass man in diesem moderaten Grad am Limit klettert. Aber ich kam durch, das war die Hauptsache!

Erst die letzten Moves in L1 (6b+) gehen dann besser... der Originaleinstieg wäre direkt unterhalb, so dass man über das steile Schneefeld einsteigen müsste. Die zu diesem Zweck eingerichtete Variante beginnt aus dieser Perspektive links (d.h. im Aufstiegssinn rechts) vom Schnee und bietet dann (wie man gut erahnen kann) auch eine gehörige Ladung an Knallerplatte!
L2, 30m, 6a+: Nach ein paar einfachen Metern zu Beginn kommt die Crux. Ein weiter Move nach rechts, um den Riss zu gewinnen, über welchen der Rest der Seillänge verläuft. Dort steckt (ziemlich tief) ein BH, aber nachher kommt dann gar nichts mehr. Am Riss sind gleich die ersten Meter nach der Querung am schwierigsten und kühnsten, nachher wird es einen Tick einfacher. Trotzdem, noch 30m nahe der Senkrechte ohne fixe Absicherung zu klettern und nicht genau zu wissen was kommt - memorable! Mit nur 1 Set Cams zu klettern ist hier knapp, es passt eigentlich nur kleines Gear (0.3-0.5, maximal 0.75). Also gut planen, oder mal noch einen Keil legen.  

Wir sind immer noch tief im Schatten, als wir den fantastischen Riss in L2 (6a+) klettern - kommt hier nicht so zur Geltung.
L3, 30m, 6a: Noch einfacher bewertet, aber zum Klettern weiter fordernd! Zuerst geht's etwas rechtsrum, eher plattig/schuppig und mit 3 BH gut gesichert, zudem auch nicht so schwierig. Aber das ist nur der Zustieg zum fantastischen Doppelriss, welcher die letzten zwei Drittel dieser Länge prägt. An dessen Fuss steckt noch ein BH, danach sind die mobilen Sicherungen gefragt. Auf den ersten Metern dünkte es mich weder sehr kommod zum Legen noch sehr einfach zu klettern, nachher geht dann beides besser. Die Kletterei einfach genial, wirklich allererste Sahne! Auch hier passt wieder vorwiegend bis ausschliesslich kleines Gear (0.3-0.5), mit nur einem Set Cams ist man (sehr) knapp dran.

Endlich gibt's am Ende von L3 (6a) beim Ausstieg aus dem markanten Doppelriss die ersten Sonnenstrahlen!
L4, 40m, 6a: Nach meinem Empfinden die einfachste Seillänge der ganzen Route! Wieder erst einfach rechts an Schuppen und Verschneidungen. In der Mitte der Seillänge kann man entweder direkt hinauf an Rissen klettern, oder dann eine grössere Linksschleife an griffigen Schuppen machen (einfacher, so lässt sich auch der Stand der nächsten Tour links klippen). Das Finish der Länge dann an riesigen Schuppen, die aber alle ausgesprochen hohl tönen. Tja, für die (geologische) Ewigkeit sind die ganz sicher nicht gemacht! Zum Klettern aber genial. Für die letzten Schritte (BH) muss man sich dann nochmals ein wenig mehr anstrengen, bis man den komplett unbequemen Stand erreicht. 

Grandiose Schuppenkletterei am Ende von L4 (6a). Wer leicht erschreckt, sollte besser nicht anklopfen ;-)
L5, 6b+ (?): Es geht gleich heftig los mit kniffligen Plattenmoves und schon bald befindet man sich in der Crux. Mit den 2 nahe steckenden BH lässt sich diese zwar problemlos A0 machen, aber in freier Kletterei?!? Echt sackschwierig! Ich habe es an der äussersten Abrutschgrenze gerade so geschafft und kann die Bewertung von 6b+ hier absolut nicht nachvollziehen. Es ist nicht einmal so, dass es hier rein nur ums Hinstehen geht, es hat durchaus noch ein paar Seitgriffe. Meines Erachtens passt 6b+ vielleicht als Boulderbewertung auf der Fontainebleau-Skala. In Routenbewertung sollte man sich auf mehr einstellen. Sagen wir mal so 7a+ wäre vermutlich nicht so verkehrt... Dieses Testpiece einmal gemeistert, geht's dann besser vorwärts. Es wartet ein griffiges Rissdach, dann ein breiter Riss und zum Schluss eine interessante V-Verschneidung. Alles sehr, sehr lohnend! Als Tipp noch: die kleinen Cams (0.3, 0.4) bis zum Schluss aufbewahren. Vorher passen ideal auch die grossen Cams.

Rückblick auf die Crux der Route in L5 (offiziell 6b+, wohl eher 7a+) - knallharter Plattenboulder, fast wie Ticino at its best!

Die v-förmige Verschneidung am Ende von L5 (6b+) ist auch sehr orginell zu klettern. In Kindergrösse geht's offenbar auch recht gut im Grund. Für mich selbst schien die bequemste Lösung mich umzudrehen und mit dem Gesicht nach aussen die Seitenwände gut zu nutzen - eine geniale Kletterstelle!
L6, 30m, 6a+: Während ich am Stand am Nachsichern bin, kann ich zusehen, wie der Nachsteiger der Seilschaft vor uns einen heftigen Kopfüber-Sturz hinlegt (der Vorsteiger hatte das Seil nicht eingezogen). Das erweckt einen gehörigen Respekt vor der überhängenden Piazschuppe, welche es in dieser Länge anzupacken gilt. Nach einem machbaren Auftakt (BH) geht's dann links (nicht rechts dem Hauptsystem entlang!). Der Piaz ist leicht überhängend und echt kräftig, natürlich will er auch selber abgesichert werden. Nach ca. 10m legt sich das Gelände zurück, so dass der Riss, welchem man weiter folgt, nun mit grossem Genuss geklettert werden kann.

Superschöne und genussreiche Risskletterei am Ende von L6 (6a+), welche zuvor einen steilen Piaz bereithält.
L7, 30m, 6a+: Auch hier wartet nochmals ein Gustostücklein. Es gilt einen breiten Riss zu erklettern. Der Auftakt an wackligen Blöcken vorbei (Vorsicht, die fallen runter, wenn man heftig daran zieht!) geht noch gut. Doch dann nehmen die Schwierigkeiten zu und kulminieren schliesslich im Ausstieg aus dem Riss (BH). Vor dem BH ist man u.U. froh um den Camalot 4: ich habe ihn zwar ungerne bis hierher hochgetragen, aber da fand ich ihn echt nützlich. Er ist allerdings fast zu klein und ziemlich tipped an jener Stelle, wo es ihn am meisten braucht. Für mich war es so, dass tief im Riss meist gerade noch die breite Faust einigermassen klemmte, also kein echter Off-Width. Mit kleineren Händen, z.B. für meine Tochter - viel Glück! Am schwierigsten ist dann der Bouldermove vom Steilen ins Flache, d.h. nach dem Rissende.

Ausblick auf den Off-Width (oder auch nicht) in L7 (6a+), vom oberen Stand ist's leider wenig fotogen.
L8, 30m, 6a+: Original war die Route nach Stand 7 fertig, bzw. man hatte die Möglichkeit, links herum im einfachen Gelände noch auf den Pfeilerkopf zu steigen. Wohl im Zuge der Sanierung wurde dann die eigentlich absolut logische letzte Länge eingebohrt. Zuerst Querung nach rechts (BH gleich zu Beginn), dann im Risssystem aufwärts, welches man dann verlässt und wandig/plattig (2 BH) schliesslich das Top erreicht. Auch nochmals schöne Kletterei, auch wenn der Fels hier (noch?) ziemlich flechtig ist.

Finito Pepito, eigentlich drängt die Zeit schon etwas, um auf die letzte Bahn zu gehen!
Gerade ein paar Minuten nach 15.30 Uhr, d.h. nach ca. 4:45h Kletterzeit hatten wir das Top erreicht. Die späteste Umkehrzeit war damit auch gleich erreicht, es blieben noch 2:30h für das Abseilen, Zeug verräumen und den Abstieg. Somit fädelten wir auch gleich die Seile ein, einer Quellwolke sei Dank waren wir nämlich nun schon wieder nicht (mehr) an der Sonne, somit war das Top eh kein besonders gastlicher Ort. Beim Abseilen drängt es einen automatisch auf die 7b-Nachbarroute, dem gaben wir aber gerne nach. Das Gelände schien mir dort eher kompakter und weniger mit Schuppen durchsetzt, d.h. die Verhängergefahr ist kleiner. Mit 6 teilweise gestreckten Manövern gelangten wir zurück an den Einstieg, wobei zum Glück alles glatt lief. Hier nochmals wieder irgendwo eine Seillänge hochzuklettern, das wäre der Superzonk und das definitive Ade für die Bahn gewesen!

Ein ziemlich typisches Bild, Quellwolken verschlucken die Aiguilles am Nachmittag. Nur den Pilier Rouge gerade nicht.
Um ca. 16.30 Uhr waren wir zum Aufbruch bereit, es blieben also noch gut 1:30h. Wir kraxelten über die Bänder zurück und nutzten dann in der oberen Scharte (d.h. dort wo man erstmals in den Schneekessel hinunterblicken kann) die installierte Abseilstelle. Mit 2x50m-Seilen reicht es ostseitig gerade knapp auf den Schnee. Man kann auf diese Weise die plattige Kletterstelle vor der unteren Scharte vermeiden, ebenso entfällt die Dreier-Abkletterstelle ganz zum Schluss. Das Gelände ist etwas schuttig (Vorsicht!) und mit zahlreichen Zacken durchsetzt (Verhängergefahr!). Für geübte Alpinisten lohnt sich das Abseilen hier kaum, für uns war es eine willkommene Alternative. Weiter ging's nach Steigeisenmontage über den nun klebrig-stolligen Schnee, jetzt nur nicht noch einen blöden Ausrutscher machen! Schliesslich waren wir retour auf der Moräne, über welche wir erneut weit abstiegen, um das Blockgelände tief zu queren. Spätestens da war dann klar, dass noch genügend Zeitreserven für die letzte Bahn vorhanden waren und nicht zum Schluss noch ein Sprint nötig war.

Es bleiben noch ca. 300m Distanz zur Bahn mit 25 Minuten Zeitreserve. Da können wir es Ausrollen lassen!
Mit ca. 15 Minuten Zeitreserve vor der offiziell letzten Bahn um 18.10 Uhr sind wir dann da. Natürlich müssen wir noch ein wenig Schlange stehen, an diesem Tag war die Anlage wenig erstaunlicherweise extrem stark frequentiert und man hätte wohl selbst um 18.30 Uhr noch ins Tal fahren können. Auf dem mechanisierten Heimweg bleibt Zeit zur Kontemplation. Ja, das war nun wahrhaftig eine grandiose, alpine Kletterei gewesen! Auch wenn der Schwierigkeitsgrad auf dem Papier nicht extrem scheint und die Tour nicht ultra-abgelegen ist, so war es doch das Maximum, das für uns 2 im Moment drin liegt. Ganz viele Faktoren machen es aus: exponierte Kletterstellen schon im Zustieg, steiler Schnee mit Ausrutschgefahr, der Zeitdruck um die letzte Bahn und die Konkurrenz mit anderen Seilschaften, die dasselbe Ziel anpeilen. Weiter ist auch die Risskletterei ein (noch) ungewohntes Metier und die zahlreichen Cams und Keile aus den Rissen zu klauben ist für Kinderhände auch nicht einfach. Und dann befindet sich die Tour auf >3000m in schattiger Lage, die Kinder und erst recht deren Extremitäten haben mit der Kälte mehr zu kämpfen wie die Erwachsenen, und selbst für diese ist's nicht zwingend 100% Schoggi. Trotz alledem, es war ein absolut geniales, positives Erlebnis. Manchmal ist es eben auch gut, das Limit komplett auszuloten und überschritten haben wir es mit dieser Tour nicht - da hatte meine Kalkulation tiptop gepasst. 

Facts

Pilier Rouge de Blaitière - L'Eau Rance d'Arabie 6b+ (6a+ obl.) - 8 SL, 260m - Piola/Steiner 1985 - *****;(xxx)
Material: 2x50m-Seile, 14 Alpine Draws, Cams 1x 0.3-4 plus 1x 0.3-0.75, kleines Keilset, Crack Gloves
Für den Zustieg: Bergschuhe, Steigeisen, Pickel meistens nötig

Für die Nordseite der Aiguilles von Chamonix eigentlich eine kurze Kletterei mit moderaten Zustieg und bequemer Abseilmöglichkeit. Auf globaler Skala aber definitv alpines Semi-Trad-Klettern. Die durch einige Plattenstellen verbundene Risslinie ist schlicht genial. Trotz nur 8 SL und einem nur unbedeutenden Pfeilergipfel vergebe ich die Höchstnote von 5 Sternen. Dort wo es nötig ist, stecken solide und perfekt platzierte 12mm-Inoxbohrhaken. An den meisten Stellen muss die Route aber mobil abgesichert werden, was fast immer à discretion möglich ist. Es kommt jedoch meist kleines Gear zum Einsatz, so dass ein zweites Set an kleinen bis mittleren Cams anzuraten ist. Ich habe es auch mit 1 Set geschafft, aber da muss man dann schon sehr taktisch legen und auch mal einen Runout an einem Riss ziehen. Die Grössen 1-3 kann man immer wieder einmal einsetzen, Grösse 4 braucht's nur gerade ein einziges Mal in L7. Es sei an dieser Stelle erwähnt, dass die Bewertungen ziemlich Old-School sind. Im Vergleich zu den 5 Plaisirrouten, die wir sonst während unserer Chamonix-Ferien geklettert sind, bedeutet der Grad 6a+ hier definitiv etwas anderes - nur schon rein von der Schwierigkeit her, dazu muss man noch selber absichern. Wer sich nicht ganz sicher ist, was einen hier erwartet, rechnet auf die üblichen Plaisir-Bewertungen besser noch 1-2 Buchstabengrade drauf (absolut ernst gemeint!). Die Route liegt relativ schattig in einer Westwand, Sonne am Einstieg gibt's je nach Jahreszeit ab ca. 13.00 Uhr. Steigt man erst dann ein, so reicht's sicher nicht auf die letzte Bahn und es warten 1300hm zusätzlicher Fussabstieg nach Chamonix. Um am Schatten einigermassen genussvoll zu klettern, ist schon ein warmer und windarmer Tag nötig. Sobald die Sonne kommt, bilden sich an den Aiguilles auch gerne Quellwolken. Ein gutes Topo findet man entweder im Topoguide Band I oder dann im Fiche Granite zum Pilier Rouge von Michel Piola (sehr empfehlenswert!).