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Mittwoch, 9. Januar 2019

Jahresrückblick 2018

Das neue Jahr ist schon wieder über eine Woche alt, doch vor lauter Klettern und Touren bin ich bisher nicht zum Rückschau halten gekommen. Hinter mir liegt ein geniales Bergjahr, geprägt von beständig heiterem und trockenem Wetter. Wie immer wenn's so schön war, konnte man aufgrund von weltlichen Verpflichtungen natürlich nicht mehr jede sich bietende Gelegenheit nutzen. Dafür aber liess sich an freien Tagen auch "fast immer" etwas machen. Als komplett neues Element im 2018 kommt der Ultraleicht-Gleitschirm in mein Touren-Repertoire hinzu, welcher mir definitiv einige ganz spezielle Erlebnisse beschert hat. 

Passt doch irgendwie zum Jahresende... die Silhouette der Schijenkante (8a) auf der Ibergeregg.
Sportklettern

Was mir beim Durchsehen meiner Aufzeichnungen aufgefallen ist: ich war kein einziges Mal mit jemandem ausserhalb meiner Familie am Sportklettern. So schön, wenn man beständig auf motivierte Mitstreiter im engsten Kreis zählen kann! Danke Neni! Aufgrund der Trockenheit konnte man in der Umgebung meines Daheims auf durchgehend gute Bedingungen zählen, nur waren die Temperaturen während langer Zeit so hoch, dass für die hohen Schwierigkeitsgrade nicht immer beste Bedingungen herrschten. Meine Topleistungen belaufen sich auf 3x 8a+ rotpunkt und 3x 7c onsight. So fehlt mir dieses Jahr (im Gegensatz zu den beiden Vorjahren) ganz offensichtlich eine 8b. Aber anstelle mich an einem Projekt festzubeissen, habe ich es dieses Jahr genossen, mal hier und mal da zu klettern und ein bisschen schneller zu realisierende Routen zu wählen. Das mit dem Volumen ist mir jedoch ganz gut gelungen. Ich konnte meine Ticklist (>=7a) um 159 Einträge bereichern. Davon sind 7x 8a/8a+, 18x 7c/7c+, 44x 7b/7b+ und 90x 7a/7a+. Im Vergleich zum Vorjahr ist das oberhalb von 7b eine klare Steigerung von 57 auf 69. Ein Ziel fürs 2019 könnte sein, hier einmal die 100er-Marke zu knacken und gleichzeitig auch noch 8b zu klettern - we'll see. Ganz unabhängig vom Leistungsaspekt waren unsere Familientrips zu den Destinationen Margalef, Tessin, Oltrefinale, Salzburg, Engadin/Bergell, Lecco, Dauphiné, Ceüse, Kalymnos und 2x weitere Male ins Tessin (1,2) immer der Hammer. Es macht auch sehr viel Freude zu sehen, mit wie viel Einsatz und Begeisterung die Kinder dabei sind. Ja, sie sind noch Kinder und klettern mal weniger und mal mehr. Immer öfter kommt es aber vor, dass sie sich gegenseitig oder selber zu übertrumpfen versuchen. Dann gelingen inzwischen doch auch Routen bis in den mittleren bzw. oberen sechsten Franzosengrad - es geht aufwärts!

Happiness nach dem Durchstieg im 5c+ Projekt geglückt ist! Die Kinder haben im 2018 grosse Fortschritte am Fels erzielt.

Wettkampfklettern

Diese Rubrik wurde neu aufgenommen. Es ist ein Genre, mit welchem wir erst Ende 2017 begonnen haben. Inzwischen haben die Wettkämpfe einen fixen Platz in unserer Agenda und so wie die aktuelle Stimmungslage ist, wird das im 2019 so bleiben. Nicht weiter erstaunlich, wenn man erfolgreich ist! Teilgenommen haben wir am Sparta Boulder Fight, der Hallenmeisterschaft in der Boulderei und im Grindelboulder, an der ZKM im Griffig, im 6aPlus und im Minimum, dem Ticket to Rockstars im Milandia, dem Bimano Boulderfest und dem Skillz Contest im Blockfeld. Das sind übers ganze Jahr verteilt 9 Stück, das ist ja ganz schön etwas zusammengekommen! Es waren immer tolle, intensive und befriedigende Tage mit extrem vielen Klettermoves. Sofern ich mich nicht verzählt habe, gab's total 8 Podestplätze, wobei sich jedes Familienmitglied mindestens einen davon sichern konnte. Das Highlight war ganz klar der Titel der Tochter in der U10-Kategorie der Zürcher Klettermeisterschaft - best climber girl in town, das hat schon echt etwas! Dadurch ist die Motivation noch weiter gestiegen, um an sich zu arbeiten, weiter zu kommen und den Titel zu verteidigen. Einfach wird das jedoch nicht, obwohl erst gerade 9 Jahre alt, steht für sie der Wechsel in die U12-Kategorie an, wo im Vorstieg statt im Toprope geklettert werden muss, ebenso gibt's in dieser Kategorie eine nationale und nicht bloss eine regionale Wettkampfserie. Die Herausforderungen sind auf jeden Fall da, we'll see! Sicher ist, dass wir Eltern uns nicht nur auf die Betreuer-Aufgabe beschränken werden, sondern überall wo möglich selber als Teilnehmer unser Bestes geben.

Yours truly am Ticket to Rockstars im Milandia. Foto: Peter Huser.

MSL-Klettern

Im 2018 reichte es mir für 22 MSL-Routen, wobei bei genau der Hälfte davon mindestens eines unserer Kinder dabei war. Aufgrund von ihrem gestiegenen Kletterniveau, der generell höheren Belastbarkeit und der Routine in dieser Art des Kletterns lagen im vergangenen Sommer aber inzwischen eben auch respektable Plaisir-Touren wie Fair Hands Line, die Schildkröte oder die Gaulent-Tement drin. Das ist sicherlich auch die Zukunft, mit jedem Jahr werden die Möglichkeiten grösser und die Einschränkungen kleiner. Saisonbeginn war am 4. Februar in Ponte Brolla, bzw. am 24. April am Klein Mythen, das Ende aufgrund der Kalymnos-Ferien und meinem längeren Out danach bereits am 29. September. Bei etlichen Touren habe ich es bisher verpasst, meine Blogs fertigzustellen, u.a. vom Dreamliner am Klein Mythen, der Psychides am Chli Bielenhorn, und der Sawiris an den Wendenstöcken. Welches war die Beste?!? Schwierig zu sagen... weil aber Routen am Limit komplett sauber zu durchsteigen immer Extrapunkte gibt, so ist's vielleicht eben doch die Annika am Hoch Fulen. Und (ausser Konkurrenz, da ein eigenes Bohrprojekt) natürlich die Adam & Evi in der Eiger Nordwand - das war einfach ein unschlagbarer MSL-Tag.

Grau, rau, kompakt und weit über dem Tal. So macht MSL-Klettern Spass. Das Bild aus der Sawiris (7a+) an den Wenden.

Bohren

Im oberen Abschnitt wurde es ja bereits erwähnt: das Highlight ist ganz klar der Abschluss meines Projekts Adam & Evi (7a+, 10 SL) in der Eiger Nordwand. Hierzu war nochmals ein langer Bohrtag fällig und dann die Krönung mit der Rotpunkt-Begehung. Auch sonst blieb die Bohrmaschine nicht unbenutzt. Summa summarum habe ich diesen Sommer über 10 MSL-Pitches eingerichtet. Aber halt an mehreren verschiedenen Orten, daher wurde keine zweite Route ganz fertig. Schon im letzten Jahr hatte ich ja über das Lanciamira-Projekt mit meiner Tochter geschrieben, das im Endzustand wohl ~20 Seillängen aufweisen wird. Diesen Sommer waren wir 2x produktiv vor Ort und konnten 8 weitere Sequenzen hinzufügen. Es wäre cool, wenn's im 2019 bis zum Ausstieg reichen würde... da sich die Route aber vor allem für lange und wettersichere Sommertage eignet und Samstag der einzige mögliche Tourentag ist (am Sonntag wird's zu spät für die Kleine, schliesslich ist am Montag wieder Schule), muss dafür doch noch einiges zusammenpassen. Sozusagen in ausgleichender Gerechtigkeit habe ich mit meinem Sohn ebenfalls ein Bigwall-Projekt begonnen. Dies wird einen noch längeren Schnauf brauchen... ich bin jedenfalls gespannt, was für eine Geschichte daraus werden wird. Im Klettergarten war meine Erschliessungstätigkeit eher bescheiden, die Jaraguri (6a) in Claro sowie die Shark Nose (7a) und das Pentagramm (7c) auf der Ibergeregg. In letzterem Garten wartet mein Innuendo-Projekt für ein weiteres Jahr auf seine Befreiung. Im 2019 soll es dann endlich klappen, das wünsche ich mir! Ebenfalls in diese Rubrik fallen die Mixedrouten Rubi Love (M7, 11 SL) und Bloody Mary (M8, 300m), mehr dazu gleich im nächsten Abschnitt.

Unterwegs auf frisch gebohrtem Pfad im Lanciamira-Projekt...

Eis & Mixed

Im diesem Bereich ist die Ausbeute betrüblicherweise bescheiden, alles in allem habe ich nur 6 Tage dieser Aktivität gewidmet. Auf der Alpennordseite gab's nur eine kurze Kältephase Ende Februar und bis sich die Linien schön aufgebaut hatten, machte der nächste Wärmeeinbruch und die zu dieser Zeit schon starke Sonne der Sache wieder den Garaus. Im zweiten Teil des Jahres war es sogar noch schlimmer, ohne übertriebenen Aufwand und bescheidene Ansprüche gab es rein gar nichts zu holen, selbst bis dato blieben meine Eisgeräte im Kasten - c'est la vie! Der beste Eistag war ganz eindeutig jener, als ich zusammen mit Jonas im Val Ferrera die Diedrolux und anschliessend im Avers den Trugschluss klettern konnte. Doch das für mich bedeutendste Erlebnis in diesem Genre war unzweifelhaft der Durchstieg der Rubihorn Nordwand mit Tobias auf unserer neuen Mixed-Route Rubi Love (M7, 11 SL). Nein, Eis findet man da fast keines, man operiert aber mit Steigeisen und Eisgeräten in Fels, Torf und Schnee, dies in einer eindrücklichen Wand mit beachtlichen Dimensionen, wo man sich schon beinahe ein bisschen wie am Eiger wähnt - highly recommended! Ebenfalls von erheblichem Rennomee ist natürlich die Erstbegehung der Mixed-Variante Bloody Mary (M8, 300m) am Grossen Aversfall, wo sich der Eis-Klassiker Thron befindet.

Hinauf ins Licht im Trugschluss (WI4+) im Avers.

Bergsteigen, Nordwände & Alpinklettern

Im Gegensatz zum Vorjahr war ich hier richtig aktiv. Befeuert wurde diese Aktivität durch die Anschaffung des Ultraleicht-Gleitschirms. Anspruchsvoll hinaufklettern und dann vom Gipfel rasch ins Tal segeln, das ist schon eine attraktive Kombination! Zudem brachte mich die Anschaffung des Gliders auch mit Leuten in Kontakt, welche ähnliche Projekte hatten. So richtig eingeweiht wurde der Schirm mit der Begehung der Chalttäli-Route am Vrenelisgärtli. Dabei klappte beim Durchstieg dieser eindrücklichen Nordwand alles wie am Schnürchen, inklusive dem Flug vom Top, der hier elegant einen mehrstündigen Hatscher vermeidet. Nur eine Woche später sollte es noch höher hinausgehen: Gross Windgällen Nordwand, zwar wenig bekannt, aber ein höchst anspruchsvolles und eindrückliches Gemäuer. Die Wand zeigte sich in mässig bis schlechten Bedingungen, aber dank meiner Erfahrung und dem Ziehen all meiner Vorstiegs-Register gelangte die ganze Gruppe heil auf den Gipfel. Bis hier hätte man die Sache als vollen Erfolg abhaken können, aber wäre das weise gewesen? Der Dämpfer kam nur wenig später im Abstieg: eine Kollegin wurde von einem Schneerutsch mitgerissen, stürzte über mehrere Hundert Höhenmeter ab und landete mit schweren Verletzungen im Spital. Ich beendete die Tour körperlich unversehrt, aber es war schon ein herber Dämpfer - das erste Mal, dass ich bzw. meine Gruppe in den Bergen auf die Rettung angewiesen war. Zu schlechter letzt dauerte es dann nicht einmal eine ganze Woche, bis mein Seil- und Flugpartner von der Gross Windgällen an der Lenzspitze (ohne mein Beisein) tödlich abstürzte. Bis dahin hatte das Unheil in den Bergen einen weiten Bogen um mich gemacht, nun war es plötzlich ganz nahe. 

Unterwegs am Bumillerpfeiler auf der grandiosen Tour durch die Nordwand des Piz Palü.
Trotzdem, nur 4 Wochen später liess ich mich für den Bumillerpfeiler am Piz Palü motivieren. Eine genial schöne Tour (leider fehlt der Blog dazu noch) und ein total positives Erlebnis trotz dem leichten Wermutstropfen, dass wir unsere Gleitschirme aufgrund des starken Nordüberdrucks gleich auf der Diavolezza zurückliessen und somit über den Normalweg absteigen mussten. Nur 10 Tage später war ich mit der Familie wieder im Engadin. Sozusagen zur Versöhnung stieg ich im Alleingang an einem Vormittag frisch und fröhlich auf den Piz Cambrena, um den verpassten Flug im Festsaal der Alpen nachzuholen. Der Oberknaller in diesem Genre war aber dann die Begehung des Ruchenpfeilers, erneut in der Glärnisch Nordwand. Abenteuerliche Kletterei ohne fixe Absicherung durch eine riesige Wand mit hohem Bruchanteil, noch dazu gewürzt mit einem Gleitschirmflug ins Tal. Absoluter Exklusivitätsbonus und 100 von 100 Punkten. Nebenher aber auch ein wenig die Frage, ob solch ein Erlebnis das im Vergleich zum Sportklettern massiv höhere Risiko tatsächlich rechtfertigt. Schliesslich ist's auch jedesmal genial, mit der Familie einen Klettergarten zu besuchen und dort an einem Limit-Projekt zu feilen. Irgendwie beschäftigt mich diese Frage immer noch...

Skitouren

Der ganz grosse Tourero war ich in den letzten Jahren nicht mehr. Doch zählt man die Touren im Züri Oberland, jene mit den Kindern und auch noch ein paar ausgewachsene alpine, so habe ich die Felle doch an rund 30 Tagen aufgeklebt. Als besonders schön in Erinnerung habe ich die Familientouren auf den Cyprianspitz und die Biwaktour auf dem Rhonegletscher mit dem Wyss Nollen in Erinnerung. Doch wenn Wetter und Verhältnisse stimmen und dazu der Bizeps vom Klettern bereits müde ist, mache ich mich nach wie vor gerne auf zu einer alpinen Skitour. Im 2018 liess sich meine Passion für aussergewöhnliche Routen und mir noch unbekannte Berge insgesamt 8x auf einer "richtigen" Skitour verwirklichen. Eine beste Tour zu küren ist aufgrund der durchgehend hohen Qualität dieser Ausflüge schwierig. Zapporthorn, Piz Fliana mit Silvretta-Durchquerung, das Westcouloir am Piz Sardona, die Überschreitung am Hoch Ducan mit dem NW-Couloir, die Grialetsch-Nordflanke - alles Hammer! Am aussergewöhnlichsten (und auf diesem Blog nie dokumentiert) war jedoch bestimmt die Tour auf den abweisenden Gamsberg - das geht nur ganz selten und der Gipfelgang stellt wirklich sehr hohe alpine Anforderungen.

Der extrem schmale und exponierte Gipfelfirst, welcher auf den Gamsberg führt.

Ausblick

Somit verbleibt als letzter Punkt der Ausblick. Mit meiner Tourenaktivität wird es hoffentlich in ähnlichem Rahmen weitergehen wie bisher. Viel Sportklettern mit der Familie, schön gewürzt mit alpinen Ausflügen zum richtigen Zeitpunkt. Darüber hinaus stellt sich auch noch die Frage, wie es mit diesem Blog weitergeht. Irgendwie sind Blogs nicht mehr wirklich zeitgemäss und so gut wie alle Kletterblogs, welche ich gerne verfolgt habe, haben den Betrieb inzwischen eingestellt. Somit fühle ich mich ein wenig wie der letzte Mohikaner und Zeit dafür bleibt mir auch immer weniger als gewünscht. Andererseits macht mir das Schreiben selber nach wie vor extrem Freude. Über undokumentierte Touren legt sich früher oder später der Schleier des Vergessens, während mir die gebloggten Touren mit allen Facetten im Gedächtnis bleiben. Somit gibt's auf diesem Kanal wohl auch in Zukunft das eine oder andere zu lesen.

MIT EINEM HERZLICHEN DANK AN ALLE MEINE TOURENPARTNER IM 2018 UND INSBESONDERE MEINER FAMILIE FÜR DEN SUPPORT UND DAS BEGEISTERTE MITMACHEN IN FELS UND SCHNEE. AUF EIN GUTES UND UNFALLFREIES BERGJAHR 2019!!!

Kommentare:

  1. Hoi Marcel, ja mach den Blog unbedingt weiter! Ich lese ihn immer sehr gerne. Ich musste meinen leider aus Zeitgründen aufgeben, aber ich stimme dir völlig zu, ein Blog hilft enorm sich die Touren im Gedächtnis zu behalten.

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  2. Gratuliere zu deinem tollen 2018.

    Ich lese deinen Blog sehr gerne und fände es schade, wenn du den Betrieb einstellen würdest. Es gibt tatsächlich nicht mehr viele lesenswerte Blogs, dein meistens sehr gehaltvoller Blog stellt da mittlerweile eine tolle Ausnahme dar.

    LG RvK

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  3. Hi Marcel!

    Ein schöner Beitrag zum Jahresabschluss :)
    Bitte schreib den Blog auf jeden Fall weiter! Ich wüsste nicht was daran nicht mehr zeitgemäß sein sollte, solange es keine bessere Alternative gibt... Alles was die Leute bei irgendwelchen social media Seiten veröffentlichen verpasst man oft oder findet es nicht mehr wieder wenn dann doch mal eine Tour in die beschriebene Gebiete ansteht ;)

    Gruß,
    STa

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