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Mittwoch, 10. März 2021

Skitour Piz Timun (3211m)

Gefahrenstufe 'gering' so etwas sollten wir öfters haben! Wie man allenthalben hören und lesen konnte, war es zwar um das Skivergnügen nicht mehr um das Beste bestellt, aber dafür standen Tür und Tor offen um steile und/oder exotische Ziele anzugehen, was mir dann doch viel mehr bedeutet als ein paar schöne Pulverschwünge. Wetter- und organisationsbedingt sollte es in die Gegend von Mittelbünden bis nach San Bernardino gehen. Selbst ohne lange zu studieren waren subito über 20 interessante Ziele auf der Liste. Tja, wie schon geschrieben, man sollte einfach häufiger dazu kommen, sie auch wirklich abzu'arbeiten'. Quasi in letzter Minute schwenkten wir dann noch auf den Piz Timun als Ziel um, da mein Tourenpartner die ganze Woche in den Bündner Bergen unterwegs gewesen war und in den Nordhängen um besseren Schnee wusste als südseitig. 

Der ideale Ausflug für Sonnencrème-Allergiker!

Unterwegs zum Piz Timun, klassisches Skitourengelände mit steiler Gipfelflanke.

Etwas unterhalb der Hauptstrasse beim Werkhof in Innerferrera stehen ca. 8 kostenlose Parkplätze zur Verfügung, dort startete unsere Tour am Sonntagmorgen bei frischen Bedingungen. Zuerst geht man auf der aperen Strasse über die Rheinbrücke (P.1466) zur Sägerei, wo wir schliesslich um ca. 7.00 Uhr losliefen. Über die ersten beiden Kehren (150hm) war der Alpweg gepfadet und infolgedessen teilweise zur Eisbahn geworden, anderswo auch schon aper. Doch wir konnten, uns wo nötig an den Rand haltend, alles mit den Ski an den Füssen passieren. Zuerst geht's dann weiter durch den Wald aufwärts, ab P.1781 dann auf hartgefrorenem Schnee und etwas rumpligen Spuren ins flache, verlassene Val Niemet. Hier war noch tiefer Winter, auf der Westseite des Berges liefen wir im Schatten, so dass man zusammen mit dem schneidigen Bergwind gerne 1-2 Kleiderschichten mehr als in einem Aufstieg üblich montierte.

Im eher flachen Val Niemet entfernt man sich von der Zivilisation und kommt in eine einsame Gegend.

Nach rund 1.5 Stunden hatten wir die 6km/600hm "Zustieg" geschafft, bei Cuort Viglia (P.2053) war es Zeit für eine Pause und den Abzweiger hinauf Richtung Gipfel, den wir kurz davor auch das erste Mal zu Gesicht erhalten hatten. Die Aufstiegsbedingungen waren weiterhin gut, d.h. die Schneedecke tragend und meist griffig, nur manchmal mit einer rutschigen Pulverauflage bedeckt. Nachdem man mit einem grossen "S" auf 2500m aufgestiegen ist, biegt man auf die lange Zielgerade ein. Durch eine Mulde geht's gegen den verkümmernden Glatscher da Niemet hin, ein sehr attraktives Skigelände. Und während man auf dieser Tour lange viel Strecke aber wenig Berg macht, so ist es dann am Ende genau andersrum. Die Hänge hinauf gegen die Lücke bei 3100m erreichen gute 40 Grad und sind mit Felsstufen durchsetzt. Dank griffigem Schnee konnte ich mit den Harscheisen bis dorthin und noch etwas weiter hinauf zum Skidepot  bei den Felsen am Grat fellen (3130m, ca. 3:45h vom Tal), wo mir endlich das erste Mal die Sonne ins Gesicht schien. Mein Tourenpartner und zwei weitere Tourengänger, die gleichzeitig unterwegs waren, setzten für diese ganze Flanke auf einen Bootpack, was dank trittigem Schnee auch gut ging.

Das Foto ist zwar vom Abstieg, zeigt aber den Gipfelaufstieg mit der nordseitigen Umgehung.

Mit montierten Steigeisen und Pickel zur Hand umging ich die Felsen in der Nordflanke, falls nötig könnte man sie auch direkt erkraxeln (schwieriger, umständlicher). Nachher ist es nur noch ein Katzensprung über den harmlosen Grat hinauf zum mit einem Kreuz geschmückten Gipfel. Dieser liegt ja bekanntlich auf der Landesgrenze, in Bella Italia war es zum Glück angenehm warm - sprich südseitig, vor der zügigen Brise geschützt mit einem sonnengewärmten Fels im Rücken ging sich komfortabel eine längere Gipfelrast aus, wo der vom Aufstieg fehlende Teint im Gesicht nachgeholt werden konnte. Notabene mit sehr schönem Blick ins Valle di Lei und die tollen Hänge des Pizzo Stella, die mir auch schon eine sehr schöne Skitour beschert hatten. Auch sonst wird die Tour mit einem tollen Panorama belohnt, der Piz Timun zählt in Sachen Schartenhöhe und Dominanz je zu den Top 60 der Schweiz, ist also ein ziemlich isolierter Gipfel, ja der höchste Punkt der gesamten südlichen Averser Berge. Um 11.45 Uhr gingen wir talwärts (die Quarantäne beim Übertritt der Landesgrenze schenkten wir uns ;-)). Wenn man unbedingt wollte, so könnte man die Bretter schon am oder unmittelbar unter dem Gipfel anschnallen und direkt über die 45 Grad steile NE-Flanke abfahren. Doch mit dem etwas unregelmässigen Schnee sowie hier und da hervortretenden Felsen versprach das wenig Genuss bzw. nur unnötiges Risiko, denn wegen Felsriegeln in der Flanke wäre ein Sturz definitiv ein ungünstiges Szenario.

Die letzten Meter zum Top auf 3211m sind unschwierig zu begehen.

Da, von weit unten im bewaldeten Tal kamen wir her. Man legt eine beachtliche Strecke zurück!

Bei der Abfahrt vom Skidepot bzw. der Lücke ist das Gelände gutmütiger, aber 40 Grad sind es auch da und die direkte Linie wird von 10m hohen Felsstufen abgeschlossen, sicheres Skikönnen ist  unerlässlich. Doch die Verhältnisse passten und das Selbstvertrauen stellte sich rasch ein. Weiter unten auf dem nun weniger steilen Gletscher kam dann sogar richtiger Fahrgenuss auf. Es gab eine leicht pulvrige Auflage bei kompakter Unterlage. Natürlich kein stiebender 50cm Powpow, aber definitiv ohne Mühsal und mit Spass befahrbar, sprich viel besser wie wir das a priori vermutet hatten. Vom Buckel P.2523 wählten wir dann nicht die lange Querung der Aufstiegsroute, sondern fuhren direkt über die 30-Grad-Hänge nach Cuort Viglia. Für die Abfahrt sicher die bessere Variante, eine kurze Stelle erreicht 40 Grad, aber das ist alles problemlos befahrbar. Nun hiess es noch, das Tal hinauszufahren. Dank noch schnellem Schnee waren nur hier und da ein paar Stockstösse nötig. Nach der (von oben) ersten Kehre auf 1700m hält man sich dann in die Schneise 'Gold il Stretg' hinaus, hier gab's noch schönen Sulzschnee und vor allem vermeidet man so das apere/eisige unterste Strassenstück. Ein paar Minuten nach 13.00 Uhr waren wir sehr happy über die gelungene Tour retour beim Ausgangspunkt. Es blieb nur noch die Aufgabe, ein wenig talaufwärts nachzusehen, ob der Thron schon das zeitliche gesegnet hatte. Das war der Fall, zum Eisklettern kommen wir also frühestens nächsten Winter wieder ins Tal, für Skitouren lohnt es sich aber bestimmt noch mehrere Wochen lang!

Ready to roll - bei der Position des Akteurs befindet sich das logische Skidepot.

Kein Top-Powder, aber doch gute Skibedingungen, egal bei welcher Frequenz & Amplitude.

Facts

Piz Timun (3211m) ab Innerferrera, 1800hm, Ski-Schwierigkeit S
Material: Skitourenausrüstung mit Harscheisen, Steigeisen & Pickel, Sicherungsmaterial nicht nötig

Mittwoch, 7. März 2018

Avers - Bloody Mary (M8, 300m, Erstbegehung)

Am Thron (1,2), dem bekanntesten und besten Eisfall der Ostschweiz, herrschten Anfangs Februar 2018 perfekte Bedingungen. So liessen sich auf den Social Media zahlreiche, anmächelige Bilder bestaunen. Oft zeigten diese viel Andrang auf der Hauptlinie... und jenen Eiskletterern mit der entsprechenden Fantasie eine neue Möglichkeit. Links der Headwall gab es ganz offensichtlich das Potenzial für eine attraktive Mixedlinie. Mit ein wenig Felskletterei würden sich viele eisige Meter verbinden lassen. Dies wollten Dani und ich probieren, so machten wir uns in einer Herrgottsfrühe auf Richtung Avers, um auf jeden Fall in der Pole Position zu sein. Wie man schon dem Titel entnehmen kann, gelang uns die Neutour - nicht jedoch völlig frei von störenden Einflüssen. Aber gehen wir die Sache im Detail an...

Gesamtübersicht vom Parkplatz auf den Thron und unsere neue Variante, die Bloody Mary.
Als wir um 6.30 Uhr noch bei völliger Dunkelheit ins Avers hineinfuhren, waren die einschlägigen Eiskletter-Parkplätze noch alle verwaist. Erleichtert machten wir bei der Parkbucht vis-à-vis vom Thron halt, auch hier war noch niemand zugegen. Wir schirrten uns auf, nebst dem Material zum Eisklettern musste auch noch die Ausrüstung für eine Erstbegehung im Fels mit. Eben als wir zum Aufbruch bereit waren, fuhren zwei Fahrzeuge mit italienischen Kennzeichen heran. Wir schätzten, dass wir gegen 30 Minuten Vorsprung hätten, damit sollte die Sache ja eigentlich gegessen sein, würde man jedenfalls meinen... Wir machten uns an den kurzen Zustieg. Vom letzten Mal hatte ich noch die kritische Bachüberquerung und eine heikle, dünn vereiste Stufe danach im Kopf. So wie wir die Situation dieses Mal antrafen, hätte ich mich auch gefragt, was der Dettling da für komisches Zeugs auf seinem Blog schreibt. Das Bachbett war ca. 20m hoch (!!!) mit Lawinenschnee überdeckt, so konnte der Averser Rhein im Spaziergang überschritten werden und von der damals heiklen Stufe war rein gar nichts zu sehen. Wenige Minuten später waren wir am Einstieg.

Auf geht's! Drei lange Seillängen (180m WI3) über den Thron bringen einen zum eigentlichen Start der Route. 
Die ersten Seillängen, d.h. den für Experten "mässig steilen" Zustieg, wollten wir am langen Seil mit ein paar Ropeman als Rücklaufsicherung hinter uns bringen. In der Tat wären es bis zum Abzweig unserer Linie 3 lange Seillängen und damit gegen 180m mit Schwierigkeiten bis WI3 - zu Beginn der mittleren Seillänge reichte die Steilheit des Geländes über einige Meter an die Senkrechte heran. Ich verstehe dieses Terrain jetzt nicht unbedingt als "fortgeschrittenes Gehgelände", aber prinzipiell klappte die Simultanstrategie recht gut. Die schwer beladene Dauerkletterei mit 2x60m-Seil im Schlepptau war im Vorstieg ziemlich anstrengend. Und für den Nachsteiger besteht beim gemeinsamen Klettern im Eis halt unweigerlich die Gefahr, unbemerkt eine Scholle abzukriegen. So passierte es denn auch und ein blutiges Kinn war leider die Folge. Schlussendlich war ich aber in einer Stunde doch einigermassen zügig am Beginn der senkrechten Kletterei angekommen und konnte einen Stand in die Felsen bohren. Während es derzeit möglich gewesen wäre, die erste Seillänge unserer Route links über eine dünne, jedoch kaum absicherbare Eisschicht auf den plattigen Felsen zu klettern, so hatte das vorgängige Studium von Fotos aus vergangener Zeit gezeigt, dass dies nur sehr selten realistisch ist. Somit wollten wir hier den Diagonalweg durch den Fels links hinauf wählen. Dieser dürfte in den meisten Jahren realisierbar sein und erreicht mit 10m Felskletterei (ca. M6+, 1 BH, 1 NH) die Stelle, wo in der Regel genügend Eis vorhanden ist.

Luis Trenker (oder wie der schon wieder heisst...) packt die erste neue Länge mit einer Stelle im Bereich M6+ an.
Wildes Treiben im Thron nebenan. Insgesamt 7 Seilschaften waren gleichzeitig aktiv, kletterten Kreuz und Quer und bewarfen sich gegenseitig mit Eisschollen. Ich stelle mir die Frage, warum man solch komplett unverantwortliche Risiken eingeht und hier anderen Seilschaften folgt?!? Es fällt nun wirklich ständig Eis runter und ein Volltreffer führt garantiert mindestens zu ernsthaften Verletzungen. Macht Eisklettern auf diese Art und Weise wirklich Spass? Für uns war dieser Andrang kein Faktor. Wir meisterten den Einstieg über den Thron als erste Seilschaft, danach ist man auf unserer Route vor Eisschlag aus dem Thron geschützt.
So weit, so gut. Während Dani im Vorstieg die Felsen meisterte, rückte hinter uns ein Team von Italienern an. Der Leader erklärte, dass sie hier diese Erstbegehung hätten machen wollen, er hätte in seinem Rucksack auch eine Bohrmaschine dabei. Nun ja, was soll man da sagen ausser "Pech gehabt, wer zuerst kommt, mahlt zuerst!". Doch nein, er war überzeugt, hier hinter uns auch noch seine Erstbegehung machen zu wollen (gewisse Kenntnisse in Italienisch sind definitiv von Vorteil, umso mehr wenn diese den Schweizern nicht zugetraut werden ;-)). Also schickte der Capo seinen Soldat in die Schlacht - er hiess ihn, die Felsstelle über die dünne Glasur zu umgehen, auf Sicherungen zu verzichten um so irgendwie zu einem Überholmanöver ansetzen zu können. Dass der Junge dabei völlig unzureichend gesichert war und sich zudem mitten im Eisschlag von meinem Vorsteiger befand, schien nichts auszumachen - wie im Krieg, da zählen höhere Ziele. Jedenfalls, das Überholmanöver war natürlich eine Utopie und noch nie habe ich auf den Hunderten von Ausflügen in die Berge eine dümmere Aktion erlebt - noch dazu war das ja nicht Unwissenheit oder Negligence, sondern volle Absicht von einem, der es eigentlich genau weiss. Nach der felsigen Passage und etwas moderatem Eis folgt eine senkrechte Stelle an einer mageren Kerze (~WI5). Die Basis der Kerze war sehr dünn, so dass nebenan 1 BH im Fels für Sicherheit sorgt. Nach 7-8 Metern flacht's wieder ab und man erreicht gerade hinauf den Stand an 2 BH.

Bereits am Abseilen. Im Vordergrund die Mixed-Stelle in der ersten neuen Länge, der Kletterer befindet sich beim Eisteil.
Blick vom Stand auf den Eisteil der zweiten neuen Seillänge (WI5+, M8).

Wir machten uns auf in die nächste Länge. Die ersten, eisigen 25m sind +/- senkrecht, lassen sich aber gut klettern (~WI5+). Die Crux folgt jedoch danach, der überhängende Felsriegel will überwunden werden - zusätzlich dazu noch mit der Unsicherheit, was danach oberhalb im plattigen Gelände warten würde. Die offene Frage war ein Stück weit, wo der Fels am besten angegangen würde, mehrere Varianten schienen offen. Wir wählten schlussendlich die höchstmögliche. Hier gibt's erst ein paar Hooks an einem feinen Riss hinauf, dann folgt eine delikate Querung nach rechts. Weit draussen lässt sich ein Sloper anhechten, was mit blossen Händen freilich deutlich besser geht wie per Eisgerät. Nun gilt es nur noch, sich ausreichend zu stabilisieren und aus einem Schulterzug, den Frontzacken auf winziger, abschüssiger Leiste, das Gerät in einem Torfbüschel zu verankern. Der Mantle hinauf zum Stand ist dann auch noch nicht von schlechten Eltern. Die Stelle ist mit 2 BH gut abgesichert, aber dennoch zwingend zu meistern. Zu bewerten ist diese Mixedkletterei wirklich nicht ganz einfach - wir würden die Anforderungen so grob einmal auf ~M8 einschätzen. Es sei an dieser Stelle erwähnt, dass Wiederholer nach uns die Stelle komplett mit den Eisgeräten kletterten, das ist also definitiv auch möglich. Die Italiener hinter uns? Sie hatten nicht klein beigeben wollen und sich ohne Rücksicht auf Verluste in unsere Falllinie begeben. Sie bohrten 10m weiter unten eine Traverse mit 4 BH ein, welcher ein Runout zum Eis der Thron Headwall folgt. Frei geklettert soll sich jener Abschnitt im Bereich M7+ bewegen, die Crux kann A0 entschärft werden.

Blick beim Abseilen auf die zweite neue Länge. Das Eis ist im Bereich WI5+, das felsige Dach ist für ca. M8 zu haben.

Close-up von der Crux. Der Bolt sorgt für Sicherheit. Der Fels ist gut, aber auch kompakt und geschlossen.
Unsere dritte Seillänge führt durch eine grasig-felsig-eisige Verschneidung hinauf. Witzig zu klettern, wegen dem wenig strukturierten Eis war es schwieriger, wie es von unten aussah (~M5). Nach etwa 15m trifft man auf den Eisschild, über welchen man hinauf zu Stand an einer Fichte klettert (~WI4). Es folgt noch eine weitere Seillänge in einfachem Eis (~WI2), bis man oberhalb auf flaches Gelände trifft. An den Felsen befindet sich nun ein Stand mit 2 BH, von welchen sich bequem Abseilen lässt. Somit war unser Plan bis auf das absurde, italienische Störmanöver perfekt aufgegangen! Die Abseilerei ging ob dem sehr steilen Gelände mühelos. Ein Manöver zum vorletzten Stand, ein weiteres zu jenem am Beginn der Schwierigkeiten. Von dort muss man weitere 3x zum Einstieg abseilen (in der Mitte 1x Abalakov nötig, für das letzte Manöver gibt's orografisch rechts an den Felsen einen BH-Stand, von welchem aber mit 2x60m-Seilen die untersten 10m zum Einstieg abzuklettern sind). In wenigen Minuten waren wir zurück beim Automobil und konnten die Ausrüstung ablegen. Noch immer waren im Thron einige Seilschaften damit beschäftigt, sich gegenseitig mit Eis zu bewerfen. Wir indessen konnten gemütlich und mit Freude über die Erstbegehung nach Hause tuckern. Zwei Dinge allerdings trübten unsere Stimmung etwas: einerseits das respektlose, dumme und äusserst gefährliche Verhalten der Italiener, andererseits die noch immer blutende Schramme am Kinn, welche schliesslich sogar ein paar Stiche brauchte. Aber da die negativen Begleitumstände mit der Zeit in der Hintergrund rücken, werden wir Monate oder Jahre später sicher mit Stolz und Begeisterung auf unser Projekt zurückblicken.

Yehaa, das Top der neuen Route ist erreicht. Der Ausstieg befindet sich etwas höher wie jener vom Thron.

Das Abseilen, v.a. die Länge über das grosse Dach, ist sehr luftig!

Facts

Avers - Bloody Mary ED III M8 WI5+ - 7 SL, 300m - ****; xxx
Material: 2x60m-Seile, 8-10 Eisschrauben, evtl. Ropeman für L1-L3

Interessante Variante zum grossen Avers-Klassiker Thron, welche im Eis nicht schwieriger als das Original zu klettern ist. Die Hauptschwierigkeiten stellen 2 kurze, felsige Passagen dar, welche in kreativer Mixed-Technik überlistet sein wollen. Diese sind gut mit BH abgesichert, erfordern aber auch ein paar zwingende Kletterzüge. Mobiles Sicherungsmaterial lässt sich dort kaum einsetzen. Die Kletterei auf der Variante darf man als objektiv sicher bezeichnen. Ab dem Abzweig der Bloody Mary ist man auch nicht mehr vom Eisschlag aus der Thron-Headwall betroffen. Hingegen ist auf den Zustiegslängen über den Thron die nötige Vorsicht angezeigt, auch in Bezug auf Lawinen! Das Einzugsgebiet ist riesig, so dass auch bei wenig Neuschnee schon bedeutende Spindrifts abgehen können - um von grösseren Lawinen gar nicht erst zu sprechen. Die enormen Schneemassen, welche sich im Februar 2018 unten im Bachbett befanden, sprechen Bände. Konkret: herrscht Stufe 3, so sind weder der Thron noch die Bloody Mary zu verantworten.

Topo zur Bloody Mary. Man kann es auch als PDF in voller Auflösung mit besserer Druckqualität herunterladen.

Dienstag, 20. Februar 2018

Avers - Trugschluss (WI4+)

Nach der Diedrolux war noch genügend Zeit vorhanden, um eine zweite Route zu klettern. Am Thron waren bereits 3 Seilschaften am werkeln, also fuhren wir weiter ins Tal hinein. Das gemäss Hot Ice attraktivste, uns noch unbekannte Projekt im Tal mit unserer Kragenweite war der Trugschluss, welcher sich links unter der ersten Lezibrücke befindet. Drei von drei Sternen, 120m, "bisher selten begangen". Tatsächlich steht er formidabel da und das erst noch in der Sonne. Kein Grund zur Beunruhigung allerdings, beim Parkplatz am Schatten zeigt das Thermometer -12 Grad, da wird man gerne ein bisschen warm bestrahlt.

In der ersten Seillänge vom Trugschluss (WI4) an der Sonne angekommen - aaaahhhh!!!
Als erstes gilt es, in die Schlucht hinunter zu kommen. 2x60m-Seile reichen jedoch definitiv nicht, um von der Brücke den Schluchtgrund zu erreichen. Mir kommt erst später in den Sinn, dass im Kofferraum das 80m-Seil gelegen wäre - mit jenem hätte es wohl gereicht und man kann es problemlos hängen lassen und nach der Tour wieder mitnehmen. Also queren wir in wenigen Minuten hinüber zum Ausstieg, um dort an einem Baum abzuseilen. Mit 60m Abseilen stehen wir zwar noch nicht im Schluchtgrund, aber unter dem interessanten und steilen Teil. Wir überlegen uns kurz, noch ein weiteres Mal bis ganz nach unten abzuseilen, verwerfen die Idee dann aber. Unten wartet definitiv keine spannende Eiskletterei, sondern nur Schneestapfen - das lohnt sich nicht.

Quel Plaisir! Kletterei an der steilen Abschlussäule im Trugschluss (WI4+).
Die beiden oberen, kurzen Seillängen (ca. 25m/25m) sind hingegen wirklich lohnend. Die erste führt über eine steile Mauer - das Eis ist hier wenig gestuft und ob der Kälte auch ziemlich glasig hart. Somit klettert es sich schwieriger, wie es auf den ersten Blick aussehen mag (~WI4). Den Stand richte ich an Schrauben am Sockel der Abschlussäule ein. Hier scheint die Sonne schön ins felsige Amphitheater rein und trotz eisiger Temperaturen fühlt es sich beinahe angenehm warm an. Auf Jonas wartet dann die massive Säule, welche am Sockel einen Durchmesser von ca. 7m hat. Ja, hier muss man sich über die Stabilität keine Gedanken machen! Auf etwa 15m ist die Sache anhaltend steil. Nachdem etwas Wasser fliesst, beissen die Pickel hier deutlich besser. Obwohl es imposant aussieht, klettert es sich eher einfacher wie man meinen konnte (~WI4+). Oben machen wir Stand am Baum und laufen in wenigen Minuten retour zur Strasse bzw. zum Parkplatz.

Rückblick von oben, wirklich eine steile Sache!
Um schon nach Hause zu gehen ist es immer noch zu früh. Somit wollen wir der Wand in Campsut noch unsere Aufwartung machen. Diese kommt um diese Tageszeit nun schön in die Sonne, zudem ist niemand zugegen, wir haben also freie Wahl. Einen Strich durch die allfällige Projekt-Rechnung machen nur die beiden bedrohlich-grossen Zapfen, die zentral über der Wand hängen. Nun gut, wenn man an der Breitwangflue klettert, so bewegt man sich einen ganzen Tag lang unter Dutzenden von solchen Dingern und macht sich auch nicht viele Gedanken. Aber womöglich sind diese Zapfen hier tatsächlich heimtückischer, sie sollen ja doch regelmässig 'abhängen'. Mit geschickter Linienwahl lässt sich die Kerze (WI4+) jedoch auf sichere Art und Weise klettern. Somit schliesst sich der Kreis und ein prima Eisklettertag mit gut 250 anhaltenden Metern im WI4/4+ Bereich geht erfolgreich zu Ende. Zufrieden zuckeln wir an diesem absolut genial schönen Wintertag zurück nach Hause.

Facts

Avers - Trugschluss D+ II WI4+ - 2 SL, 50m - ***
Material: 2x50m-Seile, 6-8 Eisschrauben

Kurze und nette Kletterei, welche für sich alleine kaum die Anfahrt ins Avers lohnt, sich aber gut als Dessert nach einer anderen Kletterei oder einer Skitour anbietet. Sie muss im Verdon-Prinzip (d.h. Abseilen und danach wieder Hochklettern) angegangen werden. Notfalls gibt's links über Bänder jedoch sicher einen Schleichweg nach oben, wenn sich die Eiskletterei nicht als machbar präsentieren sollte. Es warten eine erste Seillänge mit einer ~15m hohen, knapp senkrechten Mauer und eine spannende zweite  Seillänge mit imposanter Säule. Der untere Teil aus der Schlucht sieht hingegen deutlich flacher und wenig lohnend aus. Achtung, der Fall kriegt selbst Mitte Februar schon eine stattliche Portion Sonne ab, die Abschlussäule steht zudem in einem felsigen Amphitheater. Wenn's nur wenig Eis hat und hohe Temperaturen sowie die Sonne dazukommen, kann's wohl rasch heikel werden.

Donnerstag, 15. Februar 2018

Val Ferrera - Diedrolux (WI5-)

Der Diedrolux ist einer der klassischen Eisfälle im Avers - ausser, dass er eben nicht wie im Volksmund häufig angegeben im Avers, sondern im Val Ferrera steht. Gut, solche Nebensächlichkeiten interessieren vermutlich die wenigsten, also gehen wir zu den interessanten Geschichten. Da er etwas tiefer unten, direkt über dem Bouldergebiet Magic Wood auf nur 1350m liegt, passen hier die Bedingungen etwas seltener als an den Fällen weiter talaufwärts. Im Februar 2018 gab's aber wieder einmal die Gelegenheit, vom durch erhöhten Eisengehalt gelb gefärbten Eis zu kosten und somit sollte es losgehen.

Auf geht's in den Diedrolux - auf dem Bild gut sichtbar die ersten beiden Seillängen mit der im Februar 2018 charakteristischen 'Unterbrechungsstelle' ziemlich weit oben. Die dritte Seillänge lässt sich hingegen nur erahnen und ist auf dem Bild nicht wirklich ersichtlich.
Die Tour beginnt am Campingplatz fürs Magic Wood. Genau gleich wie wenn man Bouldern geht überquert man die Brücke und dann geht's gute 100hm direkt in Falllinie hinauf zum Einstieg. Der Zeitbedarf je nach Schneeverhältnissen, Eile und Kondition wohl so 10-30 Minuten. Nach einem frühen Aufbruch waren wir als erste vor Ort und nach dem negativen Erlebnis am Thron (Bericht folgt) kam dieses Mal glücklicherweise auch den ganzen Tag über niemand mehr hintendrein. Mit den Verhältnissen trafen wir es ideal, mit einem kalten (-12 Grad bei Aufbruch am Auto) aber perfekt sonnigen Wintertag, von welchen es noch viel mehr geben sollte. Nachdem der Diedrolux nur 3 SL aufweist, wollte noch ausgeknobelt werden, wer mit dem Vorstieg beginnt. Auf den einen würden zwei Vorstiegslängen fallen, auf den anderen dafür die Cruxlänge. Das Los für den Start fiel auf mich und auf ging's:

L1, 60m, WI4: Lange und sehr schöne, anhaltende Seillänge mit etwas steilerer Stufe im letzten Drittel. Der Stand befindet sich im Aufstiegssinn rechts in den Felsen mit 2 neuen, sicheren und einem alten BH, der in einem losen Block steckt (!!!).

Ausblick vom Stand nach L1 auf die sehr schöne und derzeit genial zu kletternde L2 (WI5-). Das aufgrund von erhöhtem Eisengehalt gelbe Eis ist sehr charakteristisch für die Route und hat ihr natürlich auch den Namen gegeben. Und nicht umsonst befinden wir uns hier im Val Ferrera...
L2, 40m, WI5-: Die steilste, aber dafür kürzeste Länge mit einem senkrechten Abschnitt. Im 2018 ist das Eis sehr speziell gewachsen. Es hört an einer Stelle quasi auf und bildet einen Überhang, darunter ist jedoch auch Eis. Was sehr imposant aussieht, lässt sich jedoch dank viel Struktur mit Tritten und zahlreichen Hooks erstaunlich einfach klettern. Der Stand danach links an 2 BH.

L3, 45m, WI4: Nochmals eine sehr genussreiche Kletterei, welche mit einem Winkel (beinahe ein Eiskamin!) beginnt und danach noch einige Steilaufschwünge bereithält. Bei sehr guter Vereisung kann man diese möglicherweise auch einfacher links umgehen. Der Stand am Ausstieg an einem Baum mit Schlingen und Maillon.

Der Beginn von L3 mit dem 'Eiskamin' - Spreiztechnik statt Stemmtechnik funktioniert deutlich besser! 
Vom Ausstieg muss man zwingend Abseilen, bzw. ein Fussabstieg wäre sehr aufwändig. Dazu sind 3 Manöver nötig, welche jedoch sehr schnell über die Bühne gehen. Wir hatten wirklich von exzellenten Bedingungen profitieren können. Der Diedrolux hatte zum Zeitpunkt unserer Begehung zwar nicht allzu viel Eis. Es hatte aber doch genügend und vor allem war es von prima Qualität - schön plastisch, nie hart oder spröde, kaum schneebedeckt mit beinahe unbeschränkten Möglichkeiten für sichere Schrauben. Darüber hinaus hatten wir auch die richtige Jahreszeit und das korrekte Zeitfenster erwischt. Mitte Februar erhält der Fall am Vormittag etwas Streiflicht von der Sonne. So waren auch die an sich sehr kalten Temperaturen sehr gut auszuhalten und das Ambiente war prima. Schon vor Mittag waren wir zurück beim Parkplatz, um nach Hause zu gehen war es an diesem strahlend schönen Wintertag definitiv noch viel zu früh. Ein Folgebeitrag wird den Rest vom Tag beschreiben...

Facts

Val Ferrera - Diedrolux D+ II WI5- 3 SL, 145m - ****
Material: 2x60m-Seile (2x50m möglich, aber zusätzlicher Stand im Eis nötig), 8-10 Schrauben

Sehr lohnende Route mit anhaltender Kletterei, welche durch das gelb gefärbte Eis eine spezielle Note erhält. Sie gehört nach meinem Empfinden definitiv zu den Top 50 der Ostschweiz. Die Kletterei ist objektiv sicher, allerdings verträgt die Route nur eine einzige Seilschaft die klettert. Die Route ist nach NE exponiert, ab Februar gibt's am Vormittag etwas Streiflicht von der Sonne, vorher ist der Fall den ganzen Tag im Schatten. 

Donnerstag, 21. Mai 2015

Skitour Pizzo Stella (3163m)

Die Voraussetzungen waren beinahe identisch wie eine Woche zuvor: in den Tagen zuvor hatte es etwas Neuschnee hingelegt, klarer Himmel und einwandfrei schönes Wetter war nur südlich vom Alpenhauptkamm vorhanden und meine Motivation für eine weitere Frühlingsskitour war gegeben. Kraft und Haut gaben nämlich keinen weiteren Sportklettertag mehr her und zum MSL-Klettern waren die Möglichkeiten für meinen Geschmack einfach noch zu stark eingeschränkt.

Dank diesem Bild braucht es bestimmt keine weiteren Erklärungen, warum ich gerne auf Frühlingsskitouren gehe.
Als Ziel auserkoren wurde schliesslich der Pizzo Stella (3163m), welcher grob zwischen dem Avers und dem Splügenpass liegt. Ganz im Talschluss des Valle di Lei ist er zu finden - einer Landschaft, welche eine wechselvolle Geschichte in Bezug auf die Staatsangehörigkeit zwischen der Schweiz und Italien zu bieten hat. Schliesslich wurde das ganze Tal in den 1960er-Jahren mit einem Stausee geflutet. Der Skitour hat das jedoch nicht geschadet, sie startet über Seeniveau und dank der Schotterstrasse über dem westlichen Seeufer ist auch der Ausgangspunkt gut erreichbar. Zu beachten sind jedoch Logistik und Strategie. Die Staumauer selber ist stets mit einem Fahrverbot belegt. Drüben, am Beginn der Uferstrasse befindet sich dann ein weiteres Fahrverbot, allerdings steht dort auch ein Taxautomat, wo man einen Obulus entrichten kann und damit freie Passage erhält. Zur Zeit war er jedoch ausser Betrieb, und auch eine Schranke oder ähnliches ist nicht vorhanden. Auf eigenes Risiko kann man den Ausgangspunkt also per PW erreichen, wobei die eher holprige Fahrt dem Seeufer entlang doch auch gegen 30 Minuten in Anspruch nimmt. Die gute und naturnahere Alternative dazu ist das Bike, natürlich vor allem dann, wenn Teile der Schotterpiste noch mit Lawinenresten verschüttet sind. Aktuell ist das nicht der Fall. Der Zeitaufwand mit dem Bike beträgt je nach Fitness und Einsatz ca. 45-60 Minuten.

Die tolle Landschaft und sonnige Lage ergeben einen sehr genussvollen Skiaufstieg.
Nach Aufstehen um 4.30 Uhr starteten wir schliesslich um 7.15 Uhr in der Wechselzone im Talschluss auf 1950m mit der Skitour. Da die untersten Hänge bereits grün waren, kamen die Skis für die ersten 100hm noch auf die Schultern. Danach lag aber durchgehend Schnee. Dank dem sonnigen Samstag und der klaren Nacht hatte sich ein tragender Deckel mit griffiger Oberfläche ausgebildet. In ziemlich direkter Linie ging es sehr effizient gegen den grossen Gipfelhang hin. Hatte ich mir im Vorfeld noch einige Gedanken gemacht, ob dieser lawinentechnisch zu verantworten wäre, so zeigte sich dieser gegen 40 Grad steile Nordhang auf gut 3000m auch schon perfekt durchgebacken und mit solide tragender Kruste versehen. No Worries also, und die Aussichten auf eine sehr gute Abfahrt waren auch gegeben. Um 9.05 Uhr erreichten wir, nach nur 1:50 Stunden Aufstieg inklusive einer Frühstückspause, bereits das Gipfelkreuz. Die Verhältnisse dort oben waren einfach fantastisch - es war wirklich absolut windstill und sehr angenehm warm, zudem war die Sicht in die Büdner Berge, Engadin, Bergell und Richtung Südalpen perfekt. Da hätte man echt lange verweilen können!

Ankunft auf dem Gipfel. Hier ein weiterer Tourengänger, welcher uns beiden gefolgt ist. Das Val di Lei unter dem Nebelmeer.
Trotzdem wollten wir uns die Chance auf eine Abfahrt bei perfekten Schneebedingungen nicht entgehen lassen und beschränkten daher die Gipfelpause auf ein vernünftiges Mass. Und tatsächlich, diese Strategie machte sich sehr bezahlt. Der Gipfelhang fuhr sich einfach perfekt: tragende Unterlage mit einer griffigen, leicht aufgeweichten, aber schön glatten Oberfläche. So könnte es immer sein. In der Folge hielten wir uns etwas links gegen den Gletschersee hinunter und konnten bei nach wie vor perfekten Bedingungen durch ideales Skigelände cruisen. Danach suchten wir für eine Weile erst die abscheinigen Hänge mit noch tragender Kruste, bevor wir dann ganz unten in die sonnigeren Expositionen wechselten, wo wir auf gut drehbaren, etwas tieferen aber nicht faulen Sulz trafen. Zuletzt führte uns dann noch eine enge, schneegefüllte Rinne bis beinahe ganz hinunter zur Wechselzone. Nun galt es nur noch, den Weg dem Seeufer entlang in umgekehrter Richtung zu befahren, das komplette Gear zu verstauen und dem Heimweg anzutreten. Zu einem leicht verspäteten Mittagessen waren wir dann bereits wieder daheim und konnten den grossen Rest vom Sonntag gemütlich mit unseren Familien verbringen. Klar, man hätte diesen Sonntag-Vormittag auch mit Ausschlafen und einem gemütlichen Frühstück durchgebracht, aber da hätten wir jetzt echt etwas lässiges verpasst!

Auf dem Heimweg, kurz vor der Wechselzone. Die letzten 100hm dahin waren die Skis bereits zu tragen.
Facts

Pizzo Stella (3163m) aus dem Valle di Lei, zwischen Avers und Splügenpass gelegen
Ski-Schwierigkeit ZS-, Gipfelhang auf 100hm 35-40 Grad. 1200hm Aufstieg aus dem Talschluss.
Der Gipfel lässt sich ohne Fussaufstieg erreichen, daher nur normale Skitourenausrüstung nötig.
Fazit: Toller Gipfel, lohnende Skitour, eher lange Anreise, die zum Erlebnis aber mit dazu gehört.

Karte mit unserer östlichen Aufstiegs- und westlichen Abfahrtsroute. Quelle: map.geo.admin.ch 
Fotogalerie

Die meisten in diesem Beitrag publizierten Fotos stammen von meinem Tourenpartner Chris O. - danke!

Unterwegs zum Schnee, die ersten 100hm hiess es Skis tragen. Über uns die letzten Nebelschwaden.

Toller Skiaufstieg auf tragender Schneedecke. Hier sind wir gerade etwa Level mit der Wolkendecke auf 2500m.
Casual Summit Walk. Sicht Richtung Süden in die Piano di Chiavenna.
Die Gipfelstimmung und tolle Aussicht einzufangen ist meist schwierig, das Panorama nur ein Versuch dazu.
Letzte Schwünge in einer Altschneerinne gegen das Grün und die Wechselzone hinunter.
Rückblick von der Staumauer. Der See wurde 2013 komplett geleert und wird nun wieder aufgefüllt.
Diese Fotos gehören zu dieser Skitour auch dazu. Nachmittagsprogramm mit Velotour...
...füürlä und Schlangebrot backen...
...sowie Tiere beobachten und (im noch kalten Fluss) baden.

Mittwoch, 11. Februar 2015

Val Ferrera - Rotes Vergissmeinnicht (WI4+)

Das Rote Vergissmeinnicht gilt gemeinhin als bekannter, beliebter und klassischer Eisfall im Avers. Dies kann man mit Fug und Recht so unterschreiben, ausser dass er sich eben nicht im höher gelegenen Avers befindet, sondern tiefer unten im Val Ferrera. Ob die Geografie Detail oder Wichtigkeit darstellt, überlasse ich dem Leser. Zentraler ist da schon die Tatsache, dass es Ende Januar 2015 endlich kalt geworden war und sich die Linie vom Roten Vergissmeinnicht beinahe perfekt aufgebaut hatte. 

Das Rote Vergissmeinnicht (WI4+) im Avers... äähhh, Val Ferrera. Links und rechts noch weitere, kürzere Möglichkeiten.
Auf der Suche nach einem interessanten Sonntags-Projekt zusammen mit Kathrin bin ich dann schliesslich hier stehen geblieben. Man konnte auf den einschlägigen Portalen im Internet von Begehungen in Seilschaft und im Alleingang lesen, ein italienischer Kletterer hatte gar ein ansprechendes Video produziert. Die Verhältnisse waren gut, nur eine vernünftige Taktik musste noch gefunden werden. Nach den diversen Berichten konnte man hier am Weekend nicht auf Einsamkeit zählen und früh zur Stelle zu sein war uns aus familientechnischen Gründen einfach unmöglich. Da setzten wir drauf, erst mittags einzusteigen und darauf zu hoffen, dass die anderen Seilschaften bis dahin ihr Tageswerk bereits beendet hatten.

Die Tour zum Roten Vergissmeinnicht beginnt in Ausserferrera, wo sich auch das empfehlenswerte und klettererfreundliche Gasthaus Edelweiss befindet. Parkiert werden kann am Dorfrand, entweder danach linkerhand, oder dann davor beim Steinbruch, welcher auch noch 3 interessante Übungsfälle bereithält, welche aktuell in guten Bedingungen und viel weniger überlaufen wie die Wand in Campsut sind. Für den Zustieg wählt man dann den in Dorfmitte beginnenden Weg zur Alp Nursera, läuft abwärts und überquert den Rhein. Nachdem man die insgesamt vierte Brücke passiert hat, verzweigt sich der Weg. Linkerhand steigt man zur Alp Nursera hinauf, rechts folgt man dem Rheinufer. Wir folgten dem rechten Weg über ca. 200-300m, um dann links ins offensichtlich vom Roten Vergissmeinnicht hinunterziehenden Bachbett aufzusteigen.

Dass der Zustieg in diesem Gelände mühsam sein kann, versteht sich wohl von selbst. Aktuell ist's aber kein Problem.
Liegt entweder zu wenig oder dann sehr viel Schnee, so kann dies ziemlich mühsam sein. Wir hatten Glück, denn es lag a) schon eine gute Spur, b) hatte es genügend Schnee, um das mühsame Geröll zu verfestigen und c) war es doch nicht so viel, dass es störend war. Zum Einstieg hinauf sind rund 300 Höhenmeter zu bewältigen, wofür wir gerade etwa eine Stunde benötigten. Das ist natürlich keine Rekordzeit, doch in der Zeit enthalten ist das Montieren der Steigeisen unterwegs, diverse Kleiderwechsel und schliesslich stiegen wir auch bewusst gemütlich, um nicht zu fest ins Schwitzen zu geraten, und danach mit feuchten Kleidern beim Klettern zu frieren. Die richtige Taktik und Technik macht beim Winterklettern eben den Unterschied zwischen Erfolg und Scheitern.

Unsere Idee, den Fall erst zu klettern, wenn die anderen Seilschaften damit bereits fertig sind, schien perfekt aufzugehen. Schon vom Parkplatz aus hatten wir eine einzige Seilschaft in der dritten Seillänge beobachtet, bis wir näher kamen, waren sie mit dem Abseilen beschäftigt. Nur zeigte sich im letzten Moment, d.h. als wir in den spannenden Kessel mit den gelb-roten Felsen einbogen, dass ein weiteres Italiener-Team erst gerade am Einsteigen war. Da wir aber direkt dahinter folgen konnten, man eine mäandrierende Linie verfolgt und geschützte Standplätze abseits der Kletterlinie bezogen werden können, war dies schliesslich weder Gefahr noch Hindernis. Somit konnte es etwas nach 12.45 Uhr losgehen mit der Kletterei.

L1, 40m: Hier bieten sich diverse Möglichkeiten, wir stiegen schliesslich ganz rechts unten ein. Es handelt sich um eine gemütliche Aufwärmlänge mit Steilheit von 70-80 Grad im Bereich von ca. WI3+. Das Eis war teilweise etwas spröde und leicht schneebedeckt. Aber natürlich war's problemlos, und auch genussreich.

Kathrin folgt in L1, noch schön trocken und unverschneit...
L2, 40m: Man sieht sogleich, dass es hier mit dem Serious Business losgeht. Nach ein paar ersten, noch nicht ganz so steilen Metern folgt eine rund 20m lange Passage mit anhaltender Steilheit knapp unter der senkrechten (ca. 85 Grad, WI4+). Das Eis weist hier zum Glück etwas mehr Struktur auf und bietet ein paar gute Tritte, obenraus ist's dank etwas Feuchtigkeit auch schön plastisch. Zuletzt quert man einfacher ganz an den rechten Rand raus zu Stand.

Diese anhaltend steile Mauer in L2 ist das Pièce de Resistance in der Route.
Schneefall hat eingesetzt, so sieht es am Ende von L2 schon richtig nach Winter Climbing aus...
L3, 30m: Dem rechten Rand entlang klettert man hier in bereits etwas älterem Eis aufwärts. Die Steilheit beträgt so um 80 Grad rum, einen kurzen, bouldrigen Überhang wo man am bequemsten sogar noch 1-2 Mal auf den Fels tritt hat es auch noch (ca. WI4-). Den Stand richtet man am besten in der Arena vor der Abschlussäule ein.

Auftakt in L3 mit einer bouldrigen Stelle gleich nach dem Stand. Es ist steiler, wie es auf dem Foto aussieht.

Schöne Tiefblicke und richtig winterliches Ambiente am Ende von L3.
L4, 30m: Die Säule direkt anzupacken wäre ein ziemlich hartes Gerät. Man kann aber zu deren Fuss aufsteigen, und dann ausgesetzt darum herum nach links traversieren. Das Spritzwasser hat hier riesige Eisblüten und Balkone gebildet und es pfeift einfach ganz schön in die Tiefe! Zuletzt wartet dann nochmals ein Bouldermove auf einen nächsten Balkon rauf, bevor man die letzten 10m in saftig-feuchtem Eis an der Säule dem Ausstieg entgegenklettert (mehrere Meter 85 Grad, davor ein bouldriger Überhang, ca. WI4/4+).

Bottom Shot von L4, in dieser Perspektive werden Steilheit und Länge massiv unterschätzt. Auffällig die grossen Blüten links.

Die letzten 10m zum Ausstieg an der steilen Säule sind als eher nass zu bezeichnen. Dafür super bissiges Eis!
Etwas vor 17.00 Uhr sind wir schliesslich beide am Top. Rund eine Stunde hatten wir im Schnitt also pro Seillänge gebraucht, mit Ein- und Ausdrehen aller Schrauben, dem jeweiligen Reorganisieren alles Materials am Stand und etwas Wartezeit wegen der vorangehenden Seilschaft wäre es für Kathrin und mich kaum schneller gegangen. Umso zügiger ist dafür der Abstieg erledigt. Mit 2x60m-Seilen erreicht man vom Baum am Ausstieg mit ordentlich Luft unter dem Hintern den zweiten Stand, wo man an Abalakovs gegen den Einstieg hinabschwebt. Hält man sich etwas links und höher als unser Einstieg, reicht es mit einem weiteren Manöver gerade retour auf den Boden. 

Wir halten uns nach dem Seile aufnehmen nicht mehr weiter auf und steigen mit montiertem Gear retour zum Automobil. Noch gut vor Einbruch der Dunkelheit treffen wir da ein und müssen zwischen 5 und 10cm Neuschnee von den Scheiben wischen. Hatten sich nämlich erst noch scheue Aufhellungen mit etwas Sonnenschein gezeigt, fiel im späteren Verlauf beständig Schnee. Dies hatte aber dem Genuss keinen Abtrag gebracht - es war ein genialer Tag beim Winterklettern, mit der richtigen Stimmung und dem richtigen Ambiente. Im wohl beheizten Auto konnte ich nachher darüber sinnieren, dass ich an diesem Tag dennoch kein einziges Mal gefroren hatte - weder an Körper noch an den Extremitäten. Irgendwie schon erstaunlich, hatte ich doch in meinen frühen Eiskletterjahren beständig mit Kältezittern, eisklumpigen Füssen und heftigem Kuhnagel an den Händen zu kämpfen. Vielleicht wird man mit dem Alter in dieser Hinsicht robuster, vielleicht ist das Material besser geworden, oder vielleicht habe ich inzwischen gelernt wie man die Wärme im Körper behält und so wenig wie möglich davon an die Umgebung verteilt... an einer dickeren Speckschicht rundherum liegt es auf jeden Fall sicher nicht.  

Facts

Val Ferrera - Rotes Vergissmeinnicht - D+ III WI4+ - 4 SL, 140m - ****
Material: 10-12 Schrauben, die Standplätze sind nicht eingerichtet!

Sehr lohnende Eisklettertour, meiner Meinung nach eine der besten Routen in diesem Grad in der Schweiz. Das liegt daran, dass es sich hier um einen anhaltend steilen Fall mit ausgesetzter Linie handelt, welche sich dann doch vergleichsweise einfach bewältigen lässt. Mit dem kompakten Eisschild in L1, der steilen Mauer in L2, dem bouldrigen Schleichweg in L3 und der Eisblüten-Traverse mit luftigem Säulenaussstieg in L4 wird einem sehr viel Abwechslung geboten. Ebenso steht der Eisfall an einem spannenden Ort, in einem Kessel mit gelb-orange-roten Felsen. Ein weiterer Pluspunkt ist die Tatsache, dass hier (bis auf das Zusammenstürzen der ganzen Struktur) praktisch keine objektiven Gefahren drohen. Bei Sonnenschein steht der Fall bis in den frühen Nachmittag hinein in der Sonne. Somit dürfte die Saison spätestens Ende Februar jeweils zu Ende sein, Vorsicht bei Sonnenschein und Wärme! Während man mit einer 500m-Horizontaltraverse zum Weg nach Alp Nursera ohne Probleme zu Fuss absteigen kann, scheint das problemlose Abseilen hier logischer. Wer will, findet links und rechts der Hauptlinie noch weitere Möglichkeiten (jeweils 1-2 SL lang, Schwierigkeiten von WI3-WI5).

Montag, 3. März 2014

Skitour Gletscherhorn (3107m)

Das Wochenende davor hatte uns auf den Geschmack gebracht und nachdem erneut gute Tourenbedingungen angesagt waren, sollte es gleich nochmals eine tolle Skitour geben. Lawinenlage und Wetterbericht gaben dieses Mal die eine oder andere Knacknuss zu lösen. Gefragt war ein Ausgangspunkt in den inneren Alpen mit genügend Ausgangs- und Gipfelhöhe, um dem kompakten Wolkendeckel Paroli zu bieten. Bedretto, Urseren, Splügen/Hinterrhein und das Avers sind dabei die einigermassen rasch erreichbaren Destinationen. Weil bei den ersten drei aufgrund der grossen Neuschneemengen und einem verschärften 'erheblich' nur eine eingeschränkte Tourenwahl zur Verfügung stand, sollte es also ins Avers gehen.

Hinein geht's ins Bergalga, optimal gespurt.
Mit ein bisschen Karten-Engineering tat sich dann auch gleich noch eine interessante Möglichkeit auf. Statt vom Parkplatz beim Loretsch Hus unterhalb Juppa (ca. 1980m) die 2km ins Bergalga hinein zum P.2029 zu watscheln, kann man diesen auch bequem mit einer Fahrt per Skilift (9 CHF pro Person) und einer ersten 510hm-Abfahrt erreichen. Die zu befahrenden SE-Hänge sind ideal geneigt, mit einer perfekten Schicht Pulver waren sie auch versehen und selbst zeitlich legt man gegenüber dem Direktaufstieg kaum etwas drauf - was will man mehr!? Nun galt es jedoch aufzufellen und hinein ging es ins Bergalga. Während über dem Haupttal noch einige Nebelschwaden hingen, war der Himmel gegen Süden komplett offen und wir genossen schon da strahlenden Sonnenschein. In gemütlichem Marsch ging es links vom Bach (orografisch rechts!) auf der Langlaufloipe zum Olta Stofel (P.2074). 

Fantastische Stimmungen beim Aufstieg, der übrigens auf der ganzen Strecke besonnt ist.
Ab da war die Spur zu legen, aber wir als Eltern haben da den entscheidenden Vorteil, sowieso nicht früh unterwegs zu sein, und andere die strenge Arbeit machen zu lassen. Wobei man sagen muss, dass echt schon der Aufstieg in dieser frisch und tief mit bestem Pulverschnee verschneiten Landschaft ein Hochgenuss war. Die Schneekristalle funkelten nur so um die Wette, dennoch waren die Temperaturen angenehm und erlaubten einen Aufstieg im T-Shirt. Nach dem Zwipf erhöhte ich dann die Kadenz etwas, heimlich mit einem Abstecher zum Piz Predarossa (3083m) liebäugelnd. Doch der Aufstieg von der Scharte P.2987 wäre eine echte Knacknuss, ohne alpine Ausrüstung absolut undenkbar. So ergötzte ich mich ab der tollen Aussicht ins Bergell und Berninagebiet und entschied mich schliesslich, ein Stück über die sehr einladenden Hänge nach Süden abzufahren, und danach über den E-Grat auf den Gipfel aufzusteigen. Wohl kalkuliert würde ich da zeitgleich mit meinen Begleiterinnen eintreffen.

Im Aufstieg zum Gletscherhorn, es geht zum Sattel leicht links der Bildmitte, und über den 35 Grad Hang nach rechts zum Top.
Die First Line in diese weiten, unberührten Hänge zu legen war der Hammer, der Aufstieg danach stimmungsvoll. Doch wo blieben denn die beiden Girls? Ich meinte, den Nordrücken beständig einsehen zu können, doch sie blieben unsichtbar - bis wir 20m vor dem Gipfel unverhofft aufeinander trafen. Tatsächlich, dieser Abstecher war wohl kalkuliert! So konnten wir Rast und Aussicht gemeinsam geniessen, und in Vorfreude auf die Abfahrt schwelgen. Diese hielt tatsächlich alle Superlative, tiefer Powder von bester Qualität und dazu Platz à discretion für eigene Linien. Selbst die letzten 4km retour durchs flache Bergalga waren weit weniger schlimm als befürchtet. Mit einem gewachsten Ski reichen ein paar Stockstösse und Skatingschritte aus, um dieses Teilstück in 10-15 Minuten zu bewältigen, meistens läuft es nämlich "von selbst". Was will man da noch mehr? Richtig, ein kühles Getränkt und einen Marronikuchen im Hotel Bergalga, das sollte man nach dieser Tour keinesfalls verpassen!

Tout simplement fantastique! Auf sowas haben wir monatelang gewartet.
Facts

Gletscherhorn (3107m) ab Loretsch Hus (ca. 1980m) bei Juppa/Avers
Schwierigkeit ZS, 1130hm Aufstieg, ca. 3-4 Stunden
Link zur Karte mit unserer Route: klick!