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Donnerstag, 10. November 2022

Avegno / Torbeccio - Zufolandia (7b)

Nach dem tollen Klettertag in ihrer Schwester Anima Ribelle im Dezember 2021 waren wir gleichzeitig hoch motiviert wie auch gespannt, was uns wohl in der ca. 50m weiter rechts durch die Wand verlaufenden Zufolandia erwarten würde. Diese wurde im 2003, d.h. 1 Jahr vor der Anima Ribelle fertiggestellt, war dereinst mehr im Gespräch und hat bestimmt häufiger von Kletterteams Besuch erhalten. Allerdings ist sie auch schon seit Jahren in Vergessenheit geraten und wird in den heutigen Topos nicht mehr aufgeführt. Ein einziger Internetbericht von 2015 berichtet von einer Begehung bei wuchernder Vegetation, auch der Erschliesser hatte uns in ähnlicher Hinsicht Bedenken gemeldet. Davon wollten wir uns nicht abhalten lassen, an solchen Orten selber nachzuschauen und auf Schatzsuche zu gehen ist ja umso spannender. Es wurde tatsächlich ein bisweilen grüner Klettertag, der aber auch tolle Moves bereithielt.

Sicht auf die Wand von Torbeccio mit dem Verlauf der Zufolandia.

Tageszeitlich hielten wir uns an den Zeitplan vom letzten Mal, wo die Sonne um Punkt 9.30 Uhr am Wandfuss erschienen war. Das war aber 6 Wochen später im Jahr, als wir heuer wenige Minuten nach 9.00 Uhr beim Ausgangspunkt eintrafen, war die Wand bereits hell erleuchtet. Dank den mit 14 Grad mild angesagten Temperaturen war es aber kein Problem, auf diese Weise schon kostbare Sonnenstrahlen verschenkt zu haben. Wir machten uns auf den kurzen Zustieg über die Hängebrücke und hinauf zum Wandfuss. Exakt da wo der Zustiegspfad zum Underzero-Sektor auf den Wandfuss trifft, beginnt das marode Fixseil. Es führt leicht rechtshaltend über ~35m hinauf zum Einstieg. Wohlweislich hatte ich Gartenschere und Baumsäge mit eingepackt, doch was sich uns hier präsentierte, war noch weit schlimmer wie angenommen.

Pic of the Day! Die Zustiegsrampe komplett überwuchert, ohne Werkzeug unpassierbar 😂

Der ganze Zustieg war dick mit Gestrüpp und Brombeerdornen überwuchert. Ohne die Gartenwerkzeuge wäre es nicht möglich gewesen, überhaupt zum Einstieg zu kommen. Auch mit diesen Hilfsmitteln war es eine ziemlich undankbare und vor allem zeitaufwändige Sache, bis alles genügend freigeschnitten und passierbar war. Ebenfalls sehr nützlich wären dornenfeste Schutzkleidung und vor allem Handschuhe gewesen - die Alternative dazu waren manche Kratzer, etwas Blutzoll und einige lautstarke Verwünschungen der stachligen Flora. Also definitiv Type II Fun, rückblickend betrachtet war es irgendwie doch noch cool ;-) Wir setzten in dieser Passage übrigens auf Seilsicherung, das Gelände ist doch exponiert und das Fixseil bedenklich verrottet. Nach einer guten Stunde an "Zustieg" hatten wir den leidlich bequemen Platz am Start der Route erreicht und starteten um 10.30 Uhr mit der Kletterei.

Nachstieg zum Start der Route - sieht zwar nicht so aus, aber da ist das Grünzeug schon geräumt!

L1, 25m, 6c+: Auf los geht's los! Man trifft von Beginn weg auf interessante Kletterei in recht kompakten Fels mit Schuppen, Rissspuren und kleinen Rippen. Die Sache spitzt sich im oberen Teil zu, man finde die rettenden Slots im Riss zwischen den spriessenden Grasbüscheln. Der Fels hat etwas Brösmeli-Belag, ist aber ansonsten völlig in Ordnung. 

Lässige Kletterei in L1 (6c+), im Vergleich zum Rest noch kaum botanisch.

L2, 20m, 7b: Diese Seillänge beginnt mit einer coolen Steilplatte, die mit ein paar weit voneinander entfernt liegenden Leisten gewürzt ist. Gewusst (oder erkannt) wie ist hier der Trumpf, ein paar gekonnte Aufsteher der Schlüssel zur freien Passage. In einer Rechtsquerung pirscht man sich an eine steilere Zone heran, wo man alsbald auf die Crux trifft. Diese erfordert gute Fusskontrolle und vor allem viel Beinkraft. Mit Compression tritt man auf einem abschüssigen Reibungstritt an und muss dann aus sehr tiefem Kniewinkel kontrolliert und die offene Tür vermeidend das Bein strecken, um die rettende Leiste zu erhaschen. Mir fehlte da die nötige Leg Power deutlich, beim Ex-Leichtathleten Viktor sah es wohl deutlich besser aus, doch auch ihm gelang der Move nicht ganz. Bald darauf erreicht man den Stand, somit ist diese Länge etwas ein One-Mover - aber doch hart für 7b, die Sportkletterroute Baby Aspis (7b) am Wandfuss ist jedenfalls nach meiner Ansicht um Welten einfacher. Der Fels ist in dieser Seillänge weitgehend vegetationsfrei und von guter Qualität. Teils hat es etwas Brösmelibelag und Moos, das würde sich sicher bessern, wenn mehr geklettert würde.

Knifflige Wandkletterei in L2 (7b), sehr eng geboltet.

L3, 30m, 7a: Meiner Meinung nach die schönste Seillänge der Route! Sie bietet viel Abwechslung, sowie sauberen und kaum von der Vegetation durchsetzten Fels. Die Reise beginnt mit einem unscheinbar aussehenden, aber durchaus kniffligen Seitgriffboulder. Eine weitere Tüftelpassage endet mit einem "Crossing the Midline"-Move an eine gute Schuppe, bevor eine witzige Untergriffquerung die letzte Verteidigungslinie vor dem finalen, athletischen Teilstück darstellt. Dieses an meist guten Seitgriffen hoch, das mässige Trittangebot macht es fordernd. Die Crux ist der Ausstieg ins weniger steile Gelände darob, wobei der Stand schon da und geklippt ist, wenn man das zu 85-90% erledigt hat. Wer sportlich einwandfrei punkten will, müsste fast bis zum ersten Zwischenhaken von L4 weiterklettern.

L3 (7a) ist eine coole Seillänge, die v.l.n.r. die bewachsenen Zonen geschickt umgeht.

L4, 20m, 6b+: Ab hier ist die Sache nicht mehr so erbaulich, das sieht man auf den allerersten Blick. Eigentlich wären die Moves an einer Kante, bzw. bisweilen deren linke Verschneidung nutzend durchaus witzig. Jedoch ist der Fels von unzähligen Flechten überzogen, so ist die Reibung miserabel und man findet teilweise kaum Halt. Dass überall noch Grasbüschel spriessen, macht es auch nicht besser, jedoch stören diese im Vergleich zu den Flechten nicht halb so stark.

Hier in L4 (6b+) sind die weissen Flechten das Hauptproblem...

L5, 30m, 6b: Die schlechte Nachricht ist, dass es bezüglich der Vegetation noch schlimmer wird. Diese Seillänge gleicht nun echt einem Gemüsegarten und ist komplett mit Gras und Sträuchern überwuchert. Allerdings, das muss man den Erschliessern schon zu Gute halten: die Route wählt hier durchaus die bestmögliche Passage, grob einer Kante entlang. Direkt auf dieser ist der Fels auch ok, daneben gibt es aber auch schlechteres Gestein und sogar auch Blöcke, die man in die Tiefe senden könnte (Vorsicht!!!). Am Ende kann man nur konstatieren, dass es eine ziemlich aussergewöhnliche Sache war. Um dem gerecht zu werden, sollte man vielleicht besser mit einem T7+ (oder so...) bewerten, ein paar nichttriviale Moves die der 6b gerecht werden gibt's durchaus. Immerhin ist die Absicherung eng (wenn man die Bolts im Gestrüpp alle findet).

À la Willhelm Tell: "Durch dieses Gestrüpp muss er kommen". In der herzhaft vegetativen L5 (6b).

L6, 30m, 7b: Glücklicherweise wird der Fels wieder deutlich kompakter. Auch legt das Gelände wieder an Steilheit zu, doch de visu würde man dieser Seillänge vom Stand aus keine 7b attestieren. Es kann nur bedeuten, dass es weniger bzw. schlechtere Griffe und Reibung hat, wie man es erwartet. Genau so kommt es. Der Auftakt an einer kurzen Piazverschneidung geht noch easy, die folgende Wandstufe hat dann aber nur abschüssige (Seitgriff-)Leisten und miese Tritte, die wegen dem Flechtenbelag grausam rutschig sind. Nach einem Ruhepunkt folgt eine längere, knifflige Passage einer Kante entlang. Auch hier ist man stark von Slopern/Reibung abhängig, die aber einfach miserabel ist. Insgesamt ein unschöner Abschnitt, eine freie Begehung gelang uns nicht, aber meine Motivation dafür war ehrlich gesagt auch sehr schnell verflogen.

In L7 (7b) hat es weniger Gras, dafür stört der Flechtenbelag bei dieser Art der Kletterei sehr.

L7, 30m, 7a+: Wer in den unschönen L4-L6 durchgehalten hat, wird hier nochmals mit einer lässigen Pitch belohnt. Sie beginnt mit einer kniffligen Plattentraverse in bester "Modern Style Bouldering"-Manier. Ein klitzekleiner Untergriff, wo man mit den Daumen nach oben presst, ein paar sonstige Ministrukturen und vor allem geschickte Gewichtsverlagerung auf Reibungstritten machen die Passage möglich - geil! Das bringt einen zur markanten Verschneidung. Diese ist vorerst nicht allzu schwierig und auch etwas bewachsen, wobei dies nicht allzu störend ist, da man meist im sauberen Fels ausspreizt. Die Struktur endet mit einem Abschlussdach, welches athletisch an Rissen mit ein paar wohldosierten Klemmern passiert werden muss - sehr hübsch! Bald darauf ist Stand, endlich einmal einer der halbwegs bequem ist.

Ausstieg aus der noch coolen und nicht extrem botanischen L7 (7a+) - naja, nicht wirklich sichtbar.

L8, 20m, 6c: Eine kurze Seillänge, aber VORSICHT! Gleich oberhalb vom Stand hat es eine Schuppe (2m hoch x 1.5m breit x 0.3m dick), die kaum mit der Wand verwachsen ist. Die Stelle ist leider kaum zu passieren, ohne dass man diese Struktur benutzt, zudem steckt auch noch BH #2 darin. Eines ist sicher, wenn diese Schuppe kommt, dann sieht es für die ganze Seilschaft sehr schlecht aus (ganz egal, ob der Bolt geklippt ist oder nicht). Nach diesem Hindernis wartet vorerst die Passage eines Feigenbaums, der den ansetzenden Riss weitverzweigt blockiert. Die nächste Challenge erfolgt in Form eines ca. 1m ausladenden Dachs, dank einem sauberen Faustriss geht das aber tatsächlich erstaunlich gut und durchaus im angegebenen Grad. Kurz darauf erreicht man den leider sehr unbequemen Stand, da wäre es 2m weiter oben deutlich besser gegangen.

Faustrissdach mit leicht botanischem Ausstieg (im Vergleich zum Rest der Route) in L8, 6c.

L9, 25m, 7a+: In dieser Seillänge existieren 2 Varianten, die linke davon soll eine 7c sein, während man rechts mit 7ab (Originaltopo der Erstbegeher) bzw. 7a+ (SAC-Führer, Ausgabe 2006) durchkommt. Aus dem linken Riss spriessen viele Grasbüschel, zudem sieht die Absicherung deutlich weiter aus als alles, was wir bisher erlebt haben. Und da wir die 7c eh kaum werden klettern können, setzen wir lieber auf die rechte Variante. Allerdings ist diese total zugewachsen: aus dem Riss spriessen mehrere zu richtigen Bäumen entwickelte Birken und haufenweise Gras. Eine Herausforderung der anderen Art also... nach dem Motto "alles gilt" kämpfe ich mich nach oben. Die Bolts stecken wohl etwas enger als auf der linken Variante, aber sie sind auch weiter voneinander entfernt wie auf den unteren Längen. An einer Stelle bin ich sogar echt froh, einen Camalot 2 platzieren zu können. Schliesslich ist das Routenende erreicht. Dieses befindet sich noch mitten in der Wand an einem super unbequemen Platz mitten im überhängenden Gelände. Sehr antiklimaktisch also, aber der Riss läuft da eben aus und der Fels wird obermoosig, daher ist es schon ein logischer Endpunkt. Ich bitte Viktor, mich gleich wieder zum unteren Stand abzulassen, der immerhin nur "sehr unbequem" ist. Er, der Riss-Liebhaber kämpft sich mit jeder Körperfaser im bisweilen breiten Riss klemmend tatsächlich rotpunkt bis zum Stand durch und befindet die Seillänge als 'easy for the grade' - jedem Tierchen sein Plaisirchen, kann man da nur sagen ;-)

Baum-, Gras- und Felskletterei am breiten Riss in L9 (7a+).

Um 16.30 Uhr und damit nach rund 6:00 Stunden Kletterei haben wir es geschafft. Es war ein Erlebnis der anderen Art, aber irgendwie muss man diese Abwechslung ja schätzen, sonst würde es irgendwann auch langweilig. Ganz sicher aber waren wir gefordert, und um das Meistern der Herausforderung geht es ja beim Klettern. Ebenso waren auch schöne Klettermoves dabei, kein Grund also, um unzufrieden zu sein. Die Route ist mit 30m-Abseilstellen ausgerüstet, so sind aber viele Manöver nötig. In weiser Voraussicht haben wir die 60m-Halbseile dabei. Damit reicht es in 4 Manövern gerade bis auf den Boden, wobei sich die letzte Teilstrecke mit dem dornengespickten Vorbau als lästig erweist. Der diagonalen Zustiegsrampe zu folgen ist abseilend eher schwierig, so dass es nochmals ein paar zusätzliche Kratzer und lautstarke Fluchworte absetzt. Schliesslich stehen wir aber auf dem Boden, das Seil kommt zum Glück auch ohne Verhänger zu uns. Es dunkelt schon ein, wir packen zusammen und machen uns vom Acker. Tja, nun bleibt uns in dieser Wand noch die obskure Bala Balengo - ob sich das wohl lohnt, oder ob wir an Ort und Stelle besser auf einen Sportklettertag im Sektor Underzero setzen?!? Wie 99.99999% des Klettervolks diese Frage beantworten, wissen wir ja... Wie unsere Antwort ausfällt, wird die Zukunft zeigen 😎

Facts

Avegno / Torbeccio - Zufolandia 7b (6b+ obl.) - 9 SL, 220m - Bassi/Stein 2003 - **;xxxxx
Material: 2x60m-Seile, 15 Express, evtl. Camalot 2

Von der absolut lohnenden Anima Ribelle 50m links begeistert, stiegen wir voller Hoffnung in diese Route ein. Sie ist aber deutlich weniger schön und lohnend als ihre Schwester. Die besten Passagen findet man auf den ersten 3 SL, nachher wird das Gelände zunehmend von der Vegetation durchsetzt. Es spriessen viel Gras und Sträucher, dies auch unmittelbar auf der Linie, dort wo der Fels geschlossener ist, ist er oft echt störend flechtig und man trifft nur noch auf einzelne, lohnende Kletterstellen. Das tönt jetzt wie ein vernichtendes Urteil und ist möglicherweise der definitive Todesstoss für die sowieso schon fast vergessene Route. Nun ja, ein Abenteuer in Talnähe, welches grundsätzlich fast ganzjährig begehbar wäre, ist es auf jeden Fall. Zu beachten ist, dass vom 1.1.-15.9. ein Kletterverzicht aufgrund von Vogelschutz gilt. Das Material mit rostfreien BH ist noch top in Schuss und steckt in hoher Dichte. Obligatorische Passagen gibt es kaum, vermutlich käme auch ein 6a-Kletterer mit A0 bis zum Top. Das macht freilich keinen Sinn, eine 7a sollte man schon gut drauf haben, damit man hier auch noch etwas Kletterspass hat. Unten das Originaltopo der Erschliesser, vielen herzlichen Dank für eure Arbeit. Auch wenn wir der Route (und v.a. ihrem jetzigen Zustand) nicht das beste Zeugnis ausstellen, so ist das kein Angriff auf die Erstbegeher - wie immer wissen wir ihre Arbeit sehr zu schätzen!

Das Originaltopo der Erschliesser - vielen herzlichen Dank!


Montag, 7. November 2022

Quergang Team Boulder Event 2022

Schon im Vorjahr waren wir bei dieser Veranstaltung dabei und es hatte enorm Spass gemacht: tolle Boulder, guter Spirit, familiäre Atmosphäre und nicht zuletzt waren wir auch noch erfolgreich. Diese Erfahrung wollten wir gerne wiederholen. Im Vorfeld gab es einige Diskussionen um die Team-Zusammensetzung, doch schliesslich traten wir im bewährten Team Lanciamira mit Mutter, Vater und Tochter an.

Unser Reserveathlet - für dieses Mal. Wenn's so weitergeht, wird's für Mama aber bald "gefährlich".

Die Qualifikation umfasste dieses Mal 31 Probleme, für welche ~2:45h Zeit zur Verfügung standen. Der Modus war gleich wie bei der letzten Austragung: 1 Punkt für das erste Team-Top, je 2 Punkte für die folgenden. Es war also wiederum erstrebenswert, dass möglichst die ganze Familie sich das Top sichern konnte. Mir gelang das ziemlich gut, 29x konnte ich den Schlussgriff kontrollieren und damit 'beweisen', dass mein Spaziergang im Fluebrig-Massiv der Boulderleistung nicht abträglich war. Larina sammelte 26 Tops, wobei sie bei den 3 mir gegenüber fehlenden absolut entschuldigt ist: 1x vertikaler Sprung, 2x dynamisches Problem mit Moves auf die Seite wo Spannweite deutlich hilft. Die weniger boulderaffine Mama blieb da doch ein bisschen hinter uns zurück. Schliesslich reichte es gerade knapp, um auf Rang 3 und damit als letztes Team in den Final einzuziehen. Aber, liebe Kathrin, die Diskussionen um die Team-Zusammensetzung werden nach dieser Performance beim nächsten Mal bestimmt nicht weniger intensiv geführt ;-)

Der Finalboulder für Kathrin, da schwierig mit dem Motto "lieber sie als ich" ;-)

Im Final gibt es 3 Boulder, wobei jedes Team selber bestimmen darf, wer wo antritt. Ein vertikales Problem mit abschüssigsten Sloper-Crimps und hohen Füssen schien wie für Larina gemacht. Diese Einschätzung erwies sich als absolut richtig. Wie letztes Jahr konnte sie ihren Finalboulder souverän und als einzige flashen - famose Performance! Für Daddy gab's eine auch nicht extrem athletische Aufgabe an Slopern. Die Zone ging im Flash, das Top hingegen nach einem harten Fight vor die Hunde. Und mit der von diesem Versuch induzierten Plattheit ging's auch danach nicht mehr. Für Kathrin blieb schliesslich ein sehr athletischer Boulder, mit Sprung und Toe-Catch zu Beginn. Der schien (und war) für sie wenig realistisch, dasselbe galt jedoch auch für Larina und mich - so blieb für Mama nach demokratischen Richtlinien nichts anderes übrig, als das Opferlamm zu spielen.

Miserable Slimpers, extrem hohe und schlechte Füsse. Larinas Finalboulder, für mich bockhart.

So wie der Final lief, waren wir uns im Lauf des letzten Boulders dem Sieg gewiss, da unsere Performance von 1T2z nur noch mit grösserer Anzahl an Versuchen egalisiert, aber nicht mehr übertroffen werden konnte. Bei der Siegerehrung merkten wir dann aber, dass bei Gleichstand in der Finalwertung nicht wie üblich die Versuche zählten, sondern Countback auf die Quali-Resultate gemacht wurde. Somit waren wir dann nur Zweite. Spielt aber überhaupt keine Rolle, hier stand ja der Spass im Vordergrund. Zudem hätten sich sämtliche Diskussionen erübrigt, wenn der Autor seinen Boulder getoppt hätte... die Aftersession zeigte, dass dies mit der richtigen Beta möglich war. Allerdings war diese überhaupt nicht offensichtlich, auch die gemeinsamen Bemühungen nach dem Final fruchteten erst, nachdem uns der Schrauber auf ein entscheidendes Detail hinwies. Tja so geht's, etwas gelernt, viel Spass gehabt - ein toller Event, wir freuen uns auf's nächste Mal!

Härter und vor allem kniffliger wie man meinen könnte: Daddys Finalboulder.

Donnerstag, 3. November 2022

Wändlispitz-Traverse

Wer auf der Suche nach gehobener Kletterkost ist, mag ob diesem Beitrag vielleicht die Nase rümpfen. Kann man machen, muss man aber nicht: es kommt bestimmt der Tag, wo die Griffel schon müde sind oder für eine bevorstehende Session geschont werden müssen. Und dann lässt sich am Wändlispitz im Fluebrig-Massiv mit der Überschreitung von Schäferweg im Aufstieg und dem SE-Grat im Abstieg eine interessante und landschaftlich absolut lohnende Tour erleben. Für mich persönlich wurde der Ausflug von einem sehr schönen Gleitschirmflug gekrönt. Im perfekt anstehenden SW-Wind liess es sich in der Gipfelregion nach Belieben soaren und das Top überhöhen.

Wändlispitz vom P.1972, aus dieser Perspektive kaum zu glauben, dass man den vom Gipfel sich nach rechts herunterziehenden SE-Grat problemlos seilfrei begehen kann. Die Schwierigkeiten liegen bei ca. T5, II.

Meine Hauptmotivation für die Tour war der Fact, dass wir uns zum ab 16 Uhr stattfindenden Team-Boulder-Event im Quergang eingeschrieben hatten. Draussen herrschte tolles und rekordwarmes Herbstwetter. Irgendwie zu schade, um bis 16 Uhr einfach zu "warten", aber Klettern und die Kräfte schon verpulvern schien auch nicht das Richtige. Um 9.00 Uhr lief ich beim Klubhaus der Golfanlage im Ochsenboden P.933 los, der Strasse entlang gibt's Berggänger-Parkplätze. Schon über 26 Jahre ist es her, seit ich dem Weg nach Unterwand das letzte Mal begangen hatte. Für die Erstbegehung des Direkten S-Pfeilers (5 SL, 6a+) waren wir damals unterwegs, seither kam ich nie mehr vorbei.

Bei den Hütten von Unterwand (ca. 1430m) mit Blick auf die Wändliflue.

Die Abzweigung von der Waldstrasse bei P.1161 hin zum wenig markanten Pfad, welcher zu den Hütten auf ~1430m führt, ist leicht zu verpassen. Zwei markante Blechrohre talseitig der Strasse sind ein Indikator, sonst hilft die Kartennavigation. Bei den Hütten eröffnet sich der Blick auf die langgezogene Wändliflue, ebenso ist auch die Rampe des Schäferwegs schon prominent sichtbar. Von den Hütten führt eine klar erkennbare, teils markierte Wegspur dahin. Um sie aufzugreifen, quert man von der oberen Hütte horizontal nach links ca. 50m zu einigen Steinen, an welchen sich die erste Markierung befindet. Ab da gelangt man ohne Orientierungs- und Geländeschwierigkeiten zur Leiter am Einstieg des Schäferwegs (1515m).

Blick auf die hier stark verkürzt erscheinende Rampe vom Schäferweg. Der Einstieg befindet sich in der Grotte mittig am rechten Bildrand.

Diese hinauf (die 2.5m hohe, überhängende Stufe gäbe einen nichttrivialen Boulder her), dann ~10m weiter über plattigen Fels (Fixseil, Eisen als Tritte, bei trockenen Verhältnissen sind die Hilfsmittel nicht nötig). Bald einmal steht man wieder im Grasgelände. Es ist gut gestuft und hat ordentliche Trittspuren. Auch wenn sich die Passage vor allem zu Beginn eindrücklich luftig über einem Felsabbruch befindet, so war es doch viel einfacher, wie die kolportierte T6-Bewertung es mich im Voraus vermuten liess. Für diejenigen, die es brauchen hat es in dieser Passage auch 3 gebohrte Standplätze und einige Zwischensicherungen. Bald einmal legt sich das Gelände zurück, auf Wegspuren geht's die Rampe hinauf zu deren Ausstieg auf 1615m.

Leiter beim Einstieg, die Stufe geht frei, aber nicht trivial (ca. 6b/6c-Kletterstelle).

Nun wandert man über die nach WNW ausgerichtete Gipfelabdachung, eigentlich immer direkt an der Abbruchkante der Wändliflue. Es hat Wegspuren und ist unschwierig, offeriert aber immer wieder tolle Tiefblicke in die Flue, ebenso wie Weitblicke in die Gegend vom Sihlsee. Bald einmal kommt das Gipfelkreuz (1971m) in Sicht, einige Minuten nach 11.00 Uhr hatte ich dieses erreicht, wobei ich den Puls beim Wandern im Schonmodus bewusst nie in die Höhe getrieben hatte. Bei der Rast am Top klingelte das Handy. Ein telefonischer Beratungstermin für meine Tochter war gefragt, welche sich beim Kleidereinkauf befand. Wir Männer wissen ja, dass sich solche Dinge immer in die Länge ziehen und so war es auch hier.

Panorama auf dem Wändlispitz-Rücken, links der Sihlsee, rechts die Gipfel von Diethelm und Wändlispitz.

Meine Geduld für derlei Dinge war am Ende. So legte ich zwar nicht auf, sondern beschloss schon einmal mit dem Abstieg über den SE-Grat (T6,II) zu beginnen. Mit solcherlei Unterhaltung fallen Diskussionen mit Teenies um Klamotten deutlich leichter, ich kann es also nur empfehlen. Man kann nun unken, dass man auf einer T6-Route erstens die Hände frei haben und zweitens die Konzentration aufrecht erhalten sollte. Ersteres war dank Lautsprecherfunktion kein Thema, zweiteres auch nicht so gravierend, da auch hier die Schwierigkeiten doch merklich tiefer lagen wie erwartet. Vielerorts braucht es kaum die Hände, und höchst selten bzw. nur für ganz wenige Stellen heisst es mit beiden Pfoten zuzupacken.

Das eine der beiden Felsenfenster am Fuss des Wändlispitz SE-Grat.

Bald einmal war ich schon am Fuss des Grates bei den eindrücklichen Felsenfenstern (die Kleider waren inzwischen gekauft und mein Konto damit belastet ;-)). Da ich gut in der Zeit lag, wollte ich noch einen Erkundungsgang Richtung Südpfeiler unternehmen. Ob man nämlich vom Fuss des SE-Grats der Wand entlang querend zum Einstieg gelangen könnte, liess sich mit Luftbildern und den mir zur Verfügung stehenden Fotos nicht zweifelsfrei klären. Doch es geht, absolut problemlos sogar, und so stand ich wenig später am Punkt, wo wir damals den Bohrer angesetzt hatten. Hey, nur zu gerne wäre ich jetzt gleich stantepede in die Route eingestiegen, um meine verblassten Erinnerungen wieder aufzufrischen.

Kurz vor dem Gump, idealer, südausgerichteter Startplatz bei P.1949

Das war weder vernünftig noch möglich. Also lief ich zurück zu den Felsenfenstern, stieg zum namenlosen Gipfel P.1972 auf. Dessen Südseite ist unangenehm steil für einen Gleitschirmstart, doch etwas unterhalb dem Übergang von P.1949 sichtete ich eine prima Möglichkeit. Kurzum war ich da, breitete das Tuch aus und schwang mich in die Lüfte. Wie erwartet ging's aufwärts, an der Südflanke soarend liess sich auch mit dem kleinen Ultraleichtschirm erst der Startplatz, später sogar der von zahlreichen Wanderern besuchte Fluebrig-Gipfel überhöhen. Welch ein Genuss und schöner Tourenabschluss! Zeitig war ich nach einer Stunde Flug zurück im Tal, das ermöglichte mir vor dem anstehenden Wettkampf noch ausreichend Zeit für Verpflegung und Relaxing - perfekt war diese Tour aufgegangen! Über den Team-Boulder-Event berichte ich dann in einem Folgepost...