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Montag, 30. November 2020

Gabchopf - Diä Gääch (6c)

Der Gabchopf ist eine auffällige Felsformation hoch über dem Urnerboden. Er befindet sich noch unterhalb vom Zingelfad, also etwas unterhalb der eigentlichen Jegerstöck. Der Zustieg dahin fordert rund 600hm und bietet ausser weglosem Gelände noch keine grossen Schwierigkeiten, die Routen weisen maximal 150m Länge auf, sind gut abgesichert und wurden in den 2000er-Jahren saniert. Alles in allem heisst das, hier gibt's die Jegerstöck Experience in der Light-Version. Keine Abstriche muss man hingegen bei der Felsqualität machen, die ist nämlich weitgehend exzellent, ja die Routen sind hier eigentlich sogar homogener gut wie in der oberen Etage. Nachdem auch am letzten Novemberwochenende nochmals bestes Bergwetter herrschen sollte, entschieden wir uns für 'Diä Gääch', eine Route die man ja nur schon dem Namen wegen einmal geklettert haben muss. Ob sie wohl ihrem Namen gerecht würde?!? Rein von der Papierform her, mit 5 SL bis maximal 6a+, durfte man das durchaus in Zweifel ziehen...

Oh ja! Temperaturen unter dem Gefrierpunkt und Schnee am Urnerboden (Eis hat es im Moment übrigens  trotzdem keines, ist wohl zu trocken), Sonne und sichtbare Wärme an den Jegerstöcken. Dort hinauf wollen wir also so rasch wie möglich!

Eben früh waren wir nicht unterwegs, um 11.00 Uhr starteten wir beim Hotel Tell auf dem Urnerboden. Aber der Skisprung-Trainingstag startete halt nicht früher - Family Business, wer kennt es nicht. Anyway, so mussten wir halt ein wenig schneller laufen. Das klappte bis nach Zingel (ca. 1750m) prima, die letzten 200hm über weglose Wiesen und Geröll brauchten dann noch etwas mehr Zeit und auch Kraft. Nach einer guten Stunde schirrten wir uns am Sockel vom Gabchopf auf. Die letzten Meter zur Wand hinauf sind dann recht steil, die Querung zum Einstieg von 'Diä Gääch' ist dann zusätzlich noch ziemlich exponiert, da liegt kein Ausrutscher mehr drin (ca. T5). Um 12.30 Uhr ging's mit der Kletterei los - ob all diesen Zeiten könnte man meinen, wir seien im Stress gewesen. Das stimmt aber absolut nicht, wir waren guten Mutes, dass das Timing sich locker ausgehen würde, dazu ganz alleine am Berg, bei goldenem Herbstlicht und perfekten Temperaturen - was will man noch mehr!

Bottom-Up-Sicht auf den Gabchopf mit dem Routenverlauf, durch die Perspektive ziemlich verzerrt. Es wäre gut, einmal mit dem Gleitschirm ein adäquates Wandfoto zu knipsen. Hmm, da hätte ich eigentlich die Gelegenheit dazu gehabt, als ich nach der Rapunzel am Rot Nossen oder der Venus am Läckistock zu Tale geschwebt bin.

L1, 40m, 6b (offiziell 6a+): Der Start noch eher von plattiger Natur in prima Fels, bevor man in einer kleinen Verschneidung auf etwas unzuverlässigeres Gestein trifft. Das ist aber nur ein kurzes Intermezzo, denn sobald geht es tatsächlich rechts in die irre steile Wand hinaus. Beste, wasserzerfressene Leistenkletterei folgt und zehrt an den Kräften, erst für die letzten 10m legt sich die Neigung wieder auf die günstige Seite der Senkrechten zurück. Diese Seillänge ist sicherlich jenseits von nur 'hart' für 6a+, sondern eher im Bereich 6b/+ einzustufen. Die Absicherung ist tadellos, um alle Bolts zu klippen sind 14 Express nötig (und nicht bloss 12 wie in den Topos angegeben).

Nach einer steilen Wand folgt in L1 (6b) noch eine sehr schöne Abschlussplatte.

L2, 30m, 6a+ (offiziell 5c+): Hier wartet eine super Platte, doch schon die ersten Moves aus dem Stand sprengen wie vermutet den Rahmen einer 5c+ deutlich. Auch nachher geht's anhaltend dahin. Super Kletterei, bester Fels, direkt über die Haken spielt sich diese Seillänge im Bereich 6a+/6b ab. Vielleicht ginge es etwas linksrum im weniger kompakten Gelände ringer, was aber freilich keinen Sinn macht. Auch hinauf zum Stand muss man sich nochmals richtig festhalten.

Super Kletterei auch in L2 (6a+). Vermutlich wäre es in deren Mittelteil einfacher, links im grasdurchsetzten Gelände zu klettern. Viel schöner, aber auch schwieriger ist es, konsequent rechts im kompakten Fels zu bleiben. Zum Glück wurden anlässlich der Sanierung die Haken so platziert, dass dies auch einwandfrei möglich ist! 

L3, 20m, 6c (offiziell 6a): Wow, was für eine richtig coole Seillänge. Senkrechte bis leicht überhängende Kletterei an scharfen Tropflöchern führt unter das markante Dach hinauf. Diverse bouldrige Moves sind echt fordernd und die richtige Sequenz will auch erst einmal gefunden werden. Wir konnten das alle 3 mit etwas unterschiedlichen Lösungen flashen. Nach aller Dafürhalten geht diese Sequenz sicher nicht unter 6b+/6c daher! Unter dem Dach quert man dann an einer Hangelschuppe sehr luftig zum exponierten Stand hinüber. Immerhin, dieser Abschnitt ist einfach und darum sowohl im Vor- wie im Nachstieg trotz dem etwas längeren Hakenabstand unbedenklich. Anlass zu Diskussionen hat hingegen die Hangelschuppe selbst geführt. Ich habe von anderen Kletterern gehört, welche diese als unsicher taxiert haben. Natürlich habe ich mich ihr nicht einfach blindlings anvertraut, sondern zuerst angeklopft. Dieses wirklich grosse Stück Fels (ca. 5m breit, 3m hoch, oben 40cm dick) dröhnt tatsächlich etwas. Ich fand es aber unbedenklich und bin mit absolut gutem Gefühl daran geklettert. Wie solide diese Schuppe wirklich ist, bleibt aber natürlich offen... wie immer in den Bergen, man vertraue auf seine eigene Meinung!  

Da fühlt sich jemand zuhause in der vertikalen Welt!

Kathrin hangelt am Corpus Delicti in L3 (6c).

L4, 35m, 6c (offiziell 6a+): Lange Seillänge mit etwas inhomogenen Schwierigkeiten. Der sehr eng gesicherte Wulst gleich zum Auftakt lässt knifflige Moves vermuten. Und ja, während es erst noch geht, konnte ich mich schliesslich nur mit der Brute-Force-Brechstange retten, sprich mit zwei Moves, die eher in eine 7a+ als in eine 6a+ gehören. Aber naja, vielleicht habe ich es schlecht erwischt, doch auch dieser Abschnitt dürfte kaum einfacher als 6b+/6c zu haben sein. Schliesslich folgt gemässigteres Gelände, das einen in die grosse Verschneidung führt. Diese klettert sich dann wie eine ganz brave 6a+, nur beim luftig-athletischen Finish muss man sich nochmals gut festhalten, um das Wandbuch zu erreichen.

Auch zum Schluss von L4 (6c) folgt nochmals eine coole Hangel-Passage.

Wir blättern mit Interesse im Büchlein. In den ersten Jahren nach der Erstbegehung im 1989 gab es einen richtigen Ansturm von lokal kundigen Glarner und Urner Kletterern. Scheinbar wurde dieser Schatz gehütet, denn auswärtige Begehungen gab es damals keine. Die traten erst später auf den Plan, vorerst als einzelne Ausreisser, später dann mit der Publikation im GLclimbs etwas häufiger. Inzwischen hat die Route in den 31 Jahren ihres Bestehens gute 100 Begehungen auf dem Buckel, trotz der Sanierung hat die Frequenz in den letzten Jahren eher abgenommen. Vielleicht mag ihr ja dieser positive Bericht ein neues Leben einhauchen?!? Einzig sicher ist: das Wandbuch ist voll, wir trugen uns auf dem letzten freien Platz der Umschlagrückseite ein. Es mögen die nächsten Besucher ein neues Exemplar mitbringen, Format maximal A6.

Das wär's doch noch, ein Wandbuch wo jeder ein Selfie einkleben muss/darf/kann ;-)

L5, 30m, 6a (offiziell 5c+): Nun denn, vor lauter Geschichte dürfen wir die letzte Seillänge nicht vergessen. Man biegt rechts um die Ecke in etwas ghüdriges Gelände, über welches man ungesichert ebenfalls auf den Gipfel steigen könnte (expo, heikel!). Doch die Route überquert nach dem zweiten BH die Kante nach links auf die Abschlussplatte, die nochmals interessante Moves in etwas glattem, abwärtsgeschichtetem Fels bereithält. Auch hier, für 5c+ ist das kein Geschenk, doch für einmal ist die Bewertung nicht ganz so weit von der Realität entfernt wie in den unteren Seillängen.

Frau Dettling junior auf der Abschlussplatte (L5, 6a), just mit den letzten Sonnenstrahlen.

Mit den letzten Sonnenstrahlen sind wir etwas nach 15.30 Uhr alle auf dem Gipfel, das macht gerade rund 3:00 Stunden an sehr genussvoller und interessanter Kletterei. Wären die Tage ein wenig länger (oder wäre man tageszeitlich früher unterwegs), so liesse sich gut noch eine zweite Route am Gabchopf anhängen, oder wie ich es auch schon gemacht habe, zum Rot Nossen hinaufsteigen und dort noch eine Route angreifen (ca. 15 Minuten, T5). Für uns heisst es hingegen Abseilen. Dafür sind 4 Manöver fällig, den Station nach L3 kann/muss man auslassen, allerdings muss jener von L2 angependelt werden - die Wand ist überhängend und der Stand ist etwas seitlich versetzt. Immerhin ist so auch auf dem Rückweg für etwas Spannung gesorgt. Am Einstieg trödeln wir nicht mehr lange, packen unsere Sachen und machen uns auf die Suche nach dem feinkörnigen Geröll, über welches wir möglichst bequem auf die Alp Zingel abfahren können. Das gelingt ganz ordentlich. Nun heisst es noch zum Urnerboden absteigen, ein toller Vollmondaufgang sorgt für geniale Bergstimmung. Ein paar Minuten nach 17.00 Uhr sind wir retour beim Hotel Tell, das Timing ging also perfekt auf, ohne dass wir die Stirnlampe hätten zücken müssen. Bald auf dem Heimweg tauchen wir in die Dunkelheit und eine dicke Nebelsuppe. Die Erinnerungen an diesen goldigen Spätherbsttag sind so aber nur umso mehr wert!

Der Geröllhaldensprint sollte doch eigentlich olympische Disziplin werden ;-)

Facts

Gabchopf - Dia Gääch 6c (6a+ obl) - 5 SL,  150m - Furter/Vogel 1989 - ***;xxxx

Material: 2x50m-Seile, 14 Express, Cams/Keile nicht nötig

Schöne, steile und eindrückliche Kletterei, die ihrem Namen absolut gerecht wird. Allerdings sollte man sich hier wie aufgrund der offiziellen Topos zu vermuten auf eine gemütliche Plaisirroute einstellen, sondern auf alpines Sportklettern. Dieses kriegt man in meist bestem Fels geboten, die für den Klausenpass üblichen Ausreisser mit minderer Felsqualität beziehen sich auf wenige Meter. Seit der Sanierung in den 2000er-Jahren ist die Route fair und solide abgesichert. Einziger Wermutstropfen: die inzwischen verpönten, originalen Sondi-Ringhaken der Erstbegeher wurden alle belassen, somit klettert man die schwierigsten Moves an den schlechtesten Bolts. Passt aber dank der üppigen Absicherung schon. Alles in allem dank der sonnigen Lage auf ca. 1950m ein tolles Ziel für sehr früh oder sehr spät in der Saison. Ein schematisches Topo und Infos zu weiteren Routen am Berg findet man im SAC-Kletterführer Glarnerland.

Dienstag, 24. November 2020

Churfirsten - Pro Specie Rara (7a+, 4 SL, Erstbegehung)

Die westliche Südwand am Frümsel ist ein bisher wenig beachtetes Stück Fels. Sie liegt ein wenig verborgen im komplexen System der zahlreichen Nebengipfel in diesem Massiv und ist nur aus der Luft sowie allenfalls vom Gipfel des benachbarten Silberi so richtig gut einsehbar. Im Jahr 2000 hatte das Duo Wälti/Angst mit der Ameghino (8a, 4 SL) eine erste Route durch die Wand gelegt und damit auch den achten Franzosengrad an den Churfirsten eingeführt. Daniel hatte mir von bestem Tropflochfels, wild wendenmässig überhängendem Fels und der Gelegenheit für eine Neutour vorgeschwärmt. Genau dies wollten wir an einem Tag Mitte November probieren, nach Möglichkeit in Form einer 1-Tages-Erstbegehung. Was daraus geworden ist, darüber wird an dieser Stelle berichtet...

Das Frümsel-Massiv mit Routenverlauf und Zustiegsmöglichkeiten. Foto: Alpin_Rise @ hikr.org

Zustieg

Für den Zugang stehen gleich mehrere Möglichkeiten zur Verfügung. Man kann einerseits von Süden (Walenstadtberg/Hochrugg, 1290m) unter den Silberi hinaufsteigen und dann steil und exponiert im T6-Gelände durch die Silbergrube, idealerweise etwas  rechts ausholend, zur Wand hinaufsteigen. Die besten Schliche sind in diesem hikr-Beitrag beschrieben. Einfacher und kürzer ist der Zugang von Norden. Als Ausgangspunkt wird in der Literatur die Alp Torloch (1786m) beschrieben. Nur eine sehr schmale, steile und nicht asphaltierte Strasse führt dorthin. Es gibt jedoch kaum Parkmöglichkeiten, während der Alpzeit stört man den Betrieb und muss damit rechnen, dass das Vieh das Fahrzeug beschädigt. Somit ist es die bessere Option, entweder schon bei P.1561 zu starten und den Wanderweg via Brisizimmer zu nutzen, oder die Parkmöglichkeit kurz vor P.1598 zu wählen. Hinweis: die Strasse dahin ist taxpflichtig (10 CHF in Münzen bereithalten). 

Will man von Norden zu Fuss zum Einstieg, so ist P. 1561 der richtige Ausgangspunkt und die Scharte zwischen Frümsel und Brisi, bzw. der Bereich wenig unter dem Einstieg der Frümselkante das Ziel. Von dort über ein exponiertes Grasband unter den Felsen südseitig queren, hinter einem Turm durch und über Schrofen zur Wand hinauf (T5+, Bericht und Foto auf hikr.org). Eine sehr gute, ja sogar die einfachste Möglichkeit besteht darin, die Route im Verdon-Prinzip zu klettern. Dazu geht man am besten von P.1598 nach Torloch, nimmt man den Wanderweg zum Frümsel, verlässt diesen 20hm unter dem Gipfel und quert horizontal nach Westen. Mit ein paar Kletterzügen geht's über eine Abbruchkante hinunter, wenig später erreicht man die Graskuppe des westlichen Frümsel-Nebengipfels (insgesamt T4). Nur 5m unterhalb befindet sich gut sichtbar der Ausstiegsstand. In 3 steilen, ja wild überhängenden Abseilmanövern (siehe Topo) erreicht man den Einstieg.

Morgenstimmung auf dem Gipfel!

An dieser Stelle ca. 20-25hm unter dem Gipfel steigt man vom Frümsel-Rücken mit ein paar Kletterzügen in nicht exponiertem Gelände über die Felsstufe hinunter, um danach in wenigen Schritten zum westlichen Nebengipfel (Standort des Fotografen) mit dem Ausstieg der Pro Specie Rara zu gelangen. Im Hintergrund der Säntis. 

Der Zustieg von oben bietet eine steile, wilde Abseilfahrt, vermeidet dafür steiles Grasgelände.

Route

Wir waren um 7.45 Uhr von Torloch aufgebrochen und hatten in 45 Minuten den Frümsel-Nebengipfel erreicht. Für uns war der Zugang von oben absolut logisch, da wir so nochmals einen Blick auf den geplanten Routenverlauf werfen konnten. Am Gipfel trafen uns die ersten Sonnenstrahlen, mit etwas Wind war es aber durchaus noch frisch. Einmal am Einstieg konnten wir uns aber den Kleiderschichten wieder entledigen. Hier war es angenehm und wie wir es vermutet hatten, präsentiert sich die Wand als  ein ideales Ziel für Spätherbsttage - Sonnenschein gibt's hier von früh bis ultimo. Nachdem wir das Bohrgear sortiert und die Haulbags gepackt hatten, stiegen wir um 10.00 Uhr ein.

L1, 35m, 6b: Die Route startet am selben Punkt/Stand wie Ameghino, zieht dann aber diagonal nach rechts hinaus. Die allerersten Meter noch nicht das Gelbe vom Ei, wird der Fels bald kompakt und wartet schon am zweiten BH mit einer technisch-kniffligen Stelle auf. Aus der Patsche hilft schliesslich ein Wunderwerk der Natur. Da war es, das "Supertropfloch", welches Thomas Wälti auf S.110 im Buch "Churfirsten - über die 7 Berge" von Emil Zopfi so schön beschreibt. Weiter geht's mit griffigen Rissen, die wir komplett mobil absichern konnten und clean belassen haben (Keile und/oder Cams 0.3-3). Am drohenden Dach geht's rechts vorbei und schliesslich einfacher zum Stand.

Das Projekt ist gestartet, unterwegs in L1 (6b), bald an den clean belassenen Rissen.

L2, 30m, 6b+: Über plattigen Fels geht's an die Steilzone heran, wo bald wieder prima Steilfels wartet. Ohne mutig zu Cliffen war das nicht einzubohren, zum Klettern sind sicherlich nicht ganz so ausgefeilte Tricks nötig, auch wenn man über ein paar Meter durchaus dranbleiben muss! Nach einer kurzen Verschnaufpause folgt eine knifflige Linksquerung, bevor es an einem Damoklesschwert vorbei (bitte vor Ort lassen!) zum bequemen Stand auf dem Mittelband geht. Hier befindet sich auch die Gamelle mit dem Routenbuch. Diese Seillänge ist komplett eingebohrt, dazulegen ist kaum möglich.

Man at work in L2 (6b+), oben droht definitiv das steile Gemäuer!

L3, 40m, 6b+: Vielleicht das Herzstück der Route, auf jeden Fall die wesentliche Motivation um dieses Projekt anzupacken! Hier wartet nämlich ein Riss, welcher die stark überhängende Wand durchzieht. Dank seinem Verlauf kommt man für die Steilheit des Geländes mit erstaunlich moderater Schwierigkeit durch. Der Auftakt noch in der Wand und im 6b-Bereich in scharfem Fels. Dann der Riss, der sich als wahres Highlight entpuppt. Erstens bestens mobil abzusichern (natürlich haben wir ihn clean belassen!) und zweitens mit aussergewöhnlichen Handklemmern. Ja, dass man im Kalk auf diese Weise jammen kann, ist (zumindest für die Region) doch sehr aussergewöhnlich, Crack Gloves sind auf jeden Fall empfehlenswert! Dieses ganze Setup hat natürlich auch zum Routennamen inspiriert. Zuletzt dann 2x um die Ecke und über die wasserzerfressene Platte zum Stand. Zur mobilen Sicherung kommt man hier mit 1 Set Cams 0.3-3 plus allenfalls Keilen durch, sofern man in überhängend-athletischer Jam-Kletterei nicht mehr Sicherungen legt, wie wenn es Bolts hätte. Die Grössen 0.4-2 zu verdoppeln, kann sicher hilfreich sein. Wer möchte, kann den Riss wohl komplett technisch begehen. Ein Wort noch zur Bewertung: bei der RP-Begehung bzw. auf dem offiziellen Topo schlug das Churfirsten-o-Meter nur bis auf 6b+ aus, mir persönlich kam es beim Durchstieg als Seilzweiter am Bohrtag eher wie eine 6c+ vor - time will tell...

Das Herzstück, der Jam-Riss in L3 (6b+) hilft durch die stark überhängende Wand.

Bester Tropflochfels im Ausstieg von L3 (6b+)

L4, 35m, 7a+: Der Riss in L3 das Highlight, die überhängende Wand in L4 dafür die Challenge. Athletische Kletterei in wasserzerfressenem Fels an Auflegern, Seitgriffen, Leisten und Rissspuren wartet. Pumpig und technisch fordernd zugleich, auch zu lesen ist die Sequenz nicht sonderlich einfach. So befanden wir es jedenfalls. Nach 20 anstrengenden Metern legt sich das Gelände zurück, einfacher geht's hinauf und nach dem 6. BH nach links in ein paar Metern Traverse zum Ausstiegstand der Ameghino, welcher den besten Zugang zum Gipfel vermittelt. Zu Beginn und zwischen dem 4./5. Bolt kann man hier die Sicherungssituation noch mit kleinen Cams und/oder Keilen verbessern. Hinweis: die letzte Seillänge kann auch über Ameghino umgangen werden. Dazu hält man sich beim letzten BH in L3 wenige Meter nach links an deren Stand. So ergibt sich ein (auf dem Papier) moderat schwieriger Wanddurchstieg mit sehr homogener Einstufung im Bereich 6b+.

L4 (7a+) ist steil und pumpig, so musste beim Bohren mit Schichtwechsel gearbeitet werden.

Die Gegenperspektive in L4 (7a+) - würde man sagen, es sei an den Wenden, es wäre glaubhaft!

Um 16.45 Uhr erreichten wir 'just in time' mit dem Sonnenuntergang den Gipfel. Wow, was für ein Erlebnis in diesem wunderbaren Herbstlicht, mit einer tollen Neutour in der Tasche und dem Gefühl, das gesteckte Ziel der 1-Tages-Erstbegehung realisiert zu haben. Geholfen haben uns dabei die gut 50m, welche komplett mobil abgesichert werden können, so dass wir bzw. die Route mit total nur 24 BH auskommt. Andererseits waren manche Bolts im überhängenden Steilgelände zu setzen, was immer wieder eine fordernde Sache ist. Ja, an den Bammel beim erstmaligen Belasten von ein paar Cliff- und/oder Pecker-Placements zum Bohren werde ich mich sicher noch lange erinnern - always gives me the creeps! 

Perfektes Timing - Erstbegehung vollendet 'just in time' mit dem Sonnenuntergang!

Magische Momente am Top - auch mit dem Panoramamodus nur schwierig einzufangen!

Während der Vorsteiger also zum Bohren und auch zum Rasten nach der Hakenplatzierung jeweils technische Hilfsmittel nutzen musste, konnte der jeweilige Nachsteiger die Seillängen frei durchsteigen. Somit war also auch die Befreiung eigentlich schon geglückt. Den endgültigen Abschluss des Projekts vollzog Daniel dann 4 Tage später zusammen mit Thomas Wälti mit einer durchgehenden RP-Begehung im Vorstieg. Der Autor hatte arbeitsbedingt leider keine Zeit, um bei diesem Event dabei zu sein und sich ebenfalls die Punkte gutschreiben zu können. Somit muss diese Pendenz wohl auf die kommende Saison (oder später einmal) verschoben werden. Am Bohrtag blieb uns noch der Abstieg über den Frümsel-Wanderweg nach Torloch. Obwohl nicht weit, war es schon dunkel bis wir da waren. Es verblieb noch, das Chaos in unseren Haulbags vor dem Alpstall wieder zu bereinigen, dann ging's hochzufrieden nach Hause zu unseren Familien in die warme Stube.

Was für ein Tag, was für ein Erlebnis!

Facts

Frümsel - Pro Specie Rara 7a+ (6c obl.) - 4 SL, 140m - Benz/Dettling 2020

Material: 2x50m, 12-14 Express, Cams 0.3-3 plus evtl. 0.4-2 & Keile zusätzlich, Crack Gloves

Eher kurze, aber eindrückliche und lohnende Route durch die steile, westliche Südwand am Frümsel. Im Angebot stehen Steilplatten, athletische Tropflochkletterei und längere Passagen an hervorragenden Jam-Rissen, die clean belassen wurden. Diese sind mit Cams und allenfalls Keilen prima abzusichern, die Wandpassagen sind solide mit Inox-Bohrhaken eingebohrt, so dass der Sicherungslevel mit den mobilen Gerätschaften die Stufe xxxx erreicht. Wessen Kletterhunger für mehr als 140m reicht, findet mit der benachbarten Ameghino, der Frümselkante, Sibir oder Anchorage weitere, ähnlich lange Routen am Berg, so dass einem ausgefüllten Tag nichts im Wege steht.

Das Topo zur Pro Specie Rara!


Freitag, 20. November 2020

The Ultimate Climbing Test

Naja, manchmal hat man nichts Besseres zu tun oder die Behörden befehlen einem, dass man nicht Besseres zu tun habe (nicht für uns, aber für manche Leser mag dies zutreffen...). Wie auch immer, als Magnus Midtbø sein Video mit dem ultimativen Kletterfertigkeitstest publiziert hatte, machten wir uns ans Ausprobieren. Wir hatten viel Spass dabei! Und ich muss sagen, dafür dass es nur gerade 4 Übungen sind, so stimmten die Scores doch erstaunlich genau mit unserem Klettervermögen überein. Check it out, vielleicht habt ihr ja auch Freude an dieser Spielerei.

Damit ihr nicht das ganze (wenn auch unterhaltende) halbstündige Video ansehen müsst, hier die einzelnen auszuführenden Übungen für den Test. Vielleicht ist aber das Verstehen der verwendeten Fachsprache auch nicht ganz so trivial ;-)

  • 1 RM 5s Half Crimp Max Hang in % Body Weight
  • 1 RM Pull-Up in % Body Weight
  • L-Sit or Front Lever Time to Failure
  • 2 Arm Bar Hang Time to Failure
Wie die Leistungen in Punkte umgemünzt werden und welcher Gesamtscore welchem Schwierigkeitsgrad entspricht, ist auf YouTube in der Beschreibung zum Video angegeben. Alternativ findet man auch ein schon vorbereitetes Spreadsheet. Persönlich konnte ich für 8a scoren, geklettert bin ich effektiv schon ein bisschen mehr. Das ist sicherlich möglich, schlussendlich habe ich es auch jahrelang darauf angelegt, Routen gerade noch knapp hinaufzukommen, die an der absoluten Grenze meines physischen Potenzials waren. Der andere Fall (weniger Kletterleistung als der Score verspricht) ist aber sicher typischer, denn trotz physischer Stärke fällt einem ein Projekt am Limit ja nicht einfach zu, da muss man dann schon entsprechend Zeit und Energie (v.a. auch mentale) investieren. Ein paar Dinge sind mir beim Test aufgefallen:
  • Am schwächsten war ich in der Finger Strength, da hat mich sogar meine Frau deutlich geschlagen (sowohl relativ als auch in absoluter Zuladung). Und dies obwohl es beim Klettern kaum je einen Griff gibt, den sie halten kann aber ich nicht, der umgekehrte Fall tritt deutlich häufiger auf. Aber mit diesen kleinen, glatt-glitschigen Holzleisten kann ich einfach wenig anfangen, gerade mit langen Fingern und weicher Haut ist das einfach sooo hart (<-- a.d.R: dafür ist er in den Ausreden richtig gut und verdient mindestens 9 Punkte ;-))
  • Die Progression vom L-Sit zum Front Lever dünkt mich ziemlich happig. Die Zeit für 6 Punkte beim L-Sit kann ich problemlos erfüllen, ja sogar weit übertreffen. Von der Wertung für 7 Punkte mit einem sauberen 5s Front Lever mit gestreckten Armen bin ich dann aber gefühlt weit, weit weg.
  • Die unangenehmste Übung ist eindeutig das minutenlange, zweiarmige Hängen an der Stange. Erst fühlt sich das noch ganz kommod an, doch bald wird es einfach schmerzhaft und es artet zum puren, ja richtig ekligen Durchbeissen aus. Denke diese Übung würde man viel besser an einer drehbaren Stange (Turntillburn) machen, das gäbe repräsentativere Resultate und würde weniger Leidensfähigkeit erfordern. Ah ja, und bei diesem Exercise waren Kathrin und ich schlechter wie unsere beiden Kinder... könnte darauf hindeuten, dass die Sache vielleicht auch ein wenig gewichtsabhängig ist?!?
  • Den Gesamtscore durch Addition zu bestimmen ist wohl eher nicht die sinnvollste Aggregation. 3x10 und 1x0 ergäbe eine 30 (entspricht 8c-Niveau), mit einem Nuller in der Fingerkraft ist das aber komplett unrealistisch. Erreicht man den Gesamtscore von 30 mit 7+8+7+8, so stehen die Chancen 8c zu punkten sicher massiv besser. Multiplikativ zu aggregieren wäre sicher geeigneter, das belohnt dann jene, die sehr ausgeglichen bzw. nirgendwo schlecht sind (trifft auf mich persönlich zu).
  • Ich habe noch ein wenig die Kommentare gesichtet, wo andere über ihre Tests berichten. Natürlich gibt es manche, die stark wären, aber ihr Potenzial (noch?) nicht ausgeschöpft haben, aus welchen Gründen auch immer. Auffallend ist auch, dass viele Underperformer beim Ausdauertest stark abfallen - hat fürs Routenklettern sicher etwas, solange man zwar nicht so stark ist, sich aber im Zweifelsfall noch ewig festkrallen kann, so hilft das mancherorts sicherlich schon einmal ziemlich viel (trifft auf mich persönlich zu).