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Mittwoch, 10. März 2021

Skitour Piz Timun (3211m)

Gefahrenstufe 'gering' so etwas sollten wir öfters haben! Wie man allenthalben hören und lesen konnte, war es zwar um das Skivergnügen nicht mehr um das Beste bestellt, aber dafür standen Tür und Tor offen um steile und/oder exotische Ziele anzugehen, was mir dann doch viel mehr bedeutet als ein paar schöne Pulverschwünge. Wetter- und organisationsbedingt sollte es in die Gegend von Mittelbünden bis nach San Bernardino gehen. Selbst ohne lange zu studieren waren subito über 20 interessante Ziele auf der Liste. Tja, wie schon geschrieben, man sollte einfach häufiger dazu kommen, sie auch wirklich abzu'arbeiten'. Quasi in letzter Minute schwenkten wir dann noch auf den Piz Timun als Ziel um, da mein Tourenpartner die ganze Woche in den Bündner Bergen unterwegs gewesen war und in den Nordhängen um besseren Schnee wusste als südseitig. 

Der ideale Ausflug für Sonnencrème-Allergiker!

Unterwegs zum Piz Timun, klassisches Skitourengelände mit steiler Gipfelflanke.

Etwas unterhalb der Hauptstrasse beim Werkhof in Innerferrera stehen ca. 8 kostenlose Parkplätze zur Verfügung, dort startete unsere Tour am Sonntagmorgen bei frischen Bedingungen. Zuerst geht man auf der aperen Strasse über die Rheinbrücke (P.1466) zur Sägerei, wo wir schliesslich um ca. 7.00 Uhr losliefen. Über die ersten beiden Kehren (150hm) war der Alpweg gepfadet und infolgedessen teilweise zur Eisbahn geworden, anderswo auch schon aper. Doch wir konnten, uns wo nötig an den Rand haltend, alles mit den Ski an den Füssen passieren. Zuerst geht's dann weiter durch den Wald aufwärts, ab P.1781 dann auf hartgefrorenem Schnee und etwas rumpligen Spuren ins flache, verlassene Val Niemet. Hier war noch tiefer Winter, auf der Westseite des Berges liefen wir im Schatten, so dass man zusammen mit dem schneidigen Bergwind gerne 1-2 Kleiderschichten mehr als in einem Aufstieg üblich montierte.

Im eher flachen Val Niemet entfernt man sich von der Zivilisation und kommt in eine einsame Gegend.

Nach rund 1.5 Stunden hatten wir die 6km/600hm "Zustieg" geschafft, bei Cuort Viglia (P.2053) war es Zeit für eine Pause und den Abzweiger hinauf Richtung Gipfel, den wir kurz davor auch das erste Mal zu Gesicht erhalten hatten. Die Aufstiegsbedingungen waren weiterhin gut, d.h. die Schneedecke tragend und meist griffig, nur manchmal mit einer rutschigen Pulverauflage bedeckt. Nachdem man mit einem grossen "S" auf 2500m aufgestiegen ist, biegt man auf die lange Zielgerade ein. Durch eine Mulde geht's gegen den verkümmernden Glatscher da Niemet hin, ein sehr attraktives Skigelände. Und während man auf dieser Tour lange viel Strecke aber wenig Berg macht, so ist es dann am Ende genau andersrum. Die Hänge hinauf gegen die Lücke bei 3100m erreichen gute 40 Grad und sind mit Felsstufen durchsetzt. Dank griffigem Schnee konnte ich mit den Harscheisen bis dorthin und noch etwas weiter hinauf zum Skidepot  bei den Felsen am Grat fellen (3130m, ca. 3:45h vom Tal), wo mir endlich das erste Mal die Sonne ins Gesicht schien. Mein Tourenpartner und zwei weitere Tourengänger, die gleichzeitig unterwegs waren, setzten für diese ganze Flanke auf einen Bootpack, was dank trittigem Schnee auch gut ging.

Das Foto ist zwar vom Abstieg, zeigt aber den Gipfelaufstieg mit der nordseitigen Umgehung.

Mit montierten Steigeisen und Pickel zur Hand umging ich die Felsen in der Nordflanke, falls nötig könnte man sie auch direkt erkraxeln (schwieriger, umständlicher). Nachher ist es nur noch ein Katzensprung über den harmlosen Grat hinauf zum mit einem Kreuz geschmückten Gipfel. Dieser liegt ja bekanntlich auf der Landesgrenze, in Bella Italia war es zum Glück angenehm warm - sprich südseitig, vor der zügigen Brise geschützt mit einem sonnengewärmten Fels im Rücken ging sich komfortabel eine längere Gipfelrast aus, wo der vom Aufstieg fehlende Teint im Gesicht nachgeholt werden konnte. Notabene mit sehr schönem Blick ins Valle di Lei und die tollen Hänge des Pizzo Stella, die mir auch schon eine sehr schöne Skitour beschert hatten. Auch sonst wird die Tour mit einem tollen Panorama belohnt, der Piz Timun zählt in Sachen Schartenhöhe und Dominanz je zu den Top 60 der Schweiz, ist also ein ziemlich isolierter Gipfel, ja der höchste Punkt der gesamten südlichen Averser Berge. Um 11.45 Uhr gingen wir talwärts (die Quarantäne beim Übertritt der Landesgrenze schenkten wir uns ;-)). Wenn man unbedingt wollte, so könnte man die Bretter schon am oder unmittelbar unter dem Gipfel anschnallen und direkt über die 45 Grad steile NE-Flanke abfahren. Doch mit dem etwas unregelmässigen Schnee sowie hier und da hervortretenden Felsen versprach das wenig Genuss bzw. nur unnötiges Risiko, denn wegen Felsriegeln in der Flanke wäre ein Sturz definitiv ein ungünstiges Szenario.

Die letzten Meter zum Top auf 3211m sind unschwierig zu begehen.

Da, von weit unten im bewaldeten Tal kamen wir her. Man legt eine beachtliche Strecke zurück!

Bei der Abfahrt vom Skidepot bzw. der Lücke ist das Gelände gutmütiger, aber 40 Grad sind es auch da und die direkte Linie wird von 10m hohen Felsstufen abgeschlossen, sicheres Skikönnen ist  unerlässlich. Doch die Verhältnisse passten und das Selbstvertrauen stellte sich rasch ein. Weiter unten auf dem nun weniger steilen Gletscher kam dann sogar richtiger Fahrgenuss auf. Es gab eine leicht pulvrige Auflage bei kompakter Unterlage. Natürlich kein stiebender 50cm Powpow, aber definitiv ohne Mühsal und mit Spass befahrbar, sprich viel besser wie wir das a priori vermutet hatten. Vom Buckel P.2523 wählten wir dann nicht die lange Querung der Aufstiegsroute, sondern fuhren direkt über die 30-Grad-Hänge nach Cuort Viglia. Für die Abfahrt sicher die bessere Variante, eine kurze Stelle erreicht 40 Grad, aber das ist alles problemlos befahrbar. Nun hiess es noch, das Tal hinauszufahren. Dank noch schnellem Schnee waren nur hier und da ein paar Stockstösse nötig. Nach der (von oben) ersten Kehre auf 1700m hält man sich dann in die Schneise 'Gold il Stretg' hinaus, hier gab's noch schönen Sulzschnee und vor allem vermeidet man so das apere/eisige unterste Strassenstück. Ein paar Minuten nach 13.00 Uhr waren wir sehr happy über die gelungene Tour retour beim Ausgangspunkt. Es blieb nur noch die Aufgabe, ein wenig talaufwärts nachzusehen, ob der Thron schon das zeitliche gesegnet hatte. Das war der Fall, zum Eisklettern kommen wir also frühestens nächsten Winter wieder ins Tal, für Skitouren lohnt es sich aber bestimmt noch mehrere Wochen lang!

Ready to roll - bei der Position des Akteurs befindet sich das logische Skidepot.

Kein Top-Powder, aber doch gute Skibedingungen, egal bei welcher Frequenz & Amplitude.

Facts

Piz Timun (3211m) ab Innerferrera, 1800hm, Ski-Schwierigkeit S
Material: Skitourenausrüstung mit Harscheisen, Steigeisen & Pickel, Sicherungsmaterial nicht nötig

Samstag, 6. März 2021

Speroni di Ponte Brolla - Zombi & Quarzo (6a)

Die Kinder äusserten den Wunsch, wieder einmal ins Tessin zu gehen und insbesondere eine plattige MSL zu klettern. Nun, auch auf der Alpennordseite herrschte bestes Wetter mit idealen Kletter- und Tourenbedingungen. (von der Schneequalität einmal abgesehen...) Doch Argumente à la "wir können jetzt nicht ins Tessin, weil hier schönes Wetter ist und wir Skifahren sollten" hatten vor den Kindern keinen Bestand. Naja, wenn man es sich genau überlegt, sind sie ja auch etwas absurd. Wobei, ganz zu vernachlässigen ist der "Ätsch"-Faktor von einem sonnigen Tessintrip wenn es im Norden Bindfäden regnet ja dann doch auch wieder nicht. Aber wir taten was wir tun mussten und fuhren durch den Gotthard in den Süden. 

Da kommt sie gerade aus der Cruxlänge der Quarzo (L10, 6a), unten die Platten mit dem Routenverlauf gut sichtbar.

Die Quarzo an den Speroni di Ponte Brolla ist sicher eine der bekanntesten und begehrtesten Plaisirrouten in der Schweiz. Sehr homogen im Bereich 5b (mit einer kurzen 6a-Crux, A0 möglich) klettert man hier über 12 Seillängen und 350 Klettermeter in bestem Gneis - unten über strukturierte Platten, oben dann über steilere, gutgriffige Aufschwünge. In meinen Kletter-Urzeiten vor bald 30 Jahren war ich hier schon einmal unterwegs - naja, das ist schon beinahe verjährt. Gerade deswegen wählten wir im unteren Routenteil die unmittelbar benachbarte Zombi (5a), da sich so für mich noch ein zusätzlicher Tick einer MSL- und Plaisir-Selection-Route ergab und die Sache mit Kindervorstieg und begrenztem Nachmittags-Zeitbudget noch etwas schneller vorangehen sollte. 

Auf den Platten der Zombie (L6, 4c), ein langsames Team eben passiert.

Zuerst gilt es jedoch, den Zustieg zu meistern. Der Pfad beginnt unmittelbar bei der markanten Eisenbrücke über die Maggia (vom Ende der Brücke die Strasse überqueren und ca. 20m talauswärts gehen, ca. 12 kostenlose Parkplätze vorhanden). Der deutliche Weg führt zu den Zielscheiben des Schiessstandes hin, hält sich aber unmittelbar davor links. Im Zickzack geht's den Wald hinauf zu einem Strommast, danach kurze Querung und nochmals 30hm weiter hinauf. Das ist alles gut zu finden, erst am Ende ist nochmals etwas Spürsinn nötig, da man auf undeutlichen Spuren nach rechts über ein kleines Bachbett zum Einstieg auf ca. 410m quert - an den tiefsten Felsen ist man richtig (Link für Karte). Für die total 150hm brauchten wir bei gut vorhandenem Auftrieb gerade 15 Minuten. Für alle die gerne mit Karte und GPS navigieren ist noch zu erwähnen, dass die bei SwissTopo eingezeichnete Wegspur sich zu weit links befindet, d.h. nicht korrekt vermerkt ist (Stand März 2021). 

Unterwegs in L1 (5a) der Zombie, die gleich die Crux darstellt - im bewährten Parallel-Stil.

Um 13.30 Uhr hatten wir alles bereit, d.h. die Kinder stiegen in die Zombi (5a) ein. Unser Plan war es, in bewährter Strategie mit 2 Seilschaften parallel/gleichzeitig auf der Route zu klettern. So musste niemand warten und das klappte formidabel. Die erste Seillänge ist mit 5a gleich die schwierigste und auch die steilste. Die Absicherung mit Inox-Bolts ist sehr gut, aber nicht übermässig - die Kids meisterten es perfekt und das Vertrauen in die Reibung und die Fähigkeiten festigte sich zügig. Es folgen nun 6 Seillängen im Grad 4c über die schwarzen Gneisplatten, oft entlang von diagonal verlaufenden Strukturen. Es ist keine langweilige Schleicherei mit stets identischen Bewegungsmustern, sondern es gilt oft, die "richtige" Lösung zu erkennen, wirklich sehr genussvoll. Zu erwähnen ist noch, dass die letzte Zombie-SL (L7) in Sachen Absicherung etwas aus dem Rahmen fällt - hier gibt es 2 längere Runouts von guten 10m, sprich nach dem sonst gesetzten Massstab "fehlen" jeweils 2 Bolts. Die Kletterei ist dort schon etwas einfacher, aber kein simples Gehgelände. Das passt nicht mehr wirklich zu "Plaisir super" und einen Sturz sollte man dort unbedingt vermeiden - dies einfach als Hinweis, wenn wenig routinierte Personen vorsteigen.

Clip & Go in der letzten Länge (L7, 4c) der Zombi, die 2x etwas grössere Abstände aufweist.

Um 16.15 Uhr waren wir am Ende der Zombi. Wegen einer sehr langsamen Seilschaft hatten wir etwas warten müssen und um sie zu überholen, mussten wir auch unseren Parallel-Verbund auflösen. Doch die Kids hatten souverän geführt und es sollte noch Zeit bleiben, um die restlichen 5 Seillängen über die Steilaufschwünge der Quarzo zu klettern. Da aber nur noch 2 Stunden bis zum Einbruch der Dämmerung blieben, änderten wir den Modus leicht. Immer noch Parallel-Kletterei, doch bei der einen Seilschaft übernahm ich den Lead, damit ich Jerome beim Vorsteigen supporten und für grösstmögliche Effizienz an den Ständen sorgen konnte. Der obere Teil beginnt (L8, 5a+) nordseitig mit steiler Wandkletterei an sehr griffigen (bisweilen etwas dumpf tönenden) Schuppen . Wieder auf dem Sporn geht's weiter über griffige Aufschwünge (L9, 5a), wobei man für diesen Grad einige Male rechts gegen die Botanik ausholen muss, ganz direkt ist's etwas schwieriger. Nun folgt die Cruxlänge (L10, 6a): erst an der Kante zu einer geräumigen Terrasse (Zwischenstand zum Abseilen, auslassen!), dann folgt das helle Quarzband. Bei üppigem Bohrhaken- und Griffangebot klettert man elegant durch die Wand zum luftigen Stand, sehr schön! Die folgende Sequenz (L11, 5b) startet mit einem Boulderproblem, bevor es an teils unglaublichen Quarzknubbeln einfacher dahingeht. Zum Schluss (L12, 4b) folgt nach geneigtem Gelände ein kurzer Aufschwung mit griffigen Rissen, gefolgt von einer Querung (Vorsicht, längerer Hakenabstand mit Potenzial für unangenehmen Sturz, tief halten hilft!) zur äusserst bequemen Terrasse am Ausstieg, der sich hier auf ca. 645m befindet.

Der Materialwagen kommt am Ende des Feldes ;-)

Es wäre ein super Platz, um ein wenig zu verweilen, doch die Uhr war bereits auf 18.15 Uhr vorgerückt und das Tageslicht somit langsam aber sicher am Schwinden begriffen. Somit gab's nur einen kurzen Zwipf, ein paar Selfies und den Schuhwechsel, dann hiess es Abmarsch. Die vorhandenen Beschreibungen sind eher rudimentär (z.B. auf dem SAC-Tourenportal, wo auch das Routenende 100hm zu hoch eingezeichnet ist) und man liest online von einem etwas mühsamen Weg durch eine oft nasse Schlucht, wobei sich viele irgendwann abseits der Wegspuren ins Gehölz verkoffert haben. Somit wollte/will ich es versuchen, hier besser zu machen...

Vom letzten Stand über die bequeme Terrasse ca. 15m nach Süden queren und durchs Gras (Wegspuren) ca. 15hm hinauf und bei der ersten sinnvollen Möglichkeit nach rechts hinaus auf den Sporn queren (verblasste, rote Farbpfeile vorhanden). Nun über Felsbänder leicht absteigend südwärts, nach rund 100m kommt man zu Hütten und einem grösseren Haus. Durch diese hindurch (kleiner Wegweiser, Farbpfeile) und weiterhin südwärts querend über oft schlammig-feuchte Stufen absteigen (Wegspuren, teilweise Fixseile) bis man in die beginnende Schlucht kommt (ca. hier). Nun durch diese hinab, zuerst sind eher rechts die besten Wegspuren, später wechselt man auf die linke Seite und verlässt die Schlucht, dort wo sie enger wird sogar nach links hinaus (Wegspuren, teils Steinmänner). Man verbleibt aber immer in der Nähe der Schlucht, bis man schliesslich zum Strommast kommt. Man geht die Treppe runter und folgt dem nun deutlichen Weg (mit nochmals 10hm Anstieg), der zur Via alla Vattagne führt, über welche man zur Hauptstrasse absteigt, Zeitbedarf ca. 45 Minuten.

So hatten wir das bis zum Strommast gemacht... da von dort auch (auf der Karte nicht verzeichnete) Wegspuren direkt hinunter führten und man laut SwissTopo ab dem Reservoir 60hm weiter unten wieder auf einen Weg treffen sollte, wählten wir diese vermeintliche Abkürzung. Es kam wie es kommen musste, die Spuren verloren sich, umgestürzte Bäume und Dornengebüsch stellten sich in den Weg und das schwindende Tageslicht machte es auch nicht einfacher. Starrköpfig gingen wir weiter, navigierten durch das Labyrinth des Windwurfs, verfluchten die Dornen und kletterten im Schein der Lampen über einen kleinen Wasserfall ab, bevor wir schliesslich endlich auf der Hauptstrasse landeten. Tja, da wartete die Plaisirtour am Ende doch noch mit dem Abenteuerfaktor auf. Aber genau das sind doch die Erlebnisse, die wir suchen und die am Ende haften bleiben! 

Und das ist noch "the cherry on the cake" bei dieser Tour! Die Gneisgriffe aus dem Tessin sind zum Trainieren wirklich ideal - Pinches oder wunderbare Leisten, positiv, neutral oder sloprig mit perfekter Textur, d.h. viel mehr Grip wie Plastik- oder Holzgriffe, aber trotzdem keine Hautshredder. Wir haben inzwischen ganz viele davon an unserer Wand, jeder mit einer Erinnerung an eine Tour oder Route verknüpft.

Facts

Speroni di Ponte Brolla - Zombi/Quarzo 6a (5b obl.) - 12 SL, 350m - H. Müller 1989 - *****;xxxx
Material: 12 Express, Seil siehe unten, Keile/Friends nicht nötig & kaum einsetzbar

Weltklasse-Plaisirtour in schöner Umgebung, die unten über strukturierte, schwarze Gneisplatten und oben über helle, griffige Aufschwünge führt. Die Absicherung ist sehr gut, aber nicht übermässig mit soliden Inox-Bohrhaken. Sprich, Potenzial für heikle Stürze gibt es fast nicht, aber um die Route zügig zu klettern, sollte man den Grad 5b doch beherrschen. Die Seillängen sind fast alle ziemlich genau 30m lang. Wer sicher ist, zum Top zu gelangen, kommt mit einem 40m-Einfachseil durch. Um effizienter zu sein, lassen sich mit 60m-Seilen jeweils nach Belieben 2 Längen kombinieren, wobei man dann aber sehr viele Exen mitführen muss, wenn man alle Bolts klippen will. Wobei solche Strategien oft auch durch den erheblichen Andrang an den typischen Ticino-Days bzw. -Weekends ausgebremst werden. Ein Abseilen über die Route ist über eine schlau eingerichtete Piste in 6 Manövern plus etwas Abkraxeln mit 2x50m-Seilen möglich. Bei Andrang ist das aber wenig empfehlenswert und der Fussabstieg ist bestimmt schneller, mit der obigen Beschreibung sollte man ihn nun auch zuverlässig finden. Man beachte aber, dass er nicht am Einstieg vorbeiführt, dort also kein Depot einrichten. Ein Topo findet man im Plaisir Sud, dem SAC-Kletterführer Tessin, dem SAC-Tourenportal und sicher auch in diversen weiteren Quellen.

Mittwoch, 3. März 2021

Sun Rock im Berner Oberland

Für dieses Wochenende war aus speziellem Anlass Damenwahl angesagt. Und diese führte uns ins Berner Oberland an sonnig-warme Felsen. Schon verrückt, diese schnellen Wetterwechsel. Gerade 1 Woche ist es her, seit wir (fast) im Flachland im Eis geklettert sind und von der Haustüre auf Skitouren gingen. Und nun konnte man sich schon den ganzen Tag leicht bekleidet genussvoll am Fels aufhalten, das macht ja dann schon auch richtig Laune. Unsere Destination lautete Interlaken, gelobtes Land mit vielen steilen Felsen, doch für uns leider ausserhalb vom Tagestrip-Range. So konnten wir sogar zwei Gebiete kennenlernen, denen wir bisher noch nie einen Besuch abgestattet hatten.

Brüggetli

Dieses Gebiet befindet sich ca. 350hm über dem Thunersee an sonniger Lage und wurde vor 10-15 Jahren erschlossen. Zugestiegen wird vom Parkplatz der Beatus-Höhlen (5 CHF/Tag, Münzen bereithalten) über den gut markierten Wanderweg. Nachdem man ein Felsband via eine Treppe erklommen hat, geht man noch ca. 50m leicht abwärts weiter, bis ein Trampelpfad steil in den Wald hinaufführt. Ein klapprige Eisenleiter führt auf exponierte, mit Fixseilen gesicherte Bänder, über welche man nach links zum Hauptsektor traversiert (nichts für Kinder!). Auch zum Sichern muss man sich für diverse Routen anbinden, bei andern ist das Gelände grosszügiger und insbesondere gibt's einen bequemen Rastplatz. Das Gebiet ist grundsätzlich sehr sonnig gelegen, einige Routen/Einstiege sind jedoch im Schatten der Bäume, so dass an ganz kalten Tagen vielleicht nicht alle Optionen offenstehen. Geklettert wird in Kalkfels, ähnlich wie man ihn z.B. am Pilatus findet. 

Tolle Stimmung über dem Thunersee am Brüggetli, derweil sich die Sonne hinter dem Niesen verabschiedet.

Angefangen haben wir mit dem Moralapostel (6b+). Der Name kommt nicht von ungefähr, eine Stelle klettert sich an einem flutschigen, gebohrten Loch und auch sonst macht die Route im unteren Teil einen etwas murksigen Eindruck, dafür ist das Finish dann richtig cool. Da war die Fledermaus (6b+) daneben die schönere Aufwärmroute mit abwechslungsreichen Moves an Tropflöchern und einem kräftigeren Finish an einer Seitgriffrippe. Der erste Test folgte in der Vitamino (7a). Hier klettert man anhaltend in einer leicht überhängenden Wand, meist an eher kleinen, dafür positiven Griffen. Diese Prüfung im Onsight bestanden, wagte ich mich in den Drachenzahn (7c). Zu Beginn warten punchy Bouldermoves an Seitgriffen, dann kann man an guten Griffen wieder etwas zu Puste kommen, bevor nochmals ein kniffliger Abschnitt mit weiten Moves an Seitgriffzangen folgt. Im 2nd Go konnte ich durchsteigen und mir den ersten, ambitionierteren Rotpunkt im 2021 sichern.

Schmocken

Dieser schon etwas ältere Klettergarten befindet sich weniger als 1km vom Brüggetli entfernt, aber trotzdem "in einer anderen Welt". Man erreicht ihn vom Beatenberg, konkret vom Altersheim in der Nähe der Niederhorn-Bahn in wenigen Minuten absteigend. Die Beschreibungen vom Zustieg sind gar nicht so präzise, so richtig deutlich Wegspuren gibt's auch nicht, schliesslich gelang es uns aber doch onsight. Der Einstiegsbereich ist richtig bequem (ideal kindertauglich) und sehr sonnig, auch wenn auch hier an ganz kalten Tagen die eine oder andere Route fies im Schatten der Bäume sein mag. Wobei kalte Temperaturen hier nicht schaden: der für die Region typische Kalksandstein wartet mit manch einem glatten Aufleger auf, wo guter Grip sehr hilfreich ist. Berüchtigt ist das Gebiet für seine harten Bewertungen bei überdies gewöhnungsbedürftiger, technisch anspruchsvoller Kletterei. Vielleicht waren wir deshalb fast alleine?

Sandsteinige Formen im Garten von Schmocken am Beatenberg.

Eingeklettert wurde mit Viktors Programm (6b). Die ersten Meter deutlich schwieriger wie es aussieht und bereits ordentlich poliert, später dann lässige, sandsteinige Kletterei. Die Indra (6c) fand ich eine richtige Perle: schieben, stemmen, drücken heisst es in diesem Groove, da kann man wirklich das ganze Bewegungsrepertoire nutzen. Der 7a-Klassiker am Fels ist die Yukon (7a). Auch hier gilt, schon der Start ist deutlich schwieriger, wie man meinen könnte und die Crux fordert dann an runden Seitgriffen und abschüssig-polierten Tritten erst recht. Leider waren zwei entscheidende Seitgriffe noch schlonzig-nass, der Punkt somit leider nicht zu erzielen. Eher unterbewertet kommt das Gloggäspiel (7a) daher: nach gemütlichem Auftakt erfordert die Crux Vertrauen in die Füsse, abgefahrene Moves sowie schlicht und einfach auch Power. Nachher geht's an einer seichten Verschneidung wieder besser voran, bis der Klipp vom Umlenker nochmals tricky ist. Nachdem ich die Griffe in der benachbarten Silester (7c) bereits inspiziert hatte und sie ja eigentlich "gar nicht so schlecht" aussahen, startete ich dort meinen nächsten Go. Der klappte sogleich, 7c im First Go, tolle Sache mit Bouldercrux am markanten Dach.

Epilog

Endlich wieder einmal ausgiebig am Fels, nachdem es für viele Wochen kalt und winterlich mit Bedingungen nur für richtig Hartgesottene gewesen waren! Natürlich, trainiert hatten wir schon daheim und rein nach den messbaren Kriterien wäre eine gute Leistungsfähigkeit durchaus vorhanden gewesen (meinen Test-Score konnte ich jedenfalls gegenüber der letzten Messung erhöhen). Aber trotz langjähriger Erfahrung am Fels schien es mir, dass ich ~2 Monate ohne schwierige Felskletterei dann doch nur schwierig kaschieren konnte. Es fehlt einfach das letzte Quäntchen Effizienz, ein wenig auch das Vertrauen und so verwandelt sich das Plus in den Leistungsparametern rasch in ein Minus in der Gesamtbilanz. Nichts zu klagen jedoch, jetzt kommt ja die Zeit, in welcher man wieder regelmässig Sportklettern kann - so geht's hoffentlich wieder aufwärts :-)