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Freitag, 10. Januar 2020

Jahresrückblick 2019

Jetzt ist das 2019 auch schon wieder rum. Somit also Zeit, um traditionell auf das vergangene Kletterjahr Rückschau zu halten und die markantesten Eckpunkte nochmals Revue passieren zu lassen. Ganz kurz zusammengefasst liest sich das Fazit wie folgt: ruhmreiche Touren mit grosser Aura oder mit Ernst und Risiko behaftete Aktionen im Hochgebirge gab's fast keine. Dafür viel Kletterspass mit der Familie und Freunden, sei es auf MSL-Routen, beim Sportklettern am Fels, an Wettkämpfen oder dem dafür nötigen Indoor-Training. Als Dekoration fehlen ein paar lässige Tage in Schnee und Eis trotzdem nicht - wer's genau wissen möchte, möge weiterlesen.

Sportklettern

Rein quantitativ ist das 2019 mein bisher erfolgreichstes Sportkletterjahr überhaupt. Mir gelangen 178 Routen >=7a, nämlich: 2x 8b, 7x 8a/+, 23x 7c/+, 54x 7b/+ und 92x 7a/+. Das ist mehr als im sehr erfolgreichen 2018. Zugleich gelang mir endlich die Devi (8a) auf der Galerie, für welche ich lange Jahre nicht genug Saft hatte. Somit liegt der Schluss nahe, dass ich mich in der Form des Lebens befinde. Subjektiv macht es mir zwar nicht immer diesen Eindruck. Das liegt wohl einerseits an der Verschiebung der Perspektiven. Egal auf welchem Niveau man klettert, es gibt immer noch eine nächste Route, die gerade ein bisschen zu schwierig ist und genug Strom hat man auch nie ;-) Weitere Highlights des Sportkletterjahrs sind natürlich unsere Trips ins Tessin, die Vogesen, nach Chamonix, ins Engadin, nach Briançon, Kalymnos und ins Val Pennavaire. Nicht geschafft habe ich den Durchstieg einer 8c-Route, die ich im Frühjahr über längere Zeit projektiert hatte. Zwar konnte ich die Tour solide in zwei überlappenden Hälften klettern, aber ganz gereicht hat's doch nie. Somit wäre das Ziel fürs 2020 ja eigentlich gegeben - mal sehen!

Supercoole und extrasteile Sandsteinkletterei in den Vogesen - sehr empfehlenswert!

Wettkämpfe

Die Wettkämpfe haben sich im 2019 zu einem zentralen Aspekt meiner Tätigkeit im Klettern entwickelt. Einerseits selbst als Teilnehmer, andererseits als Coach für die Kinder - an insgesamt 19 Events war mindestens jemand vom Team Dettling dabei. So kam es tatsächlich vor, dass wir an einem strahlend schönen, outdoortauglichen Frühlings- oder Spätsommertag in einer Halle um Podestplätze kämpften. Aber es macht enormen Spass, die Leidenschaft mit der Familie zu teilen und auf den Punkt Vollgas geben zu müssen beim Klettern. Die Erfolge und wohin das alles führen wird, stehen nicht im Zentrum: alles kann, nichts muss. Trotzdem versuchen wir uns natürlich immer möglichst weit vorne in der Rangliste zu platzieren und das gelang im 2019 mit grossem Erfolg. Team Dettling sicherte sich total 23 Podestplätze (alle mind. 4 Stück!!!) und wir gingen nur selten von einem Wettkampf ohne Edelmetall heim. Mir persönlich lief's im 2019 fantastisch, ich konnte total 8x aufs Treppchen steigen und sogar 2 Wettkämpfe gewinnen. War's die Fitness, die Routine oder einfach Glück?!? Wir werden sehen: im 2020 sind wir nach aktuellem Stand wieder voll motiviert im Zirkus dabei und greifen an, wo es etwas zu holen gibt :-)

Ein farbenfrohes Wettkampfjahr 2019 ging zu Ende. Foto: Kletterzentrum Gaswerk

MSL

Trotz ausgiebigem Sport- und Wettkampfklettern ging ich auch noch auf MSL. Und dies im langjährigen Vergleich sogar sehr oft, nämlich total 30x. Exakt die Hälfte dieser MSL-Routen kletterte ich mit meinen Kindern, wobei da inzwischen bereits richtig anspruchsvolle Unternehmen möglich sind. Ein absolutes Jahres-Highlight ist denn auch die MSL-Woche mit meiner Tochter in Chamonix. Jeden Tag konnten wir eine prima MSL-Route vom Stapel lassen, u.a. die fantastischen Eau Rance (6b+) und Venus (6b+). Auch mit erwachsenen Partnern gelangen mir geniale Begehungen. Einzelne hervorzuheben bedeutet andere abzuwerten, dennoch erwähne ich hier Cacciatori di Pareti (7b), Nikita (7b), Pipistrello (7b+), Jimmy (6b+), Trumpfkönig (7a+), Fusion (7b), Braveheart (7a+), Venus (7a+) und Cirrus (7a) speziell. Die meisten dieser Touren sind auf dem Blog bereits wohldokumentiert, einige Beiträge sind aber noch nicht ganz fertig gestellt. Einen solchen wird's zur schlechtesten MSL aller Zeiten (=zumindest jener, die mir in meinem ganzen bisherigen Kletterleben am wenigsten Spass gemacht hat) bestimmt nie geben. Ihr dürft jetzt alle 3x raten, welche das wohl ist. Als Tipp gebe ich noch mit, dass es keine brüchige 3-SL-Tour mit elend langem Zustieg in einem unbekannten Gebiet ist, sondern... pssst, nicht weitersagen.

Auch ein Blog, der noch fehlt... und gleich Anlass für das nächste Ratespiel. Wer erkennt's?

Bohren

Nicht nur zum MSL-Klettern fand ich im 2019 Zeit, sondern auch zum Erschliessen. Auch wenn das auf dem Blog wenig zur Geltung kam, so war es ein sehr erfolgreiches Jahr in dieser Hinsicht. Ich konnte 2 Mehrseillängenrouten einrichten, nämlich die Semi-Trad-Linie Maverik (9 SL, 7a) und die alpine Sportkletterei Dur à Cuire (8 SL, 7b+). Bei beiden fehlen aber noch ein paar Details, darum gibt's noch keine Blogs und Topos. Vielleicht hätte ich den Aufwand auf mich nehmen können, um nochmals alleine hinzugehen und alles wie gewünscht in Ordnung zu bringen. Aber ich bin ja kein Unternehmen, das seine Produkte auf den Markt bringen muss. Somit klettere ich die Routen lieber nächstes Jahr nochmals, bevor sie dann publiziert werden. Auch immer noch in Arbeit ist die Lanciamira, das Bigwall-Projekt mit meiner Tochter. Sie ist inzwischen 11 SL lang im Bereich 6ab mit einer SL 6c. Wir haben extrem viel Freude an diesem Unternehmen, Fortsetzung folgt. Im Klettergarten habe ich auch noch ein paar Eier gelegt, welche noch nicht alle ausgebrütet werden konnten. Zu jenen, wo das Kücken bereits geschlüpft ist, gehören Hibernator (7b+) und Stairway to the Stars (7c+) im Waldsektor der Galerie (da wäre eigentlich wieder einmal ein Topo-Update fällig...) sowie die Pachiderma (7b) in Claro. Vermutlich auch noch nie näher erwähnt habe ich den 1976 Crack (M5) und die Lotterie (M6), zwei Drytool-Routen ganz links auf dem Urnerboden. 

Unterwegs in der Lanciamira, Edition 2019.

Eisklettern, Nordwände & Bergsteigen

Tja, in dieser Rubrik ist nicht allzu viel los. Zum Eisklettern waren die Verhältnisse generell eher bescheiden, insbesondere in der näheren Umgebung. Somit gab es für mich nur einen Mixed-Tag im Urnerboden (mit den beiden bereits erwähnten Neutouren) sowie einen einzigen, längeren Eisfall, nämlich den Allmenalpfall (WI4) in Kandersteg. Immerhin war dieser ein richtiges Highlight! In Sachen Nordwände/Bergsteigen qualifiziert einzig die eindrückliche Durchsteigung der Tödi Westwand direkt aus dem Tal kommend.

Yours truly unterwegs im Allmenalpfall (WI4) in Kandersteg, definitiv eines der Schweizer Eiskletter-Highlights.

Skitouren

Skitouren habe ich im 2019 genau 27 Stück gemacht. Von Januar bis Mitte Februar gab's bei uns daheim im Zürcher Oberland aussergewöhnlich viel und guten Schnee (dafür sogar ausgeprägte Lawinengefahr). Dies erlaubte mir, alle bisher gemachten, lohnenden Touren im Oberland zu wiederholen und auch neue Hügel, Routen und Kombinationen auszuprobieren. Zumindest momentan sieht's gar nicht danach aus, als ob sich das heuer wiederholen würde. Ein paar Mal machte ich auch noch längere und alpinere Skitouren. Herausragend waren der oben bereits erwähnte Tödi und die mit dem Gleitschirm kombinierte Tour auf Rorspitzli & Rothorn.

Kick it in der Tödi Westwand, ein Hybrid zwischen Bergsteigen und Skitouren.
Wer jetzt noch Lust hat, weitere Jahresrückblicke zu lesen, findet hier alle bisher existierenden Ausgaben. Mir verbleibt zum Schluss der Dank an alle meine Tourenpartner im 2019 und insbesondere an meine Familie, die so oft mit dabei war und mich manchmal auch alleine hat ziehen lassen. Auf ein tolles Berg- und Kletterjahr 2020!

Sonntag, 5. Januar 2020

Skin & Fly: Leistchamm (2100m)

Nach der Rückkehr aus den Kletterferien im Süden war die Gelegenheit da, zur Abwechslung wieder einmal die Schweizer Winterlandschaft zu geniessen. Auf eine lange Anfahrt wollte ich verzichten, ebenso auf ein überranntes Tourenziel. Noch dazu sollte es im Aufstieg etwas Sonne geben und ein bisschen Nervenkitzel sollte trotzdem mit von der Partie sein. Als der Weisheit letzter Schluss präsentierte sich schliesslich eine Tour auf den Amdener Leistchamm mit dem Flug-Zeug im Gepäck nach dem Motto...

if (snow == "good") ski else fly

Startplatz auf dem Leistchamm...
Mein Aufstieg startete im Arvenbüel. Auf der markierten Route ging's zusammen mit zahlreichen Schneeschuhwanderern zur Alp Looch. Fleissige Gipfelsammler könnten ab da noch den Flügenspitz mit einbeziehen, aber da war ich früher schon einmal. Wenig später steht man unter der doch einigermassen imposanten Nordflanke des Leistchamm, die bei (allerdings selten anzutreffenden) guten Bedingungen ein paar interessante Abfahrtslinien bieten würde. Über den steilen Nordrücken ging's im Bereich des Sommerwegs dem Gipfel entgegen. Während für den Aufstieg gute Conditions herrschten, schien die Abfahrt wie erwartet eher wenig zu versprechen. Nach rund 90 Minuten Aufstieg hatte ich das Top erreicht. Ein super Panorama und fabelhafte Tiefblicke auf den Walensee warteten - einfach genial!

...und Landeplatz beim Bahnhof Weesen. Der Leistchamm in Bildmitte in weiter Distanz (gut 10km entfernt).
Nachdem auch der Wind passte, legte ich meinen Gleitschirm direkt am Gipfelkreuz aus. Die Kalotte lässt sich gerade schön auf die ebene Gipfelfläche platzieren. Der Pilot oder eben zuerst noch Skifahrer steht allerdings schon am Rand des steileren Abhangs und dann geht's los, den Nordrücken hinunter. Ein wenig Entschlossenheit ist schon nötig, aber dank den guten Bedingungen war's ein Kinderspiel. Dem Westgrat entlang flog ich Richtung Weesen, thermischer Aufwind erleichterte mir die Sache und unter mir zogen gleich 4 Adler gleichzeitig ihre majestätischen Kreise. Doch weiter ging's, wenig später gab's eine für einmal ganz ungewohnte Perspektive auf die Galerie. Diese spendierte mir nochmals Thermik und damit die Möglichkeit, noch ein wenig länger in der Luft zu bleiben. Doch jedes Vergnügen endet einmal, in diesem Fall mit einer Ski-Landung auf der grünen Wiese unmittelbar beim Bahnhof Weesen - ja, das geht im Fall problemlos! 

Sonntag, 22. Dezember 2019

Zervreilahorn - Nanouk (7a+)

Eigentlich waren wir ja gerade erst aus den langen Sommerferien heimgekehrt. Doch zwischen den Ferien und dem Arbeitsalltag stand noch ein Wochenende mit bestem Bergwetter und die Möglichkeit, mit einem motivierten Partner endlich einmal am Zervreilahorn zu klettern - für mich persönlich das letzte der bedeutenden MSL-Gebiete in der Ostschweiz und Graubünden, welches ich zuvor noch nicht besucht hatte. So ging's mit grossem Tatendrang hinauf Richtung Einstieg. Zurück kehrte ich mit einer Fülle von Erlebnissen, einer grossen Begeisterung für den Valser Gneis und einer Begehung der beiden Toprouten Nanouk und Braveheart. Es sollte nicht mein letzter Besuch am Horn gewesen sein...

Unterwegs ins gelobte Land! Die fantastische SE-Wand des Zervreilahorns lockt zum Klettern. Die Nanouk führt ziemlich direkt hinauf zum aus dieser Perspektive höchsten Punkt des Berges.
Über beinahe unendlich viele Kurven erreichten wir schliesslich den Parkplatz bei der Kapelle (P.1984) oberhalb von Zervreila. In weiser Voraussicht hatten wir die Bikes mitgenommen, der Zustieg ans Horn erleichtert sich so doch erheblich. Auf dem Hinweg lassen sich die knapp 3km über die Schotterstrasse bis zum Beginn des Wanderwegs dank Vernichtung von 130 Höhenmetern nämlich in wenigen Minuten zurücklegen, während man zu Fuss doch eine gute halbe Stunde unterwegs wäre. Nachher geht's zu Fuss auf dem Wanderweg Richtung  Furggelti in die Höhe bis zu dieser Stelle auf ca. 2240m (Steinhaufen, Eisenstange mit weiss-rot-weisser Markierung), wo man diesen nach rechts verlässt. Nun folgt man auf einer Pfadspur dem markanten, diagonal verlaufenden Felsband entlang bis zum flachen Boden (Biwakplatz) auf ca. 2400m unter dem Zervreilahorn. Bis hierher hatten wir mit schwerem Gepäck gerade eine gute Stunde gebraucht. Wir deponierten unser Material, genossen erst einmal einen Zmittag und gingen dann inklusive zuletzt etwas Gekraxel und der Querung auf dem SE-Wandband in ca. 15 Minuten hinauf zum Einstieg der Nanouk. Dieser befindet sich bei einem deutlich ausgetretenen Geröllplatz. Es hat auch einen Stand mit 2 BH, die Aufschrift "Nanouk" war hingegen kaum mehr lesbar. Um 12.30 Uhr kletterten wir schliesslich los.

Der Weg ans Zervreilahorn ist nicht eben kurz, dafür befindet man sich "richtig" in den Bergen, abseits der Zivilisation.
Routenbeschreibung

L1, 6a+: Die Route folgt zuerst der markanten Kante, welche mit den gut sichtbaren BH abgesichert ist. Eignet sich ideal als erster Test und Angewöhnung an den Zervreila-Gneis, ich fand's für den Grad doch eine ziemlich fordernde Kletterei. Schliesslich quert man nach rechts (jedoch nicht bis in die grasige Verschneidung), wo ein kurzer, schöner Riss erklommen werden muss (Cams). Zuletzt dann eine ebenso kurze Querung nach rechts zu Stand.

Blick auf den zwar nur kurzen, aber umso schöneren, selber abzusichernden Splitter Crack am Ende von L1 (6a+).
L2, 7a+: Der Dauerpiaz! Es geht aber noch einigermassen moderat los und bald stellt sich auch die Frage, ob man der unten doch ziemlich grasigen Verschneidung konsequent folgen soll oder auch die linke Kante (hier verläuft die antike Fahnenroute) verwendet. Schliesslich muss man dann unvermeidlich in die Verschneidung und passiert ein kleines Dach. Und dann wird aus dem Riss eine nur noch dünne Kante und über die Strecke von 2 BH muss man diese piazend voll zudübeln und auf sehr glattem Fels anlaufen, puh! Das Finish zum Stand hinauf dann weiter anhaltend im Piaz, aber wieder einen Tick einfacher. Glücklicherweise ist die Absicherung mit BH hier tipptopp ausgefallen.

Fast schon El-Cap-like, wie die Linien hier in der Piazverschneidung von L2 (7a+) geschnitten sind. Die Wände links und rechts sind denn tatsächlich auch ähnlich strukturlos wie im Valley - nur bestehen sie nicht aus ganz so glattem Fels wie drüben.
L3, 7a: Ziemlich gutmütig geht's auf den ersten Metern der Kante direkt ob dem Stand entlang (BH). Dann heisst's rechts abbiegen und hinein in die steile, eindrückliche Verschneidung. Kommt noch hinzu, dass diese zuerst selber abgesichert werden muss, was jedoch sehr gut möglich ist. Schliesslich legen Steilheit und Schwierigkeiten noch einen Tick zu, dafür stecken auch wieder BH in angenehmen Abständen. Während der Riss erst noch schön kantig und griffig ist, wird er später unangenehm rund, zudem fühlte sich auch das Gestein etwas glitschig an. Insgesamt nach meinem Empfinden doch ein gutes Stück einfacher wie L2, auch zugänglicher für Anti-Piazisten. Um zum Stand zu kommen, muss man die Verschneidung nicht bis ganz nach oben klettern, sondern vorher rechts abbiegen.

Die dritte Seillänge (7a) ist zwar attraktiv zum Klettern, jedoch nicht zum Fotografieren. Das Kernstück jener Sequenz ist nämlich weder vom unteren noch vom oberen Stand einseh- und fotografierbar. Darum hier nochmals ein Shot aus dem knallharten Piaz in L2 (7a+).
L4, 6a+: Kurze Seillänge, welche die Schwierigkeiten und den schönen Fels etwas sucht. Vom Stand links hinauf über die Stufe und dann weiter links halten, bis man auf dem Grasband den Kettenstand links findet. Hier am besten Stand machen und die nächsten 2 Seillängen verbinden.

L5, 6a: Komische Linienführung, die beiden BH stecken (zu) weit rechts, am besten sehr grosszügig verlängern. Schwierigkeiten von 6a findet man auch nur, wenn man sie wirklich sucht. Auf dem Band vor dem wieder steilen Wandabschnitt befindet sich nach Topo ein Stand, es steckt jedoch nur 1 BH. Wenn man ausreichend verlängert hat, kann man problemlos gleich weiter.

Durchzogenes Gelände in L4 & L5 (6a+). Tut der Route als Ganzes keinen grossen Abbruch, dennoch wird man in diesen beiden Längen keinen allzu grossen Klettergenuss finden. Von unten gesehen ist's allerdings schon noch ein wenig felsiger, wie es auf diesem Bild den Anschein macht.
L6, 6c: Sehr schöne Kletterei dem steilen Riss entlang. Da sich links und rechts zahlreiche Griffe befinden, kann man hier auf beschwerliche Techniken à la Piaz oder Jamming bestens verzichten und beschwingt in die Höhe turnen. Fürs Zervreilahorn definitiv eine leichtverdauliche 6c.

Prima Riss- und Wandkletterei in nun wieder kompaktem und grasfreiem Fels in L6 (6c).
L7, 6c/+: Man befindet sich nun auf der eindrücklichen, grossen Abschlussplatte. Der Auftakt geht aber ganz ordentlich über die Bühne, findet man hier doch griffige Strukturen, wo man auch selber noch Sicherungen legen kann. Die Crux folgt mittig in der Form einer plattigen Linksquerung, nachher geht's mit einer kleinen Überraschung zum Schluss wieder besser voran (fast schade, steckt da nochmals ein Bolt).

L8, 7a+: Knallerplatte hoch siebzehn, doch bei genauerem Hinschauen sind eigentlich immer Strukturen für Hände und Füsse da, es ist kein Schleicher. Schon aus dem Stand raus gleich fordernd, folgt schon bald die Crux, wo man Druck auf die minimalen Tritte bringen muss und dann entlang von einem spannenden Rail nach rechts quert. Diese Stelle fühlt sich im Vorstieg voll zwingend an, da man auch etwas seitlich versetzt vom Bolt moven muss. Möglicherweise kann man sich aber mit Trittschlinge und auf den Bolt stehen doch durchmogeln - wir müssen glücklicherweise nicht auf diese Mittel zurückgreifen :-) Wenn man die Rissspur rechts einmal erreicht hat, ist die Sache gegessen. Während diese Seillänge absolut nicht geschenkt ist und ich den Grad keinesfalls anzweifeln will, so dünkte sie mich doch deutlich einfacher wie z.B. die 7a+ der Braveheart. Zieht man dann noch die läppisch mit 6b+ bewerteten Cruxlängen der Eau Rance oder der Venus in Chamonix in Betracht, so scheint's mir wenig Konsistenz mit den Einstufungen zu geben.

Auf der grossen Knallerplatte in L8 (7a+), welche für diese Art der Kletterei relativ gutmütig eingestuft ist.
L9, 6c+: Gleich unterhalb von uns ist inzwischen eine Rettung der Rega im Gang. Das sorgt wie immer für ein etwas beklemmendes Gefühl, stört die Konzentration und der Lärm lenkt ab, vor allem weil wir ja auch nicht wissen, was los ist. Wie wir später vernehmen, kam es offenbar in der 'Lord of Camalot' zu einem grösseren Sturz, weil mehrere mobile Sicherungen versagt hatten. Wir schaffen es dann aber doch, den Fokus wieder auf das Geschehen vor unserer Nase zu richten. Das ist auch zwingend nötig, warten doch gleich aus dem Stand raus knifflige Moves mit Abtropfpotenzial. An einer diagonal verlaufenden Plattenkante muss man sich bouldrig in die Höhe arbeiten, der Fels daneben ist reichlich glatt und schlipfrig. Schliesslich rückt die rechte Kante in Griffnähe und im Cruising-Mode ist bald das Top erreicht.

Klettern während unten der Heli fliegt - immer wieder ein beklemmendes Gefühl (L9, 6c+).
Mit dem Routenende erreicht man einen breiten Grat, auf welchem man sich frei bewegen kann. Die Uhr war auf 17.30 Uhr vorgerückt, d.h. dass uns die Route doch 5:00h beschäftigt hatte. Da wir ja nicht nach Hause mussten, hatten wir noch ausreichend Zeit und für eine Erkundungstour. Erst trugen wir uns ins Wandbuch ein und verfolgten danach den Gratverlauf (gut seilfrei und barfuss möglich), bis der Zervreilahorn Mittelgipfel erreicht war und es definitiv nicht mehr ohne Abseilmanöver weiter gegangen wäre. Wir kehrten schliesslich zurück und fädelten unsere Seile in den Abseilstand der Fahnenroute. Wir lobten noch die steile und strukturlose Platte, welche eine rasche Rückkehr zum Ausgangspunkt und unseren Schuhen versprach. Doch es kam, wie es kommen musste: tatsächlich verhängte sich das freie Seil beim Abziehen an einem zu wenig tief gebohrten Antikbolt der Fahnenroute, Kruzifix! Wir waren die letzten am Berg, somit bleibt nur eine Option, wieder hinaufklettern. Mit einem Pendelquergang lässt sich immerhin der 6a-Abschlussriss der Medea erreichen, was einen Second Go in der 7a+ erspart. Die 6c+ muss dann aber unvermeidlich ein zweites Mal absolviert werden. Nun fädelten wir die Seile lieber in den Schlussstand der 'Nanouk', ab hier ging's nun eventfrei in die Tiefe. Mit etwas Abklettern  zu Stand 4 und zum Einstieg schafft man es mit 2x50m-Seilen gerade mit 4 Manövern (Achtung!!!). Mit 2x60m würde es jeweils komplett reichen, sonst kann man auch kürzere Abseillängen machen (es sind alle ca. 20m Kettenstände vorhanden). Da wir am nächsten Tag ja wiederkommen würden, deponierten wir unsere Ausrüstung und stiegen zu unserem Nachtlager ab.

Gipfelsteinmann auf dem Zervreilahorn Nordrücken. Unten der See, die zum Ausgangspunkt führende Strasse gut sichtbar.
Facts

Zervreilahorn - Nanouk 7a+ (6c obl.) - 9 SL, 250m - Hutzli/Illien 2001 - ****;xxxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, Camalots 0.2-3

Tolle Gneiskletterei mit einigen sehr schönen Seillängen, die mich im Gesamtkonzept jedoch deutlich weniger begeistert hat wie die benachbarte Braveheart. Sicherlich ist auch die Nanouk selbst für von weiter hergereiste ein absolut lohnendes Ziel, für die 5* Höchstbewertung reicht es m.E. jedoch deutlich nicht. Zuerst ist der taffe Piaz in L2 (7a+) etwas gesucht wenige Meter neben einfacherem Gelände, dann warten in Wandmitte zwei Längen mit durchzogenem Terrain und die steilplattigen drei Abschluss-Sequenzen sind dann wirklich lässig, bieten aber auch keine hammermässigen Splitter Cracks, wie man sie sich in Urgesteins-Routen so gerne wünscht. Die Absicherung mit BH ist prima ausgefallen und das mobile Absichern nimmt in dieser Route keinen wesentlichen Platz ein. Sprich, sämtliche schwierigen Kletterstellen >6b sind komplett eingebohrt, nur bei einigen einfacheren Abschnitten müssen Cams platziert werden, was an diesen Stellen dann auch völlig problemlos möglich ist.