- -

Donnerstag, 14. Juni 2018

Vrenelisgärtli - Chalttäli (AD+)

Die Glärnisch Nordwand ist ca. 8km breit und über 2000m hoch. Eine ganz imposante Wand also, mit diesen Parametern sogar alpenweit ein richtig grosses Ding. Trotzdem hat sie in der alpinen Szene bisher wenig Beachtung gefunden, ist nicht weitherum bekannnt. Woran es liegt?!? Vielleicht an der relativ geringen Gipfelhöhe von nur gut 2900m?!? Eventuell an der nicht immer überragenden Felsqualität?!? Oder handelt es sich einfach um eine der unerklärbaren Anomalien in der Kletterwelt, die es immer wieder gibt?!? Einer der wenigen Wege durch die grosse Mauer ist die Chalttäli-Route. Auf einem etwas verschlungenen Pfad überwindet sie die 2000m-Wand, ohne dass man dabei auf nennenswerte technische Schwierigkeiten trifft. Zwar handelt es sich dabei durchaus um einen lokalen Klassiker, der im Frühjahr bei guten Bedingungen regelmässig Begehungen sieht. Dass aber eine Tour von diesem Zuschnitt nicht regelrecht überrannt wird, erstaunt doch ein wenig.

Die breite Glärnisch Nordwand mit der Chalttäli-Route von vis-à-vis gesehen. Foto: P. Straub auf hikr.org.
Schon lange Jahre hatte ich die Tour durchs Chalttäli auf dem Radar. Schon seit jeher war klar, dass der Weg zurück zum Ausgangspunkt beim Hinter Saggberg, d.h. der Abstieg über die Normalroute vom Vrenelisgärtli via Glärnischhütte, und der Hatscher entlang vom See ein sehr weiter sein würde. Und seit ich mit dem Gleitschirmfliegen in Kontakt gekommen war, war die Erkenntnis da, dass man diese Tour idealerweise mit einem Flug verbinden würde, was den Abstieg zu einem Kinderspiel macht. Daher hatte ich das Chalttäli natürlicherweise ziemlich vorne in meinem Gedankenspiel, als ich mir in diesem Frühjahr endlich eine Ultraleicht-Flugausrüstung anschaffte. Nun ist die Tour von A-Z, d.h. vom Aufstieg bis zum Flug, perfekt gelungen. Die Ausgabe für das Flugmaterial hat sich daher zumindest gefühlsmässig bereits amortisiert.

Während man die Chalttäli-Route früher noch fast ganzjährig begehen konnte, gilt es heute im Zuge der Klimaerwärmung und der fortschreitenden Ausaperung das richtige Zeitfenster zu treffen. Es darf nicht zu viel Schnee haben, aber auch nicht zu wenig und natürlich soll es sich dabei um eine gut verfestigte, kompakte Unterlage handeln. Darüber hinaus ist's kommod, wenn die Hänge bis hinauf zum Chnorren (P.2210) bereits ausgeapert sind. Normalerweise trifft man von Mitte Mai bis Mitte Juni auf die besten Bedingungen, ausnahmsweise mag es auch einmal im Spätherbst ideal sein. Nun denn, nach dem schneereichen Winter 2017/2018 und dem extrem warmen Frühjahr 2018 waren die Bedingungen gegeben. Als dann noch eine Strahlungsnacht und am Folgetag leichter NW-Wind auf Gipfelhöhe angesagt waren, durfte es kein Zögern mehr geben.

Stimmungsbild aus der Nordwand, hier im Couloir bei den 'Chrumme Würm".
Während man im Chalttäli zwar auf keine wirklichen technischen Schwierigkeiten stösst und die Tour in aller Regel seilfrei macht (sichern kann man sowieso kaum!), so ist es eben doch keine Wanderung, sondern eine alpine Unternehmung, die entsprechend seriös angegangen werden will. Sprich auch mit einem ausreichend frühen Aufbruch nach einer klaren Nacht. Ist der Schnee einmal aufgeweicht und seifig, so werden die vielen, exponierten Querungen im 50-Grad-Gelände schnell einmal kritisch, zudem fallen bei schmelzendem Schnee auch gerne Steine (und loses Geröll hat es beileibe genügend in dieser Wand). So hiess es, den Wecker bereits auf 2.50 Uhr zu stellen, damit wir um Punkt 4.00 Uhr losgehen konnten. Auf die Platzierung eines Autos am anderen Seeende verzichteten wir, schliesslich waren wir davon überzeugt, per Gleitschirm absteigen zu können.

Im Schein der Stirnlampen ging's hinauf vom P.1048 via Tschingel und Vorder Schlattalpli zum Mittelstafel. Man folgt zwar unmarkierten, aber deutlichen Bergpfaden, die Orientierung kein Problem. Von den Alpgebäuden beim Mittelstafel quert man horizontal auf Wegspuren ins Chalttäli hinein. Noch vor dem Bach biegt man, nun weglos, bei Chueplangge links ab und steigt die gerölligen Hänge hinauf. Weiter oben an offensichtlicher Stelle überquert man den Bach und erreicht über Gras und Geröll die Mittelmoräne der Firnfelder im Chalttäli. Auf dieser geht's hinauf bis zu deren Ende auf ~1715m. Es war inzwischen erst gut 5.00 Uhr, da waren wir also zügig aufgestiegen. Wir konnten nun die Stirnlampen ausschalten, das Timing hatte perfekt gepasst - es macht Sinn, wenn man ab dieser Stelle über Tageslicht und Weitsicht verfügt. Ebenso nahmen wir die Pickel zur Hand, die Steigeisen konnten vorerst jedoch im Rucksack bleiben.

Ein schlechtes Foto, ich weiss, aber es zeigt so gut wie möglich den Einstieg aufs Band, das auf die Grashänge vom Chnorren leitet.
Sieht easy aus, ist aber die Schlüsselstelle auf dem Weg zum Chnorren: die ersten Meter, bis das Band breiter wird.
Das Schneefeld wird leicht links aufwärts gequert, es gilt den ca. 40hm weiter oben liegenden Einstieg in das Band zu finden, welches auf die Grashänge vom Chnorren leitet. Die Orientierung ist nicht weiter schwierig, unterhalb der auffällig gebänderten Felswand ist man richtig. Gleich die ersten Meter von diesem Band sind abschüssig und etwas 'gschüderig', eigentlich gleich die schwierigste Stelle bis hinauf zum Chnorren. Danach wird das Band deutlich breiter, wenig später biegt man um die Ecke und ist auf den Grashängen angelangt. Auf diesen geht's der Nase nach hinauf. Hier eine Routenbeschreibung anzugeben ist nahezu unmöglich, es gibt so viele Varianten. Auf jeden Fall muss man nirgends wirklich klettern (höchstens ein paar Züge kraxeln), ansonsten ist man falsch. Zu Wissen braucht man, dass man zuletzt nach rechts auf die NW-Hänge des Chnorren ausweicht und diesen nicht in direkter Linie ersteigt. Mehr braucht's nicht. Das Gelände ist gut gangbar, die Planggen trittig und nicht glatt. Ich würde das auf ein T5 veranschlagen - in etwa wie ein Wendenzustieg, einfach ohne Wegspuren.

Auf dem Chnorren (P.2210) trafen wir gut 2:00 Stunden nach unserem Aufbruch ein. Nun hatten wir bereits 1200hm und damit fast 2/3 der gesamten Höhendifferenz im Kasten. Man könnte denken, dass der Gipfel bereits zum Greifen nah sei, aber dieser Eindruck täuscht doch sehr. Der flache Rücken des Chnorren bietet sich jedoch sehr als Frühstücksplatz an, wir machten gerne davon Gebrauch und montierten gleich die Steigeisen. Meist wird es sich jedoch lohnen, noch bis hinauf zum ersten Band oder gar dessen Ende damit zu warten. Nun geht's nämlich vom Chnorren erst dem Rücken entlang und dann leicht linkshaltend hinauf über ein paar einfache Stufen zu eben diesem ersten Band. Um es zu gewinnen, muss eigentlich die einzige, kurze Kletterstelle der Wand gemeistert werden. Es sind allerdings nur 2-3m, nicht exponiert und etwa ein Zweier. Doch dann wird's gleich deutlich ernster. Wir hatten die Wahl, die Linksquerung auf diesem ersten Band entweder an seinem unteren Ende im geröllig-lottrigen Fels, oder oberhalb im steilen Schnee zu gehen. Sofort war gehörig Exposition da, Fehler sind hier keine mehr erlaubt.

Das ist (sic!) der Cruxmove der Chälttali-Route, d.h. der gesamten 2000m-Nordwand. Von der Akteurin elegant mit einem Dynamo an den (losen) Henkel gelöst ;-). Da muss man auch erst einmal im richtigen Moment den Auslöser drücken, um den entscheidenden Sekundenbruchteil in einem 5-stündigen Aufstieg einzufangen :-) 
Linksquerung auf dem ersten Band. An sich einfaches Gelände, aber eben sehr exponiert, Fehler sind da keine erlaubt.
Nach ~150-200m an linksansteigender Querung erreicht man das Couloir, das rechts an den 'Chrumme Würm' vorbeiführt. Diese markanten Felsformationen sind wirklich sehr sehenswert und einzigartig. Teilweise könnte man sogar richtig Kaminklettern darin! Das Couloir ist meist so um 45 Grad steil, hier kann man sich wieder ein bisschen entspannen. Es geht darin ~140hm aufwärts, bis fast zur markanten Felswand hinauf, wo der grosse Quergang beginnt. Man hüte sich davor, bereits eine Etage zu tief nach rechts abzubiegen. Der Quergang ist mit einer Länge von ~800m eine halbe Weltreise. Es geht meist horizontal dahin, jedoch mit etwas Auf und Ab und auf der ganzen Strecke werden brutto ungefähr 50hm vernichtet (netto sind's wohl über 100hm). Die ersten 300m des Quergangs, bis man wieder oberhalb vom Chnorren-Sporn ist, sind dabei deutlich schwieriger wie der zweite Teil. Die Steilheit des Geländes erreicht bisweilen (je nach Schneeverhältnissen) 50-55 Grad. Gefühlt befindet man sich wie auf einem Kirchendach, unterhalb folgt nur noch Luft bis hinunter zum Klöntalersee. An sich technisch unschwierig, jedoch unglaublich exponiert, es gibt wenig Fehlertoleranz und sichern ist eigentlich unmöglich. Fixpunkte gibt's keine - wenn, dann müsste man sich mit mobilen Sicherungen oder Schlaghaken im Fels welche schaffen (die Felsstruktur eignet sich dafür nur bedingt!) oder T-Anker im Firn verwenden.

Im Couloir, das rechts an den 'Chrumme Würm' vorbeiführt. Himmelsleiter mit grandiosem Tiefblick zum Klöntalersee.
Erwähnt sei auch noch, dass es durchaus möglich ist, vom Chnorren direkt hinauf zu steigen. Dabei ist aber mindestens eine brüchige Felsstufe zu meistern, welche zwingend und eigentlich ohne Sicherungsmöglichkeit ein paar Züge im dritten Grad verlangt. Das ist sicher noch eine Spur ernster wie der Weg durchs Couloir bei den 'Chrumme Würm'. Wie auch immer, nach ein paar aufregenden Momenten ging's für uns einfacher dahin. Erwähnt sei allerdings, dass wir von richtig guten Schneebedingungen profitieren konnten. Es war zwar nicht richtig gefroren, dafür gab es schön tiefe und dennoch solide Tritte. Ebenso konnte man den Pickel solide im firnartigen Schnee versenken, so dass dieser beinahe einen Elefanten gehalten hätte. So fühlte man sich natürlich stets sicher. Eine ganz andere Dimension bekommt diese Querung, wenn der Schnee entweder seifig-rutschig oder hartgefroren ist - puh! Ebenfalls ungünstig ist natürlich, wenn es bereits ausgeapert hat. Der hervortretende Fels ist brüchig-schuttig-heikel.

Eine der zapfigeren Stellen im 800m-Quergang, die Exposition ist wirklich atemberaubend!
Gegen Ende wird das Gelände im 800m-Quergang einfacher. Hinter der Akteurin mit rotem Helm die 'Chrumme Würm'.
Vom Chnorren bis zum Beginn des Ausstiegscouloirs hatten wir schliesslich beinahe 2 Stunden gebraucht, wir mussten jedoch auch den ganzen Weg spuren. In Luftlinie wäre es eigentlich eine kurze Wegstrecke und nur gut 200hm, aber wie immer, alles ist eben relativ. Das Ausstiegscouloir ist übrigens problemlos zu finden. Hier gibt's keine Fragezeichen: es ist das erste, breite Couloir, wo ein hinaufsteigen einfach möglich ist. Mit dem Ende der Quererei war auch klar, dass man nun wieder Fahrt aufnehmen könnte, sofern noch genügend Saft  in den Beinen vorhanden ist. Immerhin warteten noch beinahe 500hm an Stapferei in idealem Trittschnee. Inzwischen hatten sich alle 6 Personen, welche an diesem Tag durch die Wand stiegen vereint. Erstens war man sich (wie erstaunlich, oder eben doch nicht?!?) bereits persönlich bekannt und zweitens funktioniert an solchen Orten das Teamwork ja sowieso meistens gut. Das Ausstiegscouloir ist wiederum eher von der 45 Grad-Sorte, daher problemlos. Der ominöse Klemmblock, der bei stärkerer Ausaperung zu Tage tritt und eine Umgehung rechts im Fels fordert, tauchte nicht auf - er war noch zugeschneit. Ansonsten gilt es einfach, immer im Hauptcouloir zu bleiben und keinen der nach rechts abzweigenden Äste zu wählen.

Das rund 45 Grad steile Ausstiegscouloir von unten...
...und von oben.
Schliesslich senkte sich die Horizontlinie und wir erreichten den Grat auf 2800m. Wieder einmal hatten wir den Nordwandmoment - jener, wo einem die Sonne das erste Mal ins Gesicht scheint. Spannend war's für uns natürlich noch aus einem anderen Grund. Hier würde sich bereits weisen, wie die Windverhältnisse im Gipfelbereich sein könnten. Es wehte eine leichte Brise aus NW, von der Stelle wo wir den Grat erreicht hatten, wäre ein Start möglich gewesen. Was für eine Erleichterung. So konnten wir frohen Mutes dem Gipfel entgegen schreiten. Über gerölligen, von unzähligen Steigeisen zerkratzten Fels ging es hinauf. Schliesslich war es gerade gut 9.00 Uhr, bis wir nach rund 5:00 Stunden Aufstieg die etwas fragwürdige, aus ortsfremdem Stein gefertigte, anbetonierte Gipfelbank erreicht hatten. Auch hier waren die Windverhältnisse unserem Flugvorhaben dienlich, somit konnten wir beruhigt Gipfelrast abhalten. Während wir oben waren, trafen auch gleich noch zwei Tourengänger die über den Guppengrat aufstiegen ein. Von der Normalroute kam hingegen niemand herauf.

Idealer Startplatz unmittelbar unter dem Gipfelkreuz vom Vrenelisgärtli.
Perfekte Bedingungen, ready to go!
Bevor sich unsere Mitstreiter an den noch sehr langen Abstieg machten, übergaben sie uns dankend ihre Autoschlüssel. So war es möglich, ihnen die Blechkarossen am See unten zu platzieren und sie ihnen damit wenigstens ein Stück weit näher zu bringen. Dies würde ihnen am Ende des Tages den Gegenanstieg von 250hm vom See hinauf zum Hinter Saggberg ersparen. Wir indessen präparierten unsere Schirme unmittelbar beim Gipfelkreuz. Der Schneehang weist hier optimale Neigung auf. Nachdem es nicht vereist war, konnten wir uns auch gleich der Steigeisen entledigen (eine Landung mit Steigeisen kann bei schlechten Verhältnissen problematisch und bei guten problemlos sein). Dass wir hier problemlos und sicher in die Luft kommen würden, daran gab's keine Zweifel. Es gab leichten Vorwind, der Hang war ideal - einfach loslaufen und schon war man in der dritten Dimension. Da hätte einem jeder Anfänger den Schirm stehlen können, nur gut dass diese dies nicht wussten ;-) Der Flug hinunter zum Ausgangspunkt war dann purer Genuss, obendrein bot er herrliche Ausblicke in die eben begangene Nordwand, mit etwas Morgenthermik liess er sich sogar ein wenig verlängen. Sanft setzten wir unmittelbar neben dem Parkplatz auf. Nun hiess es nur noch die Schirme zu falten. Bereits vor Mittag waren wir auf dem Heimweg, rechtzeitig zum Essen war ich um ein grandioses Abenteuer reicher daheim. So genoss ich den Nachmittag dann mit "what ordinary people do" - einem Besuch im Freibad.

Facts

Vrenelisgärtli - Chalttäli AD+ III 2a 45-55° - 1200hm - Erste Begehung fraglich, vermutlich 1899
Material: Seil & Sicherungsmaterial verzichtbar, 2 Pickel oder moderate Eisgeräte, Steigeisen, Helm

Sehr imposante Tour durch die insgesamt 2000m hohe Glärnisch Nordwand, welche auf der idealen Route nur mässige technische Schwierigkeiten beinhaltet. Im Fels wird der zweite Grad nicht überschritten, das Grasgelände hinauf zum Chnorren ist im Bereich T5/+ nicht haarsträubend und auch im stellenweise bis zu 55° steilen Firn muss man keine Wunderdinge vollbringen. Trotzdem darf man die Tour absolut nicht unterschätzen, vor allem weil sie über rund 1200hm permanent in Absturzgelände verläuft und viele exponierte Querungen aufweist, wo sicheres Steigeisengehen absolute Pflicht ist. Sichern ist in diesem Gelände über weite Strecken nahezu unmöglich, die Mitnahme von Seil und Sicherungsmaterial daher eigentlich obsolet. Wer sich's nicht zu 100% seilfrei zutraut, wählt besser einen anderen Weg auf's Vreneli. Weitere Anforderungen werden an die Wegfindung gestellt. Markierungen oder Spuren gibt's wenig bis keine - auch wenn der Weg an sich absolut logisch ist und stets dem Pfad des geringsten Widerstands folgt, so ist doch ein guter alpiner Orientierungssinn und etwas Selbstvertrauen vonnöten. Gefahren drohen auch durch Steinschlag und Schneerutsche, man plane den Zeitpunkt der Begehung also sorgfältig und breche tageszeitlich früh auf. Ideal ist's dann, wenn die Hänge bis zum Chnorren bereits aper sind, oberhalb auf den Bändern und in den Couloirs jedoch noch durchgehend guter Trittschnee liegt. Meist trifft man so grob von Mitte Mai bis Mitte Juni auf geeignete Bedingungen. Liegt harter Schnee bzw. Eis oder sind die Querungen und Couloirs bereits ausgeapert, so dass geröllbedeckter, brüchiger Fels zutage tritt, so steigen die Anforderungen deutlich an!

Donnerstag, 7. Juni 2018

Gross Windgällen (3187m) - Nordwand

Die Nordwand der Gross Windgällen fällt über 1000m sehr steil zum Seewlisee im Kanton Uri ab. Wenn man ein Foto davon aus entsprechender Perspektive sieht, so braucht man nicht lange zu fragen, warum man als Bergsteiger zu einer solchen Tour aufbricht - Schwung und Steilheit sind einzigartig, die Herausforderung klar gegeben. Nach einigem Werweissen, ob die Bedingungen wohl gut sein würden, einigten wir uns schliesslich auf einen Aufbruch. Mit im Gepäck war auch hier wieder die Ultraleicht-Flugausrüstung, welche uns nach getanem Wanddurchstieg bequem ins Tal bringen sollte. Es wurde schliesslich eine Tour, welche sich sehr gut zur Reflexion eignet, wie schmal der Grat zwischen einem 'excellent adventure' beim abenteuerlichen Bergsteigen und purem Desaster ist...

Noch Fragen offen?!? Das ist die Nordwand der Gross Windgällen, gesehen vom Seewlisee. Foto: Dolmar @ hikr.org
Vorgeschichte & Zustieg

Dieses Mal musste ich bereits um 1.45 Uhr aus den Federn, unsere Tour startete schliesslich um 3.45 Uhr auf der Brunnialp. Die Fahrbewilligung dahin ist für 20 CHF im Rest. Alpina in Unterschächen erhältlich - natürlich nicht um diese Tageszeit, man organisiere sich zuvor entsprechend. Danach wartete ein harter Marsch in den anbrechenden Tag hinein zum Einstieg. Wir wählten die Route via Griesstal und Sprossengrätli. Via Firnband und Zinggen wäre auch möglich und etwas kürzer, jedoch weglos, anstrengender und im Dunkeln nicht ganz einfach zu finden. Bis ins Griesstal hinauf war's schneefrei, danach gingen wir zu etwa 75% über kompakten Sommerschnee. Genau diese Route hatte ich übrigens im Winter 2 Jahre zuvor schon unter dem Motto "Ohne Fleiss kein Eis" begangen. Man muss das nur leicht modifizieren zu "Ohne Fleiss kein Preis" oder eben keine Nordwand, so passt's auch schon wieder. Wenn ich noch daran denke, dass ich 1.5 Jahre zuvor die Gross Ruchen Nordwand via 'Der dunkle Turm' bestiegen hatte und im vorangehenden Sommer den Bigwall der Grüter/Müller (21 SL, 7a) am Wiss Stöckli vom selben Ausgangspunkt anging, so darf man das hintere Brunnital als Adventure Playground der ersten Güteklasse bezeichnen. So standen wir schliesslich um 5.40 Uhr im Angesicht der Wand, welche aus Bottom-Up-Perspektive sehr felsig aussieht. Der Eindruck täuscht aber... Wobei die Ausaperung der Wand tatsächlich schon deutlich fortgeschritten war, dies war uns jedoch von der ideal positionierten Webcam auf Biel-Kinzig schon bekannt. Da sich Literatur und Web weitgehend einig darin sind, dass dies ideale Verhältnisse darstellen (siehe Infoteil für meine Einschätzung dazu), stiegen wir nach einem Frühstück und Montage der alpinen Komplettmontur um 6.10 Uhr in die Wand ein.

Frontalperspektive auf die Wand vom Sprossengrätli, inklusive Routenverlauf. Das Ausstiegscouloir und auch der Gipfel sind aus dieser Perspektive nicht sichtbar. Markant die Differenz in der Steilheit der Wand zwischen diesem Foto und demjenigen oben. Man wähle aus, was einem besser zusagt ;-)
Es war ein fantastischer Marsch in den anbrechenden Morgen hinein. 
Leer schlucken, rechts umgehen. Es gäbe an der Gross Windgällen nicht nur Bruch und Schotter (wie dieser Bericht hauptsächlich beschreibt), sondern es gibt auch Zonen mit Hammerfels so wie hier. Wanna put up some hardcore alpine sportclimb?!? Here you go...
Unterer Wandteil mit den Hauptschwierigkeiten

Zuerst geht's auf dem unteren Firnband nach rechts hinaus. Diese Passage ist ähnlich wie der grosse Quergang im Chalttäli - einfach nur halb so lang und der Tiefblick ist auch noch nicht ganz so enorm. Zum Runterfallen ist's natürlich trotzdem nix. Dort, wo sich das Band in der Wand verliert, geht's kurz nach oben und dann nach links. Mit den Beschreibungen aus Literatur und Web ("um eine Kante herum") konnte ich vor Ort wenig anfangen. Jedenfalls ist es ziemlich unklar, wo es am besten durchgeht, das Gelände ist sehr unübersichtlich. Tipp: generell tief bleiben. Man kann hier noch seilfrei durch, wenn es so schwierig wird, dass man sichern müsste, ist man falsch. Wir konnten hier eine vor uns gestartete Seilschaft überholen, welche zu hoch hinaufgestiegen war und bereits ans Seil musste. Über dennoch stellenweise heikles und exponiertes Gelände gelangten wir zur sogenannten Schneesichel, welche einfach nach links hinauf zur Schlüsselstelle führt (7.30 Uhr, 1:20h ab Einstieg). Durch ein eisig-kaltes Rinnsal ging's hier im Grad 4b mit Steigeisen eine Länge nach oben. Der Fels ist (wie überall in der Wand) brüchig, am angenehmsten zu klettern dünkte es mich noch direkt im Wasserlauf selber und geduscht hatte ich bei einem Aufstehen um 1.45 Uhr an diesem Tag ja natürlich auch noch nicht. Passt ja alles :-)

Auf dem Einstiegsband, ein sehr exponierter Morgenspaziergang.

Die Schneesichel, am Ende des Schneefelds setzt die Crux an, es geht rechts hinauf.

Yours truly in den steilen Auftaktmetern zu Beginn der Cruxlänge. Auf ein paar Metern ganz ordentlicher Fels.

Danach rechts hinaus und mitten durch das eiskalte Rinnsal. Wenn der Fels hier vereist ist, dann gute Nacht!
Zum Sichern ist die Lage in der Cruxlänge trotz zweier Bolts am Anfang prekär. Noch doofer ist's dann, wenn man oberhalb in flacheres Gelände kommt und vielleicht einmal Nachnehmen möchte. Einen Stand gibt's da nirgends, Möglichkeiten für mobile Sicherungen sind Fehlanzeige. Man steht einfach auf einem geneigten, schuttbedeckten Wandabschnitt, der Fels ist brüchig. War ich froh, dass ich ein paar Schlaghaken am Gurt hatte! Auch diese sind nicht einfach zu platzieren, schliesslich fand ich jedoch eine Ritze, wo ich ihn mit ein paar saftigen Schlägen eintreiben konnte. Damit war der 'Point of no Return' bereits erreicht. An diesem windigen Haken abzuseilen, wäre höchstens als Plan Y, also eigentlich gar nicht in Frage gekommen. Handyempfang gibt's in der Wand übrigens auch keinen, der Ruf nach dem Helikopter als Plan Z ist also auch keine Option. Aufgrund der Situation (es waren total 8 Leute vor Ort) entschieden wir uns für eine Art Himalaya-Style-Climbing, d.h. alle anderen stiegen am fixierten Seil nach und ich ging als einziger im Vorstieg. Ziemlich ungewöhnlich, doch zeitsparend und in dieser Situation absolut angebracht. Aufwärts sah es allerdings auch nicht so erbaulich aus. Oberhalb zeigte sich komplexes, unübersichtliches Felsgelände mit höchst unklarer Routenführung, also wollte der Spürhund ausgepackt werden. Schon immer wieder erstaunlich, wie man an einem solchen Ort stehen kann, keine Ahnung hat, wo es langgeht und zig Optionen offen wären. Dann steigt man dort durch, wo es einem am besten scheint. Zuhause checkt man dann im Nachhinein noch einmal alle Berichte im Web und sieht anhand der Fotos - ah ja, die anderen nahmen offenbar denselben Weg.

Nachstieg am fixierten Seil, dies ist der am Anfang überhängende, breite Riss, der im unteren Abschnitt beschrieben ist.
Vom Stand nach der Cruxlänge ging's +/- gerade nach oben über einen brüchigen Plattenbuckel hinweg auf schuttbedeckte Platten und dann ein Schneefeld und zuletzt etwas morsches Eis. An einer 3m hohen Felsstufe liess sich nach 40m ein akzeptabler Stand an 2 Cams einrichten. In der nächsten Länge wurde diese erklettert, um ein nächstes Band zu erreichen. Darauf sind wir über Geröll und Schnee nach rechts gequert. Nach ca. 25m eröffnet ein breiter Riss den Durchschlupf durch den Felsriegel darob. Wiederum fand sich ein akzeptabler Stand an 2 Cams an dessen Fuss. Dann hiess es zupacken, der ca. 7m hohe Riegel war zu Beginn überhängend. Dank guten Griffen und kantigem Fels trotz dem Rinnsal, welches darüber hinunter lief, gut zu erklettern. Oberhalb flacht das Gelände ab, man erreicht wieder ein Band. Zum Sichern liess sich hier nur 1 eher durchschnittliches Placement für einen Cam identifizieren, suboptimal. Von dieser Stelle leitet einen das Gelände weiter nach rechts. Wir rollten das Seil vorerst auf, obwohl eine kurze, brüchige Engstelle auf dem Band zu passieren war. Es folgte ein weiteres Schneefeld und wieder einmal die Frage wie weiter. Beim Aufstieg nach oben wartete eine weitere Stelle im Fels, abgeschlossen war der Pfeiler von einer steilen, senkrechten Passage. Linkerhand hätten sich 2 etwas weniger steile Rinnen angeboten, aber da lief so viel Wasser... sehr unangenehm. Nach rechts hätte man weiter queren können, allerdings sah das abschüssig-schuttig-brüchige Gelände wenig einladend aus. Zudem fielen dort drüben hin und wieder Steine runter. Somit war der Pfeiler wohl die schwierigste, aber die beste Option, also los.

Der Pfeiler mit der steilen, senkrechten oder gar leicht überhängenden Passage, mitunter der beste Fels in der Route.
Am Fuss des steilsten Abschnitt konnte ich meinen letzten Schlaghaken versenken, sonst gab's kaum Optionen zum Sichern. Doch der Pfeiler wartete mit dem besten Fels der ganzen Route auf, mit ein paar kräftigen Zügen an Henkelschuppen war die Sache rasch erledigt. Schwieriger gestaltete sich dann hingegen die Suche nach einem Standplatz. Schliesslich fand ich einen Batzen Resteis, wo ich eine 13er-Schraube sogar ganz eindrehen konnte. Damit waren wir beim nächsten Wandabschnitt angelangt (10.00 Uhr, 3:50h ab Einstieg, in Zweierseilschaft bestimmt eine Stunde weniger). Erst ein schuttbedeckt-brüchiger, geneigter Abschnitt im Fels, dann lange, um die 50 Grad steile Schneefelder führen hinauf zum Ausstiegscouloir. Dieses ist vorerst überhaupt nicht ersichtlich, es hilft also durchaus, wenn man (z.B. aufgrund von einem guten Wandfoto) eine Vorstellung davon hat, wohin man zielen sollte. Der Zugang zum Couloir wird durch eine ungute, brüchige Felsstufe versperrt. Ein paar heikle Moves hinauf, lottrige Querung nach links in eine Rinne und dort das noch vorhandene Resteis pfleglich behandeln, dies bei gehöriger Exposition, uff! Dann geht's vorerst durch eine Art Kessel nochmals etwas einfacher dahin, bis sich das Couloir verengt.

Impressionen aus dem mittleren Wandteil...

...eine gehörige Rutschbahn, und überall liegen Schutt und Steine herum.

Die ungute Bruchstufe am Eingang zum Ausstiegscouloir. Der Scary-Faktor auf dem Foto ist definitiv zu tief.
Durch das Ausstiegscouloir zum Gipfel

Schon bald wartete eine erste Stufe im Couloir. Der Schnee/Eis-Pfropf an dieser Stelle war sich bereits am Auflösen begriffen. Vorsichtig stiegen wir darüber hinweg, er hielt dem Körpergewicht zum Glück stand. Wenn er fehlt, so wartet mit der Stelle aus der überhängenden Gufel hinaus wohl eine ganz andere Herausforderung. Über Schnee ging's weiter zum nächsten Steilabschnitt. An dessen Fuss steckt nochmals ein BH, Zeit um das Seil wieder auszupacken. Über ein paar Meter im 75-Grad-Eis ging's weiter. Nun ist der Juni logischerweise nicht gerade die Hauptsaison zum Eisklettern, selbst auf 3000m nicht. Doch obwohl die Struktur bereits etwas hohl und morsch war, war's genügend stabil und gut kletterbar. Das Problem bestand eher darin, danach einen Standplatz zu bauen. Die Seitenwände einfach nur aus unendlich brüchigem Klötzlifels. Die beste Option entweder ein T-Anker oder kurz vor Seil aus doch noch die Möglichkeit, ein paar Cams zu versorgen. Damit noch nicht genug, nach einem weitere Schneeabschnitt wartet die finale Steilstufe, auch hier nochmals mit einem (derzeit schwierig zu erreichenden) BH an der rechten Seitenwand. Es wartete eine kurze, nahezu senkrechte Kletterei an einem 'Eis-Wasserfall'. Letzteres würde ich eher als Laienbezeichnung titulieren, hier allerdings absolut zutreffend. Wasser floss in Strömen, doch das Safteis liess sich echt noch gut klettern und so war diese Stufe rasch erledigt. Allerdings, es sei erwähnt, wenn hier das Eis fehlt, so ist diese (im Fels) überhängende Stufe aus der Gufel darunter sicherlich auch ziemlich problematisch. Der Stand oberhalb an einer guten Eisschraube war völlig ok.

Heikler Schnee/Eis-Pfropf im Ausstiegscouloir. Wenn er weg ist, wird's schwierig!
Die letzte, eisige Passage im Couloir. Deutlich angenehmer wie der Wühlschnee!
Ich hatte das Seil wieder fixiert und mich diesem entledigt und machte mich darauf, den letzten Abschnitt zu spuren. Der Schnee wurde je länger je fauler, an gewissen Passagen artete es in eine ziemliche Wühlerei aus. Umso angenehmer war's, weiter oben nochmals auf eine vereiste Passage zu treffen. Dann ging's dem Sattel zwischen W- und E-Gipfel entgegen, zuletzt über loses Geröll hinauf zu Meteostation und Gipfelbuch beim E-Gipfel. Um 12.30 Uhr traf ich dort ein, sprich nach 6:20h in der Wand. Nur zu zweit in der Wand wären davon bestimmt 1.5h eingespart worden, aber für die angetroffene Situation war das sehr gut sich aus der Affäre gezogen. Auf dem Gipfel warf ich als erstes einen Blick in die ENE-Flanke, über welche der Abstieg führt. Dieser hatte mir schon a priori Sorgen gemacht. Er wird schon ab 5.30 Uhr von der Sonne bestrichen, somit war klar, dass der Schnee hier bereits aufgeweicht wäre, egal wie lange wir für den Wanddurchstieg bräuchten. Zudem hatte ich diese Wand rund 10 Jahre zuvor einmal als Skitour begangen und doch als heftig steile Sache im Kopf. Doch gottseidank lag eine gut ausgetretene Spur (d.h. der Gipfel wurde auch von der Hütte via den Normalweg angegangen) und ganz so steil wie ich es in Erinnerung hatte, schien es doch auch nicht zu sein. Somit konnte ich ein wenig mit dem Gefühl "wir haben's geschafft" relaxen und warten, bis alle Leute den Gipfel erreicht hatten. Der Aufstieg war nämlich eine ziemlich nervenaufreibende Sache gewesen. Brüchig, schuttig, heikel, schlecht zu sichern, objektiv nicht ungefährlich, da an manchen Orten nur schon ein fallender Stein oder ein kleiner Schneerutsch verheerend hätte sein können. Auch wenn's mir klettertechnisch nicht schwierig gefallen war, so fühlte ich mich unterwegs doch stets angespannt.

Blick vom Gipfel runter zum Sattel zwischen W- und E-Gipfel, zwei Kletterer sind auf den letzten Aufstiegsmetern.
Abstieg mit Schrecken...

Um etwa 13.15 Uhr begannen wir schliesslich mit dem Abstieg. Der Schnee war zwar tief und aufgeweicht, die Tritte aber immer noch solide, somit ging das problemloser, wie ich befürchtet hatte. Allerdings ging's nicht lange, bis ich wieder einmal eiskalte Griffel hatte, die Handschuhe waren ja schon längst komplett durchnässt. Um weiter agil zu bleiben und sicher absteigen zu können, blieb ich auf einer Felsrippe stehen, um einen wieder einmal vaterländischen Kuhnagel zu behandeln. Der Rest der Truppe ging voraus. Plötzlich wurde ich mir aus dem Augenwinkel oder akustisch bewusst, ganz genau kann ich's nicht sagen, wie deutlich rechts von meiner Position ein Schneerutsch über die Wand abging. Ich war auf sicherem Grund, aber die anderen waren inzwischen in einer Rinne genau unterhalb. Sofort warnte ich, aber es war viel zu spät um zu flüchten. Es dauerte nur noch Sekunden, bis sie von den Schneemassen erfasst wurden. Eine Person wurde mitgerissen und stürzte in der Folge rund 200hm über die Flanke und zwei je rund 20m hohe Felsstufen ab. Ich möchte an dieser Stelle nicht mehr über die folgende, beklemmende Stunde schreiben, ausser dass eine rasche, sehr professionelle Bergung durch die Rega erfolgte, die Person schwer verletzt wurde und sich auf dem Weg der Besserung befindet. Sowie auch, dass ich es als fast unglaubliches Glück empfinde, dass das Schicksal hier nicht grausamer zugeschlagen hat und es eine Perspektive nach vorne gibt.

Two minutes before the shit hits the fan... genau hier ist's passiert.
Gross Windgällen ENE-Flanke, durch die 3 Schneefelder inkl. der 3 Felsriegel verläuft der Abstieg.
Schliesslich war der Helikopterlärm verstummt, eine beinahe schon unheimliche Stille war eingetreten und der Rest der Equipe stand wie begossene Pudel auf dem Stäfelfirn. Eigentlich genau hier hatten wir geplant, mit unseren Gleitschirmen zu starten und den 3-4 stündigen Abstieg ins Tal effizient zu verkürzen. Was nun?!? Die Good Vibes waren definitiv verflogen, unter Ausblendung der Umstände waren die Flugbedingungen aber perfekt. Hört man in diesem Moment auf den Kopf oder auf den Bauch?!? Vielleicht mag es an dieser Stelle erstaunlich scheinen, dass wir uns für einen Start entschieden. Doch ich denke, es ist in den Bergen eine absolut unverzichtbare Eigenschaft, jede Situation neu für sich, aufgrund von Wissen und Erfahrung nach vorne gerichtet rational zu beurteilen und sich im entscheidenden Moment nicht zu fest von den Emotionen leiten zu lassen. Die wirkliche Crux für mich war es sowieso gewesen, die Stelle wo der Absturz Minuten zuvor passiert war, im Abstieg sicher zu passieren. Nein, der Flug wäre nicht nötig gewesen. Aber er war gut und safe, 30 Minuten später setzten wir bei der Talstation der Golzernbahn auf. Die Tour war damit noch lange nicht beendet. Kurzfristig ging's vor allem darum, noch einmal zurück zur Brunnialp zum Einsammeln des dort stehenden Autos zu kommen und sicher nach Hause zu zurückzukehren. Um dort dann ausführlich über das Geschehen am Berg nachzudenken. Auch wenn man vor Ort gewisse Dinge ausblenden können soll, so wäre es töricht, über diese nicht im Nachhinein scharf zu reflektieren, alles an seinem Platz einzuordnen und für die Zukunft die richtigen Schlüsse zu ziehen. Nicht zu vergessen, dass diese Tour und ihre Folgen jemanden unter uns noch lange beschäftigen werden. Auch an dieser Stelle wünsche ich alles Gute zur Genesung.

That moment when you feel the freedom! Start bei perfekten äusseren Bedingungen auf dem Stäfelfirn.

Prima Thermik über der Windgällenhütte. Durfte nicht ganz ungenutzt bleiben...

Weil's so unglaublich cool aussieht, nochmals eins vom Gleitschirmstart. Am Horizont vis-à-vis der Oberalpstock.
Facts

Gross Windgällen - Nordwand TD IV 4b WI3 50-55° - 850hm - Brun/Wagner
Material: 1x50-60m-Seil, Camalots 0.3-1 plus 1-2 kleinere, 4 Eisschrauben, Sortiment Schlaghaken

Imposante, kombinierte Tour, welche über rund 1000m Höhendifferenz zum lieblichen Seewlisee abfällt. Die Kletterei ist technisch nie sonderlich schwierig, aber ernsthaft. Die Route eignet sich nur für kompetente Alpinisten, die mit schwieriger Wegfindung, schlechtem Fels und allen Arten von Eis und Schnee souverän umgehen können. Sicherungen sind oft schwierig anzubringen und längere Abschnitte sind eigentlich (nur schon aus Zeitgründen) nur seilfrei sinnvoll zu begehen. Unbedingt mit sollte ein Set an Cams von Mikro bis zum Camalot 1, für grössere gibt's wenig Placements, die Mitnahme von Keilen ist ein wenig Geschmackssache. Je nach der erwarteten Menge an Eiskletterei 4-6 Schrauben pro Seilschaft. Ebenso würde ich keinesfalls auf ein gut sortiertes Sortiment von Schlaghaken (mind. 5 Stück) verzichten. Eine besondere Schwierigkeit dieser Tour besteht darin, geeignete Bedingungen anzutreffen. Man beachte auch, dass ein Rückzug bald schwierig bis unmöglich ist und dass in der Wand kein Handyempfang vorhanden ist (Stand 2018, Swisscom).

Wissenswertes

Jahreszeit: die gängige Empfehlung lautet, diese Tour im Frühsommer (Mai-Juli) nach kalten Nächten anzugehen. Dies greift jedoch zu kurz. Ist die Ausaperung schon fortgeschritten, so droht nach echt kalten Nächten vereister Fels, was die Schwierigkeiten massiv erhöht. Ebenso ändert sich dadurch die Gefahr durch die vielen, herumliegenden Steine nicht und den lottrigen Fels nicht. Selbstverständlich darf es aber auch nicht zu warm sein, da sonst die Gefahr von durch den Schmelzprozess fallenden Steinen erheblich wird. Meine Recherchen im Nachhinein haben ergeben, dass die Tour (bei einer Handvoll Begehungen pro Jahr) meist um dieselbe Jahreszeit bei insgesamt ähnlichen Bedingungen angegangen wurde. Ich sehe folgende Optionen:

  • Man greift wie am Eiger bei Winterbedingungen an. Idealerweise ist der Schnee fest und in den Steilstufen hat es solides Eis und es liegt nirgendwo loser Pulverschnee herum. Die idealen Zeitfenster wären wohl Nov/Dez und März/April. Allerdings braucht's dann für Zu- und Abstieg Ski und diese müssen durch die Wand mit. Ein Foto von einer solchen Begehung im März 2017 zeigt, wie sogar die Cruxlänge genüsslich als WI3 in solidem, fett gewachsenem Eis geklettert werden konnte.
  • Von einer weiteren Begehung Anfang Mai 2014 wurde mir berichtet. Da war bis auf die Cruxlänge noch die ganze Wand verschneit und es konnte auf einer soliden Schneedecke sicher, zügig und angenehm gestiegen werden. Die Steinschlaggefahr wurde als sehr klein empfunden. Im Zu- und Abstieg waren die Verhältnisse ähnlich wie bei uns.
  • Ich würde explizit davon abraten, die Wand bei bereits fortgeschrittener Ausaperung (wie bei uns) anzugehen. Das objektiven Gefahren scheinen mir zu hoch. Fehlt in den Steilstufen im Ausstiegscouloir das Eis (was bei uns nicht der Fall war), so warten dort weitere, schwierige Stellen.
  • Noch schlechter (schwieriger) dürften die Bedingungen sein, wenn in den Kletterpassagen dünnes Wassereis oder unverfestigter Pulverschnee liegt. 
Blick auf die Cruxlänge nach der Schneesichel bei einer Winterbegehung im März 2017. Statt eine brüchig-nasse 4b wie bei uns wurde hier genüsslich und gut abgesichert im WI3-Eis gepickelt. Bestimmt die bessere und sicherere Option, auch wenn dann die Ski auf dem Rucksack mit durch die Wand müssen. Foto: D. Perret, engelbergmountainguide.ch.
Zugang: entweder von der Seilbahn Silenen-Chilcherbergen oder aus dem Brunnital. Sofern man bereits bis auf die Brunnialp fahren kann (mit Bewilligung für 20 CHF, erhältlich im Rest. Alpina in Unterschächen), so beinhaltet die zweite Option weniger Höhenmeter und erlaubt es, die Tour ohne Übernachtung anzugehen. Allerdings ist's immer noch eine eher weite Wanderung zum Einstieg und die Logistik zum Rückholen des Autos ist auch eher aufwändig. Am Seewlisee kann man gut biwakieren oder evtl. auch beim Älpler Quartier finden.

Abstieg: über den Normalweg in der ENE-Flanke. Das Problem besteht darin, dass man bei einer Begehung der Nordwand ab April kaum eine Chance hat, zu einer solch frühen Zeit auf dem Gipfel zu sein, dass der Abstieg noch in guten Bedingungen ist. Stellenweise sind Sicherungsstangen oder Einzelbolts vorhanden, jedoch nicht durchgehend. Vom Bergschrund sind's dann noch ~2000hm bis ins Tal oder ~1400hm bis zur Golzerenbahn.

Flug: vom Gipfel kann 'nicht' gestartet werden. Wobei, aus der Scharte zwischen W- und E-Gipfel... nicht gänzlich unmöglich, sowohl nach S wie nach N, jedoch nur bei perfekten Bedingungen und für wagemutige, besser mit einem Miniwing. Auf dem Stäfelfirn einfache Startplätze von E über S bis W. Landung im Maderanertal problemlos. Im Reusstal oft sehr starker Talwind. Achtung, die Gegend ist sehr föhnanfällig.

Video

Wer so lange durchgehalten und den ganzen Text gelesen hat und bis an diese Stelle von diesem Blog vorgestossen ist, hat nun das grosse Vergnüngen, sich das exzellenten Video von Pascal zu dieser Tour zu Gemüte zu führen. Viel Spass!


Dienstag, 5. Juni 2018

Skitour Piz Grialetsch (3131m)

Nach 2 Tagen intensivem Sportklettern waren Körper und Geist müde. Während der Rest der Familie sich für Ausschlafen und die Badeanstalt entschieden hatte, wollte ich zur Erholung nochmals eine Skitour angehen. Natürlich würde sich das nicht ohne frühes Aufstehen realisieren lassen, das ist um diese Jahreszeit einfach Alpinistenschicksal. Die Wetterlage präsentierte sich am Pfingstmontag ähnlich wie zuletzt am Tag der Arbeit. In Graubünden Sonnenschein, in den Zentralalpen deutlich weniger. Somit suchten wir eine ähnliche Region aus wie dannzumals. Losgehen sollte es im Dischma, dem gegenüber dem Sertig um eins weiter nördlich gelegenen Seitental bei Davos.

Sicht vom Gletschboden (weniger Minuten hinter Dürrboden) auf das Gletschtälli und die Grialetsch-Kette.
Nachdem die Tour nur rund 1200hm aufweist und zudem weitgehend in den Expositionen zwischen West und Nord verläuft, konnte auf's ganz frühe Aufstehen verzichtet werden. Ein Aufbruch um 7.00 Uhr vom Dürrboden schien uns zweckmässig. Schliesslich ging's auch ganz perfekt auf so. Beim Ausgangspunkt selber hatte der Schnee schon dem Grün Platz gemacht. Es war aber offensichtlich, dass man nach nur wenigen Minuten Fussmarsch bereits auf die Ski würde steigen können, optimal also. Der Piz Grialetsch wird vom Dürrboden normalerweise entweder über den Scalettapass oder die Grialetschhütte bestiegen, so ist's auch in der Skitourenkarte eingezeichnet. Wir hatten indes eine bessere Option im Kopf, welche in der Literatur nicht beschrieben wird - direkt durch die Nordflanke zum Gipfel.

Blick von ca. 2450m auf den Talschluss mit unserer Route zu Grialetsch Pitschen (3026m) und Piz Grialetsch (3131m).
Nachdem wir vom Dürrboden ca. 10 Minuten über den bereits aperen Wanderweg zum Gletschboden gelaufen waren, stiegen wir auf die Ski. Über gewellten Sommerschnee ging's hinauf ins Gletschtälli. Die Oberfläche war nur mit einer dünnen Kruste gefroren. Es herrschte zwar blauer Himmel, aber die Abstrahlung in der Nacht war nicht perfekt gewesen und die Temperaturen waren schon seit einer Weile (für die Jahreszeit zu) hoch. Nichtsdestotrotz war der Aufstieg bequem und wir gelangten zügig in den Kessel unter dem Scalettagletscher. Dort steilt sich das Terrain merklich auf. Über einen ersten, 35-40 Grad steilen Hang geht's obsi zum Punkt, wo man sich zu entscheiden hat. Nämlich, wie man von hier zum namenlosen Gletscherlein direkt nördlich vom Gipfel des Piz Grialetsch kommt. Es bieten sich 3 Optionen an, wir wählten schliesslich das mittlere Couloir. Von weitem sieht dieses unmöglich aus, von nahe schien es uns am günstigsten. Es war gerade so gut 45 Grad steil, ein kurzer Bootpack war die Methode der Wahl.

Der erste Teil der Tour ist gemütlich und wenig steil, im zweiten Teil geht's dann stotzig zur Sache!
Oben auf dem flachen Firnfeld angekommen, entschieden wir uns noch dem Piz Grialetsch Pitschen (P.3026 auf der LK) einen Besuch abzustatten. Die Schartenhöhe beträgt gerade 30m. Kein mega stolzer Gipfel, doch aus dem Dischma gibt er echt etwas her, zudem kostete er uns nur wenige Minuten des Umwegs. Danach ging's weiter zum ca. 100hm hohen Nordwändli des Piz Grialetsch. Auch hier mussten die Ski nochmals auf den Rücken geschnallt werden. Wir hielten uns an die am wenigsten steile Partie ganz links, hier zeigte der Neigungsmesser 47-48 Grad an. In wenigen Schritten erreichten wir über den Ostgrat den Gipfel, es war inzwischen 9.30 Uhr, d.h. wir hatten rund 2:30 Stunden für den Aufstieg gebraucht. In der Südflanke waren etliche Alpinisten auf verschiedenen Routen unterwegs. Es ging bei allen nur langsam vorwärts, das Gelände schien von oben gesehen nicht so trivial. Vermutlich war unsere Route nicht nur direkter, sondern sie vermittelt sogar den alpinistisch einfacheren Zugang zum Gipfel.

Zwei Tourengänger im Aufstieg durch die Grialetsch Südflanke (Normalweg). Unsere Spur am Grat gut sichtbar.
Nach einer gütlichen Rast konnten wir die Ski direkt auf dem Gipfel anschnallen und direkt ins Nordwändli hinunterstechen. Auf dieser Linie war die Steilheit noch ein wenig mehr, d.h. rund 50 Grad über knapp 100hm. Dank dem auslaufenden Gelände und perfekten Bedingungen mit einer leichten Pulverauflage war's ein Riesengenuss, echt genial! Auch auf dem namenlosen Gletscher konnte man famos cruisen, der Schnee war hier glatt wie ein Teppich. Weiter ging's durch unser Aufstiegscouloir hinunter. Hier war die Schneedecke ein bisschen ruppiger, aber für Couloirverhältnisse durchaus ganz ordentlich. In den Hängen unmittelbar darunter war dann der Deckel noch nicht ganz aufgeweicht aber auch nicht mehr einwandfrei tragend. Da musste man etwas sorgfältiger agieren, mit entsprechender Technik war's aber auch gut fahrbar. Wenig später gelangten wir auf die flacheren Hänge unterhalb. Hier hatte die Sonne schon mehr ihre Wirkung entfalten können. In sulzigem, aber kompakten Sommerschnee ging's beschwingt in Richtung Dürrboden. Auf einer Schneezunge links vom Bach konnte man noch bis 3 Minuten vor den Parkplatz fahren, ideal! Zum Zmittag war ich bereits wieder daheim, so konnte ich die Familie in die Badi begleiten. Immer wieder ein tolles Erlebnis, wenn man frühmorgens noch Skifahren und nachmittags ins Freibad kann!

Hammermässige Abfahrt bei perfektem Schnee direkt vom Gipfel des Piz Grialetsch, die Flanke ist hier gegen 50 Grad steil.

Auf dem namenlosen Gletscher direkt nördlich vom Piz Grialetsch, super Cruising-Gelände. Hinten die Gipfelflanke.

Facts

Piz Grialetsch (3131m) ab Dürrboden, direkt durch die Nordflanke.
1200hm, ca. 2.5-3.0h Aufstieg, Ski-Schwierigkeit bei Abfahrt vom Gipfel ca. S+/SS-
Material: alpine Ausrüstung (Steigeisen, Leichtpickel) mitführen, wir haben sie nicht benötigt.

Karte mit unserer Route zum Piz Grialetsch. Quelle: map.geo.admin.ch

Donnerstag, 31. Mai 2018

Auffahrtstrip 2018

"Was, aus der Schweiz kommt's hierher zum Klettern?!?", das wurde ich vor Ort gleich mehrmals gefragt. Meine Suche nach der trockensten Ecke über die Auffahrtstage 2018 hatte uns nämlich ins Salzburgerland geführt - ein Versprechen, welches schliesslich mit viel Sonne und nur wenigen Regentropfen perfekt eingehalten wurde. Schlussendlich wäre es wohl an vielen Orten in Mitteleuropa weniger trüb uns nass gewesen als im Vorfeld angekündigt. Doch darüber mussten wir uns im Nachhinein ja keine Gedanken mehr machen. Ein spannender Aspekt unter vielen beim Klettern ist ja die Vielfalt und das Entdecken neuer Gebiete, und das war hier wieder einmal perfekt aufgegangen. Für die Tickliste war's hingegen nicht ganz so erfolgreich, nicht umsonst haben wir es hier nicht mit einem "Soft in the grade"-Hotspot zu tun.

Schönes Salzkammergut! Aussicht auf St. Gilgen und den Wolfgangsee. Der Plombergstein befindet sich direkt hinter uns.

Plombergstein (805m)

Der Plombergstein ist ein felsig-waldiger Buckel, inmitten der schönen, voralpinen Seenlandschaft des Salzkammerguts gelegen. Hier gibt's sowohl plaisirige MSL-Touren wie auch Sportklettersektoren, ideal für Familie Dettling. Wir betätigten uns schliesslich in der Irma la Douce (4a, 7 SL, 235m, Beschrieb, Topo), die über griffige Felssporne in der steilwaldigen Westflanke führt. Die Kletterei ist stets gutmütig und lässig, zudem viel weniger von der Vegetation "gestört" wie man von Weitem denken könnte. Daher durchaus ideal für weniger Versierte, zumindest im Nachstieg. Mein Plan war es an sich, hier unsere beiden Kinder je eine Seilschaft führen zu lassen. Das war dann schlussendlich doch nicht ganz realistisch. Es steckt über weite Strecken nur wenig fixes Material. An vielen Sanduhren und hie und da einem Baum lässt es sich zwar sehr gut mobil sichern (Keile und Cams könnte man ebenfalls platzieren, die waren jedoch zuhause geblieben). Doch das Aufspüren dieser Sicherungsmöglichkeiten, die Unklarheit über den weiteren Verlauf, usw., das war dann doch noch ein bisschen 'too much', um die Kinder komplett in Eigenregie auf den Weg zu schicken. Somit kletterte die Tochter im Nachstieg, während mein Kleiner die zweite Seilschaft mit belassenen Zwischensicherungen anführen konnte und dies auch souverän erledigte. Starke Leistung, bravo!

Vorstiegsmaschine in der Irma la Douce (4a, 7 SL, 235m) am Plombergstein: schnell, souverän & rotpunkt.
Klettergärten gibt's am Plombergstein diverse: auf dem Hinweg kommt man zuerst bei den sogenannten AV-Platten vorbei, wo es gut abgesicherte Klettereien vom zweiten bis zum sechsten Grad gibt. Hier waren die Kinder nicht weiterzubringen, bis alles in ihrem Bereich abgegrast war. Eine ideale Umgebung für Kinder und Anfänger! Uns Erwachsene hingegen zog es eher zur Westwand, dem wohl besten Sportklettersektor am Plombergstein. Es wartet technisch anspruchsvolle, meist leicht überhängende Wandkletterei in oft glattem, in den beliebten Touren auch extrem poliertem Gestein. Halt findet man oft an Slopern, an Seit- und Untergriffen sowie an überraschenderweise auftauchenden, manchmal sogar recht guten Löchern. Insgesamt hat's mich sehr an Jurafelsen wie z.B. die Tüfleten oder die Falkenflue erinnert. Wirklich regelmässig begangen werden an der Westwand nur einige Perlen, die anderen Routen sind dann hingegen eher unternutzte, verstaubte Stiefmütterchen. In Bezug auf die Bewertungen wird einem auch nichts geschenkt, so reisten wir schliesslich mit den folgenden Routen in der Tasche ab:

Loamsider (6a+): kurze athletische Stelle über den ersten Bauch, danach einfacher
Schmalzbettler (6c+): Stark überhängend und athletisch an seifigen Löchern und polierten Tritten
Der braune Überhang (7a+): Schöne, athletische Kletterei an griffigen, teils scharfkantigen Löchern
Des is a so (7a+): Coole Kletterei an grossen Sloperlöchern mit zupfiger gewusst-wie Abschlusscrux
Streit um Isabella (7b+): Boulderstart, schmierige technische Wandstelle und Ausdauer, super Tour!
Sue Ellen (7c/7c+): Erst unglaublich technisch/kleingriffig, Crux an sehr heiklem Sloper ohne Tritte

Das bezieht sich zum Glück nur auf die Irma la Douce (und die weiteren, einfachen MSL-Routen am Plombergstein). Beim Sportklettern wäre man in diesem glatten, oft polierten Gestein ohne Chalk eher aufgeschmissen. Erst recht bei den Temperaturen, die an Auffahrt 2018 herrschten!
Die anderen Sportklettersektoren am Plombergstein hatte ich zumindest besichtigt. Da gibt's noch die Südwand (teilweise sonnig, hat mich wenig überzeugt). Dann die ostseitigen Wände am Kriegerdenkmal: leider sind die Routen hier über eine ziemlich lange Strecke verteilt, d.h. wenig zentral. Die oft schwierigen Touren sehen kaum begangen und oft auch etwas mangelhaft gesichert aus. Schön wäre u.U. noch die ebenfalls ostseitige Lochwand. Allerdings gibt's hier nur 10 Routen und das Angebot zwischen 6c und 7b ist minimal. Ebensowenig hat uns schliesslich der oberhalb gelegene, ebenfalls ostseitige Balkon (sieht auch wenig genutzt und anspruchsvoll aus) zu einem Besuch gelockt.

Kleiner Barmstein (841m)

Die beiden markanten Barmsteine liegen östlich von Hallein auf der deutsch-österreichischen Grenze. Während man auf der nachmittags schattigen Ostseite ideal Sportklettern kann, wartet der Südgrat mit einer einfachen Kraxeltour (2b, 6 SL, 170m, Beschrieb, Topo) auf. Da Zu- und Abstieg kurz sind, lässt sich diese im Vorbeigehen, zum Aufwärmen oder zum Beine vertreten während dem Sportklettern rasch mitnehmen. Es stecken zwar hier und da ein paar Bolts, für den Kinder- oder Anfängervorstieg ist die Sache (wie so häufig bei Gratklettereien) aber doch zu alpin und zu spärlich gesichert. Auf die Mitnahme von Kletterfinken kann man übrigens problemlos verzichten, die Felspassagen sind grosstrittig und zwischendurch gibt's auch mehrere Gehstrecken, wo man in Turn- oder Bergschuhen deutlich besser bedient ist. Nach dieser Ouvertüre liessen wir uns bei der Weissen Wand, d.h. dem linken Sektor in der Ostwand nieder und griffen an. Hier wartet im Vergleich zum Plombergstein  deutlich kantigerer Fels, der auch positive Leisten und gute Henkel aufweist. Doch auch hier ist das Gestein von der eher glatten Sorte und v.a. die Tritte in den beliebten Touren oft extrem poliert. Mich hat dieser Sektor am ehesten an die Wand in Lungern erinnert, die athletisch-ausdauernde, überhängende Wandkletterei ist von vergleichbarem Zuschnitt. In folgenden Touren hatten wir uns betätigt:

Ladylike (6b): Griffig-ausdauernder Henkelspass, sei es zum Aufwärmen oder als Lebensprojekt ;-)
Warm-Up (7a): Pumpiger Fun an Henkeln und Leisten mit knifflig-interessanter Abschlusscrux
Dahoam is dahoam (7a): Lange Route, unten griffig-lottrig-easy, oben knifflig-spannnend-super
Nimm mi so wia i bin (7b+): Sloper, Löcher und Leisten, anhaltend & ausdauernd, poliert, hart!

Blick auf den kleinen Barmstein und dessen Westseite. Der Südgrat (6 SL, 2b, Beschrieb, Topo) führt von rechts her auf den Gipfel. Der wirklich lässige Sportklettersektor befindet sich auf der ostseitigen Rückseite des Berges.

Aussicht vom Kleinen Barmstein nach Hallein und den Fluss Salzach.
Karlstein

Der in Deutschland gelegene Klettergarten Karlstein bei Bad Reichenhall war unser Ziel für den letzten Tag. Immerhin liegt er schon ein kleines Stück auf dem Weg nach Hause. Es handelt sich um den grössten und populärsten Klettergarten im Berchtesgadener Land. Hier waren schon in den 80er-Jahren starke Kletterer unterwegs, später trieben die Huberbuam die Skala immer weiter nach oben. So gibt's hier eine grosse Dichte von anspruchsvollen Routen im achten Franzosengrad. Doch selbst für die Kids gibt's einige wirklich lohnenswerte Dreier und Vierer. Eher dünn ist hingegen das Angebot im Bereich 6a-6c, auch sind die eher wenigen guten Touren in diesem Bereich oft extrem poliert. Es erwartet einen meist sehr technische Wandkletterei in oft geschlossenem und etwas glattem Fels. So eine Art Spot, wo man danach sagt 'wer's hier kann, der kann's überall'. Das Gebiet ist südseitig exponiert, weil jedoch in einem ziemlich dichten Laubwald gelegen eher prädestiniert für Frühling und Herbst. Für harte Begehungen sind jedoch tiefe Temperaturen und guter Grip ganz sicher matchentscheidend. Diese waren bei unserem Besuch nicht wirklich gegeben. Trotzdem konnten wir noch den einen oder anderen Punkt holen. Für mehr war einerseits die Zeit zu kurz und andererseits die Arme bereits zu leer.

Nova (7a): ein Mantle und die folgende, kleingriffige Wandsequenz fordern alles. Polierter Fels!
Pfefferminzprinz (7a): unten eine gängige 6b+, dann pumpige Risskletterei und finale Wandstelle
Berliner Kante (7a): technisches hin und her mit 'gewusst wie'-Faktor, glatt, poliert und rutschig

Dann war die Zeit für unseren Aufbruch leider schon wieder gekommen. So musste dann auch der Besuch beim Kuglbachbauern, wo ein Vesper mit Umtrunk nach dem Klettern am Karlstein integral dazugehört, leider ausfallen. Via Lofer - Wörgl - Innsbruck - Arlberg ging's schliesslich flott nach Hause, um den stauträchtigen Strassen im süddeutschen Raum auszuweichen. Alles in allem war's ein toller Aufenthalt gewesen, der leider wie immer zu kurz ausgefallen war, um noch alles zu sehen, zu probieren und zu machen, was wir noch gerne getan hätten. Gut klettern liess es sich ebenfalls, schliesslich geht's da ja um das Meistern der Herausforderung - andererseits habe ich nun auch ein gewisses Verständnis für die Frage zu Beginn des Artikels entwickelt...

1x (am ersten Abend) hat's etwas geschauert, kein grosses Problem allerdings!

Ein super Trip war's mal wieder! Nächstes Mal könnten wir noch etwas Betterluck mit den schwierigen Routen brauchen ;-)

Montag, 28. Mai 2018

Handegg - Fair Hands Line (6a)

Bei der Fair Hands Line handelt es sich um einen der grossen Felsklassiker der Schweiz, bereits anno 1978 erstbegangen durch den Plaisir-Pionier Jürg von Känel mit Martin Stettler. Auch heute noch erfreut sich die trotz moderaten Schwierigkeiten imposante und abwechslungsreiche Linie am Pfeiler der Hangholzegg einer grossen Beliebtheit. Absolut zurecht ist sie in modernen Auswahlführern wie dem Plaisir Sélection oder den Modernen Zeiten aufgeführt. Dennoch war mir die Fair Hands Line bis dato noch unbekannt. Damit es genau jetzt zu einer Begehung kam, hat verschiedene Gründe.

Grimsel Style: Kraftwerke, Granitplatten und Runouts, wo ein Runterfallen wenig empfehlenswert ist.
Erst kürzlich flammte im Internet die Diskussion auf, ob die Route noch zeitgemäss abgesichert sei. Dies rief mir wieder einmal aktiv in Erinnerung, dass hier noch eine Lücke in meinem Palmares zu finden war. Ein eher unwichtiger Faktor eigentlich... doch als dann kurz darauf eine Route gesucht war, wo sich mit Frau und Tochter ein vergnüglicher MSL-Tag verbringen liesse, da war der Gedanke an die Fair Hands Line naheliegend. Kurzer Zustieg, granitige Kletterei, für die Tochter herausfordernde, aber machbare Länge und Schwierigkeit und auch für den Vorsteiger war etwas Spannung und Nervenkitzel garantiert - ideal! Nicht zuletzt kam noch hinzu, dass wir diesen Pfeiler im Sommer 2009 schon einmal zu dritt erklettert hatten, damals via die Mummery (6b+). Dereinst in Utero, heute auf eigenen Füssen - wie sich die Zeiten doch ändern!

Hangholzegg. Aus dieser Perspektive ein 'Dome' wie er fast im Yosemite stehen könnte!
Während die Prognosen mit einigen Tage Vorlauf grandios aussahen, so waren dann vor allem die Textwetterberichte je näher das Ereignis kam, desto pessimistischer. Die Wettermodelle zeigten jedoch am Grimsel sehr eindeutig schon etwas föhnigen Einfluss und ein geeignetes Fenster, somit wollten wir es probieren. Das ging schliesslich perfekt auf und wies darüber hinaus noch den grossen Vorteil auf, dass wir im ganzen Gebiet der Handegg die einzigen Kletterer waren. In einer Route, wo an Sommer-Weekends Grossandrang oder sogar Stau herrscht, ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Ebenfalls zu Gute kam uns, dass der Grimselpass noch geschlossen war. So liess sich die Kletterei noch in Bergstille ohne Motorradgeknatter geniessen. Auch sonst waren die äusseren Bedingungen perfekt. Sehr sonnig, aber nicht heiss, schneefrei und trocken - was will man noch mehr?!? Nachdem wir den 15-minütigen Zustieg hinter uns gebracht hatten, stiegen wir um 11.00 Uhr mit den ersten Sonnenstrahlen ein.

L1, 5b: Kurz und zuerst einfach, die Stelle am zweiten Bolt ist dann jedoch für 5b ein ziemlich heftiges Boulderproblem und dazu noch etwas grössenabhängig. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber meine Tochter konnte diese Moves im Nachstieg tatsächlich sauber ziehen. Obwohl ich ihr dabei genau zugesehen hatte, kann ich mir immer noch nicht richtig vorstellen, wie sie das gemacht hat. Ganz offensichtlich war da jemand mit einer extragrossen Portion Motivation und Auftrieb angereist :-)

L2, 6a: Zügige Länge mit eher plattig-glattem Charakter. Auf dem nicht ganz trivialen Weg zum ersten Bolt besser nicht stürzen, danach zu einer vertrackten Plattenkante mit kniffliger Reiberei. Im Anschluss stecken die  Bolts dann ein wenig im Schilf (d.h. abseits der logischen, einfachsten Kletterlinie, welche sich auch ideal mobil absichern lässt). Zuletzt dann einfacher zum unbequemen Stand. Wenn er nicht belegt ist, so ist jener der Mummery 3-4m rechts oben deutlich kommoder.

Die Route beginnt plattig, ja sogar fast etwas herb. Weiter oben wird's dann fantastisch griffig. Hier das Ende von L4 (5c+).
L3, 6a: Nach meinem Empfinden die schönste Seillänge. Athletisch-steile Turnerei an Rissen, griffigen Schwarten und Verschneidungen, so macht's Freude. Noch dazu könnte man die ganze Seillänge mobil absichern (jedoch nicht nötig, da Bolts vorhanden). Ich fand's doch einen ganzen Zacken einfacher wie L2. Eher schmaler und etwas unbequemer Stand am Ende.

L4, 5c+: Die schwierigsten Moves gleich zu Beginn aus dem Stand raus. Danach geht's immer geradeaus in einfacher werdender Kletterei. Griffig und genussvoll, 'ça deroule', es geht zügig vorwärts (siehe Foto oberhalb, das sagt wohl alles!).

Aussicht vom Stand nach L4 auf die bevorstehende L5 (5b). Super Kletterei an den griffigen Rillen!
L5, 5b: Kurze, aber sehr schöne Seillänge, die an griffigen Strukturen etwas nach links aufwärts zu einem endlich wieder einmal richtig geräumigen und bequemen Standplatz führt.

L6, 5b: Es folgt ein 10-15m langer horizontaler Quergang nach rechts zu einem Klebehaken. Dort dann gerade hinauf zu ein paar Moves bei einem alten Ringhaken, die genaueres Hinschauen erfordern. Schliesslich in easy Kletterei zum Stand, den man sowohl nach 30m beim Doppelhaken wie auch nach 45m am Muniring einrichten kann.

Mrs. Easy Peasy am Ende von L6 (5b) - Platten jeglicher Art und Schwierigkeit werden im Affenzahn erklettert.
L7, 4c: Die einzige Schwierigkeit besteht in wenigen Zügen (links oder rechts möglich) gleich nach dem Muniring. Danach gemütliche Kletterei in sehr schönem Fels, sogar eine Sanduhr ist zu finden (was im Granit ja doch eher selten der Fall ist!).

L8, 5b: Über eine plattige Wandstelle zu (unnötigem, man könnte dort schon ideal legen) BH, der sich zu Beginn von einem sehr schönen, cleanen Riss befindet. Ein paar Klemmgeräte legend und Fingerklemmer platzierend geht's genussvoll auffi. Das Finish dann easy dafür Runout zum Stand.

Super schön strukturierter Fels (kommt auf dem Foto nicht so zur Geltung) am Ende von L7 (4c).
L9, 6a: Achtung, man verkoffere sich nicht direkt hinauf in die 6b+ der Mummery. Um die Kupferplatte zu klettern, hält man sich vom Stand über ein Band ein paar Meter nach rechts. An einigen Schuppen (Cams legen!) hinauf. Nun folgt eine weitere Cruxsequenz der Route, einer diagonalen Rissspur nach rechts oben folgend. Sehr schön! Stand gemeinsam mit der Mummery auf einem Latschenband.

L10, 5a: Die Fair Hands Line führt rechts direkt durch die Wand (die linke Linie ist die Mummery). Nochmals sehr schöne Kletterei in strukturiertem Fels, vermutlich eher ein bisschen schwieriger wie 5a?!? Zuletzt dann plattig und easy aber Runout zum Ausstieg.

5a = Wanderweg, so lautet wohl das Motto. Kurz vor dem Routenende, die erste Hälfte dieser Länge ist dann allerdings schon noch ein ganzes Stück schwieriger wie die letzten Meter, jedoch nochmals super strukturiert.

Ein paar Minuten nach 15 Uhr hatten wir nach rund 4:00 kurzweiligen Stunden der Kletterei den Ausstieg erreicht. Das war jetzt für mich natürlich nicht die grosse Herausforderung gewesen, aber trotzdem eine sehr genussreiche Sache. Für den Rest der Familie hatte es ebenso gut gepasst. So lagerten wir in aller Ruhe etwas die Beine hoch, genossen die Sonne und nahmen einen Vesper, bevor wir uns auf den Rückweg machten. Dieser führt horizontal querend nach rechts (im Aufstiegssinn), nicht den Verhauern nach links oben folgen. Hier und da ein bisschen kraxelnd erreicht man nach rund 10 Minuten die Geleise der Gelmerbahn. Nun sind's nur noch gegen 2000 Treppenstufen zurück zur Talstation. Die Neigung an der steilsten Stelle beträgt über 45 Grad - immer wieder eine eindrückliche Sache! Zuletzt verbleibt noch die kürzlich heiss diskutierte Frage nach einer Sanierung. Meine Meinung:

  • Die schwierigen Stellen sind alle mit grundsoliden Klebehaken gut geboltet, >5c muss man sicher nirgends mehr als 2m über einem Bohrhaken klettern. An den einfacheren Stellen gibt's hingegen tatsächlich weite Runouts mit Gefahrenpotenzial, die oft nicht (oder nicht zuverlässig) mobil zu entschärfen sind. 
  • Unter der Prämisse, dass man keine mobilen Sicherungen legt und die Abschnitte in einfacherem Gelände sicher (d.h. sturzfrei) klettern kann, stecken die Bolts am richtigen Ort. Wer's drauf hat und ein bisschen bold ist, braucht nicht mehr als ein paar Exen. Ob's die ideale Prämisse ist, ist natürlich sehr diskutabel.
  • Es stecken immer wieder Bolts an Stellen, wo man sehr gut mobil sichern könnte. Man könnte wohl 50% der Bolts entfernen und die Route würde weder gefährlicher noch psychisch wesentlich anspruchsvoller (mal von der Tatsache abgesehen, dass man dann an zuverlässigen mobilen Sicherungen statt Bolts klettert). Irgendwie schade, dass die Route nicht in diesem Stil eingerichtet ist. War sie es zur Zeit der Erstbegehung überhaupt?!? Das Topo im Schweiz Plaisir von 1992 zeigt nicht wesentlich weniger fixe Sicherungen wie heute.
  • Mir scheint es am sinnvollsten, die Route so zu belassen, wie sie sich heute präsentiert (an einigen Stellen wäre noch der alte, immer noch steckende Grümpel sauber zu entfernen). Es ist keine Plaisirroute modernen Zuschnitts, jedoch auch kein Harakiri.
  • Wenn man konsequent sein wollte, so könnte man sogar noch einen wesentlichen Teil der Bohrhaken entfernen. Nicht wenige davon stecken unmittelbar neben perfekten, sicheren Placements. Ob man diese 'eingesparten' Bolts dann an den einfacheren, nicht gut absicherbaren Stellen wieder platzieren soll?!? Wohl irgendwie auch nicht zwingend nötig.
  • Die Route voll mit kurzen Abständen durchzubolten scheint mir wenig sinnvoll. Es gibt ja in unmittelbarer Nähe genügend Routen in diesem Stil. Am Pfeiler selber kann man ansonsten die ein wenig schwierigere, mit deutlich mehr Haken ausgestattete Mummery erklettern (welche sich seit unserer Begehung anno 2009 auch schon mit einer Nachrüstung auseinander setzen musste, sie war schon damals gut gesichert).
Haken hin, Haken her, der Abstieg über die Treppe der Gelmerbahn ist jedesmal wieder eindrücklich!
Facts

Handegg - Fair Hands Line 6a (5c+ obl.) - 10 SL, 355m - von Känel/Stettler 1978 - ****;xxx
Material: 1x50m-Seil, 10-12 Express, Camalots 0.3-1

Grosser Klassiker des Schweizer Sportkletterns, der bereits 1978 erstbegangen wurde und auch heute noch sehr lohnende Kletterei bietet. Für Grimselverhältnisse wird einem ein steiles und abwechslungsreiches Menü geboten. Platten, Risse und viele griffige Schuppen bieten hohen Klettergenuss, reine Schleicherei kommt nur sehr selten vor. Die Route wird im Plaisir als "soso" abgesichert bezeichnet. Ich würde eher zu "gut" (d.h. xxx) tendieren. Die schwierigen Stellen sind definitiv gut eingebohrt, in einfacheren Passagen gibt's hingegen hin und wieder weite Abstände, wo man über 20m weit stürzen und sich arg wehtun könnte. Da muss man einfach darüberstehen und sicher klettern. Es empfiehlt sich, ein Set Camalots von 0.3-1 mitzunehmen. Diese kommen jedoch nur punktuell zum Einsatz. So stecken leider neben perfekten Placements Bohrhaken und dort wo die Abstände weit sind, lässt sich dann nur selten etwas unterbringen. Ein Abseilen/Rückzug über die Route ist von überall her problemlos möglich (2x50m-Seil erforderlich). Der originelle und rasche Fussabstieg ist aber natürlich die Methode der Wahl, um zum Ausgangspunkt zurückzukehren. Das beste Topo findet man im Plaisir Sélection, den man z.B. bei Bächli Bergsport erwerben kann.